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Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Verfasst: Di 29. Nov 2022, 00:53
von Lana
MichiWell hat geschrieben: Mo 28. Nov 2022, 19:30Ich sehe das Grundproblem eher darin, dass die Gegner von Rechten für trans* Menschen das vielmehr vorsätzlich verweigern, und die Debatte ganz bewusst immer wieder auf Sex zurück drehen, um überhaupt Gegenargumente konstruieren zu können.
Liebe Michi,

ich sehe das genauso wie du. Und genau daher kritisiere ich die Verwendung "althergebrachter" Begriffe für neue Konzepte. Man macht es diesen Gruppen sehr einfach, aufgrund absichtlichen Missverstehens gegen etwas zu argumentieren, das so gar nicht gemeint war.

Wären die verwendeten Begriffe eindeutig, würde diese Art von Einwänden in der öffentlichen Debatte gar nicht funktionieren.

Ein Beispiel:
Schlagzeilen wie "Mann bringt Kind zur Welt" wären kein Aufreger mehr, wenn da nicht Mann als Genderbezeichnung verwendet würde, obwohl man von einem biologischen Vorgang spricht, der sich eindeutig auf sex bezieht. Die Suggestion, dass ein biologischer Mann ein Kind gebären könnte, wird bewusst eingesetzt, weil die meisten Menschen es eben intuitiv so verstehen. Das ist die große Mehrheit all derer, die sich eben nicht mehr als fünf Minuten Zeit nehmen, um sich zu informieren.

Es hilft in der Sache niemandem, wenn wir uns darüber beschweren, dass viele Leute die Mühe der Auseinandersetzung mit dem Thema trans nicht von sich aus auf sich nehmen. Wir haben Interessen, daher gibt es eine Bringschuld für uns, diese zu erklären. Das wäre einfacher zu erfüllen, wenn man nicht langatmig ausführen müsste, dass eingeübte Begriffe nun plötzlich was ganz anderes bedeuten sollen und man sich das bitte in Zukunft aus dem jeweiligen Kontext selbst erschließen möge.

Wir möchten, dass die Mehrheit der Gesellschaft uns akzeptiert und Rechte zugesteht. Ja, Menschenrechte. Sollte eigentlich selbstverständlich sein.
Trotzdem geht es besser, wenn man es all den vielen nicht selbst betroffenen Menschen so einfach wie möglich macht. Ein Beitrag dazu ist die Vermeidung von Missverständnissen. Das geht mit eindeutigen Begriffen leichter.

LGL

Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Verfasst: Di 29. Nov 2022, 01:17
von Michi
Lana hat geschrieben: Di 29. Nov 2022, 00:53
MichiWell hat geschrieben: Mo 28. Nov 2022, 19:30Ich sehe das Grundproblem eher darin, dass die Gegner von Rechten für trans* Menschen das vielmehr vorsätzlich verweigern, und die Debatte ganz bewusst immer wieder auf Sex zurück drehen, um überhaupt Gegenargumente konstruieren zu können.
Liebe Michi,

ich sehe das genauso wie du. Und genau daher kritisiere ich die Verwendung "althergebrachter" Begriffe für neue Konzepte. Man macht es diesen Gruppen sehr einfach, aufgrund absichtlichen Missverstehens gegen etwas zu argumentieren, das so gar nicht gemeint war.
Hallo Lana,

ich fühle mich von dir falsch verstanden. Ich habe zum Ausdruck bringen wollen, dass es diese Gruppen sind, die absichtlich die falschen Begriffe verwenden, nicht die Seite der Betroffen. Es wird schon ewig von Gender, sozialem Geschlecht, Geschlechterrolle o.ä. geschrieben, und dennoch wird das von den Gegnern bewusst ignoriert. Nicht wir machen es denen einfach, sondern die machen es sich selbst einfach.

