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Re: Wie geht weinen
Verfasst: Di 3. Okt 2017, 22:22
von ExuserIn-2022-03-18
Hallo

Ich weine auch nur bei traurigen oder berührenden Filmen oder Geschichten. Vor den Hormonen konnte ich jahrelang nicht mal das. Andererseits habe ich solche Geschichten vorher auch weitestgehend gemieden, also weiß ich nicht ob ich es wirklich darauf schieben kann
Es ist auf jeden Fall immer schön und befreiend finde ich
LG, Alex
Re: Wie geht weinen
Verfasst: Di 3. Okt 2017, 23:13
von Rosmarin
Ein sehr interessantes Thema, das du da angesprochen hast, liebe Conny-Andrea, und weil du danach gefragt hast, wie es uns damit geht: Ich bin sehr nah am Wasser gebaut, sowohl beim Filmegucken wie im richtigen Leben... Bei der Trauerfeier für den Vater meiner geschiedenen Frau vor drei Jahren habe ich unvorsichtigerweise zugestimmt, eine Fürbitte im Gottesdienst zu übernehmen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass wir diese nicht von unseren Plätzen in der Kirche, sondern vor dem Sarg in einer Reihe stehend mit Blick zur Gemeinde ablesen sollten. Als ich dann dran war, habe ich nur ein paar Worte herausgebracht... gestoppt... weitergelesen... gestoppt... weitergelesen... gestoppt... bis zum bitteren Ende, dann konnte ich mich endlich umdrehen und bin so heftig in Tränen ausgebrochen, dass zwei meiner Kinder, die ebenfalls in der Reihe standen, sich mit mir umgedreht und mich getröstet haben... Es muss schrecklich gewesen sein für alle, die das mitansehen mussten, aber ich wollte da durch und nicht einfach abbrechen, direkt vor dem Sarg stehend, seitdem wäre ich in einem ähnlichen Fall vorgewarnt und würde das sicherlich nicht mehr übernehmen.. Meine Schwiegermutter, eine eher herbe Frau, die ich in den immerhin 23 Jahren meiner Ehe kein einziges Mal habe weinen sehen, sagte nach der Trauerfeier zu mir: "Ich vergieße keine einzige Träne, und du weinst für uns alle" (was so aber nicht ganz stimmte).
Re: Wie geht weinen
Verfasst: Di 3. Okt 2017, 23:38
von Rosmarin
Zitat Michi:
"Dazu noch ein traurig-schönes Erlebnis: Kurz nach der Trennung lag ich ziemlich betrübt im Bett, und schaute verloren auf die leere Seite neben mir. Da kam meine Katze ganz nah zu mir her, schaute mir tief in die Augen, und streichelte mir dann mit der Pfote sanft über die Wange. Da liefen mir die Tränen wie ein Wasserfall."
Das reicht schon zum feuchte Augen kriegen...
Re: Wie geht weinen
Verfasst: Mi 4. Okt 2017, 00:16
von heike65
schön das du Gefühle zulassen kannst
Re: Wie geht weinen
Verfasst: Mi 4. Okt 2017, 13:07
von Joe95
Rosmarin hat geschrieben: Di 3. Okt 2017, 23:13...Es muss schrecklich gewesen sein für alle, die das mitansehen mussten...
Ehrlich, ich glaub "schrecklich" ist da das falsche Wort...
Ich hab irgendwann, zu einer zeit als ich anfing mich für das Thema Trans* zu interessieren, diese Frage gelesen:
"Stell dir vor jemand gibt dir eine Pille. Du schluckst sie und morgen wachst du als ganz normaler Mann auf, du hast alles vergessen und wirst nie wieder irgendwelches Interesse an Trans* haben, Würdest du die Pille nehmen?"
Zuerst habe ich gedacht das sei doch die ideale Lösung. Durch das Vergessen fehlt einem ja nix und alles ist in bester Ordnung.
Später merkte ich das ich immer emotionaler wurde (oder das es einfach mehr heraus kam?) und ich dachte "noch besser, dann ist die peinliche Flennerei gleich mit weg!".
Irgendwann habe ich es begriffen:
Mein Trans*, mein Körper, meine Emotionen, all das macht mich aus. Die Pille zu nehmen macht aus mir keinen besseren Menschen, sondern eher eine Art Zombie.
Meine Tränen brauche ich um nicht an dem Hass und der Gefühlskälte um mich herum zugrunde zu gehen.
Re: Wie geht weinen
Verfasst: Mi 4. Okt 2017, 17:14
von Rosmarin
Joe95 hat geschrieben: Mi 4. Okt 2017, 13:07 Meine Tränen brauche ich um nicht an dem Hass und der Gefühlskälte um mich herum zugrunde zu gehen.
Das ist ein toller Schluss-Satz, liebe Joe, und die Pille würde ich auch nicht nehmen, auf gar keinen Fall, ich empfinde das "Trans" als ein großes und unerwartetes Geschenk, über das ich mich täglich freue, trotz jüngster bitterer Erlebnisse (Auflösung einer immerhin 5-jährigen Beziehung).
"Schrecklich" ist wortwörtlich genommen tatsächlich schrecklich (!) übertrieben, "quälend" wäre das passendere Wort gewesen, die Leute haben mitgelitten bei meinem "Vortrag", ein Bruder des Verstorbenen, ein früherer evangelischer Pastor, hat es mir am späteren Tag so erzählt, und ich konnte es mir gut vorstellen.
Einen schönen Tag dir noch,
Rosmarin
Re: Wie geht weinen
Verfasst: Mi 4. Okt 2017, 17:27
von Joe95
Nein, Rosmarin, ich denke auch nicht an quälend.
Mir kommt da eher so etwas wie ergreifend in den Sinn.
Re: Wie geht weinen
Verfasst: Mi 4. Okt 2017, 19:57
von Rosmarin
Das ist sehr lieb, Joe! Als die Situation da war, gab es kein Heraus aus ihr, hinterher war es auch gut und ich habe mich in keiner Weise vor den anderen geschämt - und meine Kinder sich für mich auch nicht -, aber ich hätte die Situation doch gern vermieden und den anderen mein Ringen vor ihren Augen erspart... Danke!
