Seite 2 von 4

an(ge)kommen ... im System ...

Verfasst: Sa 7. Nov 2020, 07:01
von VanessaB
Hallo Ihr Lieben,

ich fahre Sonntag nach Hamburg. Eine Dienstreise. Und zwar eine Reise in meinem Dienst - für mich - für meine Zukunft - für mein Sein.
Ich habe ein Jobangebot, das mir ermöglichen könnte, hier meine Zelte abzubrechen und dort aufzuschlagen. Beruflich passt das wie aufs Auge (sagt man doch so schön) und auch menschlich hatte ich im Online-Bewerbungsgespräch ein extrem gutes Gefühl. Eigentlich war im Gespräch ja schon alles klar: die wollen mich.

Jetzt sitze ich hier und spüre, dass es eben doch nicht so leicht ist zu gehen. Wieder Veränderung?! Müsste ich nicht schon aus Dankbarkeit hier bleiben? Und was für Probleme werden mich dort erwarten? Außerdem werde ich dort weniger verdienen - ist das die Freiheit wert, näher am Meer zu sein?

Ich merke wieder, das Loslassen und in sich spüren nicht einfach ist. Es ist wie ein Déja-vu - hatte ich das nicht vor 2 1/2 Jahren schon einmal ... aus anderen Gründen. Waren das damals nicht im Grunde gleiche Sorge und Ängste? Oder besser die gleichen Mechanismen? Der bevorstehende Einschnitt ist vielleicht nicht so tiefgreifend, aber doch eine persönliche Veränderung mit ungewissem Ausgang ... wie damals. Aber so funktioniert das Leben, oder nicht?

Während ich das schreibe, kommt wieder das klare JA zum Orts- und Arbeitswechsel. Die Bedenken sind nachvollziehbar, aber im Grunde nicht begründet. ... Ich schweife ab ....

Ich habe an anderer Stelle schon geschrieben, dass ich die Transition mittlerweile als "einfache" Persönlichkeitsentwicklung ansehe und ihr damit auch eine gewisse Besonderheit abspreche - denn jeder Mensch befindet sich damit im Transitions- / Entwicklungsprozess. Sicher immer aus unterschiedlichen Gründen angestoßen, aber den gleichen Regeln und Abläufen folgend. Dieser Prozess ist auch nicht eindimensional, sondern durchdringt viele Ebenen unseres Seins und wenn ich auf einer Ebene angestoßen werde, wird auf einer anderen Ebene bereits eine weitere Prozess angeregt. Ich nenn das Ganze auch Bewegung oder vielleicht noch klarer: LEBEN. Wir stehen in Verbindung mit den Dingen und den Wesen um uns herum. Wenn wir uns in einer Menschenmenge nach vorne bewegen, stoßen wir andere an. Reden wir mit jemanden, beeinflussen wir sein Zeit und seine Gedanken in diesem Moment. Wir können uns also gar nicht entziehen und uns distanzieren, weil wir Teil des ganzen sind. Insofern können wir auch gar nicht ankommen im System, wir sind einfach ein Teil davon - ob wir wollen oder nicht.

Ich musste mich neulich mit dem Begriff "VERTRAUEN" auseinandersetzen, weil ich gefragt wurde, wo dieses Bedürfnis in mir wohnt und wie es sich bemerkbar macht. Schon bei dem Begriff Bedürfnis bin ich ins wanken gekommen und habe mich gefragt, ob Vertrauen wirklich ein/mein Bedürfnis ist. Vorab: Ja ist es.
Nachdem ich eine weile darauf herumgedacht hatte, kam ich zu dem Schluss, dass für mich Vertrauen auf drei Ebenen existiert:
- Ur-vertrauen oder auch Gott-vertrauen
- Selbst-vertrauen
- Vertrauen in meine Umgebung, um sich etwas zu trauen

Und diese sind in meiner Gedankenwelt hierarchisch aufeinander aufgebaut. Ich kann kein Vertrauen zu anderen aufbauen, wenn ich mir selbst nicht vertraue. Und mein Selbstvertrauen ist wohl wenig stabil, wenn ich permanent das Gefühl habe, dass das Leben mir nur Knüppel zwischen die Beine wirft.

