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Re: Andrea — meine Erlebnisse

Verfasst: Mo 22. Okt 2012, 09:44
von Andrea aus Sachsen
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darialena hat geschrieben:Noch ein Tipp: wenn Röcke oder Kleider "kleben" hilft es, etwas Antistatik-Spray unter den Rock zu sprühen.
Danke darialena für den Tipp!
Inga hat geschrieben:... vielleicht lässt du es unbewusst darauf ankommen, irgendwann mal erkannt zu werden, ...
Hallo Inga,
Beim Outen halte ich mich zur Zeit zurück, da im Zusammenhang mit meiner Scheidung noch nicht alle Fragen geklärt sind. Ich möchte auf jeden Fall vermeiden, dass mein Crossdressing bei den möglicherweise noch anstehenden Gerichtsverhandlungen eine Rolle spielt. Danach wäre es mir egal, wer etwas weiß. Ich würde nur Wert darauf legen, allen die es wissen, erklären zu können, wie und warum ich das mache. Vermeiden möchte ich, dass es Leute erfahren und dann aus dem allgemein verbreiteten (Un-)Wissen über unsere Sache sich ihre unqualifizierte Meinung über mich bilden.
Unter diesem Gesichtspunkt steht meine Frage, ob ich mir zuviel zutraue.

Re: Andrea — meine Erlebnisse

Verfasst: So 28. Okt 2012, 01:21
von Andrea aus Sachsen
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27.10.2012
Durch den Anruf meiner Tochter, dass sie gern noch etwas länger bei den Verwandten, die sie gerade besucht, bleiben möchte, hatte ich unerwartet einen Tag als Andrea gewonnen. Größere Aktionen konnte ich in der Kürze der Zeit nicht planen, also habe ich im Wesentlichen das gemacht, was ich auch sonst getan hätte, nur in schönerem Outfit.
Bei uns hatte es zum ersten Mal in diesem Winter geschneit, deshalb wählte ich als Outfit einen wadenlangen ausgestellten Jeansrock, schwarze Stiefel und oben herum meine blau-grün-weiß gemusterte Bluse, die Jacke mit Hahnentrittmuster und ein braunes Halstuch.
Zuerst hatte ich die Gelegenheit genutzt, einem Damenmodegeschäft ganz in meiner Nähe mal einen Besuch abzustatten. Ich war dort noch nie drin, hatte nur gehört, und die Schaufensterauslagen sehen auch so aus, dass das Angebot etwas auf die reiferen Damen zugeschnitten ist. In der Tat dominiert der klassisch elegante Stil, was also meinen Vorlieben sehr nahe kommt. Ich hätte dort um Beispiel eine Jacke, wie ich sie schon einige Wochen suche, in mehreren Varianten und verschiedenen Farben bekommen können, allerdings ab 135€ aufwärts. Ich habe mich dann aber für einen kniebedeckenden ausgestellten Karorock entschieden. Er war zwar mit 79€ auch nicht ganz billig, sieht aber sehr schön aus. Ich werde ihn wahrscheinlich schon bei meinem nächsten Ausflug tragen.
Der Rest des Tages war dann, wie gesagt, den Sachen vorbehalten, die ich auch im Männermodus gemacht hätte:
- Geldholen am Bankautomat
- Tageseinkäufe in einem Supermarkt
- alte Kleidung und Schuhe aussortieren und zum Altkleidercontainer bringen
- Zeitung lesen
- Unterkunft für nächsten Sommerurlaub aussuchen (Ort steht jetzt fest)
So schön der frisch gefallene Schnee auch aussah, sehr angenehm war es draußen nicht, denn der Schneefall ging allmählich in Sprühregen über. Dadurch waren auch nicht viele Leute draußen unterwegs, und außer mir trug keine einzige Frau einen Rock.
Trotz der nicht optimalen Umstände würde ich folgendes Fazit ziehen: Solche Tage könnte es öfter geben.

Re: Andrea — meine Erlebnisse

Verfasst: So 28. Okt 2012, 05:43
von ab08
Andrea aus Sachsen hat geschrieben:Mo 22. Okt 2012, 09:44
Beim Outen halte ich mich zur Zeit zurück, da im Zusammenhang mit meiner Scheidung noch nicht alle Fragen geklärt sind. Ich möchte auf jeden Fall vermeiden, dass mein Crossdressing bei den möglicherweise noch anstehenden Gerichtsverhandlungen eine Rolle spielt. Danach wäre es mir egal, wer etwas weiß. Ich würde nur Wert darauf legen, allen die es wissen, erklären zu können, wie und warum ich das mache. Vermeiden möchte ich, dass es Leute erfahren und dann aus dem allgemein verbreiteten (Un-)Wissen über unsere Sache sich ihre unqualifizierte Meinung über mich bilden.
Unter diesem Gesichtspunkt steht meine Frage, ob ich mir zuviel zutraue.
Hallo Andrea,

zunächst herzlichen Dank für Deine interessanten Beiträge hier. Zunächst muss ich gestehen, dass diese Ecke unseres Forums erst jetzt fand... Naja, ich hab viel Arbeit im RL.
:oops: Mir wurde jetzt erst klar, dass Du Dich als CD siehst und es daher wahrscheinlich bist. Von außen war das für mich nicht zu erkennen. *) Mich faszinierte eben Dein Aussehen/Passing, das das Erscheinungsbild vieler T-Frauen und mancher Biofrauen übertrifft. Insbesondere fiel mir auf, dass Du stimmig und vor allem sehr glücklich wirkst. Mein Unterbewußtsein stellte daher gleich Parallelen zu mir selbst her. :oops:

Auch wenn Du perfekt rüber kommst, verstehe ich Deine obigen Argumente trotzdem sehr gut und gebe Dir Recht.

