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Re: Outing gegenüber Eltern mit unterschiedlicher Einstellung/Betrachtungsweise?
Verfasst: Mo 23. Sep 2019, 11:27
von sbsr
Aus meiner gesamten Verwandtschaft wird nie jemand etwas erfahren. Ich hätte mir sowieso nur bei einer Großtante vorstellen können, dass sie positiv damit umgeht, und die ist leider vor zwei Jahren verstorben. Der Rest ist doch eher konservativ gestrickt.
Mein Vater würde es schlichtweg nicht verstehen, deshalb würde er vielleicht vorgeben, kein Problem damit zu haben, aber in Wirklichkeit würde er nichts damit zu tun haben wollen. Außerdem ist er eine Tratsch Tante hoch zehn, da wüsste es am nächsten Tag die ganze Stadt.
Meiner Mutter wäre es sicher lieber, ich wäre "normal", aber sie würde wenigstens versuchen, mich zu unterstützen. Das Problem und der Grund, warum auch sie unwissend bleiben wird, sie würde sich Vorwürfe machen, was sie in meiner Kindheit falsch gemacht hat. Das macht sie nämlich ständig wegen allem Möglichen, gibt sich selber die Schuld auch wenn das noch so abwegig ist, und verfällt dann wieder in Depressionen. Das möchte ich uns allen ersparen.
Interessant wäre es bei meinen Schwiegereltern, die kann ich nur sehr schlecht einschätzen. Meine Schwiegermutter macht augenscheinlich immer auf heile Welt, tatsächlich ist sie aber katholisch in jeglicher Hinsicht. Wäre spannend, was dann überwiegt, das "alles Gut, Hauptsache alle sind lieb zueinander" oder doch das lange geübte klassische Rollenbild.
Ich glaube mein Schwiegervater könnte von allen noch am besten damit leben. Wahrscheinlich würde er es primär lustig finden, wenn sein Schwiegersohn, der doch handwerklich so geschickt ist und alles kann, plötzlich im Kleidchen auftaucht. Obgleich er selbst sicher nichts damit anfangen könnte, wäre es ihm vermutlich aber egal, solange ich mich gut um seine Tochter kümmere. Meine Frau ist der Meinung, er würde sofort dem nächsten Herzinfarkt erliegen, wenn er davon erfährt.
Mein Glück ist, da selbst Teilzeitfrau bei mir noch übertrieben ist, lebt es sich ganz gut ungeoutet.
Re: Outing gegenüber Eltern mit unterschiedlicher Einstellung/Betrachtungsweise?
Verfasst: Mo 23. Sep 2019, 11:56
von ExUserIn-2026-01-22
Großartige Idee dieser Thread - interessiert mich irgendwie auch zu erfahren, wie andere "Kinder" ihre Eltern einschätzen.
Steffi-BLN hat geschrieben: Sa 21. Sep 2019, 15:43
Hallo,
fangen wir bei meiner Mutter an....
Liebe Grüße
Unglaublich wie offen und ehrlich du über diese schwere Zeit deines Lebens hier in einem Forum schreibst! Das heißt, daß du uns sehr viel Vertrauen schenkst, wenn du deine Vergangenheit in dieser Form hier zum Ausdruck bringst. Ähnlich wie den anderen hier geht es mir auch: ich war von deinen Worten sehr berührt und gleichzeitig wutig, wie Eltern ihr Kind behalten können. Gleichzeitig kann ich mir aber vorstellen, daß es für dich wie eine Erlösung sein muß darüber zu schreiben, quasi den Schmerz mit anderen teilen.
Steffis Post hat mich jetzt so runtergeholt, daß ich mich erst mal fangen muß. Eure anderen Kommentare werde ich später lesen.
Jennifer
Re: Outing gegenüber Eltern mit unterschiedlicher Einstellung/Betrachtungsweise?
Verfasst: Mo 23. Sep 2019, 12:09
von Anja
Moinsen
Die fesche Tina hat geschrieben: Sa 21. Sep 2019, 12:45
Diesen Thread möchte ich nutzen, um mehr darüber zu erfahren. Gerade als Mutter interessiert mich folgendes sehr:
- könnt ihr eure Eltern einschätzen, wie sie mit einem Outing umgehen würden?
- wisst ihr von euren Eltern, dass ein Elternteil es ablehnen würde und der andere offen dafür wäre?
- würdet ihr euch auch outen, wenn es das Familienleben belasten würde - da ein Elternteil es nicht akzeptieren könnte?
