Ich habe sehr lange die Bürde mit mir herumgetragen, zu wissen, dass ich ein anderer Mensch bin als der, den die Leute wahrnehmen. Ich habe das aus Liebe getan. Das hat dazu geführt, dass ich mich über die Jahre Stück für Stück selbst zerstört habe. Ich habe versucht, meine Seele mit Essen und Konsum zu betäuben, denn auch in mir war eine Schwere und gleichzeitig eine große Leere. Irgendwann begann ich mich zu fragen, wozu ich eigentlich da bin. Also habe ich versucht, mir durch Essen und Konsum kurze Glücksmomente zu verschaffen, um weitermachen zu können. Dabei habe ich meine körperliche Gesundheit Stück für Stück zerstört.
Es ist schwer zu beschreiben, wie es vor der Transition und vor dem HET war. Aber es gibt definitiv einige Dinge, die sich für mich durch Transition und die anschließende HET verändert haben. Als ich damals in den Spiegel schaute, fühlte ich einen sehr starken Hass auf den Mann, den ich im Spiegel sah, ich wollte ihn packen und blutig schlagen für das, was er mir angetan hatte. Ich hasste ihn so sehr. Diese Erinnerung schmerzt mich noch heute.
Meine Emotionen fühlten sich ohne HET völlig unvollständig und vor allem fremd an. Die Emotionen, die ich als erstrebenswert empfand, waren zwar in Ansätzen da, aber irgendwie nur in Ansätzen, irgendwie einfach unterentwickelt. Dafür waren die Emotionen da, die ich nicht für wünschenswert halte. Hass, Wut und andere negative Gefühle. Mein Sexualleben war schwierig, weil ich immer das Gefühl hatte, dass es irgendwie falsch ist. Es war, wie meine Gefühle, nicht meins. Es ist schwer zu beschreiben. Sagen wir es so: Ein Orgasmus war körperlich sehr angenehm, aber einfach total unbefriedigend.
Jetzt bin ich seit viereinhalb Jahren in der Transition, seit fast 34 Monaten in der HET und vieles hat sich verändert.
Ich mag die Person, die ich im Spiegel sehe. Ich mag diese Person sogar sehr. Ich nehme sie oft als weiblich wahr. Mein Gefühlsleben ist so, wie ich es mir immer gewünscht habe. Es fühlt sich fantastisch an. Ich weiß nicht, ob ich es beschreiben kann, aber die Emotionen fühlen sich einfach richtig an. Ich fühle jetzt oft einen inneren Frieden. Mein sexuelles Erleben hat sich verändert. Es ist jetzt auch emotional befriedigend. Ich frage mich viel weniger, wer ich bin, denn das spielt für mich keine so große Rolle mehr, weil ich endlich MEIN Leben lebe und nicht das Leben eines anderen. Es fällt mir schwer zu sagen, dass ich zu 100 % eine Frau bin, weil es sich anfühlt, als würde ich mir etwas nehmen, was mir nicht gehört, aber ich zähle mich definitiv zu den Frauen. Ja, ich weiß, das ist ein bisschen verwirrend, aber so kennt ihr mich. Aber ich nehme es sehr gerne an, vor allem von Frauen, wenn man mir sagt, dass ich eine Frau bin.
Außerdem habe ich mich seit der HET sehr entwickelt und verändert. Und die Veränderungen gehen weiter.
Wie ich schon in einem anderen Thread geschrieben habe, hat sich mein Gesundheitszustand seitdem massiv verbessert. Sowohl psychisch als auch physisch. Mein Diabetes Typ 2 ist mittlerweile mehr oder weniger "ausgeheilt" Ich nehme zwar immer noch Medikamente, aber die Zuckerwerte sind in einem absolut gesunden Bereich und das schon seit fast drei Jahren. Mein Blutdruck ist seitdem niedriger geworden, ich konnte die Medikamente reduzieren.
Bei der Arbeit wird mir oft gesagt, dass ich strahle, während die Leute in meinem früheren Leben Angst hatten, mich anzusprechen. Mir geht es psychisch so gut wie seit mindestens 10-15 Jahren nicht mehr.
Ich bin ehrlich, ich habe Angst vor der Operation und das ist neben meinem Übergewicht das, was mich im Moment von der Entscheidung abhält. Wenn ich wüsste, dass alles gut geht, hätte ich mich schon längst für die Operation entschieden. Auf der anderen Seite kann niemand außer mir und eventuell meiner Liebsten sehen, was ich da unten habe und vor allem interessiert es niemanden. Und doch, neben einigen verbliebenen männlichen Eigenschaften, behindert mich das bei vielen Dingen. Ich möchte so gerne ins Schwimmbad gehen, aber ich kann nicht. Ich möchte mich niemandem so präsentieren, weil mein Körper leider nicht dem entspricht, wie ich mich sehe oder sehen möchte.
Das heißt natürlich nicht, dass die Operation und die HET für jede Transfrau ein absolutes Muss ist. Auf keinen Fall. Ich sehe es so wie Aria, sowohl die HET als auch die GAOP sind ultima ratio und wenn jemand auch ohne beides gut zurechtkommt, dann freut mich das sehr. Die beiden allein machen niemanden zur Frau. Im Umkehrschluss, eine Frau kann in meinen Augen auch eine Person sein die sich weder in der HET befindet, noch operiert wurde.
Ich denke wichtig ist es an dieser Stelle sich Zeit zu lassen und wirklich herauszufinden was man benötigt um zu sich selbst zu finden. Ich fand das Forum und meine lange Therapie dazu sehr hilfreich. Auch fand ich es sehr hilfreich jeden meiner Schritte zu hinterfragen und nicht von einem Ding zum nächsten zu eilen und sich zu versprechen, dass alles gut wird, wenn ich am Ende des Weges angekommen bin. Zu oft habe ich von Transfrauen gelesen die alle möglichen Eingriffe haben vornehmen lassen und am Ende nur noch enttäuscht waren, weil sich für sie nicht genug verändert hat.
So, aber jetzt habe ich Euch genug mit meinem blabla gelangweilt,.
P.S. in der Zeit, in der ich meine Wall of Text verfasst habe, hat Jaddy es mal wieder so wunderbar niedergeschrieben. Ja, mein Gehirn läuft endlich mit dem richtigen Treibstoff.
Jaddy hat geschrieben: So 25. Feb 2024, 12:35
Ich hatte einmal ein Gespräch mit mehren Menschen, trans männlich, trans weiblich, nicht-binär, über HET. Wir alle kamen überein, dass ganz unabhängig auf was wir umgestellt haben, es sich anfühlte, als ob das Gehirn "endlich mit dem richtigen Treibstoff läuft".
P.P.S Kleine Korrektur. Frau sollte rechnen können. Anfang Mai werden es 4 Jahre HET, also sind es mehr als 45 Monate und nicht wie angegenen 34 Monate...tztztz. Ich glaube ich brauche Nachhilfe in Mathe. Gott sei Dank hatte Miri Mathe auf Lehramt gelernt...
LG
Patricia