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Re: Verroht unsere Gesellschaft?

Verfasst: Mo 18. Nov 2019, 11:15
von Joe95
Ich fürchte Egoismus ist uns allen angeboren, alles andere muss man bewusst wollen.

Für mich ist Respekt der Anfang von allem. Respekt bedeutet für mich erkennen wen oder was ich vor mir habe, allerdings ohne irgendwas zu deuten. Es geht nur um die reine Wahrnehmung.

Eine Schraube, die ich lösen möchte, muss ich als Schraube respektieren und mit dem passenden Werkzeug, was in diesem Fall ein Schraubenschlüssel oder Schraubenzieher sein dürfte, behandeln.
Einen Menschen, der vor mir steht, muss ich als Mensch respektieren und mit dem passenden Werkzeug, was in diesem Fall Sprache und Intelligenz sein dürfte, behandeln.

In den seltensten Fällen wird es sich als sinnvoll erweisen einen Menschen mit dem Schraubenzieher zu bearbeiten. Noch seltener wird es Sinn machen auf eine Schraube einzureden, auch wenn ich zugeben muss das schon versucht zu haben, also auf eine Schraube einzureden. Genützt hat es noch nie.

Ich weiß nicht ob diese Beispiele jetzt erklären konnten, was ich meine.
Vermutlich haben die meisten Menschen die Angewohnheit ihren Gegenüber nach dem ersten Eindruck zu beurteilen, ich ja auch, aber ich finde es wichtig die Möglichkeit zu bedenken das mich dieser Eindruck täuscht.

Anders ausgedrückt:
Auch ein Mensch, der stinkend und in Lumpen vor mir steht, ist ein Mensch und wird von mir als solcher respektiert.

Re: Verroht unsere Gesellschaft?

Verfasst: Mo 18. Nov 2019, 14:01
von Jaddy
Ein wichtiges und wunderbares Statement, Joe. Ich möchte es noch etwas verschärfen: Menschen sind prinzipiell überhaupt keine Schrauben und auch nichts anderes, das zu "bearbeiten", zu manipulieren, hin und her zu schieben wäre. "Der Mensch ist Zweck, niemals Mittel". Also Subjekt, nicht Objekt. Subjekte erzielen wo immer möglich Konsens durch Kommunikation und Ausgleich.

Bei der Natur des Menschen bin ich optimistischer als Du ;) Menschen sind nicht (nur) Egoisten, sondern wie die Neurowissenschaften inzwischen schön zeigen können, soziale Wesen, fähig zum mitfühlen - solange sie ihre Mitwesen als solche wahrnehmen. Das liegt tatsächlich in unserem BIOS, in den grundlegenden Primatengenen (und bei anderen Arten auch zu gewissen Teilen). Ohne Mitgefühl, Solidarität, also nur eigennützig wäre niemals Zivilisation entstanden. Die Herausforderung heute ist, den eigenen Horizont deutlich zu erweitern, weil unser aller Wohlbefinden nicht mehr nur die 10km Radius um das eigene Dorf umfasst, sondern von weltweiten Zusammenhängen abhängt.

Deshalb ist ja entmenschlichende Sprache so schädlich für ein friedliches Zusammenleben. Jede Form von Trennung in "wir" vs "die". Merkmalsbezogene Bezeichnungen zum Beispiel können schrittweise zur Ab- und dann Ausgrenzung führen. Tiervergleiche sind so ein Schritt in die Entmenschlichung und Entrechtung. Dadurch werden Menschen zur Verfügungsmasse. Aber da haben wir die Wahl, auf Gruppenbezeichnungen, Merkmalsbetonungen und Zuschreibungen zu verzichten, wenn es in der Sache nicht relevant ist.

Re: Verroht unsere Gesellschaft?

