Re: Andrea — meine Erlebnisse
Verfasst: Do 26. Mär 2015, 14:06
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20.3.2015
Ich glaube, jetzt muss ich erst einmal erklären, warum ich ausgerechnet nach Zürich gereist bin: Von dort startete ein Beobachtungsflug zu der totalen Sonnenfinsternis über dem Nordatlantik. Es war ein Kindheitstraum von mir, so ein Naturschauspiel einmal mit eigenen Augen zu erleben. Prinzipiell besteht ja fast jedes Jahr eine Möglichkeit dazu, doch dazu muss man bzw. frau weit reisen in zum Teil entlegene "Ecken" der Welt. Am stimmungsvollsten sollen wohl Beobachtungen von der Erde aus sein, aber da besteht immer das Risiko, bei bedecktem Himmel "nichts" zu sehen. Vom Flugzeug aus, welches über den Wolken fliegt, besteht das Bewölkungsrisiko nicht und das Ereignis kann durch Mitfliegen im Mondschatten ein wenig verlängert werden.
Soweit die Theorie! Ich hatte diesen Flug unter anderem auch gebucht, weil die Gelegenheit, das durch einen Rundflug von Europa aus zu erleben, so schnell nicht wiederkommen wird. Natürlich buchte ich den Flug, genauso wie die Hotelübernachtung in Flughafennähe unter meinem weiblichen Namen.
Spätestens 5.30 Uhr mussten die Reiseteilnehmer am Check-In sein. Da hatte ich die Wahl vom Hotel aus zu laufen, ein Taxi zu bestellen oder den (kostenlosen) Hotelbus zu nehmen, von dem der erste 20 Minuten vorher abfahren sollte. Das erschien mir zwar etwas knapp, aber da mir versichert wurde, dass der Bus absolut pünktlich sei und ich den Weg zum Check-In-Schalter am Vortag schon ausgekundschaftet hatte, verließ ich mich darauf.
Für meinen ersten Flug als Andrea hatte ich folgendes Outfit gewählt: Blauer kurzer Rock, blau-grün-weiß gemusterte Bluse, blau gemusterte Strumpfhose, schwarze Pumps und darüber meinen schwarz-grau gemusterten Kurzmantel.
So zeitig hatte ich mich noch nie geschminkt, aber ich war rechtzeitig fertig und der Zubringerbus fuhr auch pünktlich. Trotzdem war ich die Letzte an Schalter. Dem Reiseleiter fiel offenbar ein Stein vom Herzen, als ich zügigen Schrittes auf den Schalter zukam. Er war sich wohl sicher, dass ich die noch fehlende Dame sein musste und sprach mich daraufhin gleich an.
Jetzt ein scheinbar kritischer Moment, die Passkontrolle: Dazu hatte ich ja im Vorfeld unterschiedliche Auffassungen gehört, was an dieser Stelle für unsereins möglich ist. Ich hatte wie gesagt unter meinem weiblichen Namen gebucht, aber nur den "männlichen" Ausweis dabei und eben meinen dgti-Ergänzungsausweis. Ich reichte beides der Frau am Schalter so, dass der dgti-Ausweis obenauf lag. Letzteren schaute sie sich einen Moment an, dann nur noch ein äußerst kurzer Blick, was sich darunter befand und das war"™s dann schon. Ein Vergleich der Daten war in dieser kurzen Zeit sicher nicht möglich.
Nach Überwindung dieser "Hürde" konnte es zum Flugzeug gehen. Der Reiseleiter schickte mich schon mal vor. Zum Glück war der Weg zum Gate (Abflugstand) besser ausgeschildert als zu den Hotelbussen. So stieß ich auf die etwa 60-köpfige Reisegruppe, die sich das Erlebnis Sonnenfinsternis nicht entgehen lassen wollten. Draußen stand bereits der Airbus A320 von Airberlin, der uns in die Finsterniszone bringen sollte.