Also wenn ich etwas während meiner Outingphase gelernt habe, dann das man es überhaupt nicht einschätzen kann, wie jemand mit meinem Outing umgeht.
Zur dritten Frage: In meinem Fall, also Transfrau, hat man ja keine Wahl, ob man sich outet oder nicht... Deswegen hat sich mir die Frage nicht gestellt.
Als Teilzeitfrau sieht die Sache natürlich anders aus...
Grüße
die Anja
Re: Outing gegenüber Eltern mit unterschiedlicher Einstellung/Betrachtungsweise?
Verfasst: Mo 23. Sep 2019, 12:15
von Anja
Moinsen
Steffi-BLN hat geschrieben: Sa 21. Sep 2019, 15:43
Ich wurde dann aufs übelste misshandelt mit einer Holzleiste. Meine beiden Arme waren am nächsten Tag komplett blau, der linke sogar schon fast schwarz. Ich habe mich aber nicht getraut zur Polizei zu gehen oder ähnliches. Meine Mutter hat es auch gesehen aber sie hat es nicht interessiert.
Ich wurde ziemlich handfest erzogen. Ausschließlich von meinem Vater. Meine Mutter wusste das, war auch manchmal dabei, hat es aber hingenommen, geduldet... Keine Ahnung was sie sich dabei gedacht hat.
War ja damals anscheinend "normal".
Das was du da beschreibst ist aber noch mal ne andere Hausnummer. Alter...
Allerdings haben mich meine Eltern nie erwischt, wie ich Damensachen ausprobiert habe. Nur mein kleiner Bruder mal, dem konnte ich das damals allerdings ganz gut als Spaß verkaufen.
Nachdem ich nun als Frau lebe hab ich ihn auch mal auf diese Situation angesprochen, er kann sich da nicht mehr dran erinnern.
Naja, jedenfalls möchte ich nicht wissen, wie mein Vater abgegangen wäre, wenn ich damals von ihm erwischt worden wäre
Danke für deine Offenheit und dein Vertrauen.
Grüße
die Anja
Re: Outing gegenüber Eltern mit unterschiedlicher Einstellung/Betrachtungsweise?
Verfasst: Mo 23. Sep 2019, 12:29
von rhoody
Hallo...
ich lese hier mal still mit, den ich bin Mutter und für mich ist die Sichtweise und auch die Vermutungen, wie wir Eltern (Mutter) reagieren können beim outen aus Eurer Sicht sehr interessant.
LG
(Vielleicht noch die Anmerkung, dass für mich als Mutter es am schlimmsten ist, zu wissen, dass ich mein Kind nicht vor Intoleranz beschützen kann. )
Re: Outing gegenüber Eltern mit unterschiedlicher Einstellung/Betrachtungsweise?
Verfasst: Mo 23. Sep 2019, 13:18
von ExUserIn-2026-01-21
Ich habe einfach so viel

für eure offene Darstellung eurer Erfahrungen!

Das gibt mir einen sehr guten Einblick in andere Familien und dem Umgang mit dem Thema.
sbsr hat geschrieben: Mo 23. Sep 2019, 11:27
Meiner Mutter wäre es sicher lieber, ich wäre "normal", aber sie würde wenigstens versuchen, mich zu unterstützen. Das Problem und der Grund, warum auch sie unwissend bleiben wird, sie würde sich Vorwürfe machen, was sie in meiner Kindheit falsch gemacht hat. Das macht sie nämlich ständig wegen allem Möglichen, gibt sich selber die Schuld auch wenn das noch so abwegig ist, und verfällt dann wieder in Depressionen. Das möchte ich uns allen ersparen.
Aus meiner Sicht als Mutter hatte ich diese Gedanken zu keinem Zeitpunkt. Ich akzeptierte es als neue Seite meines Kindes+++sollte ich deshalb meine Erziehung infrage stellen? Nope. Ich habe einen Sohn großgezogen, ohne zu wissen, dass er im Teeniealter plötzlich andere Gefühlswelten für sich entdeckt. Er war verschlossen und zeigte diese Seite nie. Ich habe ihn auch immer wie ein männliches Kind behandelt. Seine feminine Seite fand er ganz von allein. Dass mein Kind heute lieber weiblich als männlich ist, darüber mache ich mir keine Vorwürfe. Ich schätze das wäre auch total verkehrt, das einzige was (für mich) zählt ist, mein Kind so zu akzeptieren wie es ist.
