Re: "Frauenhirne. Unsinn in der Wissenschaft"
Verfasst: Di 8. Nov 2016, 10:02
Philosophiert wird gerne, wenn man den Boden der nachweisbaren Wissenschaft verlässt ... Das ist etwas provokativ gemeint, aber aus meiner Sicht hat die Philosophie einen starken Wert, wenn es darum geht, mit Dingen jenseits der Fakten umzugehen. Die Frage ist für mich bei jeder philosophischen These, inwieweit sie ideologisch geprägt ist. Auch das ständige Zitieren von S. de Beauvoir geht für mich in die Richtung. Sie hat sicherlich mit vielem Recht, vor allem, wenn man berücksichtigt, dass sie in einer Zeit gelebt hat, in dem die Werte und Ideologien noch ganz anders aussahen.
Ich würde gerne versuchen, wieder etwas Grund in die Diskussion bringen.
Für mich stellt sich die Ausgangsfrage: Was bedeutet männlich/weiblich, um mich in eine der Gruppen einzuordnen ?
Bereits an dieser Frage stoße ich auch fundamentale Probleme. Ist "Geschlecht" eine Definition oder eine Tatsache ? Gibt es "nur" zwei Kategorien ? Muss ich mich in eine Gruppe einordnen ?
Die erste Frage ist für mich derzeit die interessanteste. Versuche "Geschlecht" in physischen oder neurologischen Aspekten zu verorten, geht von der These aus, dass Geschlecht eine Tatsache ist, die unumstößlich festschreibt, was wir sind. Für Trans* hätte das den Vorteil "unschuldig" zu sein. Andere Menschen sehen darin bestätigt, dass es diese Bipolarität gibt und begründen Unterschiede, von denen die Toiletteneinteilung nur die Spitze des Eisberges ist.
Viele versuchen aber auch Geschlecht als etwas zu definieren, von dem sie sich versprechen, dass ihre Lebenserfahrung bestätigt. Dummerweise versteht jeder etwas anderes darunter. Das hat aber den charmanten Vorteil, dass es das tägliche Leben vereinfachen kann, in dem es mir ein Modell gibt, das mich selber (scheinbar ?) erklärt. Man muss ja nicht alles auf Fakten aufbauen, um gut leben zu können.
Diese unterschiedlichen Sichtweisen machen die Kommunikation logischerweise sehr schwierig, wenn man nicht bereit ist, die andere Sichtweise zu akzeptieren. Auf der anderen Seite wird man auch nur begrenzt zu weiter führenden Fakten kommen.
Ich möchte noch etwas beim Gehirn bleiben, obwohl ich den Menschen nicht alleine darauf reduzieren möchte. Warum wäre sonst das eigene körperliche Empfinden bei TS, die eine GaOp anstreben so wichtig, dass sie sich den ganzen Mühen und Plagen unterwerfen und eine Veränderung als positiv wahrnehmen ?
Das Gehirn ist sicherlich eines der interessantesten und rätselhaftesten Organe, dass wir haben. Es ist ungeheuer flexibel. Es kann selbstständig Defizite (teilweise) ausgleichen und sich an die Anforderungen des Alltags anpassen. Das Beispiel der Taxifahrer in London ist aussagekräftig. Aber legen diese Befunde nicht nahe, dass unser Geschlechtsempfinden viel damit zu tun haben könnte, dass wir uns weiblich sehen wollen ? Vielleicht lehnen wir ja auch unsere Männlichkeit ab, wie sie definiert wird ? Das soll kein Erklärungsversuch sein, aber gerade die extreme Flexibilität macht mich zutiefst misstrauisch, dass das Geschlecht in seiner Form, wie wir sie heute spüren, festgelegt ist. Wenn aus einer Stammzelle jedes beliebige Organ entstehen kann, warum sollte vergleichbares nicht auch für das Gehirn gelten ? Könnte es nicht sein, dass das Gehirn völlig geschlechtslos und beliebig formbar ist, wenn es gebildet wird ? Wenn dann irgendwo ein Schalter umgelegt wird, dass der Mensch in der Reproduktionsphase der Spender oder der Empfänger ist, kommt die Lawine ins Rollen. Bis ein Mensch dann auf die Welt kommt, sind extrem viele Stationen zu durchlaufen, die eine Entscheidung fordern. Das formt das Gehirn. Dazu kommen die Einflüsse von außen, erst im Mutterleib (z.B. was isst die Mutter, was trinkt sie, was erlebt sie etc.), später nach der Geburt in der Sozialisation.