Die Männer waren in dieser Gruppe deutlich in der Überzahl (ca. 75%). Wie ich mitbekam hatten die meisten davon schon reichlich "Finsterniserfahrung". Zehn und mehr erlebte totale Sonnenfinsternisse waren keine Seltenheit. Da kam ich mir als "Neue" fast etwas minderwertig vor.
Bekleidung spielte hier zwar keine Rolle, trotzdem ist mir aufgefallen, dass außer mir noch eine andere Frau einen Rock trug. Zusammen mit den zwei Stewardessen waren wir so zu viert, die der klassischen Damenbekleidung den Vorzug gaben.
Nach einer mir fast endlos vorkommenden Wartezeit am Gate durften wir endlich einsteigen. Ich hatte einen Fensterplatz im hinteren Flugzeugteil. Eine kurze Ansprache des Flugkapitäns, dann ging es endlich los. Etwa drei Stunden Flugzeit bis zur Finsterniszone lagen vor uns. Schnell verschwand die Landschaft unter uns im Dunst und fast während des gesamten Fluges befanden wir uns über einer geschlossenen Wolkendecke.
Zuerst gab es an Bord noch ein kleines Frühstück, danach erklärte der Reiseleiter einiges zum Ablauf des Fluges. Von insgesamt sechs waren nur zwei Sitzreihen auf der rechten Seite, wo die Finsternis erwartet wurde, vergeben. Um allen gleiche Beobachtungschancen zu bieten, war vorgesehen, nach der Hälfte der Finsternis die Plätze zu tauschen. Damit das dann (bei Dunkelheit) zügig vonstattengeht, wurde der Sitzplatzwechsel vorher drei Mal geprobt. Keiner wollte ja wertvolle Beobachtungszeit verschenken.
Ich saß neben einem etwa 70-jährigen Herrn aus Wiesbaden, der schon gar nicht mehr genau wusste, wie viele Sonnenfinsternisse er schon sah. In den Reihen davor und dahinter jeweils auch zwei Männer. Einer davon wurde hellhörig, als ich meinem Sitznachbarn sagte, wo ich herkomme. Wie sich herausstellte, stammte der vor mir sitzende Herr ursprünglich aus meiner Heimatstadt, wohnt jetzt aber in Karlsruhe.
Über Nordfrankreich und die britische Insel erreichten wir schließlich die Stelle über dem Nordatlantik, wo wenige Minuten später der Mondschatten vorbeiziehen sollte. Die Maschine drehte noch eine Schleife, bevor sie auf den Kurs des Mondschattens einschwenkte. Es wurde merklich dunkler und eine knisternde Stimmung machte sich breit. Die Augen mit Spezialbrillen geschützt, beobachteten alle die immer schmaler werdende Sichel der noch hinter dem Mond vorbeischeinenden Sonne. Auf der Wolkendecke war bereits der von hinten herannahende Mondschatten zu sehen.
Dann war es soweit: Der Mond verdeckte die letzten Sonnenstrahlen und wir konnten die Schutzbrillen abnehmen. Die jetzt sichtbare Korona der Sonne bildete einen grandiosen Anblick. Der Mondschatten bedeckte jetzt die gesamte Wolkendecke unter uns. Fast völlige Dunkelheit umgab uns. Außer der Korona und einiger heller Sterne war nur ein schwach leuchtendes rötliches Band am Horizont (ähnlich Morgen- oder Abendrot) zu sehen.
Ich versuchte, einige Fotos zu machen, merke aber schnell, dass meine Mini-Digitalkamera hier völlig überfordert war. Dann gab der Reiseleiter das Kommando zum Sitzplatzwechsel. Dank vorheriger Proben klappte der trotz Dunkelheit ganz gut. Ich versuchte danach auf der anderen Seite, den nach vorn wieder abziehenden Mondschatten zu fotografieren.
Wie gesagt, mangels geeigneter Technik sind meine Bilder von nur mäßiger Qualität. Bessere Aufnahmen sind in den unten verlinkten Fernseh- und Presseberichten zu sehen.