LG
ab )))(:

*) In der Tram, S-Bahn oder Stadt schau ich mir regelmäßig andere 'Damen' an und wundere mich dann oft, wie ungepflegt manche -definitiv Biofrauen(!)- rumlaufen...

Re: Andrea — meine Erlebnisse

Verfasst: So 28. Okt 2012, 05:57
von ExuserIn-2015-02-14
Hallo Andrea,

ich meine, dass solche, wie von Dir beschriebenen unspektakulären Tage, auch ihren ganz besonderen Reiz haben, weil man(n) einfach so entspannt feminin genießen kann. Das Tragen von kuscheliger Winterkleidung empfinde ich momentan als absolutes Highlight, es ist ja auch mein erster Winter en femme. Ebenso ist es reizvoll Stiefel anziehen zu können, in Kombination mit einem ausgestellten, knielangen Rock einfach super weiblich schick.
Ich wünsche uns noch schöne, kalte Wintertage für herrliche Outdoor-Passings.

Liebe Grüsse von Deborah!

Re: Andrea — meine Erlebnisse

Verfasst: Mi 31. Okt 2012, 13:56
von Andrea aus Sachsen
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ab08 hat geschrieben:Mich faszinierte eben Dein Aussehen/Passing, das das Erscheinungsbild vieler T-Frauen und mancher Biofrauen übertrifft. Insbesondere fiel mir auf, dass Du stimmig und vor allem sehr glücklich wirkst.
Danke <ab> für das Kompliment! Wenn ich Andrea sein kann, bin ich in der Tat glücklich. Damit das auch auf den Mann hinter ihr zutrifft, muss ich noch etwas dran arbeiten.

30.10.2012
Nachdem ich vor einigen Wochen mal eine Vorstellung des Chemnitzer Kabaretts besucht hatte, wollte ich das unbedingt noch einmal wiederholen. Besonders interessierte ich mich für ein neues Stück, in dem genau die Ensemblemitglieder auftreten sollten, die ich bisher noch nicht kannte. Günstige Termine fand ich einige, aber als ich eine Karte reservieren wollte, kam der Schock: Genau diese Veranstaltung ist für mehrere Wochen ausverkauft! Zum Glück gibt's in der Nähe (fast nur auf der anderen Straßenseite) eine Alternative: Sachsenmeyers Kabarettkiste.
Wie üblich habe ich mich wieder im Zweithaarstudio Simone (Ist das schon Schleichwerbung?) umgezogen und schminken lassen. Mit dem kniebedeckenden ausgestellten Karorock und dem grünen Langarmshirt konnte ich zwei Neuerwerbungen der letzten Tage einweihen. Dazu trug ich braune blickdichte Strumpfhosen, schwarze Stiefel und darüber meine Jacke mit Hahnentrittmuster. Nachdem ich bei meinen letzten Ausflügen Sonnenschein und Schneefall erleben durfte, gab es diesmal zur Abwechslung Regen. Das sollte mich aber nicht stören, ich habe schließlich einen Damenschirm. Den musste ich in Ermangelung eines entsprechenden männlichen Teiles bereits auf dem Weg zum Kosmetikstudio benutzen (schwerer Verstoß gegen mein Prinzip 100% Mann).
Nachdem ich fertig geschminkt war und die Tasche mit den Männersachen in einem Schließfach auf dem Bahnhof deponiert hatte, blieb noch etwas Zeit zum Einkaufen. Ich ging durch die Damenmodeabteilungen mehrerer Läden und hatte das eine oder andere Stück schon in die engere Wahl genommen. Zugegriffen habe ich schließlich bei C&A. Dort hatte ich endlich eine Jacke gefunden, wie ich sie seit Wochen suchte. Sie hat die gleiche grüne Farbe wie das Langarmshirt, das ich gerade trug, passt wie angegossen und kostete als Sonderangebot nur 19,95 €. Na, wenn das kein Schnäppchen ist! Ansonsten habe ich noch eine blickdichte weinrote Strumpfhose (auf der Packung steht bordeaux) gekauft, die gut zu meinem gleichfarbigen Strickkleid passen dürfte. Damit war mein Einkaufstag beendet. Ich stärkte mich noch etwas in einem Selbstbedienungsrestaurant und ging dann zur Kabarettkiste.
Der Sachsenmeyer ist, von gelegentlichen Gastspielen abgesehen, ein Ein-Mann-Betrieb. Stücke schreiben, aufführen (in sächsischem Dialekt), Einlasskontrolle und Getränkeverkauf in der Pause liegt alles in einer Hand. An diesem Abend sahen schätzungsweise 50 Zuschauer die Vorstellung. Insgesamt passen wohl etwa 70 bis 80 Leute in die Kabarettkiste. Zu Beginn der Pause erlebte ich wieder so eine Episode, die wir als Crossdresser so lieben: Ein Mann aus den Reihe vor mir blieb nach dem Verlassen seines Platzes mitten im Gang neben den Sitzreihen stehen und bemerkte offensichtlich nicht, dass ich hinter ihm stand. Eine Frau wies ihn diskret darauf hin, er solle doch bitte mal die "Dame" durchlassen. "Danke" konnte ich da nur sagen und denken: Wenn die wüssten!
Das Stück hieß übrigens "Wer hat, der hat" und ließ uns etwas über unser eigenes Besitzdenken lachen.
In zwei Szenen schlüpfte der Hauptakteur in weibliche Rollen. Das Passing ließ zwar noch zu wünschen übrig, aber darum ging es hier ja nicht.
Nach der Vorstellung hatte der Regen aufgehört und ich hatte genügend Zeit, um gemütlich durch das nächtliche Chemnitz zum Bahnhof zu spazieren, meine Tasche aus dem Schließfach zu holen und nach Hause zu fahren.
Auch nach diesem Erlebnis kann ich sagen: Es war sicher nicht das letzte Mal. Sachsenmeyer hat seit seiner Gründung 1996 über 30 abendfüllende Programme herausgebracht. Acht davon stehen auf dem aktuellen Spielplan und zusätzlich Gastspiele einer Frauen-Kabarettgruppe. Da fällt die Auswahl sicher nicht leicht.

