Hach je... Mit so Fragen nach Ursache und Herkunft unterschiedlicher Vorlieben schlage ich mich nun schon Jahrzehnte herum. Mein Enby Coming Out ist ja nicht das erste, sondern das dritte oder vierte oder so. Und jedes Mal finde ich in den entsprechenden Communities diese Ursachenforschung. Meist gibt es auch Fremdwörter und Erklärungsmodelle unschiedlich guter, aber meist übertriebener Pathologisiererei.
Mir erscheint die Warum-Frage inzwischen so sinnlos und unergiebig, weil sie nicht ändert, was wir sind. Wir wissen inzwischen, dass weder geschlechtliche Identität, noch sexuelles Begehren wegtherapiert werden kann. Insofern löst auch eine scheinbare (weil nie beweisbare) Klärung der Ursache nichts. Sie löst insbesondere auch nicht die häufigsten Konflikte, wie die Ablehnung durch die Mitmenschen oder die eigene Reibung an den anerzogenen Konventionen.
Viel wichtiger finde ich, ob unser jeweiliger Umgang damit ethisch vertretbar ist. Nicht nur gegenüber anderen, sondern auch gegenüber uns selber. Die Frage lautet für mich ganz einfach: Wem schadet es - und wie viel Individualität müssen meine Mitmenschen einfach aushalten, weil ich auch ihre aushalte. Bonus: Wie viel Respekt und Toleranz kann ich auch einfordern, weil vor fast 3 Generationen sehr humanistisch Menschenwürde und freie Entfaltung in die Grundrechte getextet wurden, und ich zu sein mein verdammtes Recht ist.
Pathologisieren, mit Fremdwörtern und psychologischen Modellen versehen werden muss eigentlich eine ganz andere Frage: Wenn ich an meinem Begehren leide, warum ist das so? Woher kommt der Konflikt und wie kann ich den lösen? Ich bin sehr dafür, nicht das konkrete Begehren zu thematisieren, sondern warum es eigentlich ein Problem sein soll.
Kleiner Exkurs: So um 1994 herum gab es eine kleine Revolution. Im DSM IV, dem Katalog psychischer Erkrankungen der US Psychiater*innen, der auch weltweit viel verwendet wird, wurde u.a. BDSM nicht mehr per se als psychische Störung klassifiziert. Bei anderen Paraphilien war es glaube ich ähnlich, aber ich kenne aus persönlichen Gründen eben den SM-Part besonders gut. Neben dem A-Kriterium, dem Beschreiben des Begehrens, gibt es seitdem das geänderte B-Kriterium, dass nämlich das Begehren zu haben bzw. auszuleben dem betroffenen Menschen Stress, Leid verursacht und/oder seine soziale Integration beeinträchtigt. Bedenklich und behandlungsbedürftig ist das B-Kriterium. Zum Vergleich: Das Problem an Alkohol ist nicht, mal Alkohol zu trinken, sondern sich und den Konsum nicht im Griff zu haben.
Im DSM V von 2013 wurde das ganze für viele Paraphilien noch mal präzisiert: "The DSM-5 was released in May 2013, its contents marking a victory for the NCSF, Bannon, and Baldwin. The final language states: "A paraphilia is a necessary but not a sufficient condition for having a paraphilic disorder, and a paraphilia by itself does not necessarily justify or require clinical intervention." (
[1], s.a.
[2] und
[3]).
Also: Problematisiert nicht eure Wünsche, euer Begehren, sondern warum ihr damit ein Problem habt. Meist wird die Ursache ausserhalb von euch selbst liegen.