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Re: Immer Enby?

Verfasst: Mi 2. Okt 2019, 15:26
von Engelchen
Puuh, habe gedacht das wäre einfach für mich zu beantworten.
Pustekuchen ist es nicht.
Als Mann war ich meistens unglücklich und "Versager"
Als Frau kann ich mich nicht zu 100% sehen - (körperlich)
Im Kopf bin ich angekommen, denke ich
Aber fluid oder stabil? Ehrlich - ich weiß es nicht
Lisa

Re: Immer Enby?

Verfasst: Mi 2. Okt 2019, 15:36
von Jenina
Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 2. Okt 2019, 08:45 ....
Übrigens: Ich sehe das Unterdrücktsein als aktiven Prozess des oder der Einzelnen. Durch die Anpassung an die gesellschaftliche Ordnung unterdrücke ich mich selber. Die Meinung, man werde unterdrückt, halte ich weitgehend für falsch. Es werden mehr Gründe gesucht, warum man das Leben, das zu einem passt, nicht führt, als Wege, dieses Leben wirklich zu leben. Ich bin da nicht besser. Mir geht es sehr oft auch so.
...
Vicky, das ist mal eine große Wahrheit. Genau so habe ich das mittlerweile auch für mich angenommen.

Es liegt wirklich an einem selber wie man zur Gesellschaft steht. Man sieht statt des Feindes in sich, der eine ungesunde Anpassung an ein unpassendes Modell erzwingen will, die Feinde nur von außen. Es ist halt einfacher. Und das eben nicht zu zu lassen und den eigenen Weg konsequent zu gehen ist das, was auch das Leben als Enby nicht unbedingt einfach macht. Trotzdem ist es von den anderen möglichen Lösungen immer noch die beste. Denn ich kann nicht auf Dauer der "perfekte Mann" sein und eine Frau bin und werde ich sowieso niemals.

Danke Vicky für diese Anregung! (hs)

Jenina

Re: Immer Enby?

Verfasst: Mi 2. Okt 2019, 16:08
von Meli Kathrin
Hi Jaddy.
Mich freut es sehr deine Zeilen zu lesen.
Mir geht es deiner Schilderung sehr ähnlich, und es ist schön zu sehen, dass man nicht alleine ist.
Im Männermodus sehe ich im Spigel nur ein Teil meines Wesens. Komplett gestylt ebenfalls. Auch mein Ich steht genau in der Mitte zwischen beidem. Das von einigen geschilderte Umschalten dee Psyche ist mir unbekannt.
Mein Psych. sagte einmal ich wäre physisch ein Mann und psychisch ein Hermaphrodit. Ich musste diese Aussage erst mal sacken lassen und muss sagen, es trifft den Nagel auf den Kopf. Diese Einsicht hat mich zumindest wieder ein Stück näher zu mir selbst gebracht.

Ich feue mich jedenfalls wie es weiter geht.
Liebe Grüße
Meli ---)))

Re: Immer Enby?

Verfasst: Mi 2. Okt 2019, 18:07
von edeka
Also, Jaddy, ich finde zwar, du hast das Thema ganz gut umschrieben, trotzdem tu ich mich schwer , die wesentlichen Zitate raus zu holen :
Jaddy hat geschrieben: Mi 2. Okt 2019, 00:00 Das heisst, als "Mann" konnte ich mich nie identifizieren, weil ich immer fühlte, dass mir da erwartete Anteile fehlten und viele meiner Aspekte nicht zu dem passten, was "Mann" wohl sein sollte.
...
Allerdings gilt das auch für Frauen. Ich finde einfach keine Identifikation. Ich kann mich nicht "als Mann" fühlen und auch nicht "als Frau". Wenn eine Gruppe nach "Männern" und "Frauen" geteilt wird, habe ich statt eines Gefühls wo ich hin gehöre nur Verwirrung.
ich habe mir nie Gedanken über Identifikation gemacht.
Das "kerlige", macho-hafte, hatte ich auch nie. Ich weiß auch nicht, ob ich jetzt genug ( (smili) ) männliches in meinem Wesen habe, um Mann sein zu dürfen :lol:.
Es sind doch nicht alle Männer gleich.
Ich weiß, daß ich eine Neigung für weibliche Kleidung habe, und gerne in die Rolle schlüpfe, in bestimmtem Umfeld. Macht mich das zum Enby ?
Ich bin Mann , weil ich männliche Geschlechtsmerkmale habe und die ganze Zeit so gelebt habe. Warum sollte ich das ändern ? Wenn ich mir vorstelle, auch nur zeitweise in Frauenrolle in die Öffentlichkeit zu gehen, da muß ich sagen, das ist mir der Aufwand nicht wert. Oder meinem Umfeld zu erklären, ich sei ein Enby - äh, ich wüsste gar nicht was ich da sagen soll :?: :? :?: - s.o. zu "Identifikation".
( ich weiß jetzt nicht , ob man das "fluid" oder "stabil" nennt)
Jaddy hat geschrieben: Mi 2. Okt 2019, 13:18 Es ist auf der anderen Seite auf für die allermeisten Menschen sehr wichtig, irgendwo "dazu" zu gehören. Von anderen ein "Du bist okay" zu bekommen. Sonst wird 1 entweder depressiv oder aggressiv überkompensierend.
das ist ein entscheidender Punkt ! Ja, ich will irgendwo dazu gehören.
)))(: ascona

Re: Immer Enby?

Verfasst: Mi 2. Okt 2019, 18:48
von ExUserIn-2026-04-08
Anja hat geschrieben: Mi 2. Okt 2019, 10:15 Transfrauen und Männer haben es ja noch leicht, da sie sich problemlos in der binären Welt zurechtfinden. Das ist bei Enby's ne ganz andere Hausnummer.
Hallo Anja,

danke für Deinen Respekt, aber genau das glaube ich nicht. Jedenfalls nicht für mich. Ich konnte mich immer auf ein Ausleben der weiblichen Aspekte im Privaten zurück ziehen. Das reicht zwar nicht, ist aber eine Erleichterung. Es bedeutet jedoch auch, dass man mich nicht anerkennt, weil man mich nicht kennt. Es gibt auch Phasen, in denen mein Denken nicht um das Thema Trans kreist. Dann bin ich auch "verträglicher" und besser gelaunt. Mit den Jahren habe ich für mich entdeckt, dass ich tatsächlich zwischen den Geschlechtern pendle. Seit ich etwa 10 oder 11 Jahre alt wurde, gibt es einen Wunschtraum in meinem Leben: Mein Leben beliebig körperlich und für alle sichtbar wechseln zu können und keinem würde das seltsam vorkommen.

Ich habe damals noch nicht registriert, dass genau das mein Weg ist. Ok, körperlich wechseln bleibt Wunschtraum ;-) Aber die Annahme dieses Lebens hat zu viel Beruhigung geführt, bin aber noch nicht am Ende damit. Aber die Qual ist deutlich kleiner geworden.



Jenina hat geschrieben: Mi 2. Okt 2019, 15:36 Genau so habe ich das mittlerweile auch für mich angenommen.

Man sieht statt des Feindes in sich, der eine ungesunde Anpassung an ein unpassendes Modell erzwingen will, die Feinde nur von außen. Es ist halt einfacher. ... Denn ich kann nicht auf Dauer der "perfekte Mann" sein und eine Frau bin und werde ich sowieso niemals.
Hallo Jenina,

ich bin überrascht, ob Deiner ungeteilten Zustimmung ... )))(: :)p Das soll uns aber nicht daran hindern, aber Gesellschaft Kritik zu üben. Jede auf ihre Weise ... :lol:

Re: Immer Enby?

Verfasst: Do 3. Okt 2019, 08:18
von Frieda
Guten Morgen.🙂

Ich persönlich sehe das "Problem" nicht darin wer oder was, ist wieviel weiblich oder männlich. Ich, ganz alleine, ich für mich in meiner Wahrnehmung, sehe das Problem im Hirn und im Herzen. Die Masse der Menschheit ist einfach zu träge (leider eine Grundeigenschaft unseres fantastischen Gehirns) dieses ernsthaft zu benutzen. Dazu kommt, dass sich unsere Gesellschaft so extrem egoistisch entwickelt hat, daß bei dieser stellenweise hirnlosen und egoistischen Entwicklung unser Herz (für Mitgefühl und Einfühlungsvermögen) fast komplett "auf der Strecke geblieben" ist.
Wir ernten heute (noch immer), was wir vor Jahrtausenden ausgesät haben.
Und diese Einsicht zu bekommen, das wir seit über 2000 Jahren ein gewisses Denken falsch begonnen haben, dass ist wahrscheinlich eine extrem große Herausforderung für die Menschheit, vielleicht vergleichbar mit so mancher Erkenntnis die bahnbrechend für unsere Entwicklung war.


Ich möchte mich Anja noch "kurz" anschließen. Beim Lesen dieses Thread's kam mir ein ähnlicher Gedanke in den Sinn. Ich musste an die Schulzeit denken, wie schlimm vielleicht manchmal dieser Sportunterricht bzgl Trans/Enby sein kann. Denn es gibt da genügend Situationen, wo die Schüler in männlich und weiblich geteilt werden. Es muss furchtbar sein, was in einem jungen Wesen in diesen Momenten vor sich geht, wenn es in Sekunden, sich für eine Seite (die weibliche oder männliche Gruppe) entscheiden soll.
Für mich persönlich gibt es eh furchtbare "Sportspiele" die unseren Kindern zugemutet werden (zB Völkerball https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lk ... prov=sfla1). Wie die Themen Sport/Musik/Kunst an den Schulen unterrichtet werden, finde ich persönlich sowieso falsch...ist aber ein anderes Thema sry ich schweifte ab.🙈
Mir geht es ehrlich sehr nahe, wenn ich mich mit dem Thema Sport und Trans/Enby auseinandersetze. Es gibt so viele junge, kleine zerbrechliche, verunsicherte Wesen da draußen die tagtäglich mit Situationen konfrontiert werden, wo sie ihr eigenes Ich, ihr Sein verleugnen müssen, nur weil die "großen Herrn" zu bequem sind ihr eigenes Hirn zu benutzen und in ihr eigenes Herz zu fühlen.

Ich achte diese Wesen sehr hoch die sich tagtäglich aufs neue diesen Strapazen stellen müssen❣️

Namaste 🙏

Re: Immer Enby?

Verfasst: Do 3. Okt 2019, 09:50
von Marlene K.
Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 2. Okt 2019, 08:45
Wenn wir Eigenschaften in männlich und weiblich einsortieren und jeder Mensch männliche und weibliche Anteile besitzt, ist jeder Mensch männlich und weiblich gleichzeitig. Durch die Verbindung von weiblich mit "Frau" und männlich mit "Mann" folgt doch daraus, dass es nur natürlich ist, wenn Menschen sich selber als Mann und Frau sehen. Nicht das Leben des Mann- und Frauseins in einer Person ist unnatürlich, sondern die scharfe Trennung in Mann und Frau.

Wir sind normal, nicht die anderen ! )))(: )):m (888)
Liebe Vicky,
wie in so vielem vorher finde auch ich mich hier wider. Und trotzdem möchte ich Deine provokante These etwas zurechtrücken. Jede*r hat das Recht, sich selbst zu entdecken und auf Selbstbestimmung. Wenn ein Mensch für sich feststellt, er muss sich, um vor sich selber zu bestehen als am extremen Ende des binär gedachten Spektrums betrachten darf dieser Person keiner, der sich anders empfindet dies absprechen.

Deswegen muss gelten: Ich bin normal und alle anderen auch. Wir sind alle gleich an Rechten und unterschiedlich in Eigenschaften.

Re: Immer Enby?

Verfasst: Do 3. Okt 2019, 15:27
von Joe95
ascona hat geschrieben: Mi 2. Okt 2019, 18:07 das ist ein entscheidender Punkt ! Ja, ich will irgendwo dazu gehören.
Das is mal ein interessanter Gedanke...
Will ich dazu gehören?
Nö...
Garnich unbedingt.
Zu den Männern schon garnicht und mit den Frauen aus dem binären Weltbild hab ich auch nicht viel gemeinsam.

Ich muss keiner Gruppe angehören, ich hab meinen Platz in der Gesellschaft auch als Unikat.

Re: Immer Enby?

Verfasst: Do 3. Okt 2019, 21:51
von Michi
Weil hier Selbstverortung im Extrem angesprochen wurde, ein Gedanke von mir ...

Wenn jemand meint, nur dadurch vor sich selbst bestehen zu können, dass er bzw. sie sich am jeweils zu seiner Anatomie passenden Ende des Geschlechterspektrums verortet, dann dürfte das doch eher die Folge des starken gesellschaftlichen Drucks sein. Ja, ich denke, dass Verorten im Extrem ist vor allem Ausdruck von extremer Unsicherheit. Wie oft lesen/hören wir, dass Transmenschen genau das versucht haben, und daran fast oder gar ganz zerbrochen sind.

Aber vielleicht war die Aussage auch nur unglücklich formuliert, und ich habe es falsch verstanden.

Re: Immer Enby?

Verfasst: Fr 4. Okt 2019, 05:44
von Joe95
Hallo Michi, ich habe es so verstanden das es nicht darum geht warum sich jemand im Extrem verortet oder ob das gut/schlecht, richtig/falsch ist, sondern nur darum das er/sie das Recht dazu hat.
Für mich bedeutet es das jeder das Recht auf selbstbestimmung hat, aber auch selbst die Verantwortung dafü übernehmen muss.

Re: Immer Enby?

Verfasst: Fr 4. Okt 2019, 06:26
von Jasmin_35
Jaddy hat geschrieben: Mi 2. Okt 2019, 00:00 Ich werfe hier mal meine (erweiterte) Antwort rein und frage in die Runde, wie es euch mit-nicht-binären Menschen geht.
Es ist sehr interessant von euch anderen zu lesen. Tatsächlich gab es kurz eine Zwischenzeit, vielleicht war der Übergang, den ich vollzogen habe, als sich das männliche bei mir losgelöst hat und ich gerade gelernt habe, mehr weiblich zu sein, während der Transitionsphase. In der Zeit war ich nicht mehr bei den Männern und noch nicht bei den Frauen angekommen, auch sicher äußerlich dem Aussehen geschuldet, weil man mich auch von außen noch nicht ganz zu ordnen konnte.
Inzwischen kann ich sagen, das ich zu 100% bei Frau angekommen ist und der Weg zurück irgendwie geistig nicht mehr möglich scheint oder ist.

Früher war es aber gefühlt schon so, das ich mich so gar nicht mit den anderen Jungs und später auch Männern identifizieren konnte. Da gab es einige blöde Situationen und Fragen wie:
"Wieso stehst du so "komisch" da?"
"Wieso gestikulierst du so "komisch"?"
usw.

Das "komisch" war dann wohl darauf bezogen, das ich mir Dinge bei Frauen abgeguckt hab, die dann halt nicht typisch männlich waren (stehen mit gekreuzten Beinen, sitzen mit gekreutzen Beinen, usw). Ich hab mir dann irgendwann unter sozialem Druck angewöhnt, breit beinig zu stehen, mehr hartes Stakkato zu reden, nicht mehr die Hände beim reden in runden Bewegungen einzusetzen, sondern harte ruckartige Bewegungen zu machen. Es ist mir immer missfallen und hat mich imme gestört. Jetzt mich wie eine Frau präsentieren zu können und auch nur noch so erkannt zu werden, hat das ganze alte Zeugs, was ich mir unter Krampf antrainiert habe schnell fallen lassen und ich stehe endlich ohne nachzudenken, wie mit gekreuzten Beinen da, nehme auch nicht mehr soviel Raum ein und kann wieder auf "meine" Art und Weise gestikulieren (ist beiden Gutachtern auch aufgefallen).

Warum ich das alles schreibe: Ich habe inzwischen jeglisches männliche hinter mir gelassen und bin voll 100% bei Frau angekommen, jedenfalls schonmal gefühlt. Dennoch durch die Übergangszeit kann ich inzwischen nicht binäre Menschen ziemlich gut nachvollziehen und verstehen, was nicht Trans* Menschen sicher kopfmäßig etwas schwerer fallen könnte, stell ich mir jedenfalls vor, auch wegen dem Schubladen denken "entweder das eine oder das andere". Man muss sich sicherlich intensiver mit dem Thema befassen, um dahinter zu steigen, aber jeder fühlt sich ja nun mal so, wie man sich fühlt :)

Eine Zeitlang hatte ich sicher auch gedacht, das beste aus beiden "extremen" wäre sicher super und ich leg mich nicht fest, aber je weiter mein Weg vorangeschritten ist, desto mehr wurde mir auch klar und bewusst, das es mir leichter und leichter fällt alles männliche hinter mir zu lassen, um ganz in das "extrem" Frau eingeordnet zu werden und mich dort "zu Hause" zu fühlen.

Ich will auch niemanden beleidigen oder diskriminieren, aber es ist gefühlt so, das Männer (insbesondere welche, die ich nicht kenne) zu einer leeren Hülle für mich geworden sind, bei leuten die ich natürlich schon kenne und insbesondere schon länger kenne, ist es eher das Band der längeren Freundschaft, was verbindet, da ist dann da Geschlecht auch quasi egal. Aber bei Fremden oder wenn mir jetzt jemand sagt, ich solle mit dem befreundet sein, hätte ich 0 interesse daran, ich hab mich auch was das angeht völlig den Frauen zugewandt und fühle mich bei denen 100%ig zugehörig.

Soviel mal zu mir "binärem" Menschen :) Es ist ein sehr interessantes Thema und ich habe auch noch nicht geschafft alle Antworten durchzulesen, aber das hole ich jetzt langsam mal nach :)

Re: Immer Enby?

Verfasst: Fr 4. Okt 2019, 09:18
von Luna
Hallo zusammen,
Ralf-Marlene hat geschrieben: Do 3. Okt 2019, 09:50 Wenn ein Mensch für sich feststellt, er muss sich, um vor sich selber zu bestehen als am extremen Ende des binär gedachten Spektrums betrachten darf dieser Person keiner, der sich anders empfindet dies absprechen.
Ähnlich wie Michi bin auch ich mir nicht ganz sicher, ob ich diesen Satz richtig verstehe bzw. habe ich etwas Mühe mit "...um vor sich selbst bestehen zu können".

Wenn ich mich selbst als nonbinär bezeichne, spreche ich (in Bezug auf meine Persoon und nicht im Sinne einer Definition) von Identität. Ich fühle und sehe mich nicht zu 100 % männlich oder weiblich, sondern irgendwo dazwischen, sowohl als auch, whatever. Wenn sich demgegenüber jemand als zu 100 % Mann oder Frau empfindet, muss das in meinen Augen nicht unbedingt auf gesellschaftlichen Druck hindeuten oder der eigenen Unsicherheit geschuldet sein. Es kann auch heißen, die Person emfpindet sich als Mann/Frau und "Genderfragen" sind, mangels Inkongruenz zwischen Identität und Körper, schlichtweg kein Thema für ihn oder sie. Das macht es (wie ich in langen Diskussionen mit meiner Frau feststellen konnte) oft auch schwierig, die eigenen Empfindungen jemand zu erklären und plausibel zu machen, der davon selbst nicht betroffen ist.

Gesellschaftlicher Druck und Unsicherheit entstehen mE dann, wenn bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen von der Gesellschaft, dem näheren Umfeld oder der Familie einem bestimmten Geschlecht zugeschrieben und von diesem verlangt oder zumindest erwartet werden. Mitunter habe ich dann den Eindruck, dass mangelndes Selbstbewusstsein, Unsicherheit und die Angst, diesen gesellschaftlichen (Geschlechts-)Zuschreibungen, sozusagen dem (im binären Modell) vorgegebenen Rolemodel, nicht (ausreichend) zu entsprechen, und in der Folge nicht (mehr) respektiert, lächerlich gemacht oder ausgegrenzt zu werden, dazu führen, dass gerade Personen, die selbst den althergebrachten Geschlechterbildern eher nicht so sehr entsprechen, sich in Diskussionen über LGBTQ-Themen oder betroffenen Personen gegenüber besonders ablehnend, teils sogar an- und übergriffig zeigen.

Alles Liebe
Luna

Re: Immer Enby?

Verfasst: Fr 4. Okt 2019, 09:47
von Anja
Moinsen (moin)
Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 2. Okt 2019, 18:48
Anja hat geschrieben: Mi 2. Okt 2019, 10:15 Transfrauen und Männer haben es ja noch leicht, da sie sich problemlos in der binären Welt zurechtfinden. Das ist bei Enby's ne ganz andere Hausnummer.
Hallo Anja,

danke für Deinen Respekt, aber genau das glaube ich nicht. Jedenfalls nicht für mich. Ich konnte mich immer auf ein Ausleben der weiblichen Aspekte im Privaten zurück ziehen.
Ich bin verwirrt. Was glaubst du nicht? Transfrauen sind Frauen, Transmänner sind Männer, diese können sich also recht einfach in der binären Welt einordnen.
So wie ich dich aus deinen Beiträgen "kenne", bist du doch weder eine Transfrau, noch ein Transmann, noch ein Enby?
Du fühlst dich mal weiblich und mal männlich, wenn ich das richtig verstanden habe.
Wenn dem so ist, warum fühlst du dich durch das von mir geschriebene Zitat überhaupt angesprochen?

Grüße
die Anja

Re: Immer Enby?

Verfasst: Fr 4. Okt 2019, 11:43
von Olivia
Hallo Jaddy,

während ich früher (auch hier) immer sicher war, dass ich Mann bin (und das körperlich biologisch wohl auch bin), bin ich mir heute da nicht mehr so sicher - eigentlich würde ich heute eher sagen: Ich weiß es nicht, was ich eigentlich bin. Frau bin ich aber - wahrscheinlich - auch nicht wirklich. Vielmehr denke ich, es gibt einfach mehr als Mann und Frau und auch ich bin vermutlich irgend etwas dazwischen, was eigenes anderes, nicht so und nicht so sondern ???

Liebe Grüße von Olivia

Re: Immer Enby?

Verfasst: Fr 4. Okt 2019, 12:10
von Jaddy
Es ist trotz vieler neuer Wörter und Konzepte irgendwie immer noch schwierig, die eigene Gender-Verortung verständlich zu beschreiben. Ich denke das liegt daran, dass die Begriffe noch nicht allgemein gleich verstanden werden, sondern von persönlichen Konzepten gefärbt sind.

Meine aktuelle Arbeitshypothese: Irgendwann in der frühen Kindheit (Studien sagen zwischen dem 4. und 6. Lebensjahr) ist bei uns das mentale / emotionale Konstrukt im Hirn ziemlich fertig, was Vorlieben, Verhalten, Umgang mit unseren Mitmenschen aber auch das Verhältnis zu unserem Körper angeht. Das trifft zuerst auf unsere Mitmenschen und ihr System, das genau zwei Sets von menschlichem Verhalten definiert, die in unserem jeweiligen kulturellen Umfeld möglich sind. Bei uns hier eher weniger Robben jagen, sondern eher Fussball spielen. Also: Die Gesamtheit allen gesellschaftlich erlaubten Handelns der jeweiligen Aufwachsumgebung wird in genau zwei Sets geteilt. Es gibt Schnittmengen, aber viele Bereiche sind eindeutig zugeordnet und dürfen nicht gemischt werden, sonst droht Ausgrenzung.

Die zwei Sets werden anhand der genitalen Ausstattung festgemacht. Die meisten Menschen erwarten, dass wir kongruent mit unserer genitalen Struktur genau die Signale senden, die dem Set zugeordnet sind. Das sind andere körperliche Merkmale aber auch Kleidung, Sprache, Interessen, die dadurch zu konstruierten Geschlechtsmerkmalen aufgewertet werden.

Ich möchte einen Punkt noch mal besonders deutlich machen. Theoretisch könnte jeder Mensch eine beliebige Kombination von Interessen und Verhaltensweisen entwickeln. Unser Hirn ist so phänomenal flexibel, dass damit Leben und Erfolg sowohl in der Steinzeit, als auch im Internetzeitalter möglich sind, sowohl in den Tropen, als auch in der Arktis. Allein wenn 1 alle bekannten kulturellen Varianten aus allen Zeiten ausbreitet plus alle exzentrischen und herausstechenden Menschen von denen wir wissen, ergibt sich schon eine unglaubliche Vielfalt möglicher Charaktere. Aber jedes einzelne Individuum ist nicht total frei. Die möglichen Persönlichkeitsentwicklungen sind immer von Umgebung und Erfahrungen begrenzt. Auch unsere Denk- und Entscheidungsräume sind individuell begrenzt. Für jeden einzelnen sind nur bestimmte Dinge denk-bar oder tu-bar.

Aber! Es gibt wie in jeder Normalverteilung immer Menschen, deren Möglichkeitsrahmen anders als der ihrer Umgebung ist. Logische Folge eben der Flexibilität unserer Hirne, vielleicht hormoneller Einflüsse, Genen, Prägungen, Epigenetik, whatever. Je strikter das soziale Regelset (Kultur), desto mehr nonkonforme Menschen, die irgendwie damit umgehen müssen - weil sie gar nicht anders können. Entweder versuchen sie, sich zu fügen und leiden daran, oder sie finden weniger sanktionierte Auswege, oder sie gehen in offenen Konflikt mit ihrer Mitwelt.

Das zweigeschlechtliche Genderkonzept sehe ich als einen ziemlich stark geprägten Möglichkeitsrahmen. Für viele Menschen ist es einfach gar nicht anders denkbar. Was soll es denn ausserhalb geben? Alle Menschen sind doch eindeutig zugeordnet (siehe oben). Allein die Idee, dass Menschen diese Kategorien nicht haben, ist für sie wortwörtlich unvorstellbar. Anders rum allerdings auch :) Ich kann einfach nicht nachvollziehen, wie binäre Menschen sich fühlen und diese ständige Kategorisierung als natürlich empfinden.

Ich denke deshalb reden wir hier in Metaphern und Beschreibungen, aber das tatsächliche Erleben können wir damit nicht vermitteln, wenn der denkmögliche Raum beim empfangenden Menschen gar nicht vorhanden ist.

Mal ganz praktisch gedacht: In unserem aktuellen Abschnitt der kulturellen Raumzeit haben es diejenigen am einfachsten, die irgendwie mit der total binären Aufteilung zurecht kommen. Als Cis-Menschen eh, aber auch wenn sie sich in einer der Ecken heimisch fühlen. Dann stimmt wenigstens die eigene Einordnung, auch wenn die Umgebung skeptisch sein mag. Auch wenn die Zuordnung ab und zu wechselt, also heute mal gender-weiblich, demnächst dann gender-männlich, wie bei Vicky-Rose, ist das vielleicht irgendwie machbar, denn eines der beiden Sets passt ja immer.

Für manche Menschen fühlt sich aber das ganze System so willkürlich und künstlich an wie - sagen wir - die Rituale einer völlig fremdartigen Kultur, in die 1 verschlagen wurde. Wir haben sie erlernt, reproduzieren erwartete Verhalten, auch weil andere mangels Vorbildern gar nicht denk- oder tu-bar sind, aber irgendetwas ist falsch. Die emotionale Resonanz fehlt. Es sind externe Regeln. Nicht "natürlich" nach eigenem Empfinden.

So ging es mir den größten Teil meines Lebens. Diese ständige Zuordnung fühlte sich unangenehm an, aber alle bekannten Alternativen waren nicht besser, andere nicht denk-bar. Bis irgendwann aus "aber man muss doch" durch externes Beispiel ein "nö, muss gar nicht" wurde. Da hab ich gemerkt, dass ich diesen zu engen und ständig kratzigen Pullover "binäre Genderung" tatsächlich ausziehen kann. Es wurde denk- und fühlbar, etwas anderes zu sein.

Leider ist es sehr schwer, dies den vielen Menschen zu vermitteln, die eben aufgrund ihrer Epi-/Genetik, Umgebung, Prägungen, whatever diesen Möglichkeitsrahmen nicht oder nur schwer nachvollziehen können.

Schon wieder so ein langer Text geworden. Sorry. Ich hoffe, da ist etwas nützliches dabei ;)