Ich gehe davon aus, dass die vorgeburtliche Entwicklung bei jedem Menschen nicht eindeutig in die eine oder andere Richtung geht. Es wird also nicht der reine "Spender" oder "Empfänger" entstehen. I.d.R. geht es tendenziell in eine Richtung. So kommte der Mensch auf die Welt und das Gehirn wird auf Grund der kulturellen Umstände in eine Richtung gedrängt. Die Flexibilität des Gehirns macht genau diese Entwicklung mit. Jungs werden gute Jäger, weil sie dafür erzogen werden und als "Lehrlinge" mit auf die Jagd gehen. Das bedeutet, dass Jungs nicht per se gute Jäger sind. Sie werden aber in der Folge als gute Männer wahr genommen, wenn sie gute Jäger sind. Bei ihnen lief alles "richtig". Dieses "richtig" ist aber eine gesellschaftliche Wertung, die mit der Definition "Mann" zusammen hängt. Dieser Mann wird auch alles dafür tun, dass diese Wertung aufrecht gehalten wird und die bestehende gesellschaftliche Ordnung beibehalten wird. Es ist ein selbst erhaltender Kreislauf.
Und was hilft uns das bei der Frage, ob "Geschlecht" philosophischen oder faktischen Erwägungen zugrunde liegen ?
Ich denke, gar nichts. Aber es könnte hilfreich sein, den Fokus auf einen anderen Umstand zu lenken. Es ist nämlich egal, ob wir männlich oder weiblich sind. Es ist wichtig, ob wir nützlich für unsere Gesellschaft bis hin zur Menschheit sind. Wir sind so etwas wie Querköpfe, die bestehende Regeln in Frage stellen und damit neue Entwicklungen provozieren. "Konkurrenz belebt das Geschäft" kann man als sinnvoll erachten, solange es darum geht, einen Ansporn zu schaffen. Aber das über geordnete Prinzip ist für mich die Kooperation. Sie erlaubt die Nutzung von Potentialen, die in Netzwerken stecken. Für mich ist das ein ungleich höherer Nutzen.
So wichtig die eigene Auseinandersetzung mit Trans* für uns selber ist, es ist viel wichtiger zu erkennen, dass wir einen Beitrag leisten können, Potentiale zu entwickeln, die uns Menschen stecken. Ich glaube gerade wir können hier einiges leisten, wenn es darum geht, die Gesellschaft aus verkrusteten Strukturen zu lösen. Eine Maxime für das Auftreten könnte mithin sein, mehr Aufmerksamkeit dafür zu erzeugen, dass wir nicht ein störendes Anhängsel der Menschheit sind, die nur mit sich selber beschäftigen, sondern die Blicke darauf zu lenken, dass in unserer Gesellschaft Potentiale ungenutzt sind.
Die Trennung in Frauenhirne und mithin Männerhirne und die "Sonderformen" "Transhirne" und was es sonst gibt, ist der "Unsinn". Sind behinderte Menschen, wie z.B. Stephen Hawking, eine "Last" oder "hilfreich" ? Wir sollten den Blick auf unsere Fähigkeiten lenken, statt nur mit uns selber zu beschäftigen.
Oder ?
Grüße
Vicky
Dem würde ich z.B. heute nicht mehr uneingeschränkt folgen. Und wenn die Randbedingungen sich verändern, verändern sich auch damit die verbundenen Thesen.Dies bedeutet in der existentialistischen Terminologie Beauvoirs, dass sich der Mann als das Absolute, das Essentielle, das Subjekt setzt, während der Frau die Rolle der Anderen, des Objekts zugewiesen wird.
Ich würde gerne versuchen, wieder etwas Grund in die Diskussion bringen.
Für mich stellt sich die Ausgangsfrage: Was bedeutet männlich/weiblich, um mich in eine der Gruppen einzuordnen ?
Bereits an dieser Frage stoße ich auch fundamentale Probleme. Ist "Geschlecht" eine Definition oder eine Tatsache ? Gibt es "nur" zwei Kategorien ? Muss ich mich in eine Gruppe einordnen ?
Die erste Frage ist für mich derzeit die interessanteste. Versuche "Geschlecht" in physischen oder neurologischen Aspekten zu verorten, geht von der These aus, dass Geschlecht eine Tatsache ist, die unumstößlich festschreibt, was wir sind. Für Trans* hätte das den Vorteil "unschuldig" zu sein. Andere Menschen sehen darin bestätigt, dass es diese Bipolarität gibt und begründen Unterschiede, von denen die Toiletteneinteilung nur die Spitze des Eisberges ist.
Viele versuchen aber auch Geschlecht als etwas zu definieren, von dem sie sich versprechen, dass ihre Lebenserfahrung bestätigt. Dummerweise versteht jeder etwas anderes darunter. Das hat aber den charmanten Vorteil, dass es das tägliche Leben vereinfachen kann, in dem es mir ein Modell gibt, das mich selber (scheinbar ?) erklärt. Man muss ja nicht alles auf Fakten aufbauen, um gut leben zu können.
Diese unterschiedlichen Sichtweisen machen die Kommunikation logischerweise sehr schwierig, wenn man nicht bereit ist, die andere Sichtweise zu akzeptieren. Auf der anderen Seite wird man auch nur begrenzt zu weiter führenden Fakten kommen.
