Re: Braucht es wirklich so viele Trans*-Bezeichnungen ?
Verfasst: Do 18. Jul 2024, 15:43
Lieber Hotte,
Dass Dir solch eine souveräne Selbstsicherheit noch fehlt, ist keine Kritik, sondern eine zwangsläufige Folge Deiner Lebenssituation. Auch wenn die Voraussetzungen dafür heute ungleich besser sind als in früheren Jahrzehnten, dauert es doch immer noch viele Jahre, da hin zu kommen. Man kriegt das nicht geschenkt, man muss lange und hart daran arbeiten. Die Meisten aus meiner Generation haben das überhaupt nie geschafft.
Echten Ressentiments und sogar (zum Glück immer noch selten) offenem Hass gegen Transgender begegne ich dagegen in den letzten Jahren zunehmend im politischen "Publikum": z. B. in den - als große Ausnahme noch unzensierten und deshalb gerade auch von deutschen und österreichischen "Rechten" viel frequentierten - Kommentarspalten der Schweizer "Weltwoche". Dort kann man immer noch unmittelbar und weitgehend ungefiltert lesen, was angeblich "Rechte" schreiben, und vor allem, wie sie zu einzelnen Aussagen (per Like-/Dislike-Button) stehen. Sonst filtern unsere Medien das ja systematisch aus; man kriegt stattdessen fast nur noch präsentiert, was Linke über Rechte erzählen... - Was ich dort über unsere Thematik lese (bzw. auch die Reaktionen, wenn ich in eigenen Kommentaren dagegenhalte), bereitet auch mir in letzter Zeit zunehmend Sorge. Aus dem jeweiligen Kontext entnehme ich dann allerdings meistens, dass das nicht auf einem "Rechtsruck" beruht, eher im Gegenteil: man zeigt sich zunehmend genervt von der als arrogant bevormundend und krass inkompetent agierend empfundenen Politik der Ampelkoalition - in vielen Politikfeldern, nicht nur in Sachen "Gender". Und weil Transgender derzeit vorwiegend in der Ampelpolitik öffentlich in Erscheinung treten, wirft man uns dann auch pauschal mit dieser Politik in denselben Topf.
Bitte, bitte: nehmt Letzteres jetzt einfach mal als Randbemerkung aus meiner persönlichen Erfahrung, als meine 10 Pfennig zu Euren diesbezüglichen Äußerungen zur Kenntnis, und gut isses. Ich fände es sehr schade, wenn das spannende Thema, das Vicky-Rose hier dankenswerterweise aufgemacht hat, wieder mal in einem wüsten Polit-Kampf "gegen Rechts" verpuffen würde. Sowas gehört einfach nicht hier her.
Beides tue ich auch. Trotzdem wundert es mich nicht, dass Du da weitgehend andere Erfahrungen machst: ich bin MzF, Du FzM. Die beiden Richtungen sind nicht spiegelsymmetrisch zueinander, sie stellen sich höchst unterschiedlich dar und haben höchst unterschiedliche Folgen für den Alltag. Beispiel "Passing": für Dich als TransMann ist es im Alltag die Ausnahme, dass Du spontan überhaupt als "trans" wahrgenommen wirst; für mich als TransFrau ist das die leidige Regel. Sowohl die sozialen als auch die individuellen Rollenerwartungen im Zielgeschlecht sind völlig unterschiedlich, ebenso die Art, wie unsere jeweilige Präsentation interpretiert wird. Den "Tunten-Effekt" z. B., der den meisten von uns MzF zeitlebens so zu schaffen macht, gibt's bei Euch FzM gar nicht - ebenso wenig wie die spezifischen, homophoben Berührungsängste seitens Hetero-Männern, für die ein TransMann gerade wegen seiner Herkunft eher harmlos und unverfänglich erscheint. Ich hab's halt so geschildert, wie es sich mir aus der Sicht einer TransFrau darstellt.Hotte hat geschrieben: Do 18. Jul 2024, 01:41 Da mache ich aber andere Erfahrungen in meinem Umfeld, Wally. Niemand hat Angst, ich könne ihn:sie verklagen. Vielleicht liegt es daran, dass ich offen trans* lebe und darüber schreibe.
