Liebe Marie,
Lavendellöwin hat geschrieben: Mi 30. Okt 2024, 15:55
Das mein Neffe so früh gegangen ist, hat bei mir einen kleinen Erdrutsch losgetreten.
Das tut mir sehr leid. Wenn junge Menschen sterben, ist das immer besonders traurig.
Lavendellöwin hat geschrieben: Mi 30. Okt 2024, 15:55wieder ein Inversionstag
Inversion bedeutet ja Umkehrung. Irgendwas ist falsch herum, steht Kopf. Natürlich meinst du die Wetterlage, man könnte es aber auch im übertragenen Sinn verstehen. Die Welt steht Kopf, und ist nicht mehr so, wie wir sie in jungen Jahren kennengelernt haben. Sie hat uns damals geprägt, uns zu dem gemacht, was wir heute sind. Aber damit scheinen wir immer weniger in diese Welt zu passen. Ich finde es sehr schwer, einen guten Umgang damit zu finden.
Lavendellöwin hat geschrieben: Mi 30. Okt 2024, 15:55
fühle ich mich, weiss nicht, alt.
Ja, so nennt man diesen Zustand wohl: Alter.
Lavendellöwin hat geschrieben: Mi 30. Okt 2024, 15:55Electrica Salsa kam 86 raus, da war ich 13.
wo ist bitte diese ganze Zeit geblieben?
Ein halbes Leben. Wo ist es hin? Nur du selbst kannst es wissen, und ich kann nur hoffen, dass du es gelebt hast. So wie du wolltest, mit den Menschen, die dir etwas bedeutet haben, und an den Orten, die dich inspirieren konnten. Und das vielleicht immer noch tun. Warum sollte es das vorbei sein? Klar ändert sich manches, aber die großen Lebenslinien gehen doch weiter.
Lavendellöwin hat geschrieben: Mi 30. Okt 2024, 15:55
Viele hier sind älter als ich. Betrachte ich die, die so um die 60 sind
bin ich schon fundamental anders aufgewachsen, kann manche Gedanken die diese Personen haben, kann ich fast gar nicht nachvollziehen..
Ja, da ist ein Bruch, irgendwo zwischen 1965 und 1975. Und trotzdem liegt es oft nicht am physischen Alter, sondern an der inneren Einstellung, oder anders ausgedrückt:
Wenn man geistig jung geblieben ist und sich nicht hat verleiten lassen von einem vermeintlich sicheren, eingefahren Leben mit all seinen Zwängen, die man irgendwann gar nicht mehr spürt - und wo es nicht mehr weit ist, das Leben selbst nicht mehr zu spüren. Vielleicht ist diese Tendenz bei der älteren Generation ausgeprägter, aber ich sehe auch Menschen, die jünger sind und das Leben irgendwie über sich ergehen lassen, in der Hoffnung, dass irgendwann, in der Zukunft, nochmal was großartiges passiert.
Alter ist eher eine Metapher für die innere Freiheit und geistige Offenheit, die sich ein Mensch erhält. Ich nehme Menschen um so älter wahr, je weniger sie davon haben. Auch wenn sie eine jugendliche Erscheinung haben.
Lavendellöwin hat geschrieben: Mi 30. Okt 2024, 15:55
Ich hab was erlebt könnte ich sagen, trotzdem fühlt sich das alles grade so verdammt leer an-warum?
Warum habe ich dieses Gefühl? Was kann ich da tun? Was ist jetzt grade das Ziel?
Ich spür grade die Kraft nicht weitere Grenzen zu sprengen..und welche denn auch?
Es mag platt klingen, aber manchmal ist auch die Zeit, innezuhalten, zurück zu schauen, und nach allen Seiten, um sich neu zu orientieren. Da man das meistens nicht bewusst macht, passiert es einfach, oft ausgelöst durch ein äußeres Ereignis, wie bei dir vielleicht der Tod deiner Mutter, und nun deines Neffen.
Todesfälle im näheren Umfeld sind immer Anlässe, sich selbst und das bisherige Leben in Frage zu stellen. Sind sie doch eine Erinnerung an die Endlichkeit des irdischen Daseins, an die Begrenztheit unseres Tuns. Das sind existentielle Fragen. Und wenn dann noch der November-Blues dazu kommt, sieht auf einmal alles recht düster aus.
