Moin moin!
Anne-Mette hat geschrieben:Moin,
das Interesse an "unserem Thema" ist relativ gering. Natürlich finden wir in unseren eigenen Reihen (mehr oder weniger) Zustimmung, aber die "allgemeine Bevölkerung" mag eigentlich eher nicht über Crossdressing und Trans- und Intersexualität reden und sich mit diesen Themen auseinandersetzen.
Die Menschen leben ihr eigenes Leben - und das ist ja auch ihr gutes Recht.
Zwar wird manch einer "geheime Wünsche" haben, es vielleicht mal als Mann mit einem Mann treiben wollen... oder mit zwei Frauen... ... oder auch mal einen BH oder einen Rock anzeihen wollen... ...oder doch lieber mal die Bank um ein paar 100 000 erleichtern.
... aber es bleiben flüchtige Wünsche
"Uns" scheint es wohl eher ernster zu sein mit unseren Wünschen.
Hmm... vermischst Du hier nicht zwei Dinge miteinander, die eigentlich nicht zusammen gehören?
Das wir unsere Wünsche, zumindest jetzt mal bezogen auf das Trans* Thema, ernster nehmen als "durchschnittliche" Mitmenschen ihre Wünsche, liegt doch eher an der Natur der Sache. Für die meisten von uns ist es nicht nur einfach ein Wunsch, sondern Teil der Persönlichkeit. Der Wunsch ist, diesen Teil ausleben zu können, weil wir diesen Teil nicht, im Gegensatz zu "normalen" Wünschen, irgendwann einmal vergessen oder beiseite schieben können.
Und das hat meiner Meinung nach zunächst einmal nichts damit zu tun, dass grossen Teilen der Gesellschaft dieses Anliegen egal ist. Ja, das ist sicherlich zur Zeit in der Sache richtig, aber ich bezweifle, dass es das Richtige ist. Der Grund warum soviele von uns einen Teil Ihrer Persönlichkeit unterdrücken ist doch, dass sie wenig bis gar keine Akzeptanz durch die Gesellschaft erwarten können - was nicht zuletzt durch ein mangelndes gesellschaftliche Bewusstsein über uns auch vermutlich genau so eintreffen würde, wenn wir uns grossflächiger offenbarten.
Aber es ist, denke ich, wie mit so vielen gesellschaftlichen Problemen. Natürlich will da kaum einer von sich aus etwas ändern oder anpacken. Warum auch? Ist doch nicht deren Problem? Doch es wird dadurch zu einem Problem von uns, die wir in unserer Freiheit des Aus- und Erlebens unserer ganzen Persönlichkeit eingeschränkt werden. Also meine ich, hat die Gesellschaft schon uns gegenüber eine gewissen Verantwortung. Wir möchten eine offene Gesellschaft sein, in der sich jeder frei entfalten kann.
Es ginge ja gar nicht mal darum, breite gesellschaftliche Unterstützung zu finden. Das ist sicherlich vergebene Hoffnung. Was aber zu wünschen wäre, wäre eine breitere Information über uns, so wie es die z.B. die Schwulen und Lesben, durch viel harte Arbeit, in den letzten Jahren geschafft haben. Heute ist es für jeden selbstverständlich zu wissen, dass Homosexualität bspw. nicht ansteckend ist. Frage irgendjemand auf der Strasse, was schwul und lesbisch ist und Du wirst sehr sicher halbwegs korrekte Antworten bekommen. Versuche das gleiche mal zu CD/TV/TS? Das würde sehr sicher sehr abenteuerlich.
Natürlich können wir jetzt den Kopf in den Sand stecken und sagen, nuja, wird schon vorbeigehen und wir kommen auch so zurecht. Ja, kommen wir. Zum Glück beschützt uns der Rechtsstaat und einige Gesetze vor Repressalien und Übergriffen, wie sie noch heute in anderen Ländern üblich und möglich sind. Aber ist das schon alles? Können wir nicht noch etwas mehr von dieser Gesellschaft erwarten, ja gar verlangen? Alleine die allgemeine Kenntnisnahme, dass es uns gibt und, um auf den Beginn des Threads zurück zu kommen, dass wir keine Minderheit sind, sondern ein signifikanter Teil dieser Gesellschaft. Das gibt uns, denke ich, durchaus das Recht gehört zu werden.