Ich bin nicht religiös oder besonders esoterisch veranlagt, aber der tantrische Rahmen hat mir das Gefühl für Urvertrauen näher gebracht. Nämlich, dass ich, wie ich bin, ein Teil des Ganzen bin. Ich habe mittlerweile das Vertrauen in eine höhere Macht (Gott, Schicksal, Natur, wie Ihr das für Euch nennen wollt), die mir mein Leben "bereitet" und mir Fülle gibt. Ich kann diese ebene nicht beeinflussen, aber sie annehmen, wie sie ist und nicht mit ihr permanent hadern. So hat es zum Beispiel für mich einen Sinn, das ich so bin wie ich bin. Und diese Gewissheit, genauso richtig zu sein und das es keine falschen Wege gibt, ist Basis für meine Selbstannahme, für mein Selbstvertrauen. Wesentlicher Kern hier ist es, seine Intuition von Ängsten abzugrenzen und ein gutes Gespür für sich selbst aufzubauen. Und wenn ich selbst in meiner Mitte stabil bin, kann ich auch Vertrauen in die Dinge und Menschen um mich geben, mich trauen, weil sie dann eben nicht mit (falschen) Erwartungen überfüllt ist.

Ankommen im System, egal auf welcher Ebene, hat also viel mit Vertrauen zu tun ... und damit geht auch das Wissen einher, das alles gut ist, wie es ist und alles seinen Sinn hat, egal, welchen Weg ich gehe. Ich bin immer (individueller) Teil des Ganzen. Namasté.

Alles Liebe in Liebe
Vanessa

Re: an(ge)kommen ...

Verfasst: Sa 7. Nov 2020, 10:20
von Engelchen
Liebe Vanessa,
wo nimmst du immer diese Worte her...
So schön geschrieben und auch nachvollziehbar.
Solche Worte und Beitrage lösen bei mir immer nachdenken und Verständnis aus.
Das ist es was mich dir sehr nahe gebracht hat und ich stolz bin deine Freundin sein zu dürfen. (he)
Ich bin sicher das du für dich die richtige Entscheidung triffst und es dich glücklicher werden lässt.
Ich wünsche dir alles erdenklich gute auf diesem Weg.
Ich vertraue dir und deiner weiteren Entscheidung für deinen zukünftigen Weg.
Ich hoffe diesmal die richtigen Worte gefunden zu haben um dies Auszudrücken.

In Liebe deine
Lisa

Re: an(ge)kommen ...

Verfasst: Mo 9. Nov 2020, 20:20
von VanessaB
Lisa-Weber hat geschrieben: Sa 7. Nov 2020, 10:20
Ich hoffe diesmal die richtigen Worte gefunden zu haben um dies Auszudrücken.
Es gibt keine falschen Worte Lisa ... Namasté

Alles Liebe
Vanessa

an(ge)kommen ... die Heldenreise

Verfasst: Fr 13. Nov 2020, 06:31
von VanessaB
Das Leben, mein Leben, ist ein Abenteuer und Abenteuer haben ein Muster. So zumindest, wenn man sich die Heldenreise aus der Theaterwelt anschaut.
Ich verzichte hier darauf in das Thema tiefer einzusteigen, man kann die Struktur und den Ablauf ja im Netzt nachlesen oder sich in fast jedem Film anschauen.

Das Leben hat also ein Muster - wenn man so will:
1. Wenn Du
2. ein Bedürfnis hast
3. gehst Du an einen Ort
4. suchst nach einer Lösung
5. findest sie
6. bezahlst den Preis
7. kehrst zurück
8. und veränderst etwas ...

Und da das Leben die besten Geschichten schreibt, finden wir die Theorie des Storytelling immer wieder in unserer Realität. Letztlich ist sie doch nur eine Beschreibung dieser.

Auf der Reise treffen wir auch immer wieder auf die Versuchung. Dinge, Möglichkeiten, die uns von unserer Reise ablenken und abbringen sollen/wollen. Es ist daher manchmal schwer zu sagen, ob eine Ereignis nun eine "Falle" ist oder eine "rettende Tür", die sich rechtzeitig öffnet.

Und so bin ich immer wieder nachdenklich, wenn sich Dinge in meinem Leben einfach ergeben und sich fügen. Werde ich nur mitgerissen oder ist es mein bewusster Wille diesen Weg zu gehen. Und steht dieser Weg denn noch für meinen ursprünglichen Aufbruch?