Verfasst: Mo 18. Nov 2019, 14:44
von Joe95
Jaddy hat geschrieben: Mo 18. Nov 2019, 14:01 Menschen sind prinzipiell überhaupt keine Schrauben und auch nichts anderes, das zu "bearbeiten", zu manipulieren, hin und her zu schieben wäre.
Ich wählte den Begriff "behandeln" nur weil ich ihn gleichermaßen auf Objekt wie Subjekt anwenden konnte. Gemeint war es im Sinne von "begegnen", was beim Objekt tatsächlich auf bearbeiten oder manipulieren hinausläuft, beim Subjekt (nicht nur beim Menschen, aber das wäre jetzt etwas viel) jedoch dachte ich an Kommunikation. Wie du ganz richtig sagst:
Jaddy hat geschrieben: Mo 18. Nov 2019, 14:01 Subjekte erzielen wo immer möglich Konsens durch Kommunikation und Ausgleich.
Was den Egoismus betrifft bin ich ja auch optimistisch, denn ich denke fast jeder Mensch will...
Jaddy hat geschrieben: Mo 18. Nov 2019, 14:01 Bei der Natur des Menschen bin ich optimistischer als Du ;) Menschen sind nicht (nur) Egoisten, sondern wie die Neurowissenschaften inzwischen schön zeigen können, soziale Wesen, fähig zum mitfühlen - solange sie ihre Mitwesen als solche wahrnehmen.
Im Grunde sagst du hier nix anderes.
Egoisten sind die Menschen auf jeden Fall. Bei der sozialen Komponente machst du - völlig zu recht, wie ich meine - schon gleich zwei Einschränkungen: Fähig zum Mitfühlen, also nicht unbedingt mitfühlend, so wie "solange sie ihre Mitwesen als solche wahrnehmen". Das interpretiere ich jetzt mal als "als gleichwertig anerkennen".
Das meinte ich mit wollen: Die Fähigkeit alleine macht mich nicht mitfühlend, ich muss sie auch anwenden (wollen) und ich muss meinen Gegenüber als gleichwertig ansehen (wollen). Würden das alle Menschen tun hätten Kriege ihren (eh extrem zweifelhaften) Sinn verloren.

Re: Verroht unsere Gesellschaft?

Verfasst: Mo 18. Nov 2019, 14:59
von ExuserIn-2021-04-19
Nicole Doll hat geschrieben: Sa 16. Nov 2019, 14:43 Hallo liebe Gemeinschaft, liebe Frieda,

nun zum eigentlichen Thema. Wir leben in der "Endzeit" eines ungehemmten Kapitalismus. ...

LIebe Grüße
Nicole
Danke Nicole, für diese präzise Analyse der derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Stimme dir voll umfänglich zu.

Liebe Grüße Katja

Re: Verroht unsere Gesellschaft?

Verfasst: Mo 18. Nov 2019, 17:21
von Laila-Sarah
Nicole Doll hat geschrieben: Sa 16. Nov 2019, 14:43 nun zum eigentlichen Thema. Wir leben in der "Endzeit" eines ungehemmten Kapitalismus.
Joe95 hat geschrieben: Mo 18. Nov 2019, 11:15 Auch ein Mensch, der stinkend und in Lumpen vor mir steht, ist ein Mensch und wird von mir als solcher respektiert.

Dazu fällt mir dieses Video ein:



VlG

Re: Verroht unsere Gesellschaft?

Verfasst: Di 19. Nov 2019, 08:18
von ExuserIn-2021-04-19
Ich denke, sich selbst achten ist der erste Schritt, um Achtung und Respekt für andere zu empfinden. Selbstachtung bedeutet für mich nicht, dass ich von mir überzeugt bin, sondern das ich immer wieder mein Tun und Handeln hinterfrage. Es ist für mich sehr wichtig, inne zu halten, einen Schritt zurückzutreten und zu überlegen, was tue ich, was denke ich. Ich halte es auch für sinnvoll, Vorbilder zu haben. Für mich ist es in Sachen Menschlichkeit Nelson Mandela, der unter anderem sagte:

"Man muss Hass erst lernen, aber wer Hass lernen kann, dem kann auch Liebe beigebracht werden. Liebe kommt natürlicher in das menschliche Herz als ihr Gegenteil."

Und:

"Sich ernsthaft um andere zu sorgen, sowohl im privaten wie öffentlichen Leben, würde uns der Welt, nach der wir uns so sehnen, sehr viel näher bringen."

Re: Verroht unsere Gesellschaft?