Viel zu schnell war das ganze Spektakel vorbei und es wurde allmählich wieder hell. Ich glaube aber, alle waren begeistert von dem, was sie sahen, auch wenn es für einige bereits zum -zigsten Mal war.
Kurze Zeit später schwenkte die Maschine in eine südöstliche Richtung und es ging über die Nordsee und Deutschland zurück nach Zürich. Auf dem Rückflug wurde den Fluggästen ein warmes Mittagessen gereicht. Das hat gar nicht mal schlecht geschmeckt, aber die Einnahme war unter den beengten Verhältnissen an Bord etwas gewöhnungsbedürftig.
Unter den Fluggästen war auch ein Fernsehteam vom ZDF, welches von der Reise zur "schwarzen Sonne" folgenden Filmbeitrag zusammenstellte, in dem ich am Anfang für etwa zwei Sekunden zu sehen bin: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/ ... finsternis
Auch das Schweizer Fernsehen berichtete kurz über das Ereignis: http://tp.srgssr.ch/p/portal?urn=urn%3A ... playerType
Und in einer Schweizer Lokalzeitung entdeckte ich später folgenden Artikel: http://www.nzz.ch/panorama/in-6-stunden ... 1.18506805
Nach der sicheren Landung schien in Zürich die Sonne, ohne noch vom Mond bedeckt zu sein. Völlig beeindruckt von den Erlebnissen der letzten Stunden, ließ ich mich erst einmal ins Hotel zurückfahren. Mir wurde klar, dass ich wieder einmal keinerlei Reaktionen zu meiner Person erkennen konnte. So blieb die berühmte Frage erneut unbeantwortet: Hatte außer der Frau am Check-In-Schalter, die meinen dgti-Ausweis in Augenschein nahm, jemand gemerkt, dass eine der mitreisenden Damen nicht ganz "echt" war?
Ich saß wie gesagt im Hotelzimmer und stand vor der Frage, diesem Tag einen würdigen Abschluss zu bereiten. Eigentlich konnte es nach den überaus beeindruckenden Erlebnissen vom Vormittag nichts geben, was dem ebenbürtig wäre. Oder doch?
Als leidenschaftliche Opernliebhaberin hatte ich natürlich vorher schon mal einen Blick in den Spielplan des Züricher Opernhauses geworfen und dabei eine sehr interessante Aufführung entdeckt. Wegen der prominenten Besetzung war diese allerdings trotz gepfefferter Preise seit Monaten ausverkauft. Ich erinnerte mich aber an eine ausverkaufte Veranstaltung in Berlin, bei der ich eine nicht benötigte Eintrittskarte in kürzester Zeit verkaufen konnte. Sollte das nicht auch andersherum funktionieren? Im Nachhinein hätte ich mich wahrscheinlich geärgert, es nicht versucht zu haben.
Ich schminkte mich also noch einmal neu und holte mein Theateroutfit aus dem Koffer: schwarzer Godetrock, terrakottafarbene Satinbluse, schwarze Strumpfhose und Pumps. Draußen noch meinen schwarzen Blazer darüber — so machte ich mich mit der Straßenbahn auf den Weg ins Stadtzentrum. Etwa eine Stunde vor Vorstellungsbeginn war ich im Opernhaus. Leute, die ebenfalls noch Karten suchten, konnte ich keine erkennen, nur ein abschreckendes Schild an der Kasse: "Heute keine Last Minute Tickets", was immer das sein sollte.
Ich fragte trotzdem nach und traute meinen Ohren kaum, als die Frau an der Kasse sagte, dass sie noch eine einzige Karte hätte. Der Preis hätte mich zwar glatt umgehauen, wenn ich mich nicht schon vorher danach erkundigt hätte und damit rechnen musste. Aber ich überlegte nicht lange, wenn ich schon einmal hier war, musste ich diese Gelegenheit einfach nutzen.