Ich möchte noch etwas beim Gehirn bleiben, obwohl ich den Menschen nicht alleine darauf reduzieren möchte. Warum wäre sonst das eigene körperliche Empfinden bei TS, die eine GaOp anstreben so wichtig, dass sie sich den ganzen Mühen und Plagen unterwerfen und eine Veränderung als positiv wahrnehmen ?
Das Gehirn ist sicherlich eines der interessantesten und rätselhaftesten Organe, dass wir haben. Es ist ungeheuer flexibel. Es kann selbstständig Defizite (teilweise) ausgleichen und sich an die Anforderungen des Alltags anpassen. Das Beispiel der Taxifahrer in London ist aussagekräftig. Aber legen diese Befunde nicht nahe, dass unser Geschlechtsempfinden viel damit zu tun haben könnte, dass wir uns weiblich sehen wollen ? Vielleicht lehnen wir ja auch unsere Männlichkeit ab, wie sie definiert wird ? Das soll kein Erklärungsversuch sein, aber gerade die extreme Flexibilität macht mich zutiefst misstrauisch, dass das Geschlecht in seiner Form, wie wir sie heute spüren, festgelegt ist. Wenn aus einer Stammzelle jedes beliebige Organ entstehen kann, warum sollte vergleichbares nicht auch für das Gehirn gelten ? Könnte es nicht sein, dass das Gehirn völlig geschlechtslos und beliebig formbar ist, wenn es gebildet wird ? Wenn dann irgendwo ein Schalter umgelegt wird, dass der Mensch in der Reproduktionsphase der Spender oder der Empfänger ist, kommt die Lawine ins Rollen. Bis ein Mensch dann auf die Welt kommt, sind extrem viele Stationen zu durchlaufen, die eine Entscheidung fordern. Das formt das Gehirn. Dazu kommen die Einflüsse von außen, erst im Mutterleib (z.B. was isst die Mutter, was trinkt sie, was erlebt sie etc.), später nach der Geburt in der Sozialisation.
Ich gehe davon aus, dass die vorgeburtliche Entwicklung bei jedem Menschen nicht eindeutig in die eine oder andere Richtung geht. Es wird also nicht der reine "Spender" oder "Empfänger" entstehen. I.d.R. geht es tendenziell in eine Richtung. So kommte der Mensch auf die Welt und das Gehirn wird auf Grund der kulturellen Umstände in eine Richtung gedrängt. Die Flexibilität des Gehirns macht genau diese Entwicklung mit. Jungs werden gute Jäger, weil sie dafür erzogen werden und als "Lehrlinge" mit auf die Jagd gehen. Das bedeutet, dass Jungs nicht per se gute Jäger sind. Sie werden aber in der Folge als gute Männer wahr genommen, wenn sie gute Jäger sind. Bei ihnen lief alles "richtig". Dieses "richtig" ist aber eine gesellschaftliche Wertung, die mit der Definition "Mann" zusammen hängt. Dieser Mann wird auch alles dafür tun, dass diese Wertung aufrecht gehalten wird und die bestehende gesellschaftliche Ordnung beibehalten wird. Es ist ein selbst erhaltender Kreislauf.
Und was hilft uns das bei der Frage, ob "Geschlecht" philosophischen oder faktischen Erwägungen zugrunde liegen ?
Ich denke, gar nichts. Aber es könnte hilfreich sein, den Fokus auf einen anderen Umstand zu lenken. Es ist nämlich egal, ob wir männlich oder weiblich sind. Es ist wichtig, ob wir nützlich für unsere Gesellschaft bis hin zur Menschheit sind. Wir sind so etwas wie Querköpfe, die bestehende Regeln in Frage stellen und damit neue Entwicklungen provozieren. "Konkurrenz belebt das Geschäft" kann man als sinnvoll erachten, solange es darum geht, einen Ansporn zu schaffen. Aber das über geordnete Prinzip ist für mich die Kooperation. Sie erlaubt die Nutzung von Potentialen, die in Netzwerken stecken. Für mich ist das ein ungleich höherer Nutzen.
So wichtig die eigene Auseinandersetzung mit Trans* für uns selber ist, es ist viel wichtiger zu erkennen, dass wir einen Beitrag leisten können, Potentiale zu entwickeln, die uns Menschen stecken. Ich glaube gerade wir können hier einiges leisten, wenn es darum geht, die Gesellschaft aus verkrusteten Strukturen zu lösen. Eine Maxime für das Auftreten könnte mithin sein, mehr Aufmerksamkeit dafür zu erzeugen, dass wir nicht ein störendes Anhängsel der Menschheit sind, die nur mit sich selber beschäftigen, sondern die Blicke darauf zu lenken, dass in unserer Gesellschaft Potentiale ungenutzt sind.
Die Trennung in Frauenhirne und mithin Männerhirne und die "Sonderformen" "Transhirne" und was es sonst gibt, ist der "Unsinn". Sind behinderte Menschen, wie z.B. Stephen Hawking, eine "Last" oder "hilfreich" ? Wir sollten den Blick auf unsere Fähigkeiten lenken, statt nur mit uns selber zu beschäftigen.
Oder ?
Grüße
Vicky