Lady Jennifer hat geschrieben: Mo 23. Sep 2019, 11:56
Gleichzeitig kann ich mir aber vorstellen, daß es für dich wie eine Erlösung sein muß darüber zu schreiben, quasi den Schmerz mit anderen teilen.
Ich hoffe, dass Steffi deinen Satz hier liest, denn das würde mich schon interessieren, ob sie das als Erlösung empfindet. Der Schmerz ist einmal da und es ist geschehen, einfach nur darüber zu schreiben sehe ich nicht als Erlösung. Wenn einmal solch ein Schaden in einem Menschen angerichtet wurde, schmerzt die Seele ein Leben lang. Und wenn wir ehrlich sind, wir Außenstehenden können in einem solchen Fall auch nicht helfen. Wir zeigen Mitleid und äußern unseren Unmut, aber mehr können wir an unsere Stelle leider nicht tun+++

Ich hoffe, dass Steffi in ihrer Nähe eine Anlaufstation hat, um dieses Kindheitstrauma professionell aufarbeiten lassen. Leider wird die Erinnerung daran nie vergehen+++
Anja hat geschrieben: Mo 23. Sep 2019, 12:15
Allerdings haben mich meine Eltern nie erwischt, wie ich Damensachen ausprobiert habe.
Da warst du genauso einfallsreich wie Jennifer+++

Re: Outing gegenüber Eltern mit unterschiedlicher Einstellung/Betrachtungsweise?
Verfasst: Mo 23. Sep 2019, 13:24
von Steffi-BLN
Nein Erlösung auf keinen Fall, dass wird mich mein Leben lang begleiten, aber es tut gut sich mal endlich zu öffnen. Ich habe eben schon in einem anderen thread geschrieben, eine Art Traumabewältigung.
Ich werde wohl auch noch einen eigenen Thread aufmachen wo ich über die Erlebnisse schreiben die ich ich von 15 bis etwa 18 Jahren erlebt habe. Dass ist nochmal eine andere Hausnummer. Einige aus dem Chat wissen es ja schon.
Lieben Gruß
Re: Outing gegenüber Eltern mit unterschiedlicher Einstellung/Betrachtungsweise?
Verfasst: Mo 23. Sep 2019, 13:29
von Anja
Moinsen
Steffi-BLN hat geschrieben: Mo 23. Sep 2019, 13:24
Dass ist nochmal eine andere Hausnummer.
Ich habe keine Ahnung um was es geht, nur kurz als Anregung, denk vorher vielleicht drüber nach, ob es dann eventuell eher etwas für den geschützten Bereich wäre?
Grüße
die Anja
Re: Outing gegenüber Eltern mit unterschiedlicher Einstellung/Betrachtungsweise?
Verfasst: Mo 23. Sep 2019, 15:43
von Joe95
Ich bin hier auch nur stiller Mitleser, denn als mein Vater starb gab es bei mir noch nix zum outen. Meiner Mutter habe ich mal gesagt das ich gerne Röcke trage, was sie ziemlich entsetzt aufnahm.
Wie es mit mir weiter ging hat sie dann auch nicht mehr miterlebt.
Re: Outing gegenüber Eltern mit unterschiedlicher Einstellung/Betrachtungsweise?
Verfasst: Di 24. Sep 2019, 11:35
von ExUserIn-2026-01-22
!EmmiMarie! hat geschrieben: Sa 21. Sep 2019, 16:02
Meine Mum flechtet mir heute noch gerne Zöpfchen..
Das ist so süß...

Ja, das machen die Mütter gerne bei ihren Töchtern.
Christiane hat geschrieben: So 22. Sep 2019, 17:34
Da meine beiden Elternteile derartigem "Fehlverhalten" sehr ablehnend gegenüber stehen und meine Mutter mich im Alter von 13 oder 14 Jahren vor versammelter Familie mit den gefundenen Sachen gedemütigt hat...
Krass

Da möchte man am liebsten im Boden versinken. Auch ein harter Schlag, wenn die Eltern zu solch drastischen Mitteln greifen.
Keks-Marie hat geschrieben: So 22. Sep 2019, 22:37
Denn hatte mein Vater vor 17 Jahren noch auf die bei mir gefundene Mädchenkleidung mit der Aussage: "Was stimmt mir dir nicht?" reagiert, war er es der mich bei meinem Outing Anfang des Jahres als erstes in den Arm genommen hatte.