Ich hatte nun etwas Zeit, mich ein wenig im Opernhaus umzusehen und eine Kleinigkeit zu essen. Positiv überrascht war ich vom Kleidungsstil der anderen Besucherinnen. Alles sehr festlich gehalten, wobei Röcke und Kleider deutlich gegenüber Hosen dominierten. Besonders fiel mir auf, dass glitzernde Kleider oder Oberteile sich hier einer besonderen Beliebtheit erfreuten.
Auf dem Programm stand die Oper "Anna Bolena" von Gaetano Donizetti mit Anna Netrebko in der Titelrolle. Obwohl der Komponist mit diesem Werk 1830 seinen Durchbruch schaffte, ist es heute nur wenig bekannt. Vielleicht ändert sich aber daran in nächster Zeit etwas, da die russische Sopranistin mit dieser Rolle auch an anderen berühmten Opernhäusern große Erfolge feiern konnte.
Hörenswert ist "Anna Bolena" meines Erachtens auf jeden Fall. An der Züricher Inszenierung gefielen mir die Kostüme am besten. Exklusive und farbenfrohe Kleider bei den Damen, dagegen tristes Grau-in grau bei den Herren. Ich glaube, treffender hätte die heutige Situation nicht dargestellt werden können. Mehr zu diesem Werk könnt ihr hier nachlesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Bolena
Dem lang anhaltenden Beifall nach zu urteilen, hat das Stück auch den anderen Zuschauer(inne)n gut gefallen. Nach diesem zweiten grandiosen Erlebnis an diesem Tag machte ich mich auf den Weg zurück ins Hotel. Eine halbe Stunde Straßenbahnfahrt und fünf Minuten Fußweg, dann war auch dieser Opernabend für mich Geschichte und ich konnte bzw. musste mich nun erst einmal zur Ruhe legen, um die überaus vielfältigen Eindrücke zu verarbeiten.
Ich glaube, ohne Übertreibung sagen zu können: Da war (bisher) mein schönster, beeindruckendster, erlebnisreichster, aber auch teuerster Andrea-Tag und ich denke auch, mein längster Bericht.
20.3.2015
Ich glaube, jetzt muss ich erst einmal erklären, warum ich ausgerechnet nach Zürich gereist bin: Von dort startete ein Beobachtungsflug zu der totalen Sonnenfinsternis über dem Nordatlantik. Es war ein Kindheitstraum von mir, so ein Naturschauspiel einmal mit eigenen Augen zu erleben. Prinzipiell besteht ja fast jedes Jahr eine Möglichkeit dazu, doch dazu muss man bzw. frau weit reisen in zum Teil entlegene "Ecken" der Welt. Am stimmungsvollsten sollen wohl Beobachtungen von der Erde aus sein, aber da besteht immer das Risiko, bei bedecktem Himmel "nichts" zu sehen. Vom Flugzeug aus, welches über den Wolken fliegt, besteht das Bewölkungsrisiko nicht und das Ereignis kann durch Mitfliegen im Mondschatten ein wenig verlängert werden.
Soweit die Theorie! Ich hatte diesen Flug unter anderem auch gebucht, weil die Gelegenheit, das durch einen Rundflug von Europa aus zu erleben, so schnell nicht wiederkommen wird. Natürlich buchte ich den Flug, genauso wie die Hotelübernachtung in Flughafennähe unter meinem weiblichen Namen.
Spätestens 5.30 Uhr mussten die Reiseteilnehmer am Check-In sein. Da hatte ich die Wahl vom Hotel aus zu laufen, ein Taxi zu bestellen oder den (kostenlosen) Hotelbus zu nehmen, von dem der erste 20 Minuten vorher abfahren sollte. Das erschien mir zwar etwas knapp, aber da mir versichert wurde, dass der Bus absolut pünktlich sei und ich den Weg zum Check-In-Schalter am Vortag schon ausgekundschaftet hatte, verließ ich mich darauf.
