Vicky_Rose hat geschrieben: Fr 21. Feb 2020, 06:46für mich wäre das auch der Traum. Aber ... letztlich braucht ein Enby-Land auch eine Beschreibung von männlich und weiblich, denn ohne diese gäbe es ja nur einen "Einheitsbrei". Ich finde es gerade schön, dass es männlich (weniger) und weiblich (mehr) konnotierte Kleidungsstücke, Verhaltensweisen etc. gibt. Das ist ja auch nicht das Problem, sondern die Bewertungen, die damit verbunden sind.
Männliche und weibliche Ausdrucksformen: ja bitte und auch ganz deutlich (Kleidung, Schminke, Verhalten, Körperformen ...). Aber alle Ausdrucksformen vorbehaltslos für alle Menschen. Das wäre doch die große Freiheit, die ich mir wünschen würde...
Das ist eine ganz großartige Beschreibung und Perspektive, und ich bin vollkommen auf Deiner Linie. Ja, das tiefer liegende Problem heisst Neophobie und daraus folgende Neo-feindlichkeit. Aber bis wir zu der Schicht kommen ist es ein weiter Weg, denke ich. Stück für Stück Annahmen und Zuschreibungen abzubauen ist meine beste Strategie bisher. Das heisst allerdings auch, dass die Welt nicht mehr so scheinbar klar strukturiert ist. Dass wir nicht stets wissen, bzw zu wissen meinen, wie Dinge sind und funktionieren. Dass wir jedes Mal wieder hingucken, verstehen und nachdenken müssen, statt in Gewohnheiten zu leben, im denken wie im handeln. Ich fürchte, dass viele Menschen damit überfordert sind(1) und damit gedanklich in einer Welt verharren, die es gar nicht (mehr) gibt(2).
Aber zurück zu unserem Thema

Ein Grundproblem sehe ich in der Sprache. Jeder Begriff aktiviert im Hirn ein komplexes, persönliches Assoziationsnetzwerk. An "Frau", "Mann", "weiblich", "männlich" hängen eben die ganzen Erwartungen und Zuschreibungen und sie haben zu allem Überfluss auch noch Vielfachbedeutungen, deren verschiedene Kontexte jedes Mal mit aktiviert werden. "Weiblich (Kleidung)" triggert auch "weiblich (Biologie)" und "weiblich (Verhaltensstereotype)", etc. Für einige Menschen scheint ohnehin die gedankliche Trennung schon unmöglich.
Du kannst keine Kleidung "weiblich" nennen, ohne den gesamten anderen Klumpatsch auch zu aktivieren. Also "weiblich, aber offen für alle" geht aktuell nicht. Das meine ich, wenn ich hier dauernd von der alldurchdringenden Genderung schreibe. Selbst Hosen sind gegendert. Sogar Jeans, das wohl am flexibelsten parametrierte Kleidungsstück aktuell (W, L, Beinform). Und damit meine ich nicht die Po / Hüftmaße.
Vielleicht wäre es ein Ansatz, statte der vermischten und vermaschten (binären) Begriffe neue, trennschärfere, nicht gegenderte zu bilden. So könnten Biologie, Präsentation und andere bisher gekoppelten Bereiche sprachlich und dann gedanklich besser getrennt werden.
Dabei sehe ich allerdings auf Anhieb zwei Probleme. Die Mehrheit wird alleine wegen der tiefsitzenden Neophobie stets die neuen mit den alten Begriffen verknüpfen ("Euro? Also ich rechne immer noch in D-Mark um") und wenn Kleidung keine, oder zumindest weniger Gendersignale sendet, was ist dann Crossdressing und was ist Passing? Dann müssten sich plötzlich sehr viele Menschen damit beschäftigen, was denn eigentlich hinter den ursprünglich so eindeutig scheinenden Begriffen "Mann" und "Frau" steckt. Spoiler: Zu vieles, aber letztlich auch wieder nichts. Diese Erkenntnis scheuen die meisten instinktiv.
---
(1) "Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben" (A.v.Humboldt)
(2) Empfehlung: "Factfulness" von Hans Rosling.
Artikel des Autors selbst in der FAZ. Das
10-Punkte-Quiz. ePub (engl) leihweise von mir.