Re: Andrea — meine Erlebnisse

Verfasst: Mo 5. Nov 2012, 05:38
von ExuserIn-2015-02-14
Hallo, Andrea,

vielen Dank für Deinen lebhaften Bericht, und ich dachte schon, Andrea sei in der Versenkung verschwunden.
Es ist immer schön als Dame tituliert zu werden, weil es einem zeigt, wie perfekt das Passing gelungen ist. Das gibt auch eine gewisse Selbstsicherheit und man(n) bewegt sich noch viel entspannter ladylike.

Ich hoffe, von Dir noch Weiteres zu lesen.

Liebe Grüsse von Deborah!

Re: Andrea — meine Erlebnisse

Verfasst: Mo 5. Nov 2012, 09:04
von Andrea aus Sachsen
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Ladylike hat geschrieben:Ich hoffe, von Dir noch Weiteres zu lesen.
Kommt sofort!

3.11.2012
Endlich hatte ich wieder mal die Gelegenheit für einen zweitägigen Ausflug als Andrea. Ziel sollte Augustusburg sein, eine Kleinstadt etwa 15 km östlich von Chemnitz. Bekannt ist sie vor allen durch das gleichnamige Schloss, welches, auf einer Anhöhe gelegen, weithin sichtbar ist und das Landschaftsbild entscheidend prägt (http://www.die-sehenswerten-drei.de/sch ... sburg.html). Neben Ausstellungen und Gastronomie gibt es im Schloss Augustusburg seit 5 Jahren ein kleines Theater, also ausreichend zu sehen für mindestens einen Tagesausflug.
Nachdem ich bereits am Vorabend meinen Koffer gepackt und meine Sachen zurechtgelegt hatte, machte ich mich nach dem Frühstück ans Schminken. Um 10 Uhr verließ ich das Haus. Mit der Bahn bis Chemnitz und dann noch einmal 40 Minuten mit dem Bus bis Augustusburg, das alles ging problemlos mit meinem ÖPNV-Ausweis (gallery/image_page.php?album_id=677&image_id=5229). Natürlich lief auch beim Einchecken im Hotel alles reibungslos. Ich hatte mich wie üblich wieder als Frau Andrea ... angemeldet und bin auch jederzeit so angesprochen worden.
Ich trug noch einmal das gleiche Outfit wie bei meinem Kabarettbesuch vor einigen Tagen (Karorock, grünes Langarmshirt, darüber Jacke mit Hahnentrittmuster, schwarze Stiefel). Für den Theaterbesuch nahm ich mir noch meinen schwarzen engen Rock, meine weinrote Bluse, schwarze Strumpfhosen und Pumps mit. Lange hatte ich überlegt, ob ich das bereits zur Besichtigung des Schlosses anziehe, so hätte ich nicht noch mal ins Hotel zurückkehren müssen. Da es aber inzwischen regnete, habe ich mich vorerst nicht umgezogen. Zur Not hätte ich auch mit meinem jetzigen Outfit ins Theater gehen können.
Zunächst aber sah ich mir folgende Ausstellungen und Einrichtungen, teilweise mit Führung an:
- Ausstellung zur Geschichte des Schlosses
- Jagd- und Vogelkundemuseum
- Schlosskirche
- Brunnenhaus mit vollständig erhaltenen, aber nicht mehr betriebsfähigen Schöpfwerk
- ehemaliger Kerker mit Ausstellung zur Gerichtsbarkeit vergangener Jahrhunderte
- Kutschenmuseum
- Motorradmuseum
Insgesamt sind die Ausstellungen nicht ganz so umfangreich, wie man nach dieser Aufzählung vermuten könnte. Kurioserweise hat das Motorradmuseum, welches mich eigentlich nicht sonderlich interessierte und ich mir nur angesehen habe, da noch etwas Zeit blieb, mich letztendlich doch am meisten beeindruckt. Mit den technischen Details konnte ich, wie erwartet nichts anfangen, aber die Vielzahl der Modelle für alle möglichen Einsatzfälle war schon sehenswert.
Mir blieb also bis zur Theateraufführung noch ausreichend Zeit und da außerdem der Regen aufgehört hatte, bin ich doch noch einmal ins Hotel zurück und habe mein Outfit wie geplant gewechselt. Dabei musste ich unwillkürlich an mein erstes Mal in der Öffentlichkeit denken (9 Monate ist das jetzt her), denn da hatte ich das gleiche an, nur mit dem Unterschied, dass ich heute meine erst vor wenigen Tagen erworbene grüne Jacke darüber trug. Als ich mich nach dem Umziehen noch einmal nachgeschminkt hatte, fing es wieder an zu regnen. Jetzt gab es aber kein zurück mehr, jetzt half nur noch, mich unter dem Schirm klein zu machen. Wieder im Schloss, ging ich erst einmal in ein Restaurant, ich hatte schließlich an diesem Tag noch keine warme Mahlzeit zu mir genommen. Das Ambiente in einem der hervorragend restaurierten ehemaligen Festsäle des Schlosses war beinahe luxuriös und die Kellnerinnen in ihren Dirndln eine Augenweide für sich. Trotzdem war das Essen preiswert und hat auch gut geschmeckt.
Als kultureller Höhepunkt des Tages kam dann die Aufführung im Schlosstheater. Dieser Zwei-Mann-Betrieb (eigentlich ein Mann + eine Frau) führt, wie gesagt, seit fünf Jahren in einem Kellergewölbe kleine Theaterstücke auf. Etwa 60 Zuschauer passen da hinein und es war ausverkauft. Gespielt wurde eine Gaunerkomödie und nannte sich "Zwei wie Bonnie und Clyde". Mir hat es sehr gut gefallen, wie das Pärchen immer neue Pläne für Banküberfälle schmiedet, die aber durch die Dämlichkeit der Frau allesamt scheitern, bis sie sich am Ende doch noch mit einem Batzen Geld auf und davon macht. Nach der Vorstellung haben die Schauspieler am Ausgang persönlich jeden Zuschauer verabschiedet und ihnen einen guten Nachhauseweg gewünscht.
Bei mir ging es aber nur ins Hotel zurück, wo noch ein kleines Erlebnis auf mich wartete. Ich sagte einer Mitarbeiterin des Hotels, dass das Telefon auf dem Zimmer nicht funktioniert. Sie wollte die Leitung gleich freischalten, war aber offensichtlich mit der Technik überfordert. Als es nach mehreren Versuchen immer noch nicht funktionierte, stellte sie mir ein schnurloses Teil zur Verfügung und rief gleichzeitig ihren Chef. Der konnte den Fehler sofort beheben und entschuldigte sich bei mir für die Unannehmlichkeiten. Dabei war gerade das ein besonderes Erlebnis für mich, denn ich hatte als Andrea noch nie so viel mit Fremden gesprochen und scheinbar ist wieder niemandem etwas an mir aufgefallen.
So, das waren aber nun genug Erlebnisse für diesen Tag!

