MEINE GARDEROBE (Juli 2020 bis "¦)
Um es gleich vorweg zu nehmen, die "Spezialoperation Garderobe" ist umgehend in Aktion getreten und wird wohl nie ein Ende finden. Aber das soll ja auch so sein, neue Entdeckungen, neue Modetrends, usw. geben immer wieder Anlass uns ständig dieser wundervollen Passion von schönen Kleidern hinzugeben. Ihr versteht mich.
Zu besagter Zeit hatte ich nicht besonders viel, nur einfache Männerklamotten, wie zB. schwarze Cargo-Hosen, T-Shirts und Kapuzenpullis, alles in schwarz, grau oder auch dunkelblau, zwei abgehalfterte Army-Mäntel, gleiche Farbe. Schuhwerk ganz ähnlich. Und eine Garnitur besserer Kleider, für besondere Anlässe. Mit diesem Minimum ausgerüstet habe ich mich viele Jahre durchs Leben geschlagen, legte keinen Wert auf mein Outfit, schämte mich dafür gut auszusehen. Es wurde gar behauptet, ich sähe manchmal etwas verwahrlost aus. Und das war mir völlig egal. Zwar legte ich Wert auf Hygiene, doch in Kleidung bin ich schon ziemlich desillusioniert durch die Welt gelaufen. Und fast immer ganz in schwarz, so wie ich innerlich wohl auch ausgesehen habe. Ich fühlte mich nicht wohl, ein Kleiderwechsel allein hätte niemals gereicht, was ich brauchte, war ein völliger Wandel meines Lebens. Ein unumkehrbares Abstreifen meiner Haut! Jahrelang aufgestauter Frust und Verzweiflung haben mich zu dem gemacht, was ich war und sah eben auch so aus: Ein frustriertes A********! Doch mein längst überfälliges Outcoming war auch in dieser Hinsicht der positive Triggerpunkt meines Lebens.
Sofort habe ich begonnen einiges Zeug auszurangieren, ging erstmals mit der richtigen Einstellung zum Konfektionshaus und besorgte mir, immer noch in der Herrenabteilung, schönere und farbenfrohe Klamotten, doch einen kleinen Umweg durch die Damenabteilung musste dann doch sein. Eine Leggings, Bluse, pinkfarbenes Shirt sowie einiges an Wäsche erfreuten sich der Ehre in Zukunft meinen Körper zu beschönigen. Zwar schämte ich mich noch ein bisschen, hetzte mit gesenktem Kopf umher, aber das sollte sich bald legen. So hat mir meine Frau auch einiges aus ihrem Repertoire überlassen, obgleich es nicht passte. Da ich anfangs damit eh noch nicht hinausging, war dieses Detail nicht weiter tragisch. Erste Ausgänge ganz "en femme", so weit war ich trotz meines frisch gewonnenen Selbstvertrauens nun doch noch nicht.
Einmal bin ich einer Bekannten über den Weg gelaufen, ich trug immer noch Herrenklamotten, aber es ist schicker und bunter geworden. Die Bekannte sah mich etwas komisch an, fragte dann:
"Alles in Ordnung bei dir?"
"Ja, warum?"
"Na, du schaust viel besser aus als sonst!"
Das war mal ein tolles Kompliment, ich empfand aufrichtige Freude dabei, wusste dass ich nun endlich auf dem richtigen Dampfer sass. Und ich beschloss, ein für allemal mit der männlichen Garderobe aufzuräumen, jedoch langsam und schubweise, wollte meinem direkten Umfeld (Frau und Familie) es ermöglichen, Schritt zu halten. Ausgerüstet mit einer Liste aus einem Katalog begab ich mich zu einem großen Konfektionshaus (der Name war irgendwas mit 'nem Greifvogel"¦), präsentierte mich bei einer Verkäuferin und zeigte ihr die Liste mit all den gewünschten Damenartikeln. Sie schaute mich fragend an, es gab wohl Erklärungsbedarf. Ich sagte ihr einfach die Wahrheit, dass ich transgender sei, und der Austausch meiner Garderobe sei ein wichtiger Schritt. Schlagartig war ihr alles klar, ich wurde sehr freundlich und zuvorkommend behandelt. Eine Erfahrung, die ich immer wieder gemacht habe, offen und ehrlich, mit dieser Einstellung bin ich ganz schnell ganz weit gekommen (hab ich jetzt notiert, denn auch das wird einen kleinen Beitrag wert sein). Zu Anfang erstand ich hauptsächlich Damenhosen, Blusen, Shirts, gaaanz viele Strumpfhosen, Wäsche, sowie einige Röcke und Kleider. Die junge Dame, die mich bedient hat, habe ich danach öfters wieder gesehen, immer offen für einen netten Plausch.
Während den kommenden Monaten bin ich immer selbstsicherer geworden, habe die Herrenabteilung bald gemieden wie der Teufel das Weihwasser, denn ab einem bestimmten Moment habe ich mich zu sehr dafür geschämt, in der Herrenabteilung umher zu scharwenzeln. Und ich wusste: Nie wieder würde ich maskulines Zeug tragen, dies wäre mein sofortiger Untergang. Und das wurde nun auch meinem heimischen Kleiderschrank zum Verhängnis, es wurde ausgemistet. Ab in die Tonne mit dem alten Zeug! Und nur noch Damenkleider tragen, aber wie gesagt, schrittweise. Das hieß, zu Anfang unauffällig dezent mit Hosen, Blusen, usw. Dennoch hat es einigen gedämmert, gerade im Berufsleben ist allmählich Lunte gerochen worden. "Der kleidet sich ja wie ein Mädchen" wurde mal behauptet, doch ich hab's als Kompliment aufgefasst. Und mit zunehmender Freude konnte ich feststellen, dass ich ab nun in der Öffentlichkeit gelegentlich mit "Frau" oder "meine Dame" angeredet wurde, das war die schönste Musik in meinen Ohren und Balsam auf mein völlig überstrapaziertes und geschundenes Nervenkostüm. Mit meiner Garderobe ging es stetig bergauf, seit langer Zeit besitze ich kein einziges männliches Teil mehr, und es war eine einzige Wonne, diese Altlasten aus meinem früheren Leben zu entsorgen.
Nun brauche ich ja nicht aufzuzählen, was ich inzwischen alles in Klamotten investiert habe, doch der bisherige Gesamtbetrag bewegt sich im oberen, vierstelligen Bereich. Gerade eine beträchtliche Menge an Fehlkäufen hat diesen Betrag zusätzlich nach oben getrieben. Ich habe damals so ziemlich alles gekauft, was ich in meiner Größe finden konnte, mir über Stil und Geschmack herzlich wenig Gedanken gemacht, hauptsache feminin. Doch zur Anfangszeit scheinen Fehlkäufe offenbar zum Alltag zu gehören, irgendwie Nachholbedarf, und ich nehme an, viele von euch haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Erst nach einer gewissen "Einstiegszeit" und auch mit hilfe von vielen Ratschlägen meiner Frau habe ich allmählich gelernt welcher Kleidungsstil zu mir passen könnte. Und diese Lern- und Experimentierphase dauert auch heute immer noch an.
Das Foto zeigt die letzten Relikte aus einem längst vergangenen Leben, bloss weg damit!
Annette CS
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