Puh, liebe Alice, da steckt Stoff für lange Nächte drin. Und weil ich gerade eh noch wach bin, fange ich mal an (das war irgendwann spät letzte Nacht)
Knäckebrötchen hat geschrieben: Di 3. Jun 2025, 21:29
Was versprichst Du dir davon, deine "wirkliche Identität" zu kennen
Du fragst zwar Vicky, aber ich mache mir natürlich auch Gedanken, warum mich das umtreibt. Ich habe für mich festgestellt, dass es mir aber gar nicht so sehr darum geht, irgendwo anzukommen, wo ich es mir dann gemütlich einrichten kann, sondern meinen Weg zu gehen. Dabei möchte ich aber wissen, wo ich gerade bin, um mich orientieren zu können. Das geht besser, wenn ich weiß, wer ich eigentlich bin, weil ich sonst Abzweigungen wählen könnte, die nicht gut für mich sind.
Um mal ein konkretes Beispiel zu bringen:
Ist meine Weiblichkeit so tatsächlich stark, dass ich mit einem männlichen Körper nicht glücklich sein kann? Um diese Frage zu beantworten, muss ich eine stabile Vorstellung von dem haben, was meine Weiblichkeit für mich und mein Leben bedeutet. Das gilt in ähnlicher Weise natürlich für alle anderen Aspekte meiner Persönlichkeit.
Knäckebrötchen hat geschrieben: Di 3. Jun 2025, 21:29
Ich mache mir keine Gedanken darüber, ob ich nun weiblich, männlich oder etwas dazwischen bin. Denn am Ende kann ich doch nur sein, wer/wie ich bin. Alles andere wäre ja wieder eine Maske. Und die habe ich nunmal abgelegt. Insofern bedeutet der Schritt in die Transition auch: Freiheit.
Da bin ich vollkommen bei dir. Und mir wäre es sehr recht, wenn andere Menschen das auch so sehen würden. Das ist aber nicht der Fall. Nahezu überall und von allen wird man geschlechtlich zugeordnet und entsprechend behandelt. Man kann sich dem nicht entziehen, wenn man der Gesellschaft nicht komplett den Rücken kehren will. Und das macht etwas mit mir, wenn ich einem Geschlecht zugeordnet werde, das mir nicht entspricht.
Blöderweise sind das bei mir beide gängigen Varianten. Der Unterschied ist nur, dass mir
im Mittel die Zuweisung zum weiblichen Geschlecht eher entspricht. Aber reicht das, um mich voll dazu zu bekennen? Oder ist das "wieder eine Maske"? Wäre es nicht in gewisser Weise anmaßend, sich den Schuh "Weiblichkeit" einfach so, ungefragt, anzuziehen? Auf Dauer, mit allen Konsequenzen?
Andererseits:
Den männlichen Schuh, der mir nie gepasst hat, habe ich irgendwann in den letzten Jahren einfach in der Ecke stehen lassen, wo er nun versauern kann. Das war einfach, und dennoch ist er noch da, wird immer wieder präsent. Und dann kommt es schon vor, dass er mich einschränkt, weil ich bewusst Dinge vermeide, die für mich mit Männlichkeit verbunden sind. Ich muss mich dazu nicht zwingen, es fällt mir sogar sehr leicht, darauf zu verzichten. Und trotzdem entsteht da ein kleine Leerstelle, für die ich keinen Umgang habe.
Ähnlich wie Vicky fühle ich manchmal von meiner Weiblichkeit überfordert. Nicht immer kann ich Ihrem Drängen nachgeben, es stellt in gewisser Weise meine Autonomie auf die Probe. Bin ich das überhaupt noch? Oder werde ich gerade von irgendwelchen Hirngespinsten ferngesteuert? Wo bleibt da noch die eigene, positive Entscheidung für all das?
Vielleicht sind meine Ansprüche an die Ausführung dieser Rolle auch zu hoch? Vielleicht habe ich falsche Vorstellungen von Weiblichkeit? Bei dir hört sich das ganz einfach an. Es entspricht deiner Natur am ehesten, also bist du Frau. Ich kann deinen Gedanken zwar nachvollziehen, ihn aber in dieser einfachen Klarheit nicht für mich annehmen. Das ist tief in mir verankert und hat mit dem Gender nur am Rande zu tun. Aber es ist ein Teil von mir, mit dem ich mich auseinander setzen muss: Dinge einfach annehmen zu können. Ohne ständiges Hinterfragen, ohne ignorant zu wirken.
Trotz all dem geht es mir besser, seit ich meine ungeklärte Geschlechtsidentität erkannt und nach und nach akzeptiert habe (und ja, das ist noch nicht abgeschlossen, und wird es wahrscheinlich auch nie sein). Weil nur so überhaupt Entwicklung möglich wird. Die Möglichkeiten, mein Leben zu führen, haben sich schlagartig vervielfacht. Mit dieser neuen Freiheit muss ich jedoch einen guten Umgang finden, sonst droht sie mich zu überwältigen.
Knäckebrötchen hat geschrieben: Di 3. Jun 2025, 22:51
Ab dem Zeitpunkt, wo ich für mich akzeptiert habe trans zu sein, eine Transfrau, ist diese ganze Unsicherheit wie eine alte Klamotte von mir abgeglitten und hat sich aufgelöst.