Re: Andrea — meine Erlebnisse

Verfasst: Di 6. Nov 2012, 11:21
von Andrea aus Sachsen
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4.11.2012
Gegen 7 Uhr bin ich im Hotel aufgestanden, habe mich gewaschen, geschminkt und angezogen. Ich trug die gleichen Sachen wie bei meiner Anreise am Vortag. Beim Frühstück war ich zunächst die Einzige. Das bot dem Personal die Gelegenheit, wieder mit mir ins Gespräch zu kommen: Haben Sie gut geschlafen? Was möchten Sie trinken? Darf ich sonst noch was für Sie tun? Ich habe normal geantwortet, irgendwelche Reaktionen wegen meiner männlichen Stimme oder sonstigen Auffälligkeiten konnte ich erneut keine beobachten. Später kamen noch 3 Pärchen zum Frühstück und ich hatte etwas Ruhe.
Ich habe dann meine restlichen Sachen in den Koffer gepackt, die Rechnung bezahlt und mich noch einmal auf den Weg ins Schloss Augustusburg gemacht. Meinen Koffer konnte ich vorläufig an der Museumskasse deponieren. Bevor ich die Heimreise antrete, wollte ich am Vormittag mir noch die restlichen Einrichtungen des Schlosses ansehen.
Zuerst bin ich über 132 Stufen (habe nicht nachgezählt) zur Turmgalerie hochgestiegen. Wie der Name schon sagt, befindet in einem der Ecktürme des Schlosses auf der obersten Etage eine Galerie, in welcher vorwiegend regionale Künstler wechselnde Ausstellungen zeigen. Außerdem gibt es von dort einen herrlichen Ausblick auf weite Teile des Vorerzgebirges. Im Treppenhaus sind noch einige Bilder zur jüngsten Geschichte des Schlosses zu sehen.
Wieder zu ebener Erde, habe ich mir noch eine Sonderausstellung über das Lebenswerk von Udo Lindenberg angesehen. Ich bin zwar nicht unbedingt ein Liebhaber seiner Musik, aber das, was er sonst noch gemacht hat, war nicht minder interessant. Einen breiten Raum nahmen zum Beispiel seine Malereien ein. Udo Lindenberg als Maler — hättet ihr"™s gewusst? Natürlich fehlte die berühmte Lederjacke, Schalmei und Gitarre nicht, die seinerzeit mit dem ehemaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden ausgetauscht wurden. Irgendwie fand ich den Ort der Ausstellung passend: Vor dem Schloss steht als Naturdenkmal eine eigenartig gewachsene Linde (http://www.flickr.com/photos/temp/28013 ... hotostream), die vor fast 600 Jahren angeblich verkehrt herum eingepflanzt wurde. Also steht das Schloss auf dem "Lindenberg".
Zum Abschluss habe ich mir von einem Besucher noch ein Foto machen lassen. Ihr könnt es in meiner Galerie sehen: gallery/image_page.php?album_id=677&image_id=6271
Inzwischen war es an der Zeit, wieder nach Hause zu fahren. Diesmal wählte ich eine andere Strecke: Von Augustusburg mit einer Standseilbahn bis zum nächsten Bahnhof im Tal und von dort mit normalen Zügen über Chemnitz nach Hause. Das Wetter war an diesem Tag etwas freundlicher, nur ein kleiner Regenschauer als ich im Zug saß. Nach all den erlebnisreichen Stunden musste ich mich zu Hause leider wieder von Andrea verabschieden, da meine Tochter zum Abendessen zurück sein wollte.