Da zeigt sich ein weiterer, entscheidender Unterschied zwischen uns beiden: Du bist offenbar sehr viel jünger als ich (ich bin 75). Ich habe Jahrzehnte gebraucht, bis ich - mit professioneller Hilfe in einer Psychotherapie - überhaupt erst mal kapierte, was mit mir los war. Und ich habe weitere Jahrzehnte gebraucht, dieses Wissen in eine entsprechende Lebensführung umzusetzen und endlich ein gesundes, stabiles Selbstbewusstsein darin aufzubauen. Wenn mich heute jemand mit "Herr" anspricht, obwohl ich im luftigen Sommerkleid mit Pumps vor ihm stehe, kostet mich das ein Lächeln, es wirft mich nicht mehr aus der Bahn. Ich nehm's ihm nicht mal übel, ich kann's verstehen: meine zwitterig wirkende Erscheinung hat ihn halt verwirrt. In den allermeisten Fällen geschieht sowas nicht böswillig, sondern nur als Ausdruck von Verunsicherung und Hilflosigkeit: in irgendeiner Form - man will ja nicht unhöflich sein - muss man so jemanden nun mal ansprechen...Hotte hat geschrieben: Do 18. Jul 2024, 01:41 (...) Es passiert immer wieder mal, dass ich als "Frau" angesprochen werde. (Zuletzt am Montagfrüh in einem Chat in einer neuen App.) Es reißt mir jedes Mal den Boden unter den Füßen weg. Am Montag habe ich fünf Stunden gebraucht, bis ich angezogen war und einkaufen gehen konnte.
Dass Dir solch eine souveräne Selbstsicherheit noch fehlt, ist keine Kritik, sondern eine zwangsläufige Folge Deiner Lebenssituation. Auch wenn die Voraussetzungen dafür heute ungleich besser sind als in früheren Jahrzehnten, dauert es doch immer noch viele Jahre, da hin zu kommen. Man kriegt das nicht geschenkt, man muss lange und hart daran arbeiten. Die Meisten aus meiner Generation haben das überhaupt nie geschafft.
Gerade mit Blick auf die AfD kann ich Dich - und Andere, die das aktuell ebenfalls ansprachen - beruhigen: ich war vor der Corona-Krise etliche Jahre (2015-2020) aktives Mitglied der AfD. Zwar vom offiziellen Auftritt her damals noch in der männlichen Rolle, aber als bekennende Transsexuelle habe ich mich dort - neben meinem zahnärztlichen Beruf - explizit mit dieser Thematik eingebracht, Vorträge gehalten, diskutiert, Anträge gestellt. Ausgerechnet dort fand ich für das Thema entschieden öfter Interesse für Gespräche und Bereitschaft zum Zuhören als in meinem gesamten, privaten wie beruflichen Umfeld! Okay - das war halt auch ein politisches Thema, insofern in einer Partei naheliegend; wie es mir damit in anderen Parteien ergangen wäre, darüber kann ich nur spekulieren. Aber angefeindet wurde ich in der AfD deswegen nie (eher schon mal als angeblicher Ärzte-Lobbyist, da gab's wirklich Vorurteile). Ich war dort jahrelang als wiederholt gewähltes Mitglied in einem Bundesgremium (Bundesfachausschuss 8/Gesundheit) tätig. Von Transen-Hass fand ich keine Spur.Hotte hat geschrieben: Do 18. Jul 2024, 01:41 Mit Blick auf die AFD und den Rechtsruck bin ich sehr viel besorgter als in den letzten Jahren. Ich habe wieder Angst vor Übergriffen. Ich habe sogar schon darüber nachgedacht, ob und wohin ich das Land verlassen könnte, wenn es schlimmer wird.
Echten Ressentiments und sogar (zum Glück immer noch selten) offenem Hass gegen Transgender begegne ich dagegen in den letzten Jahren zunehmend im politischen "Publikum": z. B. in den - als große Ausnahme noch unzensierten und deshalb gerade auch von deutschen und österreichischen "Rechten" viel frequentierten - Kommentarspalten der Schweizer "Weltwoche". Dort kann man immer noch unmittelbar und weitgehend ungefiltert lesen, was angeblich "Rechte" schreiben, und vor allem, wie sie zu einzelnen Aussagen (per Like-/Dislike-Button) stehen. Sonst filtern unsere Medien das ja systematisch aus; man kriegt stattdessen fast nur noch präsentiert, was Linke über Rechte erzählen... - Was ich dort über unsere Thematik lese (bzw. auch die Reaktionen, wenn ich in eigenen Kommentaren dagegenhalte), bereitet auch mir in letzter Zeit zunehmend Sorge. Aus dem jeweiligen Kontext entnehme ich dann allerdings meistens, dass das nicht auf einem "Rechtsruck" beruht, eher im Gegenteil: man zeigt sich zunehmend genervt von der als arrogant bevormundend und krass inkompetent agierend empfundenen Politik der Ampelkoalition - in vielen Politikfeldern, nicht nur in Sachen "Gender". Und weil Transgender derzeit vorwiegend in der Ampelpolitik öffentlich in Erscheinung treten, wirft man uns dann auch pauschal mit dieser Politik in denselben Topf.
Bitte, bitte: nehmt Letzteres jetzt einfach mal als Randbemerkung aus meiner persönlichen Erfahrung, als meine 10 Pfennig zu Euren diesbezüglichen Äußerungen zur Kenntnis, und gut isses. Ich fände es sehr schade, wenn das spannende Thema, das Vicky-Rose hier dankenswerterweise aufgemacht hat, wieder mal in einem wüsten Polit-Kampf "gegen Rechts" verpuffen würde. Sowas gehört einfach nicht hier her.