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Re: Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Verfasst: Mo 21. Okt 2013, 00:12
von Marielle
Hallo zusammen,

vielen lieben Dank für die positive Resonanz und die Aufforderung, auch den letzten Teil noch zu schreiben, auch wenn das Erlebte nun schon eine kurze Weile her ist. Ich hab' mich über eure Beiträge ehrlich gefreut. Hier also das, was mir in den letzten Stunden meines Aufenthalts in Nürnberg noch passiert und begegnet ist.

Nachdem wir vom Zeppelinfeld zurückgekehrt waren, wurde sich kurz frisch gemacht und mit nur kurzer Pause zum Shoppen in die Stadt aufgebrochen. Halt, Stop: Da waren noch die beiden Herren, die im gleichen Hotel logierten wie die meisten von uns. Beide in den Fünfzigern, schätze ich. Während eines Kurzaufenthalts am Hintereingang des Hotels, da steht halt der Aschenbecher, haben sie uns angesprochen. Wirklich freundlich, ein bischen neugierig vielleicht, sehr nett. Zwei Östereicher, wie sich rausstellte. Wir haben kurz erzählt, was wir vorher unternommen hatten, es wurden ein paar belanglose Worte gewechselt, ein kleines bischen Annäherung eben. Sie sagten, sie fänden uns interessant.

Nach der schon erwähnten kurzen Pause waren wir wieder komplett, es ging in die Stadt. Mädels, ich kann euch sagen, meine Füsse waren so gar nicht angetan von der Aussicht auf einen ausgedehnten Bummel durch die Stadt. Ich war einigermassen irritiert darüber. Das war wohl der erste Einkaufsbummel in all den Jahren, den ich wegen geplagter Füsse nicht bis zum Ende durchgestanden habe.

Eenmool is jümmers dat ertste mool (Irgendwann ist immer das erste Mal), wie man hier ganz oben im Norden sagt. Diesmal war es dann wohl soweit. Ihr müsst euch das mal richtig vorstellen, mit Ton und in Farbe: Am Morgen war ich gaaaaanz sicher, mich richtig ausgestattet zu haben. Schuhe ohne jeden Absatz, so eine Art Sneaker. Damit kann man doch bis an's Ende der Welt laufen. Und dann sowas: Noch nicht mal Kaffeezeit ... und Ende war's! Bis in die Stadt, in ein von den Anderen gewünschtes Kaufhaus, habe ich dann noch mitgehalten. Marlen und Andrea (Andrea macht gelegentlich die Mode- und Typberatung für Marlen, übrigens sehr erfolgreich) haben sich an der aktuellen BiBa-Kollektion versucht, Sylvie, Isabel und Pia stand der Sinn nach anderem. Waren es Schuhe? Ich hab's vergessen, sorry. Ich war einfach platt. Bloss gut, dass direkt neben dem besagten Kaufhaus eine U-Bahnstation liegt. Ticket lösen, einsteigen, hinsetzen, Puhhhhhhh.

Von der Station "Maximilianstrasse" bis zu meinem Hotel hatte ich dann noch ein paar hundert Meter zu laufen, eine schnurgrade Strasse entlang. Ein Schild wurde erkennbar. Ein grosses A mit einer Schale und einer Schlange darumherum: EINE APOTHEKE! Der Gang dorthin hat meinen Weg um ein paar Dutzend Meter verlängert. Nicht schön, aber ich hatte Hoffnung dort Hilfe und Linderung für meine Füsse zu bekommen. Hatte ich dort Mitleid und eine gute Empfehlung oder eine wirksame Salbe erwartet?

"Ich hätte gern etwas, dass bei brennenden Füssen hilft." Ein kurzer Blick auf mich, auf meine Schuhe. Eine präzise Analyse und eine präzise Antwort: "Andere Schuhe!"