Re: Andrea — meine Erlebnisse

Verfasst: Mi 7. Nov 2012, 06:30
von ExuserIn-2015-02-14
Hallo, Andrea,

wie immer ein mitreis(s)ender Frauenbericht! Du hast sichtlich viel Freude gehabt, solche zwei erlebnisreichen Tage würde ich mir auch mal wünschen.

Liebe Grüsse von Deborah!

Re: Andrea — meine Erlebnisse

Verfasst: Mo 19. Nov 2012, 10:30
von Andrea aus Sachsen
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17.11.2012
Bei der möglicherweise letzten Gelegenheit zum Crossdressing in diesem Jahr sollte es noch einmal etwas Besonderes sein. Im Vorfeld bin ich dabei auf einen Erlebnisrundgang durch das historische Dresden gestoßen. In der Beschreibung dazu heißt unter anderem:
Bei Sekt und höfischen Spielen erlangen Sie einen unvergesslichen Einblick in das Leben am Hof August des Starken und seines Sohnes. Graf oder Gräfin Brühl werden nicht eher ruhen, bis Sie ihre höfischen Umgangsformen formvollendet haben und wissen, wie man sich -»ordentlich bei Hofe-« benimmt.
Das klingt doch irgendwie prickelnd. Vielleicht kann unsereins dabei noch etwas lernen, wie man sich als vornehme Dame zu verhalten hat?
Als Mann hatten mich solche Spielchen nicht interessiert und am Anfang meiner CD-Laufbahn hätte ich mir so etwas nicht zugetraut, schließlich ist es sehr wahrscheinlich, dass man (bzw. frau) da angesprochen wird und etwas dazu sagen soll. Jetzt aber reizte mich das gerade.
Ich bin bereits um 6 Uhr aufgestanden und habe mich als Andrea zurecht gemacht. Als Outfit wählte ich mein weinrotes Strickkleid, dazu Strumpfhosen in der gleichen Farbe, schwarze Stiefel und darüber meine Jacke mit Hahnentrittmuster. Erstmals bei einem Ausflug von zu Hause aus bin ich vorher als Andrea zum Bäcker Brötchen holen gegangen, aus "Sicherheitsgründen" allerdings nicht dort, wo ich sonst samstags immer hingehe. Wenn ich mit der Verwandlung erst nach dem Frühstück begonnen hätte, wäre es nicht möglich gewesen, das Haus 8.30 Uhr zu verlassen und rechtzeitig in Dresden zu sein.
Den Erlebnisrundgang hatte ich vorher per E-Mail gebucht, natürlich für Frau Andrea ... . In Dresden angekommen, habe ich mir zuerst eine Eintrittskarte für eine andere Einrichtung besorgt, doch dazu später mehr.
Um 11 Uhr begann der Erlebnisrundgang an der Frauenkirche. Zuvor hatte ich schnell noch ein Foto von mir machen lassen (gallery/image_page.php?album_id=677&image_id=6320). Der Rundgang, der uns mit den Gepflogenheiten am sächsischen Hof im 18. Jahrhundert vertraut machen sollte, wurde geführt von einer, die es wissen muss: Gräfin von Brühl, seinerzeit Gemahlin des sächsischen Premierministers Heinrich von Brühl. Zumindest ihr Kostüm sah echt aus. Ich war die erste, die sie begrüßte und fragte, ob "Madame" schon bezahlt habe. Die etwa 15 Teilnehmer(innen) am Rundgang wurden alle mit Madame bzw. Monsieur angesprochen.
Da es angeblich noch eine Audienz beim sächsischen König geben könnte, wurde zuerst geübt, wie er gebührend zu begrüßen wäre. Die Männer (betraf mich ja nicht) übten also eine Verbeugung und die Damen einen Knicks. Das Ganze sah bei den meisten (mich eingeschlossen) noch sehr verbesserungswürdig aus, aber die Gräfin war zufrieden. Zum Empfang an diesem kühlen aber sonnigen Herbsttag gab es anschließend passend zum Wetter keinen Sekt, sondern Grog oder heißen Tee. Letztendlich kam es zu keiner Audienz, da der König angeblich das schöne Wetter zur Jagt nutzte.
Die Gräfin redete die ganze Zeit wie ein Wasserfall. Gelegenheit, Fragen zu stellen, gab es kaum, dafür wurde ihrerseits unser Wissen über den sächsischen Hofadel immer wieder auf die Probe gestellt. Zweimal wurde ich gefragt, einmal habe ich sogar die Antwort gewusst. Der Rundgang führte unter anderem durch die Augustusstraße am weltberühmten Fürstenzug vorbei, einem etwa 100m langen Wandbild mit allen Herrschern aus 600 Jahren sächsischer Geschichte. Dort wurde es leider etwas ungemütlich, da im Schatten des Residenzschlosses ein kalter Wind durch die enge Straße blies. Zum Glück ging die Gräfin nicht auf alle abgebildeten Herrscher ein, sonst wäre ich womöglich erfroren. An einem sonnigen Plätzchen auf dem Theaterplatz und später im Dresdner Zwinger war es eher auszuhalten.