Das freut mich für dich. Bei mir ist es in der Tat nicht so. Vielleicht, weil ich meine Transidentität nur soweit annehmen kann, wie es mir mein Umfeld ermöglicht. Mein Leben gab es auch schon vor der Transition, und vieles aus diesem alten Leben ist mir lieb und teuer. Das bringt aber auch Einschränkungen mit sich, die eine Transition beschwerlich und kompliziert machen können. Es ist diese permanente Suche nach einem Kompromiss, wo es vielleicht gar keinen geben kann, dieses ständige Herumlavieren zwischen den äußeren Gegebenheiten und den inneren Befindlichkeiten.
Nein, mein Leben ist nicht schlecht, überhaupt nicht. Ich bin in so vielen Dingen privilegiert, dass ich es manchmal gar nicht glauben kann. Vielleicht ist auch das ein Grund, Dinge besonders zu hinterfragen, bei denen das nicht gilt. Dazu gehört in meinen Fall mein Genderausdruck, die Art und Weise, wie ich mich Anderen präsentiere. Da gibt es Widerspruch aus der Partnerschaft, aus dem alten Freundeskreis, nicht zuletzt aus der Gesellschaft, weil meine (in diesem Fall) modischen Vorlieben weit jenseits von dem liegen, was meinem Alter, meiner Körperform und meiner gesellschaftlichen Stellung entsprechen würde. Klar trage ich die Sachen trotzdem, wenn mir danach ist. Aber das ist mitunter anstrengend. Und das alles, obwohl meine körperliche Erscheinung mit dem üblichen Bild einer Frau gut harmoniert.
Ist das nun etwas, das meine Weiblichkeit ausmacht? Oder sind Kleider nicht nur Oberflächlichkeiten, sogar sprichwörtlich?
Für mich nicht. Kleidung war schon immer sehr wichtig für mich, ich hatte schon immer klare Vorstellungen davon, was mir gefällt. Nur war das nie für mich vorgesehen, weil ich kein Mädchen war. Und im Prinzip hat sich daran bis heute kaum etwas geändert. Ich nehme mir inzwischen die Freiheit, das zu tragen, was mir gefällt, aber ich spüre, dass Viele denken, es stünde mir nicht zu. Ich werde halt als bunter Vogel toleriert, der ich für sie in anderen Bereichen immer schon war.
Das macht natürlich was mit mir, weil Kleidung die Krücke ist, die ich brauche, um mich meiner Identität vergewissern zu können. Im Prinzip so ähnlich wie du es beschreibst:
Knäckebrötchen hat geschrieben: Di 3. Jun 2025, 21:29
Insofern reproduziere ich die typischen Muster (Klischees, nicht nur implizit, @Lana), aus dem selben Grund, aus dem die meisten Frauen (oder weiblich gelesenen Menschen) in der (westlichen) Welt das auch machen.
Ich habe mein Leben lang beobachtet, was andere Menschen tragen und versucht herauszufinden, was davon für mich passend sein könnte. In den allermeisten Fällen waren es Teile aus der Damenabteilung. Nicht, weil sie von dort stammten, sondern wegen ihrer Art, ihrer Schönheit, ihres besonderen Zaubers. Sie gefielen mir einfach.
Das war es, was ich wollte, diesen Kleidern nahe sein. Damals war mir noch nicht klar, dass es einen Zusammenhang mit meiner Identität gibt. Ich hatte leider die gesellschaftlich vorgesehene Verknüpfung übernommen, dass ich diese Kleider deshalb schön fand, weil sie von Menschen getragen wurden, die ich begehrte, nämlich von Frauen. Das war aber nicht richtig.
Diese Kleider symbolisieren für mich Weiblichkeit wie kaum etwas anderes, ja. Aber sie tun dies unabhängig von der Trägerin. Sie stehen in gewisser Weise für sich. Überspitzt ausgedrückt: Ein Rock ist ein Stück Weiblichkeit zum überziehen.
Das klingt jetzt wahrscheinlich so, als ob ich meinen Fetisch beschreiben würde. So war das vielleicht mal in meiner Jugend, aber davon ist nicht mehr viel übrig. Vielleicht nur noch, dass der Rock mir heute dabei hilft, mich als das zu sehen, was ich bin. Da verspüre ich, vielleicht ganz ähnlich wie du, einen natürlich Fluss, nur auf einer anderen Ebene:
Knäckebrötchen hat geschrieben: Di 3. Jun 2025, 21:29
Wir handeln, wie es für "uns" "natürlich" ist.
Und weil da innerlich noch so viele Knoten sind, brauche ich wohl auf absehbare Zeit noch das Äußere, um mich daran festzuhalten, um mich meiner selbst zu vergewissern, ganz alltagspraktisch, wenn ich an mir runterschaue und da einen Rock sehe. Dann bin ich für einen kurzen Moment wieder geerdet - solange, bis der Übernächste mich wiedermal mit großen Augen anschaut, und schon sind die Fragen und Zweifel wieder da.
Klar, ich könnte solche Situationen entschärfen, indem ich mich um besseres Passing bemühe. Aber dann sind wir wieder bei der Maske, die nur eine andere Art von Einschränkung ist.
Also ja, zum einen bin ich wohl noch nicht angekommen, aber wie soll das bei einer notorischen Streunerin überhaupt gehen? Ankommen wo genau?
Zum anderen zu viel Fokus auf abträgliche Botschaften von außen, die mein permanentes Grübeln bestärken.
Und zu guter letzt noch übergeordnet die große Frage aller Fragen, die nach dem Sinn des Ganzen...
So, es ist wieder mal sehr lang geworden. Danke an alle, die bis zum Ende gelesen haben!
LGL