Re: Verlauf des evtl. Trans*Wegs
Verfasst: Fr 15. Nov 2019, 23:05
Also sorry, nein. Befindlichkeiten hin oder her: Wenn etwas geschrieben wird, dann steht es auch zur Diskussion. Respektvoll, inhaltlich, konstruktiv, aber eben auch kritisch. Ganz besonders wenn es um Sachthemen geht. Umso mehr, wenn es um Infos für nicht so erfahrene Menschen geht.
Mein ganz genereller Kritikpunkt an dem Plakat besteht nach wie vor: Es sieht nach einem festen Fahrplan aus, den eins zum Datum D beginnt und in D+24 Monaten "fertig" ist.
Das gilt maximal für trans Personen, die
Strukturell ist die Darstellung als ein linearer Weg aus meiner Sicht unzutreffend. Es gibt mindestens drei Spuren:
Im einzelnen fehlt mir zu allererst die Orientierungsphase. Sich über sich selbst klar werden. Wer bin ich, was bin ich, was könnte ich sein, was will ich erreichen, wie möchte ich leben, warum will ich das. Unterstützung durch Peer-Beratung, Selbsthilfegruppen, wirklich qualifizierte Therapeut"¢innen, also keine Attest-Abnicker"¢innen.
Dann fehlt das innere Coming Out. "Ja, ich bin irgendwie trans".
Äussere Coming Outs sind keine zwingende Voraussetzung. Manche wechseln den Freudeskreis oder brechen erst mal den Kontakt zur Familie ab. Manche gehen sehr weit in die Therapien und Maßnahmen, bevor sie irgendwem irgendetwas offenbaren.
Es ist übrigens ein "Indikationsschreiben", kein "Integrationsschreiben"...
Die Indikation ist nicht zwingend für Hormone oder kosmetische Maßnahmen - sofern eins sie zum Beispiel selbst bezahlt. Ichhab das so gemacht (Epilation, Hormone zu Beginn). Alle Ärzt"¢innen dürfen theoretisch Hormone verschreiben. Mein Endo rechnet mich auf Kasse ab, mit Rezepten und bester Betreuung, ohne Psycho-Indikation.
Nach der neuen Leitlinie können Hormone und kosmetische Maßnahmen, selbst Mastektomien schon als Unterstützung zum Alltagstest empfohlen und über die medizinische Spur (oder selbstzahlend) sehr früh gemacht werden. Ich kenne etliche trans Männer und AFAB Enbys, die sich mit einer Mastek bereits körperlich "fertig" fühlen, mit oder ohne Hormone. Da ist die medizinische Spur dann zu Ende.
"Die Transsexuellen-Sprechstunde" ist wohl ein Spezifikum irgendwo. Krankenhäuser und Operateur"¢innen kommen erst bei OPs zum tragen.
Dass der Alltagstest nicht mehr zwingend für irgendwas ist, kommt mir da nicht genug raus. Dass die 18 Monate Psychotherapie höchstens für die Kostenübernahme der Genital-OPs gilt, auch nicht.
"90% des Trans*wegs" deutet wieder an, nach einem kalendarischen Plan irgendwie "fertig" zu sein. Der "Lebensweg als Transperson" ("trans Person"?) beginnt aber im Kopf, sehr früh (mit dem inneren Coming Out), aber endet nicht mit OPs und neuem Perso. Die Illusion, auf magische Weise per OP ein anderer Mensch und spontan glücklich zu werden, führt regelmässig zu Enttäuschungen und depressiven Phasen.
Die Zeile ganz unten, "ggf. [zu] Abweichungen", hat also gute Chancen, die Untertreibung des Jahrhunderts zu werden.
Mein ganz genereller Kritikpunkt an dem Plakat besteht nach wie vor: Es sieht nach einem festen Fahrplan aus, den eins zum Datum D beginnt und in D+24 Monaten "fertig" ist.