Hamburg war eine solche "Versuchung". Tolle Arbeit, nette Menschen, alles viel mir in kurzer Zeit zu und doch habe ich mich nicht entscheiden können und musste hinfahren und spüren, was genau mich da eigentlich zurückhält. Als ich dann dort war, habe ich es herausgefunden. Ich bin aufgebrochen, "weil ich das Meer sehen möchte" und obwohl Hamburg schon ziemlich im Norden liegt ... es liegt nicht am Meer. Ich dachte, dass ich mit einer Stunde fahrt ja schon in der Nähe sei und mir den guten Job sichern müsste. aber deswegen bin ich ja nicht losgegangen. Also habe ich das Angebot abgelehnt und bin nach Hause gefahren. Gestern habe ich noch einmal mit der zauberhaften Frau aus der Personalabteilung telefoniert und es ihr erklärt. 15 Minuten später bekam ich eine Mail mit einer Einladung zum Vorstellungsgespräch nach Kiel. Das liegt mehr am Meer ...

Wir alle sind Helden in unserer Heldenreise ... und es ist manchmal gut zu wissen, in welchen Mustern wir uns bewegen.

Namasté

Vanessa

Re: an(ge)kommen ... die Heldenreise

Verfasst: Fr 13. Nov 2020, 17:48
von Aria
VanessaB hat geschrieben: Fr 13. Nov 2020, 06:31 Hamburg war eine solche "Versuchung". Tolle Arbeit, nette Menschen, alles viel mir in kurzer Zeit zu und doch habe ich mich nicht entscheiden können und musste hinfahren und spüren, was genau mich da eigentlich zurückhält. Als ich dann dort war, habe ich es herausgefunden. Ich bin aufgebrochen, "weil ich das Meer sehen möchte" und obwohl Hamburg schon ziemlich im Norden liegt ... es liegt nicht am Meer. Ich dachte, dass ich mit einer Stunde fahrt ja schon in der Nähe sei und mir den guten Job sichern müsste. aber deswegen bin ich ja nicht losgegangen. Also habe ich das Angebot abgelehnt und bin nach Hause gefahren. Gestern habe ich noch einmal mit der zauberhaften Frau aus der Personalabteilung telefoniert und es ihr erklärt. 15 Minuten später bekam ich eine Mail mit einer Einladung zum Vorstellungsgespräch nach Kiel. Das liegt mehr am Meer ...
Als ich den Abschnitt gelesen habe musste ich in mich hinein lachen. Dieses handeln erinnert mich nämlich extrem an mich. Komischerweise begehe ich - seit meiner Transition - so ziemlich alle Entscheidungen nach diesem Muster:

Hast du Sehnsüchte?
Ja.
Kannst du die dir irgendwie erfüllen?
Ja.
Müsstest du ein Risiko dafür eingehen?
Ja.
Dann mach es!

Mir fällt es viel einfacher Entscheidungen zu treffen die für aussenstehende für Kopfschütteln sorgen, weil die rational eingestellt sind. Ich folgte nur noch meinem Herz, ganz egal was andere darüber denken.

an(ge)kommen ... das Aufräumen

Verfasst: Fr 13. Nov 2020, 20:22
von VanessaB
Auf so einer Reise sammelt sich allerlei an, was einem sooo wichtig war und man am Ende dann doch gar nicht braucht ...

Und so öffne ich meine Schränke und Schubladen und sortiere Dinge lächelnd und manchmal auch kopfschüttelnd aus ...

Einiges versuche ich unter die Leute zu bringen, anderes werfe ich gleich weg ...

... ich Räumen in meinem Leben auf ... aber manches bleibt ...

Alles Liebe
Vanessa

an(ge)kommen ... der Tod ist das Ende ...

Verfasst: Mo 16. Nov 2020, 20:23
von VanessaB
Ich bin gerade sehr bewegt von einem Abschiedsbrief hier im Forum.
So viel Leidenschaft, Liebe und Zuneigung für Dinge und andere Menschen ... nur nicht für sich selbst ...
Und auch ich kenne diese, aber dann doch meine ganz eigenen, tiefen Gefühle ... und Zerwürfnisse ...
Was ist der Weg? Wo ist das Ziel?
Meine Antwort: Ich bin die Antwort auf alle Fragen!