Verfasst: Di 19. Nov 2019, 11:27
von Nicole Fritz
Joe95 hat geschrieben: Mo 18. Nov 2019, 11:15 Ich fürchte Egoismus ist uns allen angeboren, alles andere muss man bewusst wollen.
Egoismus ist ein Prinzip der Evolution, denke ich. - Aber es ist EIN Prinzip und nicht DAS Prinzip. Wenn wir uns mit einem Tyrannosaurus-Rex in einer Dinosaurier-Population gleich setzen, ist er DAS Prinzip. Aber wollen wir das als Menschen? Wo bleibt dann unser doch ach so hoher Entwicklungsstand? Es gibt auch die Symbiose als Lebensform. Leider wollen wohl nicht wenige ein Tyrannosaurus-Rex sein und spielen sich als Vorbild für alle anderen auf. Und das schreien sie mit primitiven Parolen laut hinaus. Die Stimmen der anderen sind aber eher leise und mit Bedacht gewählt. Um sie zu verstehen muss man den Verstand bemühen. Und das ist oft schwierig, wenn man nicht viel lernen durfte und sich dieses Bisschen auch noch vor Verzweiflung weg gesoffen hat.

Liebe sarkastische Grüße
Nicole

Re: Verroht unsere Gesellschaft?

Verfasst: Di 19. Nov 2019, 20:19
von ExuserIn-2019-11-28
Frieda hat geschrieben: Sa 16. Nov 2019, 08:49 Liebe Gemeinschaft ❣️

Aktuell wurde hier bei uns (mal wieder) mindestens ein Herz, ein Wesen verletzt.
Ich bedauere dieses zu tiefst. Ich finde das ganz ganz furchtbar. Es fällt mir auch nicht leicht, auf die aktuelle Verletzung öffentlich nicht einzugehen, weil es mich sehr trifft, mit welchen Gedanken, Gefühlen und Emotionen im Moment mindestens Eine von uns hier kämpft.
Aber dieser Thread, dieses Thema liegt mir grundsätzlich am Herzen. Ich weiß es gibt schon mehrere dieser Thread's die dieses Thema aufgreifen, es ist aber etwas beschwerlich für neue Mitglieder diese herauszufinden (finde ich jedenfalls) und warum können wir nicht wiederholt immer wieder mal über dieses Thema "den Umgang miteinander" neu sprechen!? Wir haben doch auch Verständnis für die Anderen, die ihre Post's dafür brauchen um aktuelle Emotionen von sich selbst runter zu schreiben um dadurch sich selbst klarer sehen können.
Ich wünsche mir ehrlich so wenig wie möglich genervte Augenrollen von euch zu erleben, weil ich wiederholt dieses extrem wichtige Thema auf den Tisch packe.
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Ich mache mir wirklich darüber Gedanken wie wir miteinander umgehen (☝️und nein ich meine jetzt nicht nur das Forum hier).
Mein Innerstes reagiert sofort, wenn ich auf Egoismus stoße, egal in welcher Form. Respektlosigkeit ist genau so ein Thema was ich als großes Problem sehe. Und was wir Menschen in meiner Wahrnehmung uns auch angeeignet haben ist dieses "Auge um Auge, Zahn um Zahn" - Denken. All diese Punkte laufen immer wieder auf eines hinaus, auf den Egoismus und er hat noch viel viel mehr versteckte hässliche Gesichter in unserem Alltag, wo wir ihm tagtäglich begegnen und ihn wahrscheinlich mittlerweile als normal betrachten.
Meschen die sich in der breiten Masse mitfühlend verhalten, und in Ruhe achtsam ihre Worte wählen, werden viel zu oft schief angeschaut, eben weil wir uns einen furchtbar rohen Ton angewöhnt haben, wir üben und üben es immer wieder, Ich-bezogen durch unsere Welt zu poltern.
In mir arbeiten die Gedanken um Krieg und Zerstörung. Tagtäglich treffen wir auf Krieg, natürlich in den Nachrichten die uns berichten was im Ausland alles geschieht, aber wir haben den Krieg auch vor der Haustür. Im Straßenverkehr zB die Müllfahrer müssen sich jeden Tag bepöbeln lassen, weil sie den Verkehr behindern würden. Furchtbar ich finde das einfach nur furchtbar. Wann bitte sollen diese mutigen Mitmenschen, diese extrem wichtige Aufgabe für uns denn übernehmen/erledigen? Etwa Nachts wenn wir schlafen? In meiner Wahrnehmung müssten wir jedesmal aus dem Auto springen und jedem Müllfahrer mit ehrlichen Dank die Hand schütteln für seine Tätigkeit die Er für unsere Gesundheit und unser Wohlergehen tagtäglich beständig durchführt❣️
Oder Rettungssanitäter, Feuerwehr oder Polizei , ihnen ist es ein Bedürfnis uns in Notsituationen zu Hilfe zu eilen, oft genug sitzen sie im Auto fest- weil ihnen der Weg versperrt ist, durch Pöbler, Gaffer und und und.
Wir wissen das alles ganz ganz genau, aber der Moment wo wir nicht achtsam sind, wo wir nur tief in Emotionen Ich-bezogen beginnen verletzend zu reagieren, ist so klitzeklein und zieht genau deswegen eine gigantische zerstörerische Lawine hinter sich her, die alles Gute unter sich begraben wird.