Der ganze Rundgang hat mich inhaltlich nicht besonders interessiert, aber als Andrea war er auf jeden Fall ein Erlebnis. Obwohl ich mit der Gräfin und den Teilnehmern am Rundgang fast zwei Stunden zusammen war und, wenn erforderlich, auch gesprochen habe, eine Reaktion zu meiner Person konnte ich wieder einmal nicht beobachten. Zum Abschluss ließ ich noch ein Foto von mir und der Gräfin machen (gallery/image_page.php?album_id=677&image_id=6321); so hohe Herrschaften trifft man schließlich nicht alle Tage.
Danach bin ich erst einmal zum Mittagessen in eine Gaststätte gegangen. Für den Nachmittag hatte ich mir noch einen Besuch im weltberühmten Grünen Gewölbe vorgenommen. Die Schatzkammer des sächsischen Königs (um beim Thema zu bleiben) befindet sich seit einigen Jahren wieder im originalgetreu restaurierten Dresdner Residenzschloss. Die Eintrittskarte hatte ich mir schon am Vormittag besorgt, weil die Zahl der Besucher begrenzt ist und eine Karte zum Eintritt nur in einem 15-minütigen Zeitfenster gilt.
Die Ausstellung selbst vermag ich mit Worten nicht zu beschreiben. Derart prunkvoll ausgestattete Räume, Schmuck- und Kunstgegenstände suchen seinesgleichen. Reichlich 3 Stunden habe ich dort zugebracht. Einen besonderen Platz haben die Gemälde und Büsten der sächsischen Herrscher in der Fürstengalerie des Schlosses. Beim Betrachten ist mir erstmals aufgefallen, dass die damalige Männermode, zumindest in den wohlhabenden Kreisen, deutlich vielgestaltiger und farbenfroher war als heute. Dafür hatten die Frauen keine so große Auswahl. Ich wage jetzt einfach mal zu behaupten, dass Männer und Frauen damals innerhalb ihrer jeweils eigenen Mode etwa im gleichen Umfang Auswahl- und Gestaltungsmöglichkeiten hatten. Und wie sieht es heute aus?
Kurz bevor die Ausstellungen schlossen, habe ich mich auf den Weg zum Bahnhof gemacht. Die meisten Geschäfte, an denen ich vorbei kam hatten noch geöffnet. In das eine oder andere Damenmodegeschäft habe ich kurz hinein geschaut, aber zum Einkaufen mit allem was dazu gehört war etwas zu wenig Zeit. Einen konkreten Plan was ich am ehesten bräuchte, hatte ich ohnehin nicht.
Auf der Rückfahrt gab es eine für meine Begriffe etwas kritische Situation. Beim Umsteigen auf einem kleineren Bahnhof verbrachte ich etwa 30 Minuten im Warteraum bis mein Zug kam. Etwa 10 Leute taten das Gleiche. Während sonst meist alle mit sich selbst beschäftigt sind, standen diesmal einige eher gelangweilt herum und warteten auf ihren Zug. Sie hatten genügend Zeit, mich genauer zu mustern, aber mein Passing stimmte offensichtlich noch. Schließlich bin ich noch von einer nicht mehr ganz nüchternen jungen Frau von der Seite angesprochen worden. Ich hatte zuerst nichts verstanden, aber als ich mich zu ihr umdrehte, sagte sie: "Ach nee, Entschuldigung!", und wandte sich wieder ab. Offensichtlich bin ich nur mit jemandem verwechselt worden.
Als mein Zug dann endlich kam, konnte ich den Rest meines Weges wieder ganz entspannt genießen. Dieser erlebnisreiche Tag hat mir aus zwei Gründen besonders gut gefallen. Zum einen konnte ich seit langem wieder einmal durchgehend Andrea sein, zum anderen weckte er in mir einige schöne Erinnerungen und zwar immer dann, wenn ich Orte betrat, an denen ich seinerzeit meine ersten Schritte als Andrea in der Öffentlichkeit wagte. Das wird wahrscheinlich immer so sein, wenn ich in die sächsische Landeshauptstadt komme.

Re: Andrea — meine Erlebnisse

Verfasst: Mo 19. Nov 2012, 17:24
von exuser-08-07-2013
liebe andrea,

vielen dank für deinen interessanten und auführlichen bericht.

ich bin ja auch immer auf der suche nach neuen dingen die ich en femme erleben kann und deshalb bin ich für jede anregung dankbar.

was mir an deinen berichten immer so gefällt ist, dass es dir wohl wie mir ergeht:

wenn ich immer zuhause wieder ankomme bin ich am glücklichsten, wenn nix großartiges passiert ist.

da war es eigentlich vollkommen zweitrangig, was ich unternommen habe - hauptsache es war en femme und ich hab mich wohlgefühlt.

ganz liebe grüßle

lucy f

Re: Andrea — meine Erlebnisse

Verfasst: Di 20. Nov 2012, 05:52
von ExuserIn-2015-02-14
Hallo Andrea,

es war wieder mal ein schöner Tag für Dich, um als Andrea unterwegs sein zu können. Es freut mich, dass alles gut gegangen ist. Schade, dass Du für einige Zeit indisponiert bist. Ich werde für Dich mit-crossdressen, wenn ich die Würburger Residenz besichtige.

