Liebe Shoshana,
gewagtes Outfit für einen Bummel im Kurstädtchen!
Mir gefällt es
Shoshana hat geschrieben: Fr 26. Jul 2024, 10:11
Aufgefallen ist uns allerdings, der sauertöpfische bis grantige Gesichtsausdruck sehr vieler Passanten. Keine Ahnung wieso, an uns kann es nicht gelegen haben. Allerdings haben wir deren Laune wohl auch nicht gehoben und wurden mit dem einen oder anderen bösen Blick bedacht.
Hmm, ich könnte mir durchaus vorstellen, dass dein Auftritt bei manchen Zeitgenossen eher Ablehnung hervorruft, die ggf. nonverbal kommuniziert wird. Zumindest sind das meine Erfahrungen in einer süddeutschen Großstadt mit ähnlichen Outfits. In jedem Fall erzeugt man eine Reaktion bei Passanten, das ist unvermeidbar.
Ich habe mir schon öfter Gedanken dazu gemacht, woran es liegen könnte, dass man in solchen Outfits keine offenen Türen einrennt. Es könnte daran liegen dass man sich am äußeren Rand der gesellschaftlichen Konventionen bewegt. Die Aufzählung der folgenden Punkte ist eher exemplarisch, also bitte nicht persönlich nehmen. Mir gefällt es, so wie es ist. Ich versuche die andere Seite ein bisschen zu beleuchten, auch wenn vieles davon spekulativ sein wird, und erlaube mir mal, daß ein bisschen aufzuddröseln:
- Hauteng
Körperformen werden teilweise stark betont, so dass es selbst dem flüchtigen Betrachter kaum möglich ist, sie nicht zu be(tr)achten. Es verbirgt nichts, es beschönigt nichts. Gnadenlose Offenheit. Kann dadurch aufdringlich wirken - oder Neid auslösen. Hat aber den Vorteil, einen schönen Körper mit all seinen Vorzügen entsprechend in Szene zu setzen.
-
Leder
Betont den ohnehin engen Schnitt durch den Glanz noch mehr. Schwieriges Material, das teilweise einen schlechten Ruf hat (wegen der Stereotype Prostitution und Fetisch). Es kann elegant bis extravagant wirken, muss aber nicht. Passt auch nicht in jede Umgebung und zu jedem Anlass. In Deutschland scheint Leder stärker "vorbelastet" zu sein als in anderen Ländern (z.B. Italien, Frankreich) ,wo es unbefangener getragen wird. Hier gibt es (noch?) viele Vorbehalte. In jedem Fall ist ein Lederkleid ein starkes Statement: die Trägerin signalisiert großes Selbstbewusstsein. Dennoch, wenn ich kritische Kommentare zu meiner Kleidung bekomme, dann bezieht sich die große Mehrzahl davon auf Leder.
- Extrem kurz
Bringt die Beine zur Geltung, gilt aber irgendwie als unanständig. In Kombination mit Punkten 1 und 2 ergibt sich eine sehr sexy Frau. Übrigens ist das der zweit- und dritthäufigste Grund für Kritik an manchen meiner Kleider: zu kurz und zu sexy.
- Extravaganter Schnitt
Der geschwungene Rocksaum ist natürlich ein Hingucker! Den Halsausschnitt hast du ja mit einem T-Shirt entschärft.
Das allein reicht schon, um manche Mitbürger auf die Palme zu bringen. Es stört ihr bräsiges Weltbild, erscheint ihnen unangemessen, übertrieben, zu laut und aufdringlich. Es passt nicht in ihre Heile Welt. Sie haben keinen (guten) Umgang damit, woraus sich ihre Ablehnung speist. Die trifft auch Cis-Frauen, wenn sie sowas tragen. Daher tun sie es nur selten und bei besonderen Anlässen oder in einer geschützten Umgebung.
- Bei dir kommt noch Punkt vier hinzu, der Bartschatten. Spätestens daran wird dein männlicher Migrationshintergrund sichtbar (wer dir in den Schritt schaut - und ich könnte mir vorstellen, dass das gar nicht so selten vorkommt - sieht es auch dort, vgl. Punkt 1: Es verbirgt nichts!).
Das schlägt dem Fass den Boden aus! Geht ja gar nicht! Unverschämt! Und so weiter und so fort...
Bite nicht falsch verstehen, ich mag dein Kleid und dein Aussehen! Ich finde es klasse, dass du so unterwegs bist und Spaß dabei hast! Auch, weil ich mir wünsche, dass all die oben genannten Vorbehalte, die aus sauertöpfischen Gesichtern böse Blicke machen, endlich weniger werden. Damit man als Frau nicht immer im Hinterkopf behalten muss, welche unerwünschten Reaktionen es hervorrufen könnte, wenn man bestimmte Sachen trägt. Wie zum Beispiel Leder, hauteng, superkurz. Meist reicht schon eines davon, um Aufsehen zu erregen.
Das wird sich nur ändern, wenn diese Dinge alltäglicher werden. Das heißt nicht, dass es allen gefallen muss, aber dass es akzeptiert wird.
In diesem Sinne:
Gerne mehr davon!
LGL