Anja hat geschrieben: Di 3. Mär 2020, 15:55
Ich dachte, das gibt es garnicht? Wie oft hast du mir hier "erklärt" das man Geschlecht ja garnicht an irgend etwas festmachen könne? Und Gender, puh, das ist ja eh alles Blödsinn...
Weißt du, das es mich ebenfalls verletzt? Ich hingegen habe dir nie etwas abgesprochen, ich schrieb "Ich kann deine Non-Binäre Welt problemlos akzeptieren".
Andererseits greifst du ständig die binäre Welt an, zweifelst an der Sinnhaftigkeit von Geschlecht und Gender.
Also genau die zwei Fundamente, auf die sich hier fast sämtliche Mitglieder stützen. Wenn z.B. eine Teilzeitfrau einen Rollenwechsel vornimmt, worauf stützt sie sich dann, um das besondere Gefühl für die andere Seite zu bekommen?
OK, ich dachte, das sei klar, aber offenbar gibt es hier ein Missverständnis.
Gender. Das ist erst mal Idee/Konzept und Gefühl. Es strukturiert das eigene Verhalten und die Erwartungen an andere Personen. Aber Gender ist im wahrsten Sinne metaphysisch (Popper), weil weder beweis-, noch falsifizierbar, weder mess- noch noch überhaupt sinnvoll beschreibbar, aber mit mittelbar (durch Menschen) durchaus heftigem gesellschaftlichen Einfluss. Und da ist das Problem, weil es sich eben größtenteils unbewusst, gefühlsmässig äussert. Mit anderen Worten: Gender ist wie Religion.
So wie Religionen sind Gender (Plural) zugleich wahr (persönlich, emotional) und inexistent (objektiv). Wenn du von dir sagst "ich bin weiblich" oder "ich bin eine Frau", dann bist du das nach deinen eigenen Maßstäben von "weiblich" bzw. "Frau". Und mit Glück und_oder Absicht wird deine Selbstzuordnung von deiner Umgebung geteilt, bzw. orientierst du dich umgekehrt an deren Maßstäben der gleichen Begriffe, weil du damit ein bestimmtes Verhalten dir gegenüber erreichen willst. Falls deine Umgebung nicht mitspielt, gibt es keine objektiven Beweismethoden und keine Erzwingung. Nur unterschiedliche Definitionen der gleichen Wörter.
Der größte Blödsinn wäre nun, irgendeine Definition von "weiblich" oder "Frau" als wahrer anzunehmen, als eine andere. Genauso unsinnig, wie sich darüber zu streiten, welcher unsichtbare Freund der bessere ist, oder ob zwei Leute den gleichen haben, wenn sie das behaupten.
Wir können uns auf Schnittmengen-Definitionen einigen, die aber immer nur für die teilnehmenden Personen zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Kontext - Raum, Kultur - gelten. Weil die durchschnittlichen bzw meinungsführenden Assoziationen zu einem bestimmten Gender - "was Frau/Mann tut/darf/nicht sollte" - sich in Zeit, Raum und sozialer Umgebung ändern.
Deshalb existiert Gender zwar in jedem einzelnen Kopf als Konzept und Gefühl, aber jedes ist etwas anders. Irgendwie zwei allgemeingültige, verbindliche Kataloge aufzustellen und dann ein für alle Mal zum Kanon der beiden binären Gender zu erklären, wäre deshalb eine höchst unsinnige Idee.
Trotzdem sollten Menschen, die es irgendwie brauchen, sich Gender(n) oder Religion(en) zuordnen und darin wohlfühlen. In unserer freiheitlich-pluralistischen Gesellschaft verbietet es sich allerdings, anderen ihr Gender - oder Religion - abzusprechen oder zu kritisieren. 1 kann es zur Kenntnis nehmen oder maximal feststellen, dass es nicht mit dem eigenen Verständnis übereinstimmt. Letzteres behält 1 dann am besten für sich. Und es verbietet sich, andere entgegen ihres selbstbestimmten Genders - oder Religion - zu behandeln.
Zusammengefasst: Obwohl Gender nicht existieren, haben fast alle Menschen eines - und ein Konzept von anderen. Diese Ambiguität müssen wir aushalten, deshalb die Links zu Beginn des Threads.
Wenn ich sage "ich bin nicht-binär" heisst das, dass die beiden gängigen Gender, so wie sie von meiner Umgebung definiert, gelebt und auf andere projiziert werden, für mich nicht als Selbstbeschreibung passen. Ich habe einfach kein Gefühl "als Mann" oder "als Frau". Ich habe auch kein Gefühl "als Christ"¢in" oder "als Hindu". Ich möchte von anderen weder ständig als "Mann" behandelt werden, noch als "Frau" oder "Christ"¢in" oder "Hindu". Leider ist meine Umgebung darauf gedrillt, auf bestimmte Signale hin genau eine der beiden Standardschubladen zu aktivieren und sich fürderhin mir gegenüber aus genau und nur diesem einen zu bedienen.