Kapitel 65: French Kiss
Dass Alice so lautstark die eigenen schlechten Französischkenntnisse beklagte, könnte man vielleicht schon als "fishing for compliments" bezeichnen. Also der Trick, vor dem Gesprächspartner irgendwas Selbstkritisches zu äußern in der Hoffnung, dass Widerspruch laut werde. Weil ihr aber niemand widersprach, so etwa in dem Sinne:
"Ach Alice, was sagst du da eigentlich, so schlecht finde ich dein Französisch gar nicht"
ging der Versuch ins Leere. Aber weil Alice bei ihrer Bemerkung so betont zu Valerie hinübergeschaut hatte, wurde jedem im Raum klar, Valerie würde jetzt den Ball aufnehmen müssen, den Alice ihr zugespielt hatte. Denn jeder der Anwesenden wusste: Valerie beherrschte das Französische perfekt. Sie war nicht nur frankophil, sie war sozusagen eine wirkliche Halbfranzösin. Papa Franzose, Mama Deutsche. Sie blickte also in die Runde.
"Nun ja, klar, das stimmt. Französisch kann ich schon. Das habe ich von meinem Papa gelernt."
"Aber nur wegen der Sprache allein käme ich doch niemals auf die Idee, als Einzelperson dorthin zu reisen, in so ein nordafrikanisches Land", setzte sie noch hinzu und kräuselte die Stirn, was ihrem Gesicht einen Moment lang etwas Ernstes gab.
Das war wirklich also ihre Meinung. Hätte jetzt jemand nachgefragt warum, woher diese Reserviertheit kam, so hätte sie allerdings erst mal nach einer vernünftigen Antwort suchen müssen. Es handelte sich dabei also mehr um ein allgemeines Gefühl, dessen genaue Ursache sie nicht spontan nennen konnte. Vielleicht nur ein Vorurteil, vielleicht hatte sie auch reale Gründe dafür.
Die Kaffeerunde debattierte noch eine Zeitlang weiter über Marokko als Reiseland, über Muslime an sich, und dann wiederum über Französisch als Sprache, und alle wurden hier schließlich wieder einig, die Sprache sei schwer und überhaupt, Englisch sei viel leichter und würde sowieso fast überall verstanden. Also warum überhaupt Französisch? Von der Stelle aus war es dann nicht mehr weit um ins Quatschen und Blödeln zu geraten. Michael (natürlich er, wer sonst?) sagte mit einem Blick zu Valerie hinüber, wenn sie so gut im Französischen sei, frage er sich schon, warum sie ihm nicht schon längst etwas davon beigebracht habe. Er sagte das mit einem zweideutigen Unterton, verzog aber nicht das Gesicht dabei. Valerie verstand die Anspielung sofort.
"Den French Kiss, meinst du das vielleicht mit deiner Andeutung, Michael?"
So fragte Valerie ganz frech und laut zurück und schaute Michael dabei genau in die Augen. Er sagte natürlich nichts darauf, sondern grinste nur leicht süffisant, ihre Replik hatte also gesessen. Wie alle am Tisch hatte sie seine doppeldeutige Bemerkung sofort kapiert und brillant retourniert. Denn dass Michael ein bewegtes Sexleben führte, war allgemein bekannt, und bestimmt war auch niemandem im Raum verborgen geblieben, dass Michael insgeheim ein wenig scharf auf Valerie war. Das war eigentlich ein offenes Geheimnis. Auch Erica wusste das.
Die Runde brach dann auch gleich in schallendes Gelächter aus, und speziell Erica konnte es sich nicht verkneifen, eine Grimasse zu ziehen und ihrem Partner kräftig in die Seite zu boxen, was dieser mit einem übertriebenen Aufheulen quittierte. Alles freute sich, und sofort war Stimmung im Raum. Das Verhältnis zwischen Erica und Michael war sowieso - das wusste jeder - ziemlich offen, um nicht zu sagen, beide waren im Grunde ziemlich libertin eingestellt, um nicht das Wort polyamor zu benutzen..
Aus dem Geschilderten wird wieder einmal klar, dass im Allgemeinen nichts mehr zur generellen Erheiterung und Entspannung einer Tischrunde beiträgt, als eine oder zwei gut gezielte sexuelle Anspielungen.
Der Hausherr öffnete dann noch eine Flasche Prosecco, was die Frauen nicht ablehnten, und bald trug der Alkohol dazu bei, die sowieso bereits sehr entspannte Stimmung noch weiter zu lockern, und besonders Michael, dem die Rolle als der "Hahn im Korb" gefiel, er allein unter drei attraktiven Frauen, hatte bald wieder seine große Hand auf Ericas nylonbestrumpftem Knie und Oberschenkel. Sie schien nichts dagegen zu haben. Valerie drängte sich bei dem Anblick plötzlich der Eindruck eines deja-vus auf:
Irgendwie, irgendwo schien sie die Situation schon einmal genauso erlebt zu haben. Und dann wusste sie auch, wo: Es war damals in der Nacht nach CARMEN gewesen, nach ihrem gemeinsamen Opernbesuch, als Michael etwas ausgeflippt und schließlich aus der Rolle gefallen war, woran aber auch Erica etwas Schuld hatte, denn sie hatte es zugelassen, wenn sie ihn nicht sogar etwas dazu animiert hatte, sich Valerie zu nähern. (wurde hier beschrieben in einem der ersten Kapitel).
In Valerie gingen dann aber alle Signale auf "rot". Nein, sie wollte so etwas wie damals nicht noch einmal erleben. Besonders auch deshalb nicht, weil heute ihre Freundin Alice mit im Raum war.
Sie verzichtete deshalb auf ein weiteres zweideutiges Geplänkel mit Michael und war dann auch ganz froh, dass Erica in der Küche verschwand und kurz darauf jedem am Tisch einen doppelten Espresso einschenkte. Espresso tut immer gut, nur muss er sehr süß, schwarz und stark sein. Die Unterhaltung fand dann auch schnell in normale Bahnen zurück. Michael erzählte von seinem Geschäft. Er betrieb in seinem Stuttgarter Büro einen Immobilienhandel und ein Teil davon, nämlich die Vermittlung von Ferienimmobilien im Ausland, schien gerade besonders gut zu laufen. Plötzlich war das Thema Fremdsprachen wieder da.
"Und deswegen komme ich auch auf deine Französischkenntnisse zurück, Valerie",
sagte er und blieb ernst dabei, Er schaute zu ihr hin, ganz cool und verzog keine Miene.
"Ferienhäuser in Frankreich, das läuft zur Zeit wie verrückt bei uns. Vermietung, Verkauf, alles... Wir könnten da dringend noch jemanden gebrauchen. Jetzt im Ernst: Könntest du dir vorstellen, uns einmal bei der Bearbeitung unseres Frankreichgeschäfts behilflich zu sein?"
Soviel für heute. Die Frage lassen wir erst mal so stehen. Valeries Antwort erfahrt ihr dann so etwa in einer Woche, am 19. oder 20. Januar.
Bis dann, eure Valerie
(die sich auch im neuen Jahr freut, wenn sie von ihren Lesern und Leserinnen ein "like" bekommt)