Hallo Sophie!
Es ist schon spannend, was Du da von Dir beschreibst und ich kann es, in gewissen Grenzen, nachvollziehen.
Ich denke, ein Problem, das nicht nur Du hast, ist, dass es für jeden von uns nur schwer zu fassen ist, was es denn *eigentlich* bedeutet, Frau oder Mann zu sein und das andere sein zu wollen. Äußerlichkeiten wie Kleidung etc. sind nur ein Ausdruck dessen. Wenn Du Dich selbst hinterfragst, stelle mal diese ganzen äußerlichen Dinge ganz weit hinten an. Versuche Dich vom Äußeren so weit zu trennen, wie nur irgendwie möglich. Dann überlege Dir, was für *Dich* die wesentlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau sind - zunächst einmal unabhängig von Deiner Person. Was macht für Dich allgemein einen Mann aus? Was eine Frau?
Wenn Du diese Unterschiede gefunden hast, betrachte Dich mit diesen Kategorien selbst. Welche der männlichen Eigenschaften hast Du an Dir? Verbindest Du diese mit einem positiven oder eher negativen Gefühl? Und welche der weiblichen Eigenschaften findest Du bei Dir? Und wie stehst Du zu ihnen?
In Folge dessen ist es nun eine Abwägungssache, wieviel und was Du findest.
Von mir ausgehend, so kann ich mit einiger Sicherheit nun sagen, dass ich mich gefunden habe. Und was ich gefunden habe ist recht sicher überwiegend Frau. Und das hat höchstens sekundär etwas mit Äußerlichkeiten zu tun - sollte es auch nicht. Ich habe nur gemerkt, dass je mehr ich mir eingestehe, dass da eine Frau in mir ist, desto mehr bröckelt eine über 30 Jahre alte Fassade - und das ist teilweise ziemlich erschreckend festzustellen, was man sich alles so lange selbst vorgemacht hat. Bei mir ist es vor allem Emotionalität, jeder Art, die ich nun endlich zulasse und langsam wiederfinde. Ich konnte 30 Jahre lang nicht weinen, ist das nicht schrecklich? Das hat sich grundlegend geändert, seit ich mir immer sicherer werde, was mit mir los ist. Ich habe das auch mal versucht in meinem Blog zu beschreiben:
http://nicolebeaux.blogspot.de/2014/01/emotionen.html
Und das reicht viel weiter, als nur mal heulen zu können. Unsere ganze Menschlichkeit gründet sich auf Emotionen - Mitgefühl, Empathie, Liebe. Was ich früher nur erahnte, dass mir alles dies fehlte, wird jetzt zur Gewissheit. Ich habe 43 Jahre lang nur ein halbes Leben geführt, ich habe funktioniert und Erwartungen erfüllt.
Nun, jetzt könnte man sagen, alles das, jetzt wo ich es gefunden habe, könnte ich ja nun einfach in mein männliches Leben übernehmen und könnte mir den ganzen "Unsinn" mit Transition etc. sparen? Das ist in der Tat ein Punkt, über den ich auch schon länger nachdenke. Aber ich bin mir langsam sicher, dass es nicht funktionieren würde. Ich merke es jede Woche wieder. Bis Sonntag Abend habe ich mich wiedergefunden, bin gefestigt. Doch ab Montag und jeden Tag der folgenden Woche, in der ich wieder im Betrieb bin, zerfällt es. Ich falle wieder zurück in den "Mann-Modus" und das gefällt mir ganz und gar nicht mehr. Hinzu kommt, dass ich langsam beginne zu verstehen, dass dieses Unterdrücken dieser Eigenschaften bei mir damit begonnen hat, als ich in meiner Jugend gemerkt habe, dass alles dies weibliche Eigenschaften sind, und sich diese für einen Jungen nicht gehören.
Kurz gesagt, mit der Frau in mir habe ich meine Menschlichkeit gefunden und das ist mir jeden Preis wert!
Und nochmal zu den Äußerlichkeiten. Andere hier im Thread haben es auch schon mehrfach betont, es kommt ganz und gar nicht darauf an, wie andere Dich sehen, für was sie Dich halten oder ob es ihnen gefällt. Das allerwichtigste bist Du, Du musst Dir gefallen und es muss Ausdruck Deiner Persönlichkeit sein. Niemand schreibt einer Frau vor, nur noch Mädchenhaft herumzulaufen - schau mal auf die Straßen, von den jungen Dingern abgesehen, wer macht das denn? Vielleicht hast Du eine zu hohe Erwartungshaltung an Dich selbst? Spannenderweise hatte ich soetwas auch eine Weile. Da dachte ich, weiblich/fraulich bedeutet auf jeden Fall Rock und Pumps etc.. Doch auch das hat sich geändert - auch wenn ich eine Hose und flache Schuhe trage, ist es immernoch da. Und das zeigt sich auch auf subtile Art nach außen, sodass wir es selbst kaum bemerken und es passieren einem dann Dinge wie hier beschrieben:
http://www.crossdresser-forum.de/phpBB3 ... 25&p=86461
Vielleicht hast Du Dich noch nicht ganz gefunden? Dann überstürze nichts und vor allem, erzwinge es nicht. Es passiert ganz von alleine, wenn Du es zulässt. Irgendwann ist sie da, die Erkenntnis. Für mich ist sie ein Mosaik aus Dutzenden Details und für jedes einzelne musste kämpfen - etwas loslassen, etwas zulassen. Das kann dauern, leider. Doch ganz sicher kommt dann irgendwann der Punkt, an dem es "Klick!" macht. Natürlich haben wir alle dennoch mal Zweifel, gerade wenn sich als einzige Lösung herauskristallisiert, vollständig transitionieren zu müssen. Auch dies hatten wir hier im Forum diskutiert, meine Antwort darauf war dieses Pamphlet:
http://www.crossdresser-forum.de/phpBB3 ... 929#p84897
Doch eine vollständige Transition ist ja auch kein Zwang oder einzige mögliche Lösung? Was Du daraus machst, bleibt ganz und gar Dir überlassen. Also fast zumindest, leider, denn wenn Du medizinische Massnahmen wie Hormone für Dich möchtest, kommst Du um Psychologen etc. nicht vorbei und wirst diese auch erst bekommen, wenn Du die klare Absicht und Sicherheit vermitteln kannst, vollständig transitionieren zu wollen und vor allem zu müssen.
Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute auf Deinem Weg und das sich Deine Unsicherheit bald reduziert! Wenn Du magst und meinst es könnte Dir helfen, dann kannst Du mich auch gerne per PN anschreiben.
Liebe Grüße
nicole