Vielleicht ist es auch die ständige Fixierung auf Ziele, die wir meinen, erreichen zu müssen. Wir sind es gewohnt, dass wir uns ohne festes Ziel schnell orientierungslos fühlen in dieser komplexen Welt. Natürlich sind Ziele hilfreich, mit dieser sich ständig verändernden Welt zurecht zu kommen. Sie bieten uns eine Art roten Faden, dem wir solange folgen können, bis das Ziel erreicht ist. Und dann findet sich hoffentlich schnell ein neues...
Ziellos in den Tag hinein zu leben, morgens aufzustehen und keinen genauen Plan zu haben, was man heute machen möchte, ist eher verpönt. Dabei ist es eine große Freiheit, die ganz schön herausfordernd sein kann. Sich ihr einfach auszusetzen, ohne sich rasch ein belangloses Ziel zur Ablenkung zu setzen, kann sehr befremdlich sein, wenn man den direkten Umgang mit sich selbst erst lernen muss. Vielleicht ist deine aktuelle "Ziellosigkeit" ja ein Wink in diese Richtung?
Lavendellöwin hat geschrieben: Mi 30. Okt 2024, 15:55
5 Monate bin ich jetzt auf der Warteliste für die GaOP..was kommt danach.
Erfüllung, wer weiss das? Ich fürchte aber nicht...
Das weiß niemand. Aber wäre es so schlimm, wenn "Erfüllung" dadurch nicht erreichbar ist? Hat Erfüllung nicht vielmehr mit dem zu tun, wer du bist, und wie du mit diesem Wesen umgehen kannst? Ob du es annehmen, von ganzem Herzen lieben kannst, oder ob du dich an den gefühlten oder tatsächlichen Unzulänglichkeiten abarbeitest? Vieles hängt auch davon ab, welche Erwartungen du von außen übernimmst und wie aufmerksam du bist, dies zu erkennen.
Lavendellöwin hat geschrieben: Mi 30. Okt 2024, 15:55
Wie geht ihr mit dem älter werden um?
Eigentlich ergibt sich das schon aus dem, was ich oben geschrieben habe. Ich versuche, es anzunehmen. Meine körperlichen Grenzen zu akzeptieren, auch wenn sie Einschränkungen mit sich bringen. Ich bin nicht mehr so fit wie noch vor 10 Jahren, ich brauche gefühlte Ewigkeiten, mich nach körperlicher Belastung oder Krankheit zu regenerieren, und ich werde diesen Körper mit seinen männlichen Merkmalen nicht zurückgeben und gegen einen weiblichen umtauschen können. Das alles ist bitter, aber es ist einfach so. Wozu sich daran abarbeiten?
Das führt direkt zu meiner Einstellung, die überwiegend durch Akzeptanz geprägt ist. Das ist noch nicht lange so, bis vor Kurzem wollte ich vieles einfach nicht wahrhaben. Das gibt es sicherlich in manchen Bereichen immer noch, aber es wird schwächer.
Jetzt kommt aber der Widerspruch:
Ein bisschen habe ich Sorge, dass ich schleichend zu einem fremdbestimmten Wesen mutiere, dass sich langmütig in sein Schicksal fügt und dabei verlernt, für sich einzustehen. Vielleicht klammere ich mich deshalb so an meinem unkonventionellen Äußeren fest, um mir damit die Bestätigung zu geben, doch noch eigene Interessen zu haben. Was ich aber nicht erklären kann, ist, warum sich das so sehr aufs äußere Erscheinungsbild bezieht? Wo mir doch klar ist, dass diese Äußerlichkeiten eigentlich belanglos sind. Wofür steht also dieser mein Drang, mich so zu präsentieren, wie ich es mache? Ist es doch nur eine Form von Kompensation, eine Verleugnung des Älterwerdens durch einen Kleidungsstil, der eher dem von Fünfundzwanzigjährigen entspricht?
Das Ei des Kolumbus hab ich also auch noch nicht gefunden.
Ich wünsche dir einen November mit wenig Hochnebel viel Sonne im Herzen!
LGL