Das Fingerzeigen auf Andere, ein gemeinschaftliches" runter machen" eines Einzelnen ist für mich verantwortungslos. Jeder Mensch hat das Recht, respektvoll behandelt zu werden, auch Menschen die wir nicht so sehr mögen. Es ist immer möglich auch Kritik in respektvolle Worte zu packen. Wenn unser Gegenüber allerdings nicht kritikfähig ist, und nur auf "Daumenhoch Likes" aus war/ist, können wir das Gedankenkarussel was der zu Kritisierende dann evtl selbst in sich anstößt, kaum zum stoppen bringen.

Wir leben nicht Alle nur nebeneinander her, wir leben Alle miteinander❣️
Wir leben als Menschen miteinander, wir leben mit der Flora und der Fauna zusammen und wir leben mit diesem Planeten zusammen❣️
Wir brauchen uns Alle. Wir müssen es wieder lernen ein WIR zu sehen und unsere Unterschiede, und andere Meinungen auch wahrhaftig akzeptieren zu können (was nicht zustimmen bedeutet) ohne diese runter oder schlecht zu reden.

Wenn es soweit kommt, dass immer mehr Mitglieder hier das Gefühl erleben, hier lieber ihren Mund halten zu wollen, weil die Folgereaktionen evtl sie wiederholt in ein tiefes Loch schmeißen könnten, wird dieses besondere Forum, vielleicht bald ein Ort mit einem rauen Ton werden.
Und was ist eigentlich, wenn es irgendwann nicht mehr unsere geliebte Anne-Mette hier gibt? Sie ist ja schon sooo oft mit ihrer gekonnten Wortwahl schützend eingesprungen! Schaffen wir es denn uns bis dahin beständig zu entwickeln wahrhaftig Respekt, Emphati und Mitgefühl für unser Gegenüber aufzubringen? Auch wenn wir unterschiedliche Meinungen, Vorstellungen, Wahrnehmungen haben? Auch wenn irgendwann der traurige Moment kommen wird, wo unsere Mutti (ganz respektvoll und bewundernd von Anne-Mette gesprochen) nicht mehr für Ordnung und Sicherheit hier sorgen kann?
Schaffen wir das liebe Gemeinschaft, auch für All die, die nach uns kommen werden? Können wir unser Miteinander beständig so weiterentwickeln, dass die die nach uns kommen, bewundernd auf uns blicken und sich so ein Miteinander auch wünschen und willig sind, tagtäglich mit jedem Post, mit jedem Wort einen respektvollen und mitfühlenden Umgang zu pflegen? Wollen wir das?


Namaste 🙏
Danke Frieda und allen hier,
Es ist schon schlimm genug, wenn der Rest der Gesellschaft uns nicht akzeptiert. Wenn wir hier keine sichere und mitfühlende Gruppe finden, dann haben wir keine Hoffnung.

Wir können unsere Gefühle nicht immer so erklären, dass sie verstanden werden, aber hier ist ein Ort, von dem ich hoffe, dass wir ihn immer verstehen können!

Wir sollten uns niemals vor Aufrichtigkeit fürchten oder höhnen. Und unsere erste Wahl sollte immer Freundlichkeit sein, nicht Kritik.

Ich bin von den Frauen hier inspiriert. Ihre Selbstliebe, ihr Selbstvertrauen und ihr Mut, sie selbst zu sein. Bitte wisst, dass ihr mich alle inspiriert und jeden Tag ein Lächeln auf mein Gesicht zaubert. Ich hoffe, ich kann Ihnen das gleiche Gefühl vermitteln.

Viele Umarmungen und gute Wünsche,

Zoe (Kalli)