Rusza hat geschrieben: Do 14. Aug 2025, 20:42
Ich habe nie verstanden,warum Leute versucht haben,die DDR-Grenze zu überwinden und sich damit in eine tödliche Gefahr begeben haben.Es gab doch die Möglichkeit einen Ausreiseantrag zu stellen,welcher meist nach zwei bis fünf Jahren bewilligt wurde.Eine Republikflucht war derart schwer,das sich das Risiko nur für wenige gelohnt hat.
MichiWell hat geschrieben: Do 14. Aug 2025, 21:45
Soweit ich mich erinnere, funktionierten Ausreiseanträge und ihre Bewilligung erst in den 1980er Jahren so leidlich. Davor war das wohl eher die Ausnahme. Höchstens Rentner hatten es da leichter, weil deren Arbeitskraft nicht mehr nutzbar war.
Davon mal abgesehen wurden nicht nur die Ausreisewilligen vom Staatsapparat auf das Übelste schikaniert, sondern auch ihr familiäres Umfeld. Die Stasi hat mit ihren IMs den Freundes- und Kollegenkreis unterwandert und die Ausreisewilligen und deren Familien systematisch gemobbt und isoliert. Stasi-Mitarbeiter und SED-Bonzen haben die Ausreisewilligen nach Gutsherrenart erpresst, ihr Eigentum für einen Appel und ein Ei an sie zu "verkaufen".
Danke, liebe Michi, daß Du hier schon Vieles aufgeklärt hast.
Ich kann da etwas aus eigener Erfahrung berichten.
Wenngleich ich noch sehr jung war.
Es müsste ungefähr in meinem 14. Lebensjahr gewesen sein, also Mitte der 80er Jahre.
In meiner Parallel Klasse der Oberschule war damals ein Junge, dessen Eltern hatten einen Ausreiseantrag gestellt.
Er war ab diesem Zeitpunkt in der Schule oft isoliert und stand Allein herum.
Irgendwann habe ich ihn dann mal gefragt, warum er immer so allein sei.
Da erzählte er mir das mit dem Ausreiseantrag und ich war total geschockt und konnte es gar nicht verstehen, da sich mir die politischen Verhältnisse in der DDR wirklich erst ab diesem Alter erschlossen haben.
So ungefähr ab dem Eintritt in die "Freie Deutsche Jugend".
Es gab da eine, glaube ich, monatliche Veranstaltung, die nannte sich "FDJ Studienjahr ", das war zur Vorbereitung auf die Jugendweihe.
Mit der Jugendweihe, wurden wir zu "Erwachsenen " erklärt und waren ab diesem Zeitpunkt, vollwertige Mitglieder der Gesellschaft.
Bei diesem Studienjahr wurden von einem Mädel, das ein paar Jahre älter war, als wir, die überwiegend politischen Botschaften der sozialistischen Gesellschaft an uns herangetragen.
Jedenfalls erzählte dieses Mädel damals so einen hahnebüchenen Schwachsinn, daß ich Sie dann irgendwann fragte,
"Glauben Sie eigentlich selbst, was Sie uns hier erzählen ?"
Daraufhin schmiss Sie mich aus der Veranstaltung und ich mußte mich zuerst bei meinem Klassenlehrer und dann noch beim Schuldirektor, der aber wirklich damals in Ordnung war, antanzen und dazu "Stellung nehmen ".
Ich musste die Veranstaltung Studienjahr aber weiterhin besuchen, hab dann aber lieber mein vorlautes Plappermündchen gehalten, da ich schon geahnt habe, wenn Du hier den Mund noch weiter aufreist, geht es nicht mehr nur zum Direktor, da kommen dann Andere ins Spiel und dann wird es gefährlich für mich.
Ungefähr ab diesem Zeitpunkt begriff und verstand ich, warum die Eltern des Jungen aus meiner Parallel Klasse den Ausreiseantrag gestellt haben.
Der Junge hatte mit Sippenhaft zu kämpfen, deswegen war er immer so isoliert und Allein.
Das ganze Prozedere hat sich bei dieser Familie, soweit ich mich erinnere, ein paar Jahre hingezogen und sie mussten Haus, Hof, Heimat, Freunde und Bekannte zurücklassen, was sehr traurig

ist.
Ich habe sie Alle nie wieder gesehen.
Hat schon in ihrer Jugend
gerne ihre Meinung offen geäußert
Eure Violetta