Das gilt maximal für trans Personen, die
- sich bereits ihrer Sache, Identität, Gender 150% sicher und
- innerlich bereits im eigenen Geschlecht angekommen sind
- eine binäre Transition anstreben
- nach TSG vorgehen
- alle Optionen ausschöpfen, Hormone, Coming Out, Name/Gendermarker, Stimme, OPs, etc
- super kompakt, ohne Verzögerungen und Wartezeiten durchmarschieren
- bleiben aufgrund familiärer, sozialer, materieller oder gesundheitlicher Gründe bei Teilmaßnahmen
- sind sich nicht sicher, dass eine Transition ihr Leben wirklich verbessert, aber sind genauso innerlich trans und brauchen da u.U. auch Betreuung
- sind nicht binär können deshalb eigentlich keine offizielle Transition machen (immerhin ca. 30% aller Klient"¢innen in trans-bezogenen Therapien)
- haben nicht die Resourcen, psychisch oder monetär für den ganzen Aufwand
- nutzen -§45b statt TSG oder
- zahlen Hormone oder Epi oder OPs selbst
- wechseln statt Coming Out lieber Job, Wohnort, etc.
- gehen schrittweise vor, unterbrechen oder bleiben bei einem gewissen Stadium, weil sie zufrieden mit dem erreichten sind
Strukturell ist die Darstellung als ein linearer Weg aus meiner Sicht unzutreffend. Es gibt mindestens drei Spuren:
- die persönliche: Coming Out und das eigene Umfeld betreffend
- die medizinsche: Hormone, OPs, Stimme, Epi, andere Kosmetik
- die rechtliche: Name, Gendermarker, (alte) Papiere umschreiben
Im einzelnen fehlt mir zu allererst die Orientierungsphase. Sich über sich selbst klar werden. Wer bin ich, was bin ich, was könnte ich sein, was will ich erreichen, wie möchte ich leben, warum will ich das. Unterstützung durch Peer-Beratung, Selbsthilfegruppen, wirklich qualifizierte Therapeut"¢innen, also keine Attest-Abnicker"¢innen.
Dann fehlt das innere Coming Out. "Ja, ich bin irgendwie trans".
Äussere Coming Outs sind keine zwingende Voraussetzung. Manche wechseln den Freudeskreis oder brechen erst mal den Kontakt zur Familie ab. Manche gehen sehr weit in die Therapien und Maßnahmen, bevor sie irgendwem irgendetwas offenbaren.
Es ist übrigens ein "Indikationsschreiben", kein "Integrationsschreiben"...
Die Indikation ist nicht zwingend für Hormone oder kosmetische Maßnahmen - sofern eins sie zum Beispiel selbst bezahlt. Ichhab das so gemacht (Epilation, Hormone zu Beginn). Alle Ärzt"¢innen dürfen theoretisch Hormone verschreiben. Mein Endo rechnet mich auf Kasse ab, mit Rezepten und bester Betreuung, ohne Psycho-Indikation.
Nach der neuen Leitlinie können Hormone und kosmetische Maßnahmen, selbst Mastektomien schon als Unterstützung zum Alltagstest empfohlen und über die medizinische Spur (oder selbstzahlend) sehr früh gemacht werden. Ich kenne etliche trans Männer und AFAB Enbys, die sich mit einer Mastek bereits körperlich "fertig" fühlen, mit oder ohne Hormone. Da ist die medizinische Spur dann zu Ende.
"Die Transsexuellen-Sprechstunde" ist wohl ein Spezifikum irgendwo. Krankenhäuser und Operateur"¢innen kommen erst bei OPs zum tragen.
Dass der Alltagstest nicht mehr zwingend für irgendwas ist, kommt mir da nicht genug raus. Dass die 18 Monate Psychotherapie höchstens für die Kostenübernahme der Genital-OPs gilt, auch nicht.
"90% des Trans*wegs" deutet wieder an, nach einem kalendarischen Plan irgendwie "fertig" zu sein. Der "Lebensweg als Transperson" ("trans Person"?) beginnt aber im Kopf, sehr früh (mit dem inneren Coming Out), aber endet nicht mit OPs und neuem Perso. Die Illusion, auf magische Weise per OP ein anderer Mensch und spontan glücklich zu werden, führt regelmässig zu Enttäuschungen und depressiven Phasen.
Die Zeile ganz unten, "ggf. [zu] Abweichungen", hat also gute Chancen, die Untertreibung des Jahrhunderts zu werden.