Liebe Anja,
Anja61 hat geschrieben: Mi 7. Mai 2025, 19:25
Wichtig ist, wie ich gerade nach dem vermeintlichen letzten "Rückschritt" - bin am Wochenende doch nicht beim Stammtisch gewesen - wieder gelernt habe, sich nicht selbst unter Druck zu setzen. Du musst nichts beweisen, weder Dir noch anderen gegenüber.
ich weiß, Du möchtest Desiree ein bisschen trösten, und ihr mit deinen Worten auch helfen, mit der Situation besser klar zu kommen.
Das ist gut, und das ist wichtig. Wir brauchen das alle von Zeit zu Zeit.
Wir brauchen aber ab und zu auch mal jemanden, der uns ein bisschen anschiebt, der uns einen kleinen Schubs gibt. Das will ich jetzt mal versuchen:
So notwendig es ist, sich keinen unnötigen Stress zu machen, so bequem ist dies natürlich als Ausrede, warum man einmal mehr nicht in die Gänge gekommen ist. Ich weiß genau wovon ich rede, weil ich mich Tag für Tag damit auseinandersetze, bei mir selbst. Und ganz oft endet es wie bei euch, nämlich so, dass ich nichts von dem mache, was ich mir eigentlich vorgenommen hatte. Das kann zur Dauerschleife werden, aus der man immer schwerer heraus kommt.
Wenn es dann mal klappt, und ich rausgehe, dann kostet es mich manchmal viel Kraft und Überwindung im Vorfeld, und noch mehr Zeit, um fertig zu werden. Und doch ist es jedesmal ein gutes Gefühl, der eigenen Unsicherheit / Trägheit / Angst / Bequemlichkeit ein Schnippchen geschlagen zu haben.
Beispielsweise war ich in den letzten Wochen ein paar mal im Club zum tanzen. Beim ersten Mal war ich kurz davor, doch nicht zu gehen, ich konnte mich ewig nicht entscheiden, was ich anziehen soll, wann ich gehen soll (Einlass war ab 22 Uhr) und überhaupt, ob ich dort zwischen all den jungen Menschen nicht deplatziert wäre. Ein großer Teil meiner Verunsicherung kam auch daher, dass ich schon ewig lange nicht mehr in einem Club war. Damals hieß das wohl noch Discothek.
Irgendwann kurz vor 1 Uhr war ich endlich fertig mit dem Makeup. Natürlich hat auch das viel länger gedauert als gedacht. Und ich war müde, hätte direkt ins Bett fallen können. Da stand ich also mitten in der Nacht vor meinem Spiegel, hübsch sah ich aus, sogar mein Gesicht gefiel mir endlich mal wieder. Hatte sich die Mühe mit dem Schminken wenigstens gelohnt! Noch schnell ein Bild gemacht, zur Erinnerung. Und das war es dann.
Nein, echt jetzt? Das sollte es also gewesen sein? All der Aufwand, die ganze lange Vorbereitung, die Unordnung all der anprobierten und dann doch wieder verworfenen Kleider am Boden, all diese Arbeit nur dafür - für einen übermüdeten Blick in den Spiegel und ein Bild?
Ich war unglücklich, ich war frustriert. Warum immer wieder dieses Hadern, wo ich mich doch schon so lange darauf gefreut hatte, und nun, wo ich nur noch rausgehen und die Tür hinter mir zumachen musste, nun wollte ich nicht mehr? Was sollte das denn? Was war da los? Ich verstand es nicht.
Da regte sich ganz leise sowas wie Widerstand in einem hinteren Winkel meiner Seele...
Nein, das konnte nicht sein, das durfte nicht sein. Irgendwie gewann eine Stimme in mir die Oberhand, die mir zuflüsterte:
Jetzt oder nie - weil es beim nächsten Mal auch nicht besser sein würde. Das wusste ich von den letzten zwei "Versuchen", wo ich über Gedankenspiele gar nicht hinaus gekommen war. Würde ich jetzt nicht gehen, wer weiß, ob ich jemals wieder die Kraft dazu aufbringen könnte.
Der einzige und einfachste Weg, diese Enttäuschung zu vermeiden, war trotz meiner Bedenken zu gehen. Was ich dann auch tat. Hinaus in die kalte Nachtluft, die meine Gedanken etwas aufklärte.
Als ich da war, kostete es mich nochmal viel Kraft, wirklich über die Schwelle in den Club reinzugehen, aber auch das ging dann leichter als erwartet. Drin war es dann OK, ich hatte bis um 6 Uhr früh meinen Spaß und viel Bewegung. Und ich bin wieder ein bisschen reingekommen in diese Art von Nachtleben.
Das hat mir eine Woche später unheimlich viel geholfen. Da wusste ich schon Tage vorher, was ich anziehen würde (
weil ich den Club kannte und wusste, dass es da drin heiß ist, also bauchfrei gehen würde ohne zu erfrieren, weil ich das Publikum einschätzen konnte und wusste, dass ich dort in etwas extravaganter Aufmachung nicht die Einzige sein würde, weil ich mir sicher war, dass es ein safe space für mich wäre), und dass ich vor 24 Uhr dort sein wollte (
weil da ohnehin schon brechend voll ist). Es wurde dann doch etwas später, weil ich vorher noch ein sehr unterhaltsames Gespräch hatte, das viel länger dauerte als geplant. Also noch schnell etwas Farbe ins Gesicht (
das war diesmal eine Sache von 10 Minuten, weil ich wusste, dass im halbdunkel eh niemand so genau erkennen konnte, ob das nun wirklich gut und gleichmäßig war) und los ging es. Gegen 0:30 Uhr war ich dort, und es wurde eine der besten Clubnächte, die ich je hatte. Auch und gerade deswegen, weil ich eine Woche vorher, zwar etwas widerwillig, "geübt" hatte. Und weil ich sonst keine Erwartungen hatte, als zu tanzen und mich mit mir gut zu fühlen.
Es geht hier aber um Desiree (und auch um dich, liebe Anja, selbst wenn es nicht dein Faden ist), und ich möchte euch ermutigen, auch dann mal aktiv zu werden, wenn die Motivation nur halb da ist. Nichts erzwingen, niemandem etwas beweisen, aber einfach immer mal wieder einen kleinen Reiz setzen, das Leben spüren, sich den eigenen Gefühlen stellen und sagen:
Ja klar, ich muss da jetzt nicht unbedingt hin, und ich habe mir auch schon tausend Ausreden zurecht gelegt, aber eigentlich könnte ich es doch machen. Einfach mal losmachen und schauen, was passiert.
Und selbst wenn es dann doch im Laufe der Zeit nicht besser wird, man einfach keinen Spaß findet, dann kann man immer noch kehrt machen und sich zu Hause einigeln. Mit der Gewissheit, dass es beim nächsten Mal besser geht, weil es jedesmal einfacher wird.
Man darf nur nicht den Fehler machen, und immer gleich den perfekten Ausflug erwarten. Wenn es so kommt, ist das toll - und wenn nicht, war es ein weiterer kleiner Schritt auf dem Weg dorthin. Das wichtigste ist, dass man diesen Schritt geht!
LGL