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20.12.2014
Der Tag begann wenig verheißungsvoll: Mein Rücken schmerzte wieder (oder immer noch) bei jeder Bewegung. Aber ich wusste aus Erfahrung: Wenn ich laufe, verschafft mir das am meisten Linderung. Längeres Stehen oder Sitzen (besonders danach wiederaufzustehen) ist dagegen sehr unangenehm. Gut, ich hatte mir vorgenommen, einige Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Das sollte unter diesen Umständen kein Problem sein, aber zunächst galt es, mich anzuziehen und zu schminken. Insbesondere das Anziehen von allem unterhalb der Gürtellinie ist eine Herausforderung, wenn frau die Hände nicht mehr bis zu den Füßen bekommt.
Fast eine Stunde länger als sonst hat es gedauert, bis ich endlich zum Frühstück gehen konnte. Ich hatte ein Outfit gewählt, bei dem ich gleich meine neuen braunen Wildlederstiefel einweihen konnte: kurzer rot-schwarz melierter Rock, terrakottafarbene Satinbluse, gemusterte schwarze Strumpfhose und draußen meinen schwarzen Anorak darüber. Ich weiß, das ist für einen Stadtbummel ein wenig zu festlich, aber ich fühle mich sehr wohl darin. Beim Frühstück dann hätten die vorgeführten Kleidungsstile unterschiedlichen nicht sein können: Ich, wie gesagt, ein wenig festlich, zwei Pärchen normale Alltagskleidung und eine Gruppe männlicher Jugendlicher in Joggingklamotten.
Mich danach vom Stuhl wieder zu erheben, war mit etwas Mühe verbunden, aber nach Überwindung dieser "Hürde" konnte es endlich losgehen. Ich hatte mir vorgenommen, an einer Führung durch das Goethehaus teilzunehmen und schaffte es gerade noch, 5 Minuten vorher da zu sein. Fast wäre die Führung ausgefallen, weil diese erst ab 3 Personen stattfindet und ich die erste Interessentin an diesem Tag war. Aber der Museumsführer fragte kurzerhand ein Pärchen, das gerade dazukam und die sagten spontan zu.
Die Führung durch das originalgetreu rekonstruierte Geburtshaus des großen Dichters brachte viel Interessantes aus dessen Leben und Werk zutage, aber ich war auch froh, als sie vorbei war, denn das längere Stehen tat meinem Rücken nicht gut. Ein wenig durch das Goethemuseum im Nachbarhaus schlendern war da viel weniger problematisch. Dort sind fast ausschließlich Gemälde aus der Goethezeit (1749 — 1832) zu sehen. Anhand dieser Bilder lässt sich unter anderem sehr gut die Mode dieser Zeit studieren.
Der Vollständigkeit wegen möchte ich noch erwähnen, dass es im gleichen Gebäude auch einen Laden gibt, der eine umfangreiche Auswahl CDs mit klassischer und anderer Musik jenseits der aktuellen Charthits bietet. Da bin auch ich fündig geworden.
Inzwischen war es Zeit zum Mittagessen. Eine Gaststätte fand sich schnell. Die war zwar auf den ersten Blick voll besetzt, aber ein Kellner führte mich zu einem der letzten freien Plätze. Das Aufstehen nach dem Essen erwies sich wieder als etwas mühevoll, aber nach wenigen Schritten war das vergessen.
Gerade wieder draußen, stand ich vor dem Rosa Weihnachtsmarkt. Der war für LGBT - Personen und deren Gäste gedacht. Das einzig besondere, was mir hier auffiel, war eine gewisse Dominanz der Farbe Rosa, sei es ein Weihnachtsbaum (siehe Bild unten), Tischdecken oder die Kleidung einiger Mitarbeiter. Leute, die auffällig anders waren, fand ich hier nicht, und ich wurde auch nicht wegen meiner Besonderheit angesprochen. Wie ich erfuhr, ist diese Veranstaltung umstritten, weil durch die Lage etwas abseits vom Rest des Weihnachtsmarktes eine gewisse Abgrenzung vorgenommen wird.
Zuletzt entstand wieder ein Erinnerungsfoto. Die Einkauftüte vom CD-Laden im Goethemuseum passt zufällig farblich perfekt dazu:
Weihnachtsmarkt(3).JPG
Schließlich bin ich auch über den "richtigen" Weihnachtsmarkt gegangen um bei dieser Gelegenheit auf eine dritte Attraktion dieser Art zu stoßen, den Künstlerweihnachtsmarkt. Dazu präsentierten sich in einer Ausstellungshalle über 50 regionale Künstler, um ihre Werk vorzustellen und zum Verkauf anzubieten. Ich habe mir aber nichts davon gekauft.
