Die Diskussion, die hier angestoßen wurde, finde ich super spannend und bringt mich doch etwas ins Grübeln.
Ich glaube, dass eine reine KI-Pro/Contra-Diskussion etwas unterkomplex sein könnte – zumal der Begriff vermutlich auch von jeder*m anders definiert wird. Schon in der Fachwelt herrschen viele Definitionen von künstlicher Intelligenz, die sich voneinander in Teilen drastisch unterscheiden. In öffentlich ausgetragenen gesellschaftlichen Debatten wird der Begriff dann häufig noch deutlich unschärfer.
Hinzu kommt, dass wir unabhängig vom Willen oder auch Wissen der Uploadenden in unmittelbarer Zukunft zwangsläufig mehr und mehr durch Algorithmen beeinflusste/veränderte Bilder hier und überall sehen werden. Nach meiner Kenntnis sind bereits alle namhaften Smartphonehersteller dazu übergegangen, die Software in ihren Produkten so auszuweiten, dass geschossene Bilder bereits in dem Moment, in dem sie erstellt werden, optimiert und an das ebenfalls durch Algorithmen festgelegte „ästhetische Normativ“ angepasst werden. Dies ist voreingestellt und muss erst deaktiviert werden. Aber wer weiß das schon.
Und wenn es um die Frage geht, ob „echte professionelle Fotografie“ oder KI-nachbearbeitete Fotos nun richtig oder falsch sind, muss ich schmunzelnd an die Diskussionen mit meinem Vater in meiner Jugend zurückdenken. Sein nerviges Mantra war da immer: „Früher haben die Künstler ja noch mit richtigen Instrumenten Musik gemacht. Das war noch Kunst. Heute ist das alles ja nur noch mit Synthesizer und gar nicht mehr echt.“ Das war damals auch schon unterkomplex, hatte im Kern aber eine nicht unwichtige Botschaft oder Frage aufgeworfen: Ab wann bzw. bis wann ist Kunst noch Kunst?
Zugegeben, ich fühle mich in der Diskussion ein wenig angesprochen. Von mir gibt es hier nur mein Profilbild. Und ja, das Outing kommt vermutlich nicht unerwartet. Mein Bild ist in mancherlei Hinsicht bearbeitet. Der Hintergrund meiner Werkstatt (ein furchtbares Wimmelbild) ist entfernt, es ist zugeschnitten und ich habe das Bild in der Auflösung angepasst, damit es überhaupt den Anforderungen des Forums entspricht.
Hier einmal das Original.
Quelle: https://i.imgur.com/vzR1BYc.jpeg
Sind die vorgenommenen Veränderungen also noch okay oder nicht? Ehrlich gesagt bin ich nun etwas verunsichert aufgrund der Härte, mit der hier in Teilen argumentiert wird.
Das Zuschneiden und das Anpassen der Auflösung wird sicherlich keine Irritation hervorrufen, das musste vermutlich jede hier machen. War es aber noch okay, den Hintergrund gänzlich zu entfernen und durch abstrakte Farben zu ersetzen? Schwarz hätte es doch auch getan – ja, sah aber wirklich sch… aus.
Es ist doch letztlich eines von diesen vielen Themen der heutigen Zeit. Und ein kategorisches Ja oder Nein ist dann meist nicht die Lösung. Wie auch in anderen Themen geht es um das konsens- und kompromisssuchende Aushandeln des „Wie weit bzw. unter welchen Maßgaben“.
Für mich ist meine persönliche Grenze bei KI da, wo ich anfangen würde, meine eigene Erscheinung zu modellieren. Das wäre mir unter meinen Maßstäben zu viel. Aber mal ehrlich: Ich stehe da mit Perücke, Make-up und allem, was das Padding hergibt, schaue mich im Spiegel an und sehe nicht das, was ich in meinem bisherigen „männlichen“ Dasein sehen würde. Einzig das Lächeln ist echt. Ggf. sogar echter als in vielen Alltagssituationen, da ich glücklich bin, mich so zu sehen, wie ich mich in dem Moment sehe. Und letztlich ist es dann doch das, was diesen Moment für mich ggf. nicht „echt“, aber wahrhaftig und authentisch macht.
Wenn dann also eine Userin hier die Grenzen weiter definiert als ich, dann muss ich das nicht annehmen, aber ich muss auch nicht verurteilen, da ich die individuellen und persönlichen Beweggründe einfach nicht kenne. Und wenn ich mich dann doch zu sehr stoße, steht es mir ja frei, unaufgeregt nachzufragen.
Und dennoch ist diese Diskussion hier genau richtig. Falsch wäre es, diese – durch sich rasant entwickelnde Möglichkeiten, subtile und dennoch wirkmächtige Veränderungen – einfach gleichgültig zu akzeptieren. Wir sollten uns dieser unbequemen Diskussion stellen. Nur sollte immer beachtet werden, dass reines Abwägen zwischen Schwarz und Weiß außer Acht lässt, dass es noch Graustufen und Farben gibt.