Liebe Grüsse Deborah!

Re: Andrea — meine Erlebnisse

Verfasst: So 9. Dez 2012, 11:43
von Andrea aus Sachsen
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7.12.2012
In Chemnitz trafen sich wieder die Crossdresser und Andrea wollte bei der letzten Veranstaltung des Jahres noch einmal dabei sein. Die Vorgeschichte dürfte bereits bekannt sein: Nach der Arbeit im Zweithaarstudio Simone umgezogen und schminken lassen. Ich trug wie beim Dresdner Ausflug vor 3 Wochen mein weinrotes Strickkleid, gleichfarbige Strumpfhosen und schwarze Stiefel. Nachdem die Kosmetikerin ihr Werk vollbracht hatte, ließ ich das ganze wie üblich fotografisch festhalten (siehe Galerie gallery/image_page.php?album_id=677&image_id=6384) Draußen hatte ich mir dann wegen der winterlichen Temperaturen noch einen schwarzen Anorak darüber gezogen.
Meine Männersachen hatte ich wieder im Bahnhofsschließfach untergebracht, bevor mich mein Weg zum Ticket-Service führte. Am Vortag hatte ich in der Zeitung gelesen, dass es noch Karten für eine Veranstaltung geben soll, die regelmäßig zum Jahreswechsel in Chemnitz stattfindet. Jahrelang scheiterte ein Besuch teils am Desinteresse meiner Exfrau, teils weil lange vorher ausverkauft. Diesmal habe ich eine Karte! Aber dazu später mehr.
Viel Zeit hatte ich nicht mehr bis zum Crossdressertreffen, aber für einen Bummel über den Chemnitzer Weihnachtsmarkt reichte es noch. Ich glaube, den hatte ich bislang noch nie besucht, obwohl ich schon 25 Jahre in Chemnitz arbeite. Irgendwie hatte und habe ich als Mann für so etwas keinen Nerv, es ist doch jedes Jahr und überall immer wieder dasselbe. Interessanterweise sehe ich das als Andrea anders, da spürte ich viel deutlicher das besondere Flair, die weihnachtliche Stimmung, die mich umgab. Ich hatte mir neben etwas Gebäck einen Schal gekauft, der meines Erachtens gut zu dem passt, was ich gerade anhatte. Ich überlegte noch, ob ich ihn gleich umbinde, erschrak aber beim Blick auf die Uhr. Beinahe hätte ich das Treffen verpasst.
Wenn ich mich nicht verzählt habe, waren wir diesmal 14 "Damen". Bei CROSSundQUEER ist es inzwischen zur Tradition geworden, beim letzten Treffen vor Weihnachten zu wichteln. Für mich war es aber eine Premiere, nicht das vorweihnachtliche Spiel an sich, sondern die Art um Weise des Auswürfelns der Geschenke:
1 = Frau darf sich ein Geschenk aus dem Sack nehmen, sofern sie noch keins hat.
2 = Alle Geschenke werden der linken Nachbarin weitergereicht.
3 = Es passiert nichts.
4 = Sofern frau ein Geschenk hat, muss sie es mit einer anderen Teilnehmerin tauschen.
5 = Das Geschenk wird ausgepackt.
6 = Frau darf das Geschenk behalten, sofern sie ein bereits ausgepacktes vor sich hat, und scheidet aus.

Kannte eine von euch diese Spielregeln schon? Bei uns hat es über eine Stunde gedauert, bis jede ihr Wichtel hatte. Ich durfte mich über Kosmetik, genauer 2 Abdeckstifte freuen.
Meine Opernfreundin, die ich das letzte Mal kennenlernte, war auch wieder da. Wir konnten uns über den ersten gemeinsamen kulturellen Höhepunkt im nächsten Jahr einigen. An Stoff für weitere Berichte von mir wird es also vorerst nicht mangeln.
Der Abend hatte nur den Schönheitsfehler, dass ich mich, um nicht als Andrea meiner Tochter zu begegnen, wieder bei einer Bekannten zurückverwandelt habe. Nur eine Erkenntnis hat sich dadurch bestätigt. In meinen Männersachen auf den letzten 600 Metern des Heimweges war mir deutlich kälter als vorher. Gut, ich hatte nicht meine dickste Jacke an und auch keinen Pullover drunter (hätte sonst eine größere Tasche nehmen müssen). Aber so gibt es für mich keinen Grund, auch bei -10-°C draußen auf Rock oder Kleid zu verzichten.

Re: Andrea — meine Erlebnisse

Verfasst: So 9. Dez 2012, 12:15
von Sylvie
hallo andrea,

wieder ein schöner bericht von deinem neuesten ausflug.
diese wichtelregeln sind mir bis dato unbekannt.das ist ja mal was neues und hat sicher spass gemacht.deine erfahrung bei -10 grad im rock finde ich sehr interessant.ich trag ja auch sehr gerne kleid oder rock.ich bin zwar noch nicht draußen unterwegs gewesen,aber wenn ja könnte ich auch zum rock greifen (schmunzel).