Danach ging ich erst einmal ins Hotel zurück. Das Bahnhofsviertel, in dem sich das Hotel befand, gehört nicht zu den attraktivsten Gegenden Frankfurts. Ein hoher Anteil Bewohner mit Migrationshintergrund macht es scheinbar für unsereins bedenklich. Mir wurde z.B. einmal "Na, Mädel!" hinterhergerufen und ein andermal sagte ein Mann im Vorbeigehen: "Aha, aha!" Keine Ahnung, welche bedeutende Erkenntnis er gerade erlangte.
Wer meine bisherigen Berichte kennt, wird sich vielleicht fragen: Hier fehlt doch noch etwas. Wo bleibt denn der kulturelle Höhepunkt des Tages bzw. der Reise? Nein es fehlt nichts. Auch diesmal stand wieder eine Opernaufführung auf dem Programm.
Das bedeutete, sich ein theatertaugliches Outfit auszusuchen und das Makeup noch einmal nachzubessern. Ursprünglich wollte ich mal probieren, was zu meinem neuen Kleid passen könnte. Da meine Beweglichkeit aber immer noch eingeschränkt war, hätte das zu lange gedauert und ich griff auf Bewährtes zurück: weinroter, knöchellanger Rock, dunkelblaue halbtransparente Bluse, hautfarbene Strumpfhose und schwarze Sandaletten.
Zu dem Opernbesuch hatte ich mich mit
Vivian aus unserem Forum verabredet. Ich brauchte nicht lange vor dem Hotel zu warten, da stieg sie aus der Straßenbahn und wir gingen das letzte Stück zur Oper gemeinsam zu Fuß. Diesmal war es uns nicht gelungen, im gleichen Hotel unterzukommen.
Heute stand "La sonnambula" (Die Nachtwandlerin) von Vincenzo Bellini (1801 — 1835) auf dem Programm. Eine halbe Stunde vor der Vorstellung gab es wie üblich eine kleine Einführungsveranstaltung. Die war so gut besucht, dass
Vivian und ich nicht einmal einen Sitzplatz fanden. Wer etwas mehr dazu wissen möchte, kann hier nachlesen:
http://de.wikipedia.org/wiki/La_sonnambula
Bei der Kleidung der anderen Besucher(innen) herrschten wieder einmal schwarz und andere dunkle Farben vor. Da ist
Vivian mit ihrem weißen Kleid ein klein wenig aufgefallen. Aber so einen langen Rock, wie ich ihn trug, sah ich auch höchsten bei einer Handvoll anderer Besucherinnen.
Die Inszenierung bestach durch ein überaus einfaches Bühnenbild: Zeitweise wurde eine Winterlandschaft eingeblendet und der hintere Teil der Bühne mehr oder weniger weit angehoben. Mehr war nicht nötig, die wunderschöne Musik Bellinis, für meine Begriffe die beste seiner Opern, spricht allein für sich. Eine weitere Besonderheit dieser Inszenierung: Obwohl die Handlung in eine gegenwartsnahe Zeit versetzt wurde, trugen alle weiblichen Darsteller auf der Bühne Röcke oder Kleider. Die Männer hatten diesbezüglich sowieso keine Wahl. Ob der Regisseur oder Kostümbildner damit etwas sagen wollte?
Mein größtes Problem an diesem Abend war das Aufstehen zur Pause und nach der Vorstellung. Da musste ich mich erst mal am Geländer (wir saßen 1. Reihe 2. Rang) festhalten und warten, bis die anderen Besucher vorbei waren. Erst dann konnte ich wieder einigermaßen aufrecht gehen.
In der Pause bestellten
Vivian und ich uns etwas zu trinken. Dabei rutschte dem Mann am Tresen ein "Herr" heraus. Auf Vivians Hinweis korrigierte er das aber gleich. Was wir jedoch nicht erwarten konnten: Nach der Vorstellung trafen wir den Mann noch einmal im Treppenhaus und da hat er sich bei uns noch einmal für seinen "Ausrutscher" entschuldigt.
Trotz der etwas widrigen Umstände hat mir dieser Opernabend sehr gut gefallen und nach dem Schlussapplaus zu urteilen, den meisten anderen Besucher(inne)n auch.
Vivian begleitete mich noch bis zum Hotel, wo wir uns verabschiedeten und für den nächsten Tag noch einmal verabredeten.