Für meinen ersten Flug als Andrea hatte ich folgendes Outfit gewählt: Blauer kurzer Rock, blau-grün-weiß gemusterte Bluse, blau gemusterte Strumpfhose, schwarze Pumps und darüber meinen schwarz-grau gemusterten Kurzmantel.
So zeitig hatte ich mich noch nie geschminkt, aber ich war rechtzeitig fertig und der Zubringerbus fuhr auch pünktlich. Trotzdem war ich die Letzte an Schalter. Dem Reiseleiter fiel offenbar ein Stein vom Herzen, als ich zügigen Schrittes auf den Schalter zukam. Er war sich wohl sicher, dass ich die noch fehlende Dame sein musste und sprach mich daraufhin gleich an.
Jetzt ein scheinbar kritischer Moment, die Passkontrolle: Dazu hatte ich ja im Vorfeld unterschiedliche Auffassungen gehört, was an dieser Stelle für unsereins möglich ist. Ich hatte wie gesagt unter meinem weiblichen Namen gebucht, aber nur den "männlichen" Ausweis dabei und eben meinen dgti-Ergänzungsausweis. Ich reichte beides der Frau am Schalter so, dass der dgti-Ausweis obenauf lag. Letzteren schaute sie sich einen Moment an, dann nur noch ein äußerst kurzer Blick, was sich darunter befand und das war"™s dann schon. Ein Vergleich der Daten war in dieser kurzen Zeit sicher nicht möglich.
Nach Überwindung dieser "Hürde" konnte es zum Flugzeug gehen. Der Reiseleiter schickte mich schon mal vor. Zum Glück war der Weg zum Gate (Abflugstand) besser ausgeschildert als zu den Hotelbussen. So stieß ich auf die etwa 60-köpfige Reisegruppe, die sich das Erlebnis Sonnenfinsternis nicht entgehen lassen wollten. Draußen stand bereits der Airbus A320 von Airberlin, der uns in die Finsterniszone bringen sollte.
Die Männer waren in dieser Gruppe deutlich in der Überzahl (ca. 75%). Wie ich mitbekam hatten die meisten davon schon reichlich "Finsterniserfahrung". Zehn und mehr erlebte totale Sonnenfinsternisse waren keine Seltenheit. Da kam ich mir als "Neue" fast etwas minderwertig vor.
Bekleidung spielte hier zwar keine Rolle, trotzdem ist mir aufgefallen, dass außer mir noch eine andere Frau einen Rock trug. Zusammen mit den zwei Stewardessen waren wir so zu viert, die der klassischen Damenbekleidung den Vorzug gaben.
Nach einer mir fast endlos vorkommenden Wartezeit am Gate durften wir endlich einsteigen. Ich hatte einen Fensterplatz im hinteren Flugzeugteil. Eine kurze Ansprache des Flugkapitäns, dann ging es endlich los. Etwa drei Stunden Flugzeit bis zur Finsterniszone lagen vor uns. Schnell verschwand die Landschaft unter uns im Dunst und fast während des gesamten Fluges befanden wir uns über einer geschlossenen Wolkendecke.
Zuerst gab es an Bord noch ein kleines Frühstück, danach erklärte der Reiseleiter einiges zum Ablauf des Fluges. Von insgesamt sechs waren nur zwei Sitzreihen auf der rechten Seite, wo die Finsternis erwartet wurde, vergeben. Um allen gleiche Beobachtungschancen zu bieten, war vorgesehen, nach der Hälfte der Finsternis die Plätze zu tauschen. Damit das dann (bei Dunkelheit) zügig vonstattengeht, wurde der Sitzplatzwechsel vorher drei Mal geprobt. Keiner wollte ja wertvolle Beobachtungszeit verschenken.
Ich saß neben einem etwa 70-jährigen Herrn aus Wiesbaden, der schon gar nicht mehr genau wusste, wie viele Sonnenfinsternisse er schon sah. In den Reihen davor und dahinter jeweils auch zwei Männer. Einer davon wurde hellhörig, als ich meinem Sitznachbarn sagte, wo ich herkomme. Wie sich herausstellte, stammte der vor mir sitzende Herr ursprünglich aus meiner Heimatstadt, wohnt jetzt aber in Karlsruhe.
