Liebe Selina,
zunächst einmal herzlich willkommen im Forum!
Selina99 hat geschrieben: Fr 16. Jun 2023, 16:12
Ob ich mit einem Leben in meiner männlichen Rolle wirklich dauerhaft zurecht komme weiß ich nicht
Auch und gerade wenn uns die Rollenklischees quälen, lohnt es doch, sich einmal etwas eingehender damit zu beschäftigen:
Was verstehst du unter "männlicher Rolle" und was schreckt dich daran so ab? Was verstehst du unter "weiblicher Rolle" und was findest du daran so verlockend?
In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich in den Rollenbildern vieles entwickelt und es wurden eine Menge alte Zöpfe abgeschnitten, die zugegebenermaßen noch immer wie Phantomschmerzen durch unsere Köpfe geistern.
Ich bringe meine Frau und mich hier gerne als Beispiel ein: Wir sind beide berufstätig, habe beide einen akademischen Grad (wobei sie mir den Doktortitel voraus hat), tragen zu gleichen Teilen zum Familieneinkommen bei, haben beide unser eigenes Konto und unser eigenes Auto (wobei ihres stärker und schneller ist), kümmern uns beide um den Haushalt, wobei ich zugegebenermaßen meistens abwasche und sie meistens abtrocknet. Ich kann keinen Unterschied in der Rollenverteilung erkennen.
Mit Sicherheit gibt es auch andere Beziehungen, aber es ist gesellschaftlich mittlerweile anerkannt und normal wenn ein Vater das Kind wickelt, füttert, zum Kindergarten bringt, Elternzeit nimmt. Männer gehen in Pflegeberufe und soziale Studiengänge, Frauen gehen in Handwerksberufe und technische Studiengänge. Die Mehrheitsgesellschaft hat von der klassischen Rollenverteilung (Stand 1970) die insbesondere hier im Forum noch durch viele Köpfe geistert längst Abschied genommen.
Selina99 hat geschrieben: Sa 17. Jun 2023, 19:57
Hätte ich allerdings die freie Auswahl würde ich auf jeden Fall so leben, wie ich mich selbst sehe: Als Frau.
"Als Frau leben" hier im Forum ein oft geschriebener Wunsch. Aber was soll das eigentlich bedeuten? Jeden Morgen gründlich rasieren, schminken, (Perücke) frisieren und in Kleidung aus der Damenabteilung zur Arbeit gehen? Das große schwarze gegen ein kleines rotes Auto tauschen? Caffè Latte statt Espresso? - Mir fallen offengestanden keine wirklichen Unterschiede zwischen dem Leben als Frau und dem Leben als Mann ein.
Das einzige, was noch einen nennenswerten Unterschied macht ist die Bekleidung, was sollten wir als Crossdresser sonst auch machen.
Ich fürchte, dass ein "Leben als Frau" im Zweifel daran scheitert, dass es weder Referenzpunkte noch Messgrößen gibt.
Langer Rede kurzer Sinn: Versuche bitte dich nicht in die überkommenen Weltbilder älterer Generationen einzuordnen. Weder in überholte Mann/ Frau - Rollenklischees, noch in Trans- Klischees die darauf mehr oder weniger direkt aufbauen, sondern versuche dir eine eigene Weltanschauung zu entwickeln.
Probier alles aus, was dich in deiner eigenen persönlichen Entwicklung weiterbringen könnte, nur nimm Abstand von Dingen, die sich nicht wieder rückgängig machen lassen.
Liebe Grüße
Helga