Anne-Mette hat geschrieben:
Wie könnte man diesen Teufelskreis mal durchbrechen?
Ist es ein "Teufelskreis" - oder ist es vielleicht sogar ganz gut so, wie es ist?
Man könnte so auftreten wie andere Gruppen, die sich für eine Organisation, eine Lebensform oder eine Gemeinnützigkeit engagieren, die eine Mission haben: z.B. einen Stand samstags in der Fußgängerzone betreiben oder an Wohnungstüren klingeln und ein Faltblatt oder ein Buch zum Thema überreichen
Ob das Erfolg haben könnte? Ich weiß es nicht.
Na na, jetzt zeichnest Du aber absichtlich ein Zerrbild, oder?
Bei mir hat noch nie eine Emanzipations-, Schwulen-, Lesben- oder sonstige "Randgruppe" an der Tür geklingelt und mit mir darüber reden wollen. Auch die wochenendlichen Straßenstände habe ich von solchen höchstens mal zum CSD gesehen.
Das mit den gemeinnützigen Organisationen ist da schon etwas anderes und ja, das sähe ich durchaus als einen der Wege. Solche Vereine und Verbände haben durchaus genügend Einflussmöglichkeiten zur Meinungsbildung. Komischerweise sind wir aber bei fast allen diesen Gruppen, die sich mit mit Trans* Themen beschäftigen, eher unterrepräsentiert. Meist geht es primär um Homosexualität und am dann am Rande auch um Transsexualität - wobei mir der zwingende Zusammenhang zwischen Homosexualität und Transsexualität nach wie vor völlig schleierhaft ist? Aber die viel größere Gruppe der Transidenten wird geflissentlich ausgeblendet. Und da liegt dann glaube ich auch das Problem, wir haben einfach noch keine Lobby.
Ich bin fest davon überzeugt, dass es nicht gut ist, so wie es jetzt ist. Wir sehen es doch ständig an den Einstandsberichten von Neuzugängen im Forum. Geprägt von Scham- und Schuldgefühlen wird es vor den eigentlich wichtigsten Vertrauenspersonen, wie Partner/in oder Eltern, jahrelang verheimlicht, zu Lasten der eigenen Psyche und Selbstverwirklichung. Das kann doch nicht gut sein? Je früher dies im Leben aufhören kann, desto besser ist es doch? Ich denke es ist kein Zufall, dass es fast ausschliesslich zwei Altersgruppen beim "Outing" gibt - die die sich trotz Widrigkeiten sehr früh sehr sicher sind - beneidenswert. Und dann die anderen, die erst ab ca. Mitte 30 oder noch später so fest im Leben stehen, dass sie endlich den Mut finden, zu sich zu stehen - wohl nicht zuletzt auch, weil man langsam merkt, wie das Leben an einem vorbei rauscht, ohne das existentielle Bedürfnisse erfüllt wurden.
Anne-Mette hat geschrieben:
Man könnte auch als "lebendes Beispiel" dienen, könnte zeigen, wie schön, wie befriedigend, wie gut es doch ist, sich mit "unserer" Thematik zu beschäftigen und "so" zu sein und das offen zu leben.
Aber auch da stoße ich recht häufig an Grenzen. Den einen bin ich nicht genug '"XYZ" und den anderen zu viel "ZYX", sodass schon diejenigen, die ich in ähnlichen Gruppen vermuten würde, Gemeinsamkeiten gerne ausschließen, weil es eben doch auch gewisse Unterschiede gibt - wieder ganz zu schweigen von der "allgemeinen Bevölkerung".
Ich würde Dir völlig in dem Punkt zustimmen, dass es nicht einfach ist.
Es wird bedeuten, eine Menge Dinge, Strömungen, Meinungen und Selbstbilder unter einen Hut zu bringen. Es gibt da sicherlich fast soviele unterschiedliche Arten sich selbst zu verstehen, wie es Personen in dieser Gruppe gibt. Doch es gibt eine ganze Reihe Gemeinsamkeiten, die uns alle verbinden und die Leistung muesste sein, diese herauszuarbeiten.
