
Hallo alle,
"Crossdressing light" umschreibt eigentlich ziemlich genau das, was ich nun schon seit 20 Jahren im öffentlichen Alltag mache. Ich bin ja TS, habe mir schon vor 20 Jahren die Brust aufbauen lassen, bin aber öffentlich trotzdem in der männlichen Rolle geblieben - unter anderem deshalb, weil es einen immensen Aufwand kostet und mir selbst dann nur teilweise gelingt, in der öffentlichen Wahrnehmung wirklich spontan als Frau identifiziert zu werden. Ich will nicht als Transvestit gesehen werden - nicht, weil das was Schlimmes wäre, sondern weil ein Transvestit halt auch ein MANN ist und mir deshalb diese Form einer veränderten Wahrnehmung schlicht nix nützt.
Deshalb trage ich im Alltag ein Outfit, das auf den ERSTEN Blick gar nicht erst behauptet, ich sei weiblich, das aber meine tatsächliche (an der Brust auch körperliche) Weiblichkeit mehr unterschwellig doch durchscheinen läßt. Z. B. Hemden: da trage ich vorzugsweise Damenblusen, die - bis auf die auf den Busen zugeschnittene Oberweite - wie ein Männerhemd geschnitten sind und auch in Farbe und Stoffmuster so gerade noch auch als Männerhemd durchgehen könnten. Das darf und soll für einen Mann gerne schon grenzwertig sein

Meine implantierten Brüste fallen trotz immerhin 480 ml pro Seite im Alltag erstaunlicherweise niemandem auf, solange ich nicht wirklich hautenge Shirts trage. Um sie unter meiner Alltagskleidung wenigstens knapp unter die Wahrnehmungsschwelle (und im Einzelfall dann schon darüber...) zu heben, füttere ich sie mit kleinen Silis (150-300 g pro Seite), die sie vor allem etwas spitzer machen und die Brustwarzen etwas weiter nach innen rücken lassen. An die BHs mache ich mir in der Mitte zwischen den Brüsten Druckknöpfe, deren Gegenstück innen an der Knopfleiste der Bluse ist. So kann ich meine Brüste je nach Situation mit einem Handgriff etwas mutiger herausstellen, indem ich die Bluse in der Mitte am BH fixiere - die Brüste werden dadurch geteilt und stehen deutlicher vor. Ein Übriges tut dann die Art, wie ich die Silis im BH befestige: nämlich so, dass die Brüste beim Gehen schwingen und nachzittern, dass sie also durch ihre "natürlichen" Bewegungen erst wirklich auffallen und die Blicke auf sich ziehen. Wie ich das bewerkstellige, habe ich gerade erst gestern unter dem Thread "Den richtigen BH bei Brustprothesen kaufen" beschrieben. Um den Signaleffekt dieser Bewegungen noch zu verstärken, trage ich am liebsten Blusen aus sehr leichtem (aber trotzdem blickdichtem) Stoff, der sich über dem Busen im Takt der Schwingungen sichtbar fältelt, und mit einem großkarierten oder sonstwie geometrischen Muster, das die Schwingungen der Brüste dann auch unterhalb über die ganze Front mitmacht und signalisiert. Wenn ich das Hemd in der Hose trage, ziehe ich es am Gürtel so weit heraus, dass der Stoff frei hängt und die Bewegungen ungehindert mitmachen kann.
Der Sinn und Zweck des Ganzen: auf den ersten Blick identifizieren mich die Leute zwar weiterhin als Mann (das ist nun mal leider so - ich hätte das natürlich lieber anders, kann es aber mit vertretbarem Aufwand eh nicht ändern); aber auf den zweiten Blick nehmen sie mich immerhin als einen Mann wahr, der tatsächlich weibliche Brüste HAT (was ja auch tatsächlich der Fall ist) - und eben nicht als einen Mann, der bloß einen ausgestopften BH trät. Es hebt das Weibliche an mir von der Ebene eines bloßen, vortäuschenden (und deshalb manchmal auch als "pervers" verurteilten) VERHALTENS auf die Ebene authentischen SEINS. Und da der ansonsten "grenzwertige" Kleidungsstil gerade noch dezent genug ist, um auf den ersten Blick nicht tuntig zu wirken, kommt er auf dieser Grundlage dann auch nicht als Teil einer Mimikry rüber, sondern als Bestätigung dafür, dass diese teilweise, körperliche Weiblichkeit für mich ganz in Ordnung und ein authentischer Teil meiner Person ist.
In den 20 Jahren, die ich mich jetzt immerhin schon im Alltag so kleide, habe ich noch NIE irgendeine eine negative Reaktion darauf erlebt! Männer pflegen es in der Regel unkommentiert zu "übersehen", stören sich aber offensichtlich auch nicht daran. Bei Frauen kommt es unterm Strich sogar deutlich positiv an, ich kriege von ihnen öfters mal Komplimente dafür. Manchmal auch ein Fragezeichen - dann ergibt sich die Gelegenheit zu einem sehr vertraulichen Gespräch, das gelegentlich auch schon eine neue Freundschaft begründete.
Auch meine erotischen Chancen bei Frauen haben übrigens unter meinem "neuen" Erscheinungsbild keineswegs gelitten - ganz im Gegenteil! Während ich in jüngeren Jahren meine Partnerinnen immer mühsam und verkrampft über Zeitungsannoncen suchen mußte (Tinder gabs ja damals noch nicht), sind mir seit dem Zeitpunkt, als ich mir die Brust aufbauen ließ, meine Partnerinnen einfach so "über den Weg gelaufen": und zwar Frauen von einem Typ, den ich immer schon bevorzugt hatte, bei denen ich aber bis dahin so gut wie keine Chancen hatte. Ich will nun nicht behaupten, mein Busen sei für die ein Anziehungspunkt. Aber immerhin schützen mich meine Brüste vor den falschen Beziehungen - denn eine Frau, die damit nicht zurecht kommt, sucht i.d.R. auch anderweitig einen "echten Kerl", der ich nun mal auch psychisch so gar nicht bin... Daß ich bei den von mir bevorzugten Frauen seitdem tatsächlich weitaus bessere Chancen hatte, liegt wohl hauptsächlich daran, dass ich insgesamt authentischer rüberkomme als zu Zeiten, in denen ich noch glaubte, den Mann markieren zu müssen. Die meisten Frauen haben für sowas eine feine Antenne.
Herzlichen Gruß
Wally