CSD in Ebersberg
Durch unseren langen Sommerurlaub im Juni hatte ich zum ersten Mal, seit dieser Termin für mich wichtig geworden war, den CSD in München verpasst. Wir hatten im Freundeskreis überlegt, vielleicht zu einem kleineren CSD in Bayern zu fahren, aber das hatte sich leider nicht ergeben.
Bei der Recherche dazu fand ich allerdings heraus, dass es auch in Ebersberg, unserer Kreisstadt, einen CSD gibt. Er war sogar noch relativ neu und sollte erst zum zweiten Mal stattfinden. Also ergriff ich die Initiative und versuchte, ein paar meiner Freundinnen für diese Idee zu gewinnen. Am Anfang sah es gut aus, doch je näher das Event rückte, desto mehr Leute sagten aus unterschiedlichen Gründen ab, teilweise noch am gleichen Tag.
Die einzige Person, mit der ich noch verabredet blieb, war Kira, eine cis Frau in meinem Alter. Ich hatte sie erst eine Woche zuvor in einem ganz anderen Kontext kennengelernt, fand sie sympathisch und wusste, dass sie lesbisch war. Aber sie kannte Melissa noch nicht und war maximal eine flüchtige Bekanntschaft. Kurz überlegte ich, nicht nach Ebersberg zu fahren. Es war auch sehr heiß, ein weiteres Argument, Melissa im Schrank zu lassen. Aber ich wollte unbedingt diesen CSD unterstützen und mir die Freude am Frau-Sein nicht dadurch nehmen lassen, dass mich nur eine mir relativ unbekannte Person begleitete. Also beschloss ich, es durchzuziehen. Meine Frau, über die ich Kira kennengelernt hatte, warnte sie in geübter Manier per Chatnachricht vor, dass ich etwas anders aussehen würde als gewohnt. Und ich setzte mich ins Auto und fuhr, bewaffnet mit einer kleinen Progress Pride Flagge und meinem neuen Fächer für heiße Tage, allein nach Ebersberg.
An Polster jeder Art war bei dem Wetter nicht zu denken, also trug ich ein weißes T-Shirt und meinen weinroten Faltenrock, um wenigstens ein bisschen Taille zu erzeugen. Außerdem hatte ich aus dem letzten CSD gelernt und führte zum ersten Mal meine neuen, flachen Sandalen in roségold aus. Mit passendem Nagellack und neuem Schmuck fühlte ich mich angemessen herausgeputzt und unheimlich wohl in meiner Haut. Meine Füße fand ich in den neuen Sandalen sogar selbst ziemlich süß. Das war ein Gefühl, das ich mir nur selten zugestand, das mich aber umso glücklicher machte. Und die fehlenden Polster machten mich zwar zunächst etwas unsicher, ermöglichten mir aber erst das Freiheitsgefühl im sanft fallenden Rock. Ich hatte an heißen Sommertagen schon so oft andere Frauen bewundert und beneidet, mit ihrer glatten Haut, ihren hübschen Nägeln und luftigen Outfits. An diesem Tag fühlte ich mich wie eine von ihnen.
Am Bahnhof wartete ich auf Kira, die mit der Bahn kam. Allein auf dem leeren Vorplatz fühlte ich mich kurz unangenehm, aber das erledigte sich schnell, denn ich sah lauter bunte Menschen Richtung Zentrum laufen. Als Kira pünktlich aus dem Bahnhof kam, ging ich auf sie zu. Sie erkannte mich erst nicht und schaute noch kurz suchend umher. Doch dann wurde ihr klar, dass ich genau auf sie zusteuerte. Sie machte einen zaghaften Schritt auf mich zu, dann erkannte sie mich und begrüßte mich unbeeindruckt mit: „Hi, tolles Outfit!“ Wir kannten uns beide nicht gut aus, also liefen wir einfach den anderen Menschen hinterher und standen schnell vor einer kleinen Bühne, wo es bereits ein Vorprogramm gab. Zur Abkühlung kauften wir uns ein Eis in einem nahegelegenen Café, wo die Verkäuferinnen sich kurz uneinig waren, wer von ihnen „die beiden Damen“ bedienen sollte. Wir hatten noch nicht fertig gegessen, da formierte sich schon der Demozug.
Über den CSD im Allgemeinen und den Abend danach habe ich bereits hier berichtet:
viewtopic.php?p=407837#p407837
Ein schönes Detail, das mir noch einfällt, war das Altenheim, an der unser Demozug vorbeiführte. Aus manchen Fenstern winkten uns Senior:innen zu, zeigten mit ihren Daumen nach oben, applaudierten. Das machte mich glücklich und traurig zugleich. Glücklich, weil sich die Demo mit der Unterstützung von so viel Lebenserfahrung noch richtiger anfühlte. Und traurig, weil ich das bedrückende Gefühl hatte, dass einige dieser Leute in der heutigen Zeit vielleicht ein leichteres Leben gehabt hätten. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich hinter diesen jubelnden Alten ausschließlich „Straight Allies“ verbargen.
Gegen Ende der Demo fragte mich Kira dann, ob ich öfter als Frau unterwegs war. Ich glaube, sie hatte sich die ganze Zeit nicht getraut, mich das zu fragen. Ich gab ihr eine kurze Zusammenfassung, und sie verstand schnell. Auch sie gehörte vermutlich zu den Menschen, für die das alles nichts Neues war. Sie hätte es maximal mir persönlich nicht zugetraut, eine so ausgeprägte weibliche Seite zu haben. Nach der Demo gab es noch Musik und ein paar Infostände. Bei einem Kaltgetränk lernten wir uns noch ein wenig besser kennen, dann setzte sich sie in Grafing am Bahnhof ab und fuhr nach Hause.
Weil ich noch nicht genug hatte, blieb ich en femme und schlug meiner Frau vor, noch etwas essen zu gehen. Ich besserte mein Make-up aus, das von meiner Nase auf meine Sonnenbrille gewandert war, und spazierte zum Italiener. Selbst als wir wieder nach Hause kamen, war ich noch richtig euphorisch. Ich hatte mich den ganzen Tag über einfach nur wohl gefühlt. Ich war mutig gewesen, hatte trotz der Hitze Spaß gehabt und mich so feminin gefühlt wie vielleicht noch nie zuvor. So ging ein traumhafter Tag zu Ende und ich stellte glücklich fest, dass das Veranstaltungsjahr nun um einen Termin reicher geworden war.