HellenS hat geschrieben:War es bei Euch ähnlich?
LG Hellen
Hm, es war beim ersten Mal schon etwas anders. Ich ging bei Tageslicht in meiner normalen Kleidung nach draussen, fuhr mit meinem Fahrrad bis an das Ende unserer Strasse. In einer Plastiktüte hatte ich einen Rock, den ich vor einiger Zeit aus einem Altkleidersack gefischt hatte. Ich versteckte mich im Gebüsch und zog den Rock an. Dann lief ich dort auf einem alten verwilderten Grundstück im Rock rum. Ich war ca. 8 Jahre alt. Ich kann es nur schätzen, kann auch 7 oder 9 gewesen sein. In dem Haus gegenüber des Grundstücks wohnte ein Mitschüler von mir, mit dem ich auch manchmal spielte.
Dies wiederholte ich ab und zu. Eines Tages kam mein Mitschüler aus dem Haus, während ich gerade dort im Rock zwischen den Sträuchern rumlief. Er sah mich und rief: "Na? Hast du wieder deinen Rock an? " - Oh, wie war mir das peinlich. Hatte er mich etwa schon öfter dabei gesehen? Aus dem Fenster oder so?
Seit dieser Zeit sind etwa 40 Jahre vergangen. Ich könnte nun hunderte von Berichten schreiben, in denen ich en femme auf die Strasse ging. Später als Erwachsener erst viele viele Jahr nur nachts im Dunkeln. Nur ganz selten traute ich mich mal bei Tageslicht raus und noch seltener in belebte Gegenden.
In den vergangenen ca. 10 Jahren entstand dann eine gewisse Regelmässigkeit. Mindestens alle paar Wochen machte ich Ausflüge en femme. Meist noch nachts, aber ich steigerte es allmählich etwas, dass ein gewisser Leidensdruck kontinuierlich anstieg. Mit der Zeit genügte es mir längst nicht mehr, nur in der Nacht an Schaufenstern vorbeizugehen. Dabe wurde ich allenfalls mal von einem über das Kopfsteinpflaster donnernden Taxifahrer bemerkt. Es gab dann Zeiten bei denen ich bis zum Morgengrauen unterwegs war. Zwar nicht in einer anderen Stadt aber in einem anderen Stadtteil. Und Kiel ist nicht klein. Dann stieg ich auch mal in einen Bus, wenn die ersten Linien fuhren, morgens um 5 Uhr.
Ich erinnere mich an ein Erlebnis: Ich war wieder dort in den frühen Morgenstunden unterwegs, es war vielleicht 4 Uhr morgens und noch stockdunkel. Ich stieg in einen Bus um mit diesem ca. 5 km in einen anderen Stadteil zu fahren. Im Bus waren nur 2 bis 3 Leutchen und es war duster. Das schwierigste, fand ich, war dem Busfahrer zu sagen "Einmal bis Schilksee". Drei Worte mit meiner Stimme, die ich nicht zu verstellen wagte. Dort in Schilksee stieg ich dann aus und wechselte die Strassenseite um mit dem Bus in die anderer Richtung wieder zurück zu fahren, denn das musste ich ja, weil mein Auto doch im anderen Stadtteil stand. Das dauerte aber eine Weile und an der Haltestelle sammelten sich die ersten Leute, die wohl zur Arbeit fahren wollten. Ausserdem begann es zu dämmern. Als der Bus endlich kam, war, oh Schreck, der gleiche Busfahrer drin. "Na? jetzt wieder zurück" sagte er zu mir. Ich antwortete "Ja, Satz mit x, das war wohl nix". An jeder Haltestelle stiegen Leute ein, es war schon fast hell und der Bus füllte sich. Eine junge Frau setzte sich dann neben mich, weil schon fast alle Plätze besetzt waren. Keiner schien sonderlich Notiz von mir zu nehmen. Es war spannend. Und es machte mir Mut.
Um 8 Uhr öffnete famila in Altenholz. Ich bin da dann glatt reinmaschiert und habe mir mein Frühstück eingekauft. Den Kassenbon habe ich möglicherweise noch. Dies ist jetzt vielleicht ca. 4 bis 5 Jahre her.
Mein Leidensdruck stieg an. Der Neid auf alle Frauen um ihre Weiblichkeit und darauf, dass sie sich weiblich kleiden durften, wuchs, bis mir klar wurde, welchen WEg ich gehen müsse.
Vor ca. 3 Jahren war es dann soweit, dass ich keinen Fuss vor die Türe setzen konnte ohne darunter zu leiden, als Mann rumlaufen zu müssen. Dieser Frust begleitete mich schliesslich rund um die Uhr........
Bei deinem Erlebnis mit dem Strickkleid, Hellen, kam mir folgender Gedanke:
Du schriebst, dass die Schmetterlinge allmählich einer Unsicherheit wichen. Und ich glaube, dass man als Passant, diese Unsicherheit wahrnimmt. Das veranlasst einem nämlich dann genauer hinzuschauen. Auch wenn dein Passing gut war, einem zweiten Blick hält es vermutlich noch nicht stand. Und dann schauen die Leute eben. Ist ja ein bisschen was aussergewöhnliches. Möglicherweise wäre es anders gelaufen, wenn du absolut selbstsicher und mit dir im Frieden weitergelaufen wärst. Wärst durch die Fussgängerzone gelaufen, hättest Passanten, die dir entgegenkommen ins Gesicht geschaut und vielleicht auch mal gelächelt. Das ist m.E. der allerwichtigste Punkt.
Natürlich kann es dann sein, dass der eine oder andere Passant dich als Mann im Frauenoutfit erkennt. Na und? Das alleine ist gar nicht peinlich. Peinlich ist es nur, wenn man sehen kann, dass sich dieser Crossdresser, Transvestit oder Transidente sehr unwohl fühlt.
Ich glaube: Wenn du draussen bist, und du das Gefühl hast, jemand, der dich anschaut, hat dich als Mann erkannt, dann sehe die Situation mit einem Augenzwinkern. Es ist ein Wahnsinn, wie freundlich die Umwelt auf einmal reagiert, selbst auf einen Mann im Kleid.
Natürlich gibt es Ausnahmen. Mir ist mal eine Horde Jugendlicher mit dem Skateboard bis zu meinem Auto gefolgt um einmal um mich herumzufahren und einen Blick auf mich zu werfen. Ich war damals ängstlich und erschrocken. Heute würde ich mir einen lustigen Spruch einfallen lassen.

Wie Rebecca schon schrieb: Die Welt da draussen ist gar nicht so böse. Viele sind dankbar für eine Gelegenheit, mal einen von den Menschen life zu sehen, von denen sie sonst nur im Fernsehen erfahren. Klar, dass da mal wer guckt.
Tja, früher war es etwas besonderes. Heute ist es normal geworden. Manchmal vermisse ich den Nervenkitzel ein wenig.
LG
Julia