Liebe Mary,
Mary hat geschrieben: Di 1. Feb 2022, 21:16
Natürlich steht jedem eine Intimsphäre zu. Mir würde es nie einfallen in den Privatsachen meines Mannes herumzuschnüffeln. Ich schaue auch nicht in seine privaten Accounts oder in sein Tablet, obwohl ich mir das Passwort vorstellen kann. Darum geht es nicht. Aber was bitte geht in jemandem vor, der meint er müsse, könne, dürfe Bewegungsmelder und Schlösser anbringen, um seine Frau beim vermeintlichen schnüffeln zu ertappen oder von selbigem abzuhalten.
Ja eben: was geht da in ihm vor? Offenbar
befürchtet er doch, dass Elfe ihm da nachspioniert. Mag ja sein, dass er da ganz zu Unrecht bloß paranoisch agiert. Mag umgekehrt auch sein, dass er mit Elfe tatsächlich schon solche Erfahrungen gemacht hat; wir wissen das nicht. Aber egal ob so oder andersrum: er fürchtet jedenfalls, dass Elfe ihm über die Grenzen latscht, sobald er dem nicht den Riegel vorschiebt. Und Du glaubst, Elfe könnte diese seine Bedenken nun ausgerechnet dadurch zerstreuen, dass sie verlangt, er solle seine Schubladen gefälligst für sie öffnen - damit sie dann
angeblich trotzdem nicht hineinguckt? Ist das jetzt wirklich Dein Ernst? Wozu soll er sie denn dann aufmachen, wenn sie doch eh nicht reinguckt?
Vertrauen funktioniert nun mal nur auf Gegenseitigkeit: wenn er ihrer Diskretion und ihrem Respekt vor seiner Privatsphäre vertraut, braucht er nichts vor ihr abzusperren - soweit richtig. Wenn aber sie ihm ebenfalls vertraut, dass er nichts fundamental Zerstörerisches vor ihr versteckt, dann kann es ihr doch auch egal sein, ob er Schubladen zusperrt, in die sie sowieso nicht reingucken würde. Da muß ja nicht notwendigerweise gleich Ehebruch oder Schlimmeres dahinterstecken; es reicht schon, dass er sich halt für das eine oder andere ein bisserl vor ihr geniert und es deshalb lieber für sich behalten möchte. Gerade bei uns Crossdressern ergeben sich geradezu zwangsläufig solche Bereiche...
Wenn sich eine solche Situation so zuspitzt wie in Elfes Fall, dann fehlt es auf BEIDEN Seiten an Vertrauen. Das fehlende, gegenseitige Vertrauen kann man ganz sicher nicht dadurch herstellen, dass man einseitig vom Partner Vertrauen
einfordert. Vertrauen kann man nicht einfordern, man muß es sich verdienen; man muß damit sogar bis zu einem gewissen Grad selber in Vorleistung gehen, in der Hoffnung, dass der Partner dann mitzieht. Einen Waffenstillstand in einem Krieg erreicht man ja auch nicht, indem man auf den Gegner schießt - sondern nur dadurch, dass man die Waffe in Gottes Namen mal (glaubhaft angekündigt)
weglegt und darauf
vertraut, dass der Gegner das dann im wohlverstandenen, eigenen Interesse ebenfalls tun wird - was einem freilich niemand garantieren kann, das Risiko muß man eingehen. Tut man das nicht, dann geht das Schlachten in jedem Fall weiter.
Ich spreche da übrigens aus Erfahrung: Jahrzehnte vor meiner jetzigen, glücklichen Ehe hatte ich 5 Jahre lang eine erste, sehr unglückliche Ehe mit einer pathologisch eifersüchtigen Frau, die mir in ihrer krankhaften Verlustangst permanent bis in die allerletzten Winkel hinterherspionierte und mir dabei massivst verletzend über wirklich ALLE Grenzen latschte, bis hin zu ärztlich behandlungsbedürftiger Körperverletzung. Da konnte ich machen, was ich wollte (und ich habe wirklich ALLES versucht): die konnte einfach von sich heraus nicht vertrauen, kein Stück, keinen Millimeter, sie unterstellte mir (wie allen Anderen auch) grundsätzlich das Schlechtestmögliche (und oft genug auch noch das Unmögliche) als angebliche Tatsache. Ich konnte am Ende nur resignierend die Lehre daraus ziehen, dass ein erträgliches Zusammenleben mit einem solchen Menschen schlicht nicht möglich ist.
Selber dem Partner zu vertrauen ist eine notwendige, aber leider nicht allein hinreichende Voraussetzung für eine funktionierende Partnerschaft: dazu müssen
beide Partner vertrauen. Wobei ich jetzt ausdrücklich offenlasse, ob es Elfe oder ihr Partner ist, der da die größeren Schwierigkeiten hat - woher sollte ich das auch wissen? Fest steht für mich aber: wenn Elfe da was bewegen und gegenseitiges (!) Vertrauen aufbauen will, muß sie - und kann sie auch nur - bei sich selber anfangen. Das garantiert leider noch keinen Erfolg; es kann durchaus sein, dass ihr Partner nicht willens oder gar nicht in der Lage ist, diesen Weg dann auch mit ihr zu gehen. Tut sie es aber nicht, dann wird garantiert
nichts daraus.