Aus eigener Erfahrung mit größeren Gruppen (zwar nicht aus dieser Thematik, aber nicht minder problematische) habe ich gelernt, dass gegenteilige Meinungsäußerungen oder Widersprüche keinesfalls bedeuten, dass es nicht doch Gemeinsamkeiten oder Zustimmung gibt. Oft schon habe ich mit Gruppen gearbeitet, von denen ich ständig den Eindruck hatte, dass alles was man sagte falsch war und es nur auf Ablehnung stiess. Doch wenig später folgt die Gruppe einem doch und ganz überraschend kann sogar Unterstützung kommen. Ich würde also alleine von den Widersprüchen nicht darauf schliessen, dass da nicht doch eine breite Übereinstimmung existiert - sie aber vielleicht nicht so gerne offen zugegeben wird.
Es ist anstregend, oh ja!
Been there, done that!
Doch das ist es immer, wenn man etwas bewegen möchte.
Anne-Mette hat geschrieben:
Für die sind wir ein "Nischenbereich", der auch noch mehr oder weniger mit Vorurteilen besetzt ist.
Wenn man die erste Hürde schafft, also nicht als Spinner(in) abgetan zu werden, dann wird man sich eher bemühen, Gespräche über andere/neutrale Themen zu führen.
Natürlich gibt es auch Ausnahmen, von denen im Forum auch schon berichtet wurde.
Ich finde nicht besonders "schlimm", dass wir nur ein recht kleiner Kreis sind.
... und durch viele informative und gut geschriebene Beiträge hier im Forum erfahren auch Außenstehende, dass es uns gibt - und was uns bewegt, was wir erleben - und was wir bewegen. Das wird uns immer wieder neue Interessenten ins Haus führen. Von denen werden einige lesen, schweigen und genießen, wieder andere aber auch ihre Geschichten beisteuern...
Gruß
Anne-Mette
Schlimm ist vielleicht nicht der richtige Begriff, für den kleinen Kreis?
Ich finde es eher traurig und schade, denn wir können recht sicher vermuten, dass es eigentlich viel mehr sein müssten. Und wir können auch mit einiger Sicherheit vermuten, dass es der Mehrzahl, die sich aus welchen Gründen auch immer, nicht so offen bekennen können, deswegen keinesfalls besser geht - eher im Gegenteil. Daher finde ich es eigentlich erstrebenswert, so viele wie möglich von uns zu "befreien". Und eine Möglichkeit dies zu erreichen sähe ich darin, Informationen zu und über uns viel breiter zu streuen? Damit ein Stück mehr Normalität entsteht.
Ich bin auch davon überzeugt, und dies Tag für Tag mehr, dass wir keinesfalls nur einen Nischenbereich darstellen. Ausgehend von den öffentlichen Zahlen zu Transsexuellen, die mit Sicherheit um ein Vielfaches kleiner als unsere Gruppengröße sind, können wir eigentlich schon fast mit Sicherheit von den schon oft zitierten 10% Anteil gerade in der männlichen Bevölkerung ausgehen. Mal angenommen das würde stimmen, dann wären das bei 35.000 Millionen männlichen Bürgern sage und schreibe 3,5 Millionen! Sagen wir nur 3 Millionen - damit wären wir immernoch eine über drei mal so große Gruppe, wie die der Schwulen und Lesben! Ist es dann nicht völlig sonderbar, dass wir so wenig gesellschaftliche Wahrnehmung erfahren?
Dieses Forum ist dahingehend in der Tat eine Goldgrube! Und da kann ich Dir, Anne-Mette, nur meinen tiefsten und herzlichsten Dank dafür aussprechen, es initiiert zu haben und am leben zu erhalten! Wie auch schon andere geschrieben haben, ist das Cross-Dresser Forum sicherlich eines der informativsten und vor allem tolerantesten und offensten. Was man da in anderen Trans* Foren so liest, lässt einen zuweilen wirklich erschaudern.
Doch bei aller von mir geäußerter Kritik - ich bin durchaus auch sehr froh, dass es heute schon so ist wie es ist und wir nichts wirklich Schlimmes befürchten müssen - im Gegensatz bspw. zur Zeit des Dritten Reiches, in der auch wir zum "abartigen" Freiwild gezählt hätten, also um Leib und Leben hätten bangen müssen.
Es könnte halt nur noch ein bisschen besser sein
Liebe Grüße
nicole