Ehrlich ... ich bin selten sprachlos, aber auf diese perfekte Kurzanalyse konnte ich fast nichts erwidern. Apothekerinnen sind wohl eher ergebnisorientiert. Auf mein müdes: "Aber schick sind sie doch, oder?" bekam ich ein wohlwollendes Kopfnicken und eine Tube mit einer kühlenden Salbe. Noch einmal über die Strasse, fünf Stufen hoch, mit dem Aufzug zum Zimmer, gerettet. Die Schuhe ausgezogen, die Socken auch. Jede einzelne Masche der eher grob gestrickten Socken hatte sich in meinen Füssen verewigt; die sahen aus wie selbstgestrickt. Merke erstens: In eher schmalen Schuhen keine Stricksocken anziehen! Merke zweitens: Apothekerinnen haben kein Verständnis für modische Notwendigkeiten, helfen aber trotzdem.

Irgendwann, nach einer wohltuenden Pause, klingelt das Telefon ..... Marlen ist dran ... Wo ich denn bliebe? Man habe existentielle Bedürfnisse, Hunger und Durst! Ich eile! Zur U-Bahn? Nee, echt nicht. Wer weiss wie lange der Abend dauern und wohin er mich führen wird. Eine Kraftdroschke herangewunken und los geht's. Das Nachtleben ruft! Wie praktisch, dass Taxi ist eines von denen mit sieben Sitzen. Wir können also vom Hotel der anderen gleich weiter in die Stadt fahren. Könnten wir, wenn denn alle da wären. Es hat nicht lange gedauert, dann waren wir doch komplett. Die nächste Taxe hatte allerdings nur fünf Sitzplätze. Die ersten fuhren in das oben schon erwähnte Lokal, Zeit&Raum, Marlen und ich warten auf die nächste Taxe. Während wir da so an der Strasse stehen, "i wart auf an Taxi, aber es kummt nett, kummt nett....", kommen die beiden Herren aus Östereich wieder am Hotel an. Sie seien in der Stadt gewesen, sagen sie. Sie hätten dort auch ein Perückengeschäft gesehen und interessiert die Auslage bestaunt .... naja, dann mal los ;-) Hoffentlich kriegen die Ehefrauen der Beiden nie heraus, mit wem ihre Männer da in Nürnberg Kontakt hatten ... :mrgreen: Jetzt grade, beim schreiben, denke ich, vielleicht waren die beiden auch schwul. Würd' irgendwie auch passen. Egal wie, sie waren nett zu uns, eine angenehme Begegnung.

Nach einer ganzen Weile kommt doch noch ein Taxi; dasselbe, das schon den ersten Teil der Bande in die Stadt gefahren hat. Der Fahrer kennt also den Weg. Wir essen und trinken gut, dann fahren wir in Nürnbergs "Rotlichtbezirk", wo die am Vorabend avisierte Party stattfindet. Es ist alles wie beschrieben: Eine Baustelle, aus der mal ein LGBTQ-Club namens "Grosse Liebe" werden soll, gut gekühlte Mädchenbrause, coole Musik vom DJ, abgefahrene Gäste. Ich mag sowas. Erstmal ein Gläschen Brause, Leute gucken, sich selbst angucken lassen. Eine junge Dame macht Fotos von den Gästen. Vor einem roten Hintergrund posieren verschiedenste Leute, stellen sich selbst und ihre Träume von sich dar. Bilder von Menschen und ihren Träumen, für die Plakate und die I-Net Seite des neuen Clubs, das war der Zweck der Party. Wir haben unseren Teil dazu beigetragen und unseren Spass gehabt. Noch ein, zwei Gläschen, ein paar kurze Party-Plaudereien ( nochmal ein Aufruf: Hat jemand ein Bild von der hübschen jungen Dame in dem coolen, bunten Anzug? Die beiden haben es mir angetan), dann wollen wir zum 'Schlampenfest'. Dorthin, wo ich eigentlich gar nicht hin wollte.

Ich muss Abbitte leisten: Es war nicht nur nicht schlimm, es war eine tolle Party. OK, es war mir zu voll innerhalb des Clubs, in dem die Party stattfand, aber man konnte ja auch mal draussen stehen und plaudern. Ein wirklicher Vorteil gegenüber der 'Queer-Boat'; dort ist "draussen stehen" eher schwierig. Aber ich sag ganz ehrlich: Es hat mir Spass gemacht. Eine gute Party, tolle Leute (siehe oben, Teil 2). Bis etwa halb Zwei war ich dort, die anderen haben es natürlich deutlich länger ausgehalten, aber ich Weichei brauch' meinen Schlaf. Einen letzten Cocktail noch, mit denen die dabei waren, dann hab ich mich verabschiedet; von denen die mit mir waren und von diesem tollen Wochenende.