Über Nordfrankreich und die britische Insel erreichten wir schließlich die Stelle über dem Nordatlantik, wo wenige Minuten später der Mondschatten vorbeiziehen sollte. Die Maschine drehte noch eine Schleife, bevor sie auf den Kurs des Mondschattens einschwenkte. Es wurde merklich dunkler und eine knisternde Stimmung machte sich breit. Die Augen mit Spezialbrillen geschützt, beobachteten alle die immer schmaler werdende Sichel der noch hinter dem Mond vorbeischeinenden Sonne. Auf der Wolkendecke war bereits der von hinten herannahende Mondschatten zu sehen.
Dann war es soweit: Der Mond verdeckte die letzten Sonnenstrahlen und wir konnten die Schutzbrillen abnehmen. Die jetzt sichtbare Korona der Sonne bildete einen grandiosen Anblick. Der Mondschatten bedeckte jetzt die gesamte Wolkendecke unter uns. Fast völlige Dunkelheit umgab uns. Außer der Korona und einiger heller Sterne war nur ein schwach leuchtendes rötliches Band am Horizont (ähnlich Morgen- oder Abendrot) zu sehen.
Ich versuchte, einige Fotos zu machen, merke aber schnell, dass meine Mini-Digitalkamera hier völlig überfordert war. Dann gab der Reiseleiter das Kommando zum Sitzplatzwechsel. Dank vorheriger Proben klappte der trotz Dunkelheit ganz gut. Ich versuchte danach auf der anderen Seite, den nach vorn wieder abziehenden Mondschatten zu fotografieren.
Wie gesagt, mangels geeigneter Technik sind meine Bilder von nur mäßiger Qualität. Bessere Aufnahmen sind in den unten verlinkten Fernseh- und Presseberichten zu sehen.
Viel zu schnell war das ganze Spektakel vorbei und es wurde allmählich wieder hell. Ich glaube aber, alle waren begeistert von dem, was sie sahen, auch wenn es für einige bereits zum -zigsten Mal war.
Kurze Zeit später schwenkte die Maschine in eine südöstliche Richtung und es ging über die Nordsee und Deutschland zurück nach Zürich. Auf dem Rückflug wurde den Fluggästen ein warmes Mittagessen gereicht. Das hat gar nicht mal schlecht geschmeckt, aber die Einnahme war unter den beengten Verhältnissen an Bord etwas gewöhnungsbedürftig.
Unter den Fluggästen war auch ein Fernsehteam vom ZDF, welches von der Reise zur "schwarzen Sonne" folgenden Filmbeitrag zusammenstellte, in dem ich am Anfang für etwa zwei Sekunden zu sehen bin: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/ ... finsternis
Auch das Schweizer Fernsehen berichtete kurz über das Ereignis: http://tp.srgssr.ch/p/portal?urn=urn%3A ... playerType
Und in einer Schweizer Lokalzeitung entdeckte ich später folgenden Artikel: http://www.nzz.ch/panorama/in-6-stunden ... 1.18506805
Nach der sicheren Landung schien in Zürich die Sonne, ohne noch vom Mond bedeckt zu sein. Völlig beeindruckt von den Erlebnissen der letzten Stunden, ließ ich mich erst einmal ins Hotel zurückfahren. Mir wurde klar, dass ich wieder einmal keinerlei Reaktionen zu meiner Person erkennen konnte. So blieb die berühmte Frage erneut unbeantwortet: Hatte außer der Frau am Check-In-Schalter, die meinen dgti-Ausweis in Augenschein nahm, jemand gemerkt, dass eine der mitreisenden Damen nicht ganz "echt" war?
Ich saß wie gesagt im Hotelzimmer und stand vor der Frage, diesem Tag einen würdigen Abschluss zu bereiten. Eigentlich konnte es nach den überaus beeindruckenden Erlebnissen vom Vormittag nichts geben, was dem ebenbürtig wäre. Oder doch?