Ich habe gelernt mich selbst zu akzeptieren, mich selbst zu lieben und mich selbst zu brauchen. Sehnsucht, Hoffnung, Liebe sind in mir. Ich öffne gerne mein Herz (nicht jedem) und lass andere teilhaben, aber ich gebe kein Stück mehr von mir her. Namasté.

https://soundcloud.com/user-416884369/ankommen

Alles Liebe in Liebe
Vanessa

Re: an(ge)kommen ...

Verfasst: Mo 16. Nov 2020, 20:47
von Engelchen
Liebe Vanessa,

danke für deine so schönen und lieben Worte.
Ich bete zu Gott das Céline dies noch lesen wird.

Lisa

an(ge)kommen ...

Verfasst: Sa 21. Nov 2020, 05:04
von VanessaB
"Heute und jeden Tag gebe ich das, was ich empfangen möchte." Namasté


an(ge)kommen ...

Verfasst: Sa 21. Nov 2020, 05:38
von VanessaB
Eine schöne Definition des Wortes "reich" ...


Re: an(ge)kommen ...

Verfasst: Sa 21. Nov 2020, 06:56
von Frieda
VanessaB hat geschrieben: Sa 21. Nov 2020, 05:38 ...
Es ist sehr sehr schön für mich, nach längerer Zeit mal wieder an dieses Video erinnert zu werden, ich danke dir sehr dafür meine Liebe❣️
Ich finde Ihre Worte auch sehr erfüllend für mich. 🙏💖

Namaste 🙏

an(ge)kommen ... um wieder aufzubrechen

Verfasst: So 22. Nov 2020, 06:41
von VanessaB
Erneut zieht es mich in den Norden, zum Meer. Diesmal darf es mehr Meer sein und vielleicht auch mehr Gespür für den Ort als den Platz an den ich meinen Lebensbaum verpflanzen möchte.
Kiel hat mich berührt seit ich das erste mal dort war und mit JanaH vor dem Landtagsgebäude für Vielfalt Flagge zeigte. Seit ich dort das Stück Rotterdam sehen durfte https://www.theater-kiel.de/theater-im ... /rotterdam und Abends in einem kleinen OFF Kino berührende Transfilme schauen durfte. Seither ist Kiel ein Teil in meinem Leben, mit drei kleinen Ayrylbildern, die in meiner kleinen Küche hängen, nachdem ich sie einer jungen Künstlerin abgekauft hatte und einem Kleid im 50er Style ... und der Erinnerung ans Meer/ an die Kieler Bucht.
Ich kenne Kiel nicht, habe aber ein Gespür dafür und bin nun gespannt, wie sich die Dinge anfühlen, wenn ich heute Nachmittag dort sein werde.
Vor dem Bewerbungsgespräch selbst habe ich keine Bange. Ich bin so gut, wie ich bin und habe keine Not genommen werden zu müssen. Ich werde,wie meist, frei und selbstbewusst auftreten, nehme ich mal an und obwohl ich schon seit gestern überlege, was ich anziehen soll, spüre ich, dass dies eigentlich Nebensache ist. Und auch meine Transsexualität wird keine Rolle spielen, außer, das eine Frauenbeauftrage/Gleichstellungsbeauftragte (Person) anwesend sein wird. Aber das gilt wohl auch für die Schwerbehindertenvertretung.

Alles Liebe
Van

Re: an(ge)kommen ...

Verfasst: So 22. Nov 2020, 07:00
von __Anna__
Hallo Vanessa,

Da drücke ich Dir ganz fest die Daumen, dass alles so klappt wie Du es Dir wünscht. Ich habe eine sehr lange Zeit in Kiel verbracht und bin auch oft da. Kiel hat ein schönes Freizeitangebot und ist, wenn eigentlich meine innerliche Heimat. In diesem Jahr hab ich mir in der Nähe ein Grundstück gekauft und hoffe nächstes Jahr dort ein Haus bauen zu können.
Kiel ist vor allem eine sehr junge Stadt durch die Universität und Unikliniken.
Viel Erfolg bei Deinem Gespräch

Alles Liebe

Anna

Re: an(ge)kommen ...

Verfasst: So 22. Nov 2020, 12:51
von Jaddy
Woah! Wie positiv und entspannt! Supertoll. ))):s ---))) Ganz viel Erfolg und eine gute Zeit in Kiel.

Re: an(ge)kommen ...

Verfasst: So 22. Nov 2020, 14:24
von VanessaB
A66D62AA-D9BF-40F7-854B-38955DA11155.jpeg
Viel mehr braucht es gerade nicht ...

Van