Eines muss aber noch erzählt werden: Am Sonntag morgen sitze ich beim Frühstück, die Frau die serviert ist noch besser gelaunt als an den Tagen zuvor, sie lächelt mich wirklich nett an, ist äusserst freundlich, nicht aufgesetzt, sondern ehrlich freundlich. Die Inhaberin des Hotels lächelt auch, als ich den Zimmerschlüssel zurückgebe, ihr Mann gibt mir mit vielen guten Wünschen die Hand zum Abschied. Wenn ich wieder mal nach Nürnberg komme, kehre ich bestimmt wieder dort ein. Ich nehme an, dass alle dort im Hotel mein Kärtchen gelesen haben und das die dürre Erläuterung darauf dazu geführt hat, dass diese Leute mich ein kleines bischen verstanden haben. Das hat Freude gemacht, so wie das ganze Wochenende Freude gemacht hat.

Der Rückweg...... wurde anders, besser, als geplant. Auf ganz langen Wegen sind auch längere Umwege niht zu lang ... was aber eine andere Geschichte ist.

Wie immer am Ende einer solchen Reisebeschreibung: Es wirkten mit und ein ganz grosses DANKE an: Andrea, Christie, Daniela, Isabel, Kate, Marlen, Pia, Saskia, Susanne, Sylvie und alle anderen, deren Namen ich zum Teil nichtmal kenne, denen ich aber in den Tagen in Nürnberg begegnen durfte. Ohne euch wäre das alles nichts. Und natürlich einen Dank an meine Beste, ohne die das Ganze gar nicht ginge.

Bis zum nächsten Mal, ich freu' mich auf euch


Marielle

Re: Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Verfasst: Mo 21. Okt 2013, 01:58
von Marlen
Klasse!

Vielen Dank - ein wirklich schöner, gut geschriebener, teils berührender und auch amüsanter Reisebericht!!!

Liebe Grüße
Marlen

PS: Bis zum nächsten Mal!!!

Re: Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Verfasst: Mo 21. Okt 2013, 04:10
von MEL
C H A P E A U liebe Marielle

Was für ein toller Reise-/Erlebnisbericht und dein Schreibstil ist mitreissend!!!

Mit Sicherheit für alle Beteiligten ein unvergessliches Wochenende
und für Daheimgebliebene der Reiz, eine ähnliche Erfahrung nun mal selbst zu machen?!

Freue mich auf ähnliche literarisch ansprechende Werke deinerseits ( hopefully?)

und wünsche Dir / Euch einen guten Start in die Woche,

ganz liebe Grüße MEL

P.S.: Also die Idee mit der Karte finde ich super und würde dies auch gern
für mich umsetzen. Vielleicht kannst Du mir ja eine " Bastelanleitung"
zukommen lassen? Wäre superlieb!!

Re: Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Verfasst: Mi 23. Okt 2013, 21:17
von Marielle
Nachtrag:

Wahrscheinlich konnte sich anhand des obigen Berichts niemand so recht etwas unter dem vorstellen, was wir da am Samstagabend auf dieser 'Baustelle' gemacht haben. Deswegen möchte ich euch das Ergebnis der 'Shooting-Party' noch zeigen; ist gestern erst gekommen:


Bild

So kommt man dann auch zu einer, wenn auch wohl sehr kurzen, Model-Karriere. Ein paar von uns sind drauf zu sehen, zwar sehr klein, aber das liegt nur am Maßstab. Im Original sind wir, in allen Beziehungen, viiiiel größer ;-)

liebe Grüsse

Marielle

Re: Nürnberger Notizen - Ein subjektiver Reisebericht

Verfasst: Mo 4. Nov 2013, 00:02
von Marielle
Viiiielen Dank! An alle, denen mein Geschreibsel ein Posting wert war. Es macht Freude, wenn das Erlebte anderen Spass und Information ist.

Marielle