Als leidenschaftliche Opernliebhaberin hatte ich natürlich vorher schon mal einen Blick in den Spielplan des Züricher Opernhauses geworfen und dabei eine sehr interessante Aufführung entdeckt. Wegen der prominenten Besetzung war diese allerdings trotz gepfefferter Preise seit Monaten ausverkauft. Ich erinnerte mich aber an eine ausverkaufte Veranstaltung in Berlin, bei der ich eine nicht benötigte Eintrittskarte in kürzester Zeit verkaufen konnte. Sollte das nicht auch andersherum funktionieren? Im Nachhinein hätte ich mich wahrscheinlich geärgert, es nicht versucht zu haben.
Ich schminkte mich also noch einmal neu und holte mein Theateroutfit aus dem Koffer: schwarzer Godetrock, terrakottafarbene Satinbluse, schwarze Strumpfhose und Pumps. Draußen noch meinen schwarzen Blazer darüber — so machte ich mich mit der Straßenbahn auf den Weg ins Stadtzentrum. Etwa eine Stunde vor Vorstellungsbeginn war ich im Opernhaus. Leute, die ebenfalls noch Karten suchten, konnte ich keine erkennen, nur ein abschreckendes Schild an der Kasse: "Heute keine Last Minute Tickets", was immer das sein sollte.
Ich fragte trotzdem nach und traute meinen Ohren kaum, als die Frau an der Kasse sagte, dass sie noch eine einzige Karte hätte. Der Preis hätte mich zwar glatt umgehauen, wenn ich mich nicht schon vorher danach erkundigt hätte und damit rechnen musste. Aber ich überlegte nicht lange, wenn ich schon einmal hier war, musste ich diese Gelegenheit einfach nutzen.
Ich hatte nun etwas Zeit, mich ein wenig im Opernhaus umzusehen und eine Kleinigkeit zu essen. Positiv überrascht war ich vom Kleidungsstil der anderen Besucherinnen. Alles sehr festlich gehalten, wobei Röcke und Kleider deutlich gegenüber Hosen dominierten. Besonders fiel mir auf, dass glitzernde Kleider oder Oberteile sich hier einer besonderen Beliebtheit erfreuten.
Auf dem Programm stand die Oper "Anna Bolena" von Gaetano Donizetti mit Anna Netrebko in der Titelrolle. Obwohl der Komponist mit diesem Werk 1830 seinen Durchbruch schaffte, ist es heute nur wenig bekannt. Vielleicht ändert sich aber daran in nächster Zeit etwas, da die russische Sopranistin mit dieser Rolle auch an anderen berühmten Opernhäusern große Erfolge feiern konnte.
Hörenswert ist "Anna Bolena" meines Erachtens auf jeden Fall. An der Züricher Inszenierung gefielen mir die Kostüme am besten. Exklusive und farbenfrohe Kleider bei den Damen, dagegen tristes Grau-in grau bei den Herren. Ich glaube, treffender hätte die heutige Situation nicht dargestellt werden können. Mehr zu diesem Werk könnt ihr hier nachlesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Bolena
Dem lang anhaltenden Beifall nach zu urteilen, hat das Stück auch den anderen Zuschauer(inne)n gut gefallen. Nach diesem zweiten grandiosen Erlebnis an diesem Tag machte ich mich auf den Weg zurück ins Hotel. Eine halbe Stunde Straßenbahnfahrt und fünf Minuten Fußweg, dann war auch dieser Opernabend für mich Geschichte und ich konnte bzw. musste mich nun erst einmal zur Ruhe legen, um die überaus vielfältigen Eindrücke zu verarbeiten.
Ich glaube, ohne Übertreibung sagen zu können: Da war (bisher) mein schönster, beeindruckendster, erlebnisreichster, aber auch teuerster Andrea-Tag und ich denke auch, mein längster Bericht.