LG Sylvie

Re: Andrea — meine Erlebnisse

Verfasst: Mo 31. Dez 2012, 23:57
von Andrea aus Sachsen
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30.12.2012
Nachdem ich in meinem letzten Bericht hier geschrieben hatte, dass ich zum Jahresende noch eine Eintrittskarte zu einer besonderen Veranstaltung ergattern konnte, warten einige wahrscheinlich schon auf meinen Bericht dazu. Keine Angst, der Bericht kommt und es war diesmal keine Oper sondern eine Musik, die ich auch sehr gern höre. Es ist die Johann Strauss Konzert-Gala, die schon seit einigen Jahren kurz vor Silvester in der Chemnitzer Stadthalle Station macht.
Als Outfit hatte ich mir meine weinrote Satinbluse, meinen schwarzen engen Rock, schwarze Strumpfhosen und Pumps ausgewählt, darüber dann noch einen dunklen Anorak. Ich musste immer wieder daran denken, dass ich genau das gleiche bei meinem ersten Mal in der Öffentlichkeit anhatte.
Damit sich die Sache auch lohnt, bin ich bereits am frühen Nachmittag nach Chemnitz gefahren und hatte mir vorgenommen, das dortige Schlossbergmuseum anzusehen. Eigentlich hatte ich es mir schon seit Jahren vorgenommen, als Mann aber nie die Zeit dafür gefunden.
Mein Ausgang als Andrea begann erst einmal weniger angenehm, denn ich hatte nicht berücksichtigt, dass ich mit meinem engen Rock nicht ganz so schnell zu Fuß bin wie sonst bei meinem täglichen Arbeitsweg als Mann. Hier hatte ich mich wohl erstmalig ein wenig über mein "unpassendes" Outfit geärgert. Mit etwas Mühe habe ich es aber doch noch rechtzeitig bis zum Bahnhof geschafft.
Der Ärger verflog aber schnell, als ich in Chemnitz ganz gemütlich durch die Straßen schlendern konnte, da fühlt sich der enge Rock nämlich sehr gut an, genauso wie übrigens im Sitzen, wenn unsereins nicht darauf achten muss, dass die Beine zusammen sind.
Ansonsten gab es an diesem Tag ungewöhnlich viele kleine Missgeschicke, die aber das Gesamterlebnis nicht schmälerten:
"¢ Unterwegs beim Kämmen in Ohrclip hängengeblieben, der daraufhin herunterfiel.
"¢ Beim "Umladen" des Portemonnaies Kleingeld vergessen, aber überall konnte mir herausgegeben werden.
"¢ Kamera vergessen, Bilder gibt"™s dann eben erst wieder beim nächsten Mal!
"¢ Zum wiederholten Male mit dem Absatz in einer Gehwegspalte hängengeblieben, hat aber niemand gesehen.
Das Schlossbergmuseum zeigt vor allem die Stadtgeschichte von Chemnitz. Es ist in einer ehemaligen Klosteranlage untergebracht, von welcher vor über 800 Jahren die Gründung der Stadt Chemnitz ausging. An diesem Sonntagnachmittag waren nicht viele Besucher im Museum. Dafür war das Klacken meiner Absätze in dem alten Gemäuer unüberhörbar, aber keiner schien das zur Kenntnis zu nehmen.
Zum kulturellen Höhepunkt in der ausverkauften Chemnitzer Stadthalle fand sich ein recht gemischtes Publikum ein, sowohl von der Altersstruktur, als auch von der Bekleidung her. Zwei Bekannte aus meiner Heimatstadt waren auch dabei, aber ich war ja gut "getarnt" um nicht erkannt zu werden. Bei solchen festlichen Anlässen macht es mir als Andrea immer am meisten Spaß, zwischen den anderen Besuchern herum zu schlendern. Ich glaube, die Vielfältigkeit der Damenmode wird hier besonders deutlich. Und was hätte unsereins als Mann neben dem Einheitsanzug für Alternativen? Keine! Oder Crossdressing! So ist es mir immer wieder eine besondere Genugtuung, die althergebrachten Kleidervorschriften auf so elegante Weise zu umgehen.
Die Musik von Johann Strauss, eigentlich der ganzen Familie Strauss (Vater und die Söhne Johann, Josef und Eduard), ist natürlich eine Klasse für sich, auch wenn es sich bei diesem Konzert nur um eine Kopie des weltberühmten Wiener Neujahrskonzertes handelt. Musikauswahl und die obligatorischen Zugaben sind identisch dem Wiener Original.
Im Grunde genommen ist diese Musik auch für wenig klassikerprobte Ohren geeignet. Sollte jemand Lust haben, sich auch mal diesen kulturellen Hochgenuss zu gönnen, bietet sich sicher eine Möglichkeit dazu, denn das Orchester ist, außer in der Sommerpause, ständig auf Tournee in Europa. Vielleicht findet ihr hier einen Konzerttermin in eurer Nähe: http://www.kk-philharmoniker.at
Man muss vielleicht nicht unbedingt die Musik von Johann Strauss besonders mögen; es wäre ja auch mal eine Gelegenheit, sich etwas festlich Elegantes anzuziehen. Wir Damen haben diesbezüglich ja (siehe oben) eine reichhaltige Auswahl.
Wenn es an diesem Abend etwas weniger schönes gab, dann dass das Konzert so schnell vorbei war. Ich hatte noch fast 2 Stunden Zeit bis der nächste Zug fuhr und bin deshalb in eine Gaststätte zum Abendessen gegangen. Den Weg nach Hause konnte ich bei dem derzeit sehr milden Wetter ganz entspannt angehen. Es war ein schöner Abschluss eines bewegten Jahres, des ersten als Andrea.