Liebe Grüße
Michi

Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Verfasst: Di 29. Nov 2022, 01:20
von Dietlind
MichiWell hat geschrieben: Mo 28. Nov 2022, 19:10
Die Frage ist halt, ob eine Bescheinigung für einen Schritt notwendig ist, der 1. nicht irreversibel ist, und 2. nicht notwendigerweise eine medizinische Behandlung nach sich zieht. Mit dem Schritt, ein Selbstbestimmungsgesetz zu schaffen, wird die Notwendigkeit einer ärztlichen Bescheinigung verneint.
Das Gleiche würde ja auch für Intersex-Menschen zutreffen (da kann man ja teilweise sogar körperlich sehen, dass sie falsch eingeordnet sind), trotzdem muss eine ärztliche Bescheinigung vorgelegt werden. Ich glaube, das wird auch gemacht, dass ein dauerndes hin und herwechseln des Personnenestandes vermieden wird?


Linde

Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Verfasst: Di 29. Nov 2022, 01:25
von Michi
Anne-Mette hat geschrieben: Mo 28. Nov 2022, 20:03
MichiWell hat geschrieben: Mo 28. Nov 2022, 19:53 dass es nur um die Rechte weniger und kleiner Gruppen geht.
... die - oder vielmehr deren "Umfeld" ein Getöse machen, als wäre die halbe Republik betroffen.
Man kann sich trefflich darüber streiten, ob es richtig oder falsch ist, auf das "Getöse" gegen uns zu schweigen, oder mit "Getöse" zu reagieren. Aber ich befürchte, dass schweigen ganz sicher nicht dazu führt, dass bestimmte Gruppierungen mit ihrem Getöse gegen unsereins nachlassen werden.

Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Verfasst: Di 29. Nov 2022, 03:38
von Lana
MichiWell hat geschrieben: Di 29. Nov 2022, 01:17ich fühle mich von dir falsch verstanden. [...] Nicht wir machen es denen einfach, sondern die machen es sich selbst einfach.
Liebe Michi,

ich denke, dass ich dich schon verstanden habe.
Ich sage lediglich, dass es sprachliche Missverständnisse gibt, die es uns schwerer als nötig machen, unsere Position zu erklären. Das löst Verwirrung aus in Kreisen außerhalb der Genderblase. Und diese Menschen sollten wir mitnehmen. In dem Punkt machen es sich manche von uns zu einfach. Das wollte ich mit meinen Ausführungen ergänzen.

Die "Argumentationsweise" der anderen Seite ist hier im Forum bereits ausreichend gewürdigt worden, weshalb ich das nicht nochmal wiederholen wollte. Das bedeutet aber nicht, dass ich dies in irgendeiner Weise entschuldigen würde. Leute, die absichtlich Begriffe falsch verwenden, nur um ihre eigene Agenda voranzutreiben, sind ohnehin unbelehrbar. Mit denen braucht man keine Zeit verschwenden.

Es geht um diejenigen, die offen sind und noch keine Meinung zu unserem Thema haben. Denen sollten wir es so leicht wie möglich machen, und das ist oft nicht der Fall.
Mit einfachen Wahrheiten ist die andere Seite besser gewappnet, und das verfängt leider zu oft.

LGL

Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Verfasst: Di 29. Nov 2022, 06:53
von ExUserIn-2026-04-08
Hallo Lana,
Lana hat geschrieben: Di 29. Nov 2022, 00:53 Wir haben Interessen, daher gibt es eine Bringschuld für uns, diese zu erklären.
Diesen Punkt sehe ich ganz anders. Wir haben keine Bringschuld. Man hat uns zu akzeptieren, wie wir sind. Das ist unser Menschenrecht.

Aber ich stimme mit Dir vollkommen überein, dass es nützlich ist, unseren Standpunkt zu erläutern, um die Akzeptanz zu fördern. Mir geht es dabei um die eigene innere Einstellung. Gibt es nicht unzählige Menschen, die u.a. unter ihren besonderen Qualtitäten (sic!) leiden, weil sie voller Scham sind und/oder glauben, dass das, was sie fühlen, weniger wert oder falsch sei. Da wird sich versteckt, Partner belogen oder zumindest verheimlicht, wie sie fühlen. Es geht um "Erlaubnisse" die Kleidung zu tragen oder sich so zu schminken wie sie wollen, nur um Erwartungen von außen zu befriedigen. Wir hoffen damit auf Frieden, aber in uns tobt es bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus.

Nein, wir haben keine Schuld und auch keine Bringschuld. Das müssen wir uns klar machen. Wir müssen uns gegenseitig bestärken und damit stark machen, damit wir etwas erreichen, damit wir aushalten, was bewusst oder unbewusst gegen uns läuft. Wir müssen immer und immer wieder gegen althergebrachte und verstaubte Ansichten. Dass die so tief und fest verankert sind, macht es immer wieder notwendig, mit Worten gegen Mauern anzurennen. Dafür brauchen wir viele Worte und auch die Sichtbarkeit. Aber die Grundlage davon ist, dass wir eine innere Sicherheit haben oder entwickeln, dass wir, so wie wir sind, richtig sind.

Sind wir eine Zumutung für die Anderen, obwohl wir ihnen nichts tun, oder sind die Anderen eine Zumutung für uns, wenn sie uns in unserer Entfaltung einschränken ? Ich glaube fest daran, dass wir in der breiten Masse heute deutlich besser angesehen oder zumindest toleriert werden als noch vor einigen Jahren und Jahrzehnten. Die Gesellschaft ist im Wandel. Aber den ewig gestrigen ist nicht beizukommen. Mit denen beschäftige ich mich nicht, da das verlorene Zeit und Mühe ist. Aber die, die bereit sind, neue Sichtweisen anzunehmen, gilt meine Aufmerksamkeit. Aber sicher nicht, weil ich eine Bringschuld habe, sondern weil ich für mich ein besseres Leben wünsche.

Sorry, wenn ich so sehr auf diesem Punkt beharre. Aber ich muss mir das selber immer wieder klar machen, damit ich in meinem Inneren einen Prozess voran bringe, mich so anzunehmen, wie ich bin und dazu zu stehen. Ganz im Sinne des Talmud:
Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.

Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.

Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.

Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.

Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.
Welches Schicksal suche ich für mich und was steht dafür am Anfang ? Richtig, meine Gedanken ...

Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Verfasst: Di 29. Nov 2022, 08:57
von Anne-Mette
Moin,
MichiWell hat geschrieben: Di 29. Nov 2022, 01:25 Man kann sich trefflich darüber streiten, ob es richtig oder falsch ist, auf das "Getöse" gegen uns zu schweigen, oder mit "Getöse" zu reagieren.
ich denke, es ist zu wenig geredet worden - und die Ängste von Frauen(gruppen), von einer "queeren Gemeinschaft" vereinnahmt zu werden, ist sicherlich nicht ganz unbegründet.
Es geht um Identitäten, um feministische Kämpfe und das, was durch sie erreicht worden ist.
Da spielen auch Namen und Begriffe eine Rolle.

Das führt zu Verletzungen, die lange andauern.
Ich war neulich in einer bundesweiten Konferenz, in der es darum ging, welche Reglungen gelten könnten und sollten, wenn der Paragraph 218 gstrichen werden sollte.
Im Zuge der Diskussion kam zur Sprache, welche Regelungen es in der ehemaligen DDR gegeben hat.
Frauen, die dort aufgewachsen sind, fühlten sich ihrer Rechte und ihrer Entscheidungsfreiheit beraubt, als es im Zuge der "Wiedervereinigung" zur schon oft angesprochenen Behelfslösung kam, die bis heute Gültigkeit hat und den Paragraphen 218 im Strafgesetzbuch festschreibt, der viele Reformen verhindert.
Diese Frauen fühlen sich ernsthaft verletzt.
Ähnliches befürchte ich, wenn nicht nur innerhalb der "queeren Community" über das "Selbstbestimmungsgesetz" diskutiert wird, sondern OFFEN mit Frauen und Frauengruppen.

Es sind nun mal nicht alle Menschen "queer" - und sie möchten ihre eigene Identität bewahren; das gilt nicht nur für Frauen, sondern auch für einige intergeschlechtliche und transsexuelle Menschen.

Jetzt bitte nicht falsch verstehen: es geht mir nicht darum, das TSG zu erhalten oder das "Selbstbestimmungsgesetz" zu verhindern; es geht mir darum, dass wir uns offen mit den weitreichenden Konsequenzen auseinandersetzen.

Gruß
Anne-Mette

Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Verfasst: Di 29. Nov 2022, 11:11
von ExUserIn-2026-04-08
Anne-Mette hat geschrieben: Di 29. Nov 2022, 08:57 und die Ängste von Frauen(gruppen), von einer "queeren Gemeinschaft" vereinnahmt zu werden, ist sicherlich nicht ganz unbegründet.
Liebe Anne-Mette,

dieser Ansicht möchte ich doch ein wenig widersprechen. Es geht bei den Queer-Diskussionen im Allgemeinen und der des geplanten Selbstbestimmungsrechts nicht darum, jemanden zu vereinnahmen. Es geht darum, gesellschaftlichen Gruppen das zuzugestehen, was ihr Recht ist ohne dass andere Gruppen benachteiligt werden. Das Mittel der Vereinnahmung ist eher destruktiv.

Die Ängste der Frauen(-gruppen) vor einer Vereinnahmung sollten aber trotzdem ernst genommen werden. Da bin ich ganz Deiner Meinung. Deshalb müssen wir immer wieder betonen, das wir nicht gegen die Frauen, sondern mit ihnen etwas erreichen wollen. Wieso sollte unsere Anerkennung die Identität anderer Frauen beeinträchtigen ? Ich glaube, wenn wir das transportieren können, sind wir wesentlich weiter.

Problematisch sind die (Frauen-)Gruppen, die auf unserem Rücken Aufmerksamkeit erhaschen wollen, in dem sie uns mit Un- oder Halbwahrheiten überziehend in die Öffentlichkeit treten. Das ist für mich viel plausibler für ihr Verhalten. Wir stehen in weiten Bereichen im Fokus und da ist es natürlich einfach, als Trittbrettfahrer aufzufallen. Sieh Dir einmal die Auflage der "EMMA" an:

Externes Bild, es gelten die Datenschutz- und Nutzungsbestimmungen der ausgewählten Seite.Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/ ... msw6j9.png

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Emma_%28Zeitschrift%29

Ich kann mir schon vorstellen, dass dort Ängste über den Fortbestand existieren. 1984 zeigte sich A.Schwarzer noch solidarisch mit transsexuellen Menschen. Sie hat heute eine weit weniger offene Haltung, auch wenn sie nicht ganz undifferenziert ist.

Eine AfD ringt um Themen, damit sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Und so geht es auch mit Einzelpersonen.

So herum wird für mich auch ein Schuh daraus. Mich ärgert immer wieder, dass wir uns kleiner machen als wir tatsächlich sind. Es sind nicht (Frauen-)Gruppen, die über uns bestimmen dürfen. Das machen wir selber. Und je selbstbewusster wir das tun, um so besser. Dabei muss man die Sensibilität ja nicht wegsperren, sondern kann die eigene Wirkung im Blick behalten.

Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Verfasst: Di 29. Nov 2022, 12:04
von Jaddy
Kleine Ergänzung: Es sind nicht "Die Frauengruppen". Die allermeisten sind trans inklusiv oder wenigstens offen. Die meisten haben auch im Blick, dass es nicht darum geht, sich um die Krümel zu streiten, die vom Tisch fallen, auch nicht den Kuchen anders zu verteilen, sondern die Backstube neu und fairer zu organisieren.

Das Thema, das Problem, ist quasi in allen Fällen das gleiche und lässt sich mit wenigen Begriffen benennen: "männlich"(1), cis, hetero, binär (und weiss und abled und...) und die daraus abgeleitete Berechtigung (entitlement), Verhalten zu normieren (allen vorzugeben) und zu normalisieren (als zu akzeptieren definieren). Und das mit nichts anderem als den Sätzen "das war schon immer so" und "weil wir's können".

Als ich 2018 nach Jahrzehnten "bürgerlichen Erwachsenenlebens" zur Enby-Bubble kam, fand ich es teilweise ungeheuer anstrengend. Es ging nämlich nicht nur um "uns", also wie wir unsere Probleme als nichtbinäre Menschen lösen. Bei jeder Vorbereitung, jeder Termin- und Raumfindung kam immer die volle Checkliste. Ist das barrierefrei. Geht die Lautstärke und Wuseligkeit für neurodiverse Menschen. Können Gehörlose teilnehmen. Können arme Menschen teilnehmen. Was ist mit nicht-deutschsprachigen. Und so weiter. Die Youngsters denken quasi immer intersektional.

Inzwischen sehe ich, dass das der einzig nachhaltige Weg ist. Auch wenn es länger dauert, nicht so "schlagkräftig" ist. Auch wenn ich nicht alles ständig auf dem Schirm habe, vieles übersehe, viele Fehler mache und mich deshalb über mich selbst ärgere. Der fundamentale Unterschied zu monothematischen Aktionsgruppen früherer Jahzehnte ist, nicht nur die Unfairness gegen die eigene Person zu thematisieren, sondern auch die eigenen Privilegien zu reflektieren - aka das worum ich mich nicht auch noch kümmern muss - und damit nicht andere zu überbügeln, sondern sie für nicht so privilegierte zu nutzen. Eine Art säkulares Bodhisadva-Gelübde.

Was passiert, wenn sich eine Gruppe nur auf das eigene Thema beschränkt, hat Bonhoeffer ja beschrieben.






(1) gemeint: das Klischee des Alles-Wissers, Alles-Könners, Alles-Bestimmers - und Alles-Dürfers, also die toxische Variante.

Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Verfasst: Di 29. Nov 2022, 12:06
von Lana
Vicky_Rose hat geschrieben: Di 29. Nov 2022, 06:53 Bringschuld...
[...]
Sorry, wenn ich so sehr auf diesem Punkt beharre. Aber ich muss mir das selber immer wieder klar machen, damit ich in meinem Inneren einen Prozess voran bringe, mich so anzunehmen, wie ich bin und dazu zu stehen.
Liebe Vicky,

die eigene Betroffenheit verstellt manchmal den Blick. Du verbindest den strittigen Begriff Bringschuld unmittelbar mit dir, ich bezog ihn in erster Linie auf das Vorgehen beim anstehenden Gesetzgebungsprozess. Und mindestens da haben wir eine Bringschuld, weil es ganz klar in unserem Interesse liegt, dass gesetzliche Regelungen endlich angepasst werden. Und zwar so, dass es eine Verbesserung der Situation gibt, die unserer Lebenserfahrung entspricht. Für diese Anpassung brauchen wir eine Mehrheit, die sie beschließen muss. Und darum geht es meiner Meinung nach: eine Mehrheit zu finden, die etwas beschließt, was den meisten von ihnen ziemlich egal sein könnte oder sogar ist, weil sie nicht betroffen sind. Es liegt besonders auch an uns, diese Menschen mit Informationen und vernünftigen Argumenten zu versorgen, um eine gute Entscheidung treffen zu können. Die kommen nicht und fragen nach, wir müssen aktiv sein. Schließlich erwarten wir, dass sie sich in unserem Sinne engagieren. Das habe ich mit Bringschuld ausdrücken möchten.

Damit leugne ich keinesfalls deine persönliche Betroffenheit. Im Gegenteil, ich stimme dir darin zu:
Vicky_Rose hat geschrieben: Di 29. Nov 2022, 11:11Es sind nicht (Frauen-)Gruppen, die über uns bestimmen dürfen. Das machen wir selber. Und je selbstbewusster wir das tun, um so besser.

Außerhalb der Blase wirkt diese Einstellung (so richtig sie ist) leider manchmal wie trotziges Mit-dem-Fuß-Aufstampfen. Das ist nicht in allen Situationen hilfreich.

LGL

Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Verfasst: Di 29. Nov 2022, 12:36
von ExUserIn-2026-04-08
Jaddy hat geschrieben: Di 29. Nov 2022, 12:04 Auch wenn es länger dauert, nicht so "schlagkräftig" ist.
Lana hat geschrieben: Di 29. Nov 2022, 12:06 Außerhalb der Blase wirkt diese Einstellung (so richtig sie ist) leider manchmal wie trotziges Mit-dem-Fuß-Aufstampfen. Das ist nicht in allen Situationen hilfreich.
Hallo Ihr Beiden,

das sehe ich nicht anders. Das meinte ich mit
Vicky_Rose hat geschrieben: Di 29. Nov 2022, 11:11 Dabei muss man die Sensibilität ja nicht wegsperren, sondern kann die eigene Wirkung im Blick behalten.
Mir geht es im das Selbstbewusstsein im Wortsinne. Ich kenne aus meiner Entwicklung und sehe es bei vielen Anderen: Es gibt eine Neigung sich klein zu machen und die eigenen Qualtitäten unter den Scheffel zu stellen.

Aber wenn wir uns nicht selber positiv sehen, wie wollen wir uns dann im Gespräch oder in der Öffentlichkeit unsere Position vertreten ? Empathie mit dem Gegenüber entsteht m.E. aus der eigenen Selbstsicherheit und Souveränität, die mit der Anerkennung einer anderen Meinung einhergeht.

Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Verfasst: Mo 26. Dez 2022, 00:49
von Salmacis
Lana hat geschrieben: Di 29. Nov 2022, 12:06 die eigene Betroffenheit verstellt manchmal den Blick. Du verbindest den strittigen Begriff Bringschuld unmittelbar mit dir, ich bezog ihn in erster Linie auf das Vorgehen beim anstehenden Gesetzgebungsprozess. Und mindestens da haben wir eine Bringschuld, weil es ganz klar in unserem Interesse liegt, dass gesetzliche Regelungen endlich angepasst werden.
Das TSG stand bereits in der letzten Legislatur auf dem Programm bzw. sollte abgeschafft werden, da es in großen Teilen vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig eingestuft wurde.

Die "Bringschuld" liegt hier ganz klar schon lange bei der Politik. Viele Bürgerrechtsgruppen haben hier seit Jahren tolle Arbeit geleistet und leisten noch immer Aufklärungsarbeit. Die Politik ist jetzt am Zug. Was seit Jahren verpasst und aufgeschoben wurde muss jetzt eben angepackt werden. Und ja, unsere Blase ist klein. Statistisch bewegen wir uns wohl laut Krankenkassen bei 200.000 bis 300.000 trans Personen in Deutschland. Und deswegen sollen wir den Ball flach halten und unsere Klappe nicht so weit aufreißen? Sehe ich anders. Es gibt kleinere Minderheiten in Deutschland, wie bspw. Schwerbehinderte oder die jüdische Gemeinde in Deutschland, die noch weniger Leute sind und die sind auch nicht leise, warum dann wir?

Kurz zum aktuellen Stand: Ich habe nach einer etwas frustrierten Story auf Instagram von Sven Lehmann die Nachricht erhalten, dass das Gesetz im Bundesrat nicht zustimmungspflichtig sein wird und somit die Union dieses auch nicht blockieren kann.
Die Ampel wird zusammen mit der Linkspartei für das neue SBG stimmen. Angeblich endlich im Sommer 2023.

Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Verfasst: Mo 26. Dez 2022, 08:50
von Jasmine
Salmacis hat geschrieben: Mo 26. Dez 2022, 00:49 ...............Die "Bringschuld" liegt hier ganz klar schon lange bei der Politik. Viele Bürgerrechtsgruppen haben hier seit Jahren tolle Arbeit geleistet und leisten noch immer Aufklärungsarbeit. Die Politik ist jetzt am Zug. Was seit Jahren verpasst und aufgeschoben wurde muss jetzt eben angepackt werden. ............................
Durch das ewige Aufschieben wurden meiner Meinung nach viele unnötige Grabenkämpfe hervorgerufen. Gesetze die dem Menschenrecht dienen sollten stringent und zeitnah verabschiedet werden. Alles andere dient doch nur der Spaltung der Gesellschaft. Ich bin schon jetzt auf die Redebeiträge der CDU/CSU im Bundestag gespannt. Insbesondere da ja die Wahl in Bayern in diesem Jahr ansteht. Da wird der -Satire ein- König von Bayern -Satire aus- wahrscheinlich interessante Reden in der Presse schwingen. Ich hoffe, das endlich das Selbstbestimmungsgesetz Realität wird und die unsäglichen Diskussionen/Angriffe von Terfs und co. der Vergangenheit angehören. Die werden, meiner Meinung nach, nach Verabschiedung dieses Gesetzes schon sehen das die Welt nicht untergeht.
Liebe Grüße Jasmine

Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Verfasst: Mo 26. Dez 2022, 22:03
von Michi
Salmacis hat geschrieben: Mo 26. Dez 2022, 00:49 Statistisch bewegen wir uns wohl laut Krankenkassen bei 200.000 bis 300.000 trans Personen in Deutschland.
Gut. Doch das sind nur die, die in Behandlung sind, und zuvor "diagnostiziert" wurden. Real dürften es 3-5 Mal mehr sein. Es streben derzeit nur aus unterschiedlichsten Grünen nicht alle eine Behandlung an, und ein Teil wird es wohl auch in Zukunft nicht tun, selbst wenn die Betreffenden endlich ihr Recht nach dem Selbstbestimmungsgesetz in Anspruch nehmen.

Salmacis hat geschrieben: Mo 26. Dez 2022, 00:49 Kurz zum aktuellen Stand: Ich habe nach einer etwas frustrierten Story auf Instagram von Sven Lehmann die Nachricht erhalten, dass das Gesetz im Bundesrat nicht zustimmungspflichtig sein wird und somit die Union dieses auch nicht blockieren kann.
Das ist doch mal eine gute Nachricht, wenngleich ich befürchte, dass die CDU dies zum Anlass nehmen könnte, die Grabenkämpfe gegen uns noch weiter zu schüren.

Danke, und liebe Grüße
Michi

Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Verfasst: Mo 26. Dez 2022, 22:15
von Jasmine
MichiWell hat geschrieben: Mo 26. Dez 2022, 22:03 ............... wenngleich ich befürchte, dass die CDU dies zum Anlass nehmen könnte, die Grabenkämpfe gegen uns noch weiter zu schüren.......................
Im Moment sehe ich bei der Union nur große Krokodilstränen weil sie nicht regieren dürfen. Statt das diese Partei sich mal verjüngt und erneuert sehe ich nur Versuche die Gesellschaft zu spalten. Das hat in meinen Augen nichts mit Opposition zu tun. Irgendwiehabe ich das Gefühl das ich an die Republikaner in Amerika erinnert werde. Da bekomme ich bestimmt einen Shitstorm
Liebe Grüße Jasmine