Gratulation! Ein schönes Beispiel, wie es doch gehen kann.
Renée hat geschrieben: Mo 23. Sep 2019, 10:01
ich hatte mich Mitte des Jahres bei meinen Eltern offenbart. Da wir auch nicht in einem Ort wohnen, machte ich dies per Telefon, es musste raus.
Glückwunsch für deinen Mut. Dennoch wäre für mich ein Outing per Telefon nichts - ich möchte die Reaktion meines Gegenübers sehen. Am Telefon wäre für mich so eine halbgare Sache: man spricht zwar darüber, aber so ein Thema per Telefon klären? Hier würde ich immer zu einem persönlichen Gespräch raten.
sbsr hat geschrieben: Mo 23. Sep 2019, 11:27
Wahrscheinlich würde er es primär lustig finden, wenn sein Schwiegersohn, der doch handwerklich so geschickt ist und alles kann, plötzlich im Kleidchen auftaucht.
Total süß

Frauen sind auch handwerklich geschickt, die können gut mit Hammer umgehen, wäre nichts außergewöhnliches.
Die fesche Tina hat geschrieben: Mo 23. Sep 2019, 13:18
sbsr hat geschrieben: Mo 23. Sep 2019, 11:27
Meiner Mutter wäre es sicher lieber, ich wäre "normal", aber sie würde wenigstens versuchen, mich zu unterstützen. Das Problem und der Grund, warum auch sie unwissend bleiben wird, sie würde sich Vorwürfe machen, was sie in meiner Kindheit falsch gemacht hat. Das macht sie nämlich ständig wegen allem Möglichen, gibt sich selber die Schuld auch wenn das noch so abwegig ist, und verfällt dann wieder in Depressionen. Das möchte ich uns allen ersparen.
Aus meiner Sicht als Mutter hatte ich diese Gedanken zu keinem Zeitpunkt. Ich akzeptierte es als neue Seite meines Kindes+++sollte ich deshalb meine Erziehung infrage stellen? Nope. Ich habe einen Sohn großgezogen, ohne zu wissen, dass er im Teeniealter plötzlich andere Gefühlswelten für sich entdeckt. Er war verschlossen und zeigte diese Seite nie. Ich habe ihn auch immer wie ein männliches Kind behandelt. Seine feminine Seite fand er ganz von allein. Dass mein Kind heute lieber weiblich als männlich ist, darüber mache ich mir keine Vorwürfe. Ich schätze das wäre auch total verkehrt, das einzige was (für mich) zählt ist, mein Kind so zu akzeptieren wie es ist.
Ich sehe das wie meine Mama und privat haben wir darüber auch schon gesprochen. Mir war es wichtig meine Mama wissen zu lassen, daß mein Lebenswechsel keinesfalls mit der familiären Erziehung zu tun hatte. Es war schlicht und einfach meine Entscheidung! Zum Glück hat meine Mama diese Einstellung und macht sich diesbezüglich keine eigenen Vorwürfe etwas während meiner Kindheit/Erziehung falsch gemacht zu haben.
Die fesche Tina hat geschrieben: Mo 23. Sep 2019, 13:18
Lady Jennifer hat geschrieben: Mo 23. Sep 2019, 11:56
Gleichzeitig kann ich mir aber vorstellen, daß es für dich wie eine Erlösung sein muß darüber zu schreiben, quasi den Schmerz mit anderen teilen.
Ich hoffe, dass Steffi deinen Satz hier liest, denn das würde mich schon interessieren, ob sie das als Erlösung empfindet. Der Schmerz ist einmal da und es ist geschehen, einfach nur darüber zu schreiben sehe ich nicht als Erlösung. Wenn einmal solch ein Schaden in einem Menschen angerichtet wurde, schmerzt die Seele ein Leben lang. Und wenn wir ehrlich sind, wir Außenstehenden können in einem solchen Fall auch nicht helfen. Wir zeigen Mitleid und äußern unseren Unmut, aber mehr können wir an unsere Stelle leider nicht tun+++

Ich hoffe, dass Steffi in ihrer Nähe eine Anlaufstation hat, um dieses Kindheitstrauma professionell aufarbeiten lassen. Leider wird die Erinnerung daran nie vergehen+++
Das ist ein guter Punkt und vielleicht war ich in meiner Antwort etwas oberflächlich. Dennoch heißt es doch immer wieder: sich etwas von der Seele zu schreiben wirkt wahre Wunder.
Deinen Ansatz sehe ich aber zu 100% ähnlich.
Steffi-BLN hat geschrieben: Mo 23. Sep 2019, 13:24
Nein Erlösung auf keinen Fall, dass wird mich mein Leben lang begleiten, aber es tut gut sich mal endlich zu öffnen. Ich habe eben schon in einem anderen thread geschrieben, eine Art Traumabewältigung.
Ich werde wohl auch noch einen eigenen Thread aufmachen wo ich über die Erlebnisse schreiben die ich ich von 15 bis etwa 18 Jahren erlebt habe. Dass ist nochmal eine andere Hausnummer. Einige aus dem Chat wissen es ja schon.
Klasse! Schön, daß du für alle Nicht-Chatter einen Thread dafür aufmachst! Bin schon sehr gespannt.
Jennifer
Re: Outing gegenüber Eltern mit unterschiedlicher Einstellung/Betrachtungsweise?
Verfasst: Mi 25. Sep 2019, 22:57
von Helga
Hallo Tina,
vielen Dank für das Thema. Es nötigt einen doch mal wieder ein wenig in die Tiefe zu denken.
Bei mir hat sich das Thema Outing bei den Eltern eigentlich erledigt.
Meine Mutter hat schon vor Jahren ihre Reise ins Vergessen angetreten. Seit Jahren weiß sie nicht mehr dass sie jemals Kinder geboren hat. In einer gewissen Phase, als die Demenz noch nicht so weit fortgeschritten war, die Erinnerung zwar teilweise weg, der Verstand aber noch aktiv, hat sie alles angenommen und akzeptiert was man ihr erzählt hat. Der Verstand sagte ihr wohl- wenn der oder die das sagt wird es wohl richtig sein. In der Phase hätte ich mich ihr problemlos als Tochter vorstellen können. Sie hätte es akzeptiert, und sich womöglich (um mir zu gefallen) darin erinnert dass wir zusammen meinen ersten BH gekauft haben. Das habe ich natürlich nicht gemacht. Auch Menschen die am nächsten Tag alles vergessen haben muss man nicht anlügen.
Im Vollbesitz ihres Verstandes und ihres Gedächtnisses hätte sie es als treusorgende Mutter vermutlich ohne große Widerworte akzeptiert. Möglicherweise hat sie auch mal eines meiner Verstecke gefunden, gesagt hat sie nie etwas. Intellektuell verstanden hätte sie es allerdings nicht. Jahrgang 1932, in der Enge eines kleinen Dorfes aufgewachsen, Zwangsmitglied im "Bund deutscher Mädel". Nach der (späten) Heirat auf einen Einödhof umgesiedelt dürfte sie mit Trans- Themen nie in Berührung gekommen sein.
Mein Vater ist vor einigen Jahren gestorben. Es gibt "Hinweise" dass er dem Crossdressing möglicherweise auch nicht abgeneigt war. Nicht dass er (vorausgesetzt er hat es gewollt) jemals die Chance gehabt hätte die auszuleben. Zuerst musste er das Zimmer mit Brüdern teilen, als diese ausgezogen waren mit seiner Frau. Er hat den elterlichen Hof nie verlassen und war stets unter Aufsicht. Zunächst Mutter und Großmutter, dann Mutter und Ehefrau. Die mangelnden Freiräume wurden durch reichlich Alkohol kompensiert.
Ich glaube er hätte mit einem Outing kein Problem gehabt.
Jetzt aber mal eine Gegenfrage: Was macht euch so sicher dass Jennifers Vater abweisend reagiert hätte?
Bis vor gar nicht allzu langer Zeit habe ich selbst bei "Trans"- Themen immer abweisend reagiert. Ich wusste dass dies in mir steckte, wollte aber jeglichen Verdacht ich könnte damit zu tun haben im Keim ersticken. Habe alles unterlassen was irgendwie "weibisch" wirkte und bei Gesprächen die drohten in eine "trans-" Richtung zu laufen ganz schnell abgelenkt. Filme wie "Manche mögens heiß" oder "To Wong Foo" konnte ich in Gesellschaft nicht anschauen. Ich habe den Raum verlassen.
Crossdressing ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Crossdressing dürfte es geben seitdem die Geschlechter sich unterschiedlich kleiden. Neu ist allerdings dass unsere Generation endlich die Möglichkeit hat dies weitgehend sanktionsfