Es ist trotz vieler neuer Wörter und Konzepte irgendwie immer noch schwierig, die eigene Gender-Verortung verständlich zu beschreiben. Ich denke das liegt daran, dass die Begriffe noch nicht allgemein gleich verstanden werden, sondern von persönlichen Konzepten gefärbt sind.
Meine aktuelle Arbeitshypothese: Irgendwann in der frühen Kindheit (Studien sagen zwischen dem 4. und 6. Lebensjahr) ist bei uns das mentale / emotionale Konstrukt im Hirn ziemlich fertig, was Vorlieben, Verhalten, Umgang mit unseren Mitmenschen aber auch das Verhältnis zu unserem Körper angeht. Das trifft zuerst auf unsere Mitmenschen und ihr System, das genau zwei Sets von menschlichem Verhalten definiert, die in unserem jeweiligen kulturellen Umfeld möglich sind. Bei uns hier eher weniger Robben jagen, sondern eher Fussball spielen. Also: Die Gesamtheit allen gesellschaftlich erlaubten Handelns der jeweiligen Aufwachsumgebung wird in genau zwei Sets geteilt. Es gibt Schnittmengen, aber viele Bereiche sind eindeutig zugeordnet und dürfen nicht gemischt werden, sonst droht Ausgrenzung.
Die zwei Sets werden anhand der genitalen Ausstattung festgemacht. Die meisten Menschen erwarten, dass wir kongruent mit unserer genitalen Struktur genau die Signale senden, die dem Set zugeordnet sind. Das sind andere körperliche Merkmale aber auch Kleidung, Sprache, Interessen, die dadurch zu konstruierten Geschlechtsmerkmalen aufgewertet werden.
Ich möchte einen Punkt noch mal besonders deutlich machen. Theoretisch könnte jeder Mensch eine beliebige Kombination von Interessen und Verhaltensweisen entwickeln. Unser Hirn ist so phänomenal flexibel, dass damit Leben und Erfolg sowohl in der Steinzeit, als auch im Internetzeitalter möglich sind, sowohl in den Tropen, als auch in der Arktis. Allein wenn 1 alle bekannten kulturellen Varianten aus allen Zeiten ausbreitet plus alle exzentrischen und herausstechenden Menschen von denen wir wissen, ergibt sich schon eine unglaubliche Vielfalt möglicher Charaktere. Aber jedes einzelne Individuum ist nicht total frei. Die möglichen Persönlichkeitsentwicklungen sind immer von Umgebung und Erfahrungen begrenzt. Auch unsere Denk- und Entscheidungsräume sind individuell begrenzt. Für jeden einzelnen sind nur bestimmte Dinge denk-bar oder tu-bar.
Aber! Es gibt wie in jeder Normalverteilung immer Menschen, deren Möglichkeitsrahmen anders als der ihrer Umgebung ist. Logische Folge eben der Flexibilität unserer Hirne, vielleicht hormoneller Einflüsse, Genen, Prägungen, Epigenetik, whatever. Je strikter das soziale Regelset (Kultur), desto mehr nonkonforme Menschen, die irgendwie damit umgehen müssen - weil sie gar nicht anders können. Entweder versuchen sie, sich zu fügen und leiden daran, oder sie finden weniger sanktionierte Auswege, oder sie gehen in offenen Konflikt mit ihrer Mitwelt.
Das zweigeschlechtliche Genderkonzept sehe ich als einen ziemlich stark geprägten Möglichkeitsrahmen. Für viele Menschen ist es einfach gar nicht anders denkbar. Was soll es denn ausserhalb geben? Alle Menschen sind doch eindeutig zugeordnet (siehe oben). Allein die Idee, dass Menschen diese Kategorien nicht haben, ist für sie wortwörtlich unvorstellbar. Anders rum allerdings auch

Ich kann einfach nicht nachvollziehen, wie binäre Menschen sich fühlen und diese ständige Kategorisierung als natürlich empfinden.
Ich denke deshalb reden wir hier in Metaphern und Beschreibungen, aber das tatsächliche Erleben können wir damit nicht vermitteln, wenn der denkmögliche Raum beim empfangenden Menschen gar nicht vorhanden ist.
Mal ganz praktisch gedacht: In unserem aktuellen Abschnitt der kulturellen Raumzeit haben es diejenigen am einfachsten, die irgendwie mit der total binären Aufteilung zurecht kommen. Als Cis-Menschen eh, aber auch wenn sie sich in einer der Ecken heimisch fühlen. Dann stimmt wenigstens die eigene Einordnung, auch wenn die Umgebung skeptisch sein mag. Auch wenn die Zuordnung ab und zu wechselt, also heute mal gender-weiblich, demnächst dann gender-männlich, wie bei Vicky-Rose, ist das vielleicht irgendwie machbar, denn eines der beiden Sets passt ja immer.
Für manche Menschen fühlt sich aber das ganze System so willkürlich und künstlich an wie - sagen wir - die Rituale einer völlig fremdartigen Kultur, in die 1 verschlagen wurde. Wir haben sie erlernt, reproduzieren erwartete Verhalten, auch weil andere mangels Vorbildern gar nicht denk- oder tu-bar sind, aber irgendetwas ist falsch. Die emotionale Resonanz fehlt. Es sind externe Regeln. Nicht "natürlich" nach eigenem Empfinden.
So ging es mir den größten Teil meines Lebens. Diese ständige Zuordnung fühlte sich unangenehm an, aber alle bekannten Alternativen waren nicht besser, andere nicht denk-bar. Bis irgendwann aus "aber man muss doch" durch externes Beispiel ein "nö, muss gar nicht" wurde. Da hab ich gemerkt, dass ich diesen zu engen und ständig kratzigen Pullover "binäre Genderung" tatsächlich ausziehen kann. Es wurde denk- und fühlbar, etwas anderes zu sein.
Leider ist es sehr schwer, dies den vielen Menschen zu vermitteln, die eben aufgrund ihrer Epi-/Genetik, Umgebung, Prägungen, whatever diesen Möglichkeitsrahmen nicht oder nur schwer nachvollziehen können.
Schon wieder so ein langer Text geworden. Sorry. Ich hoffe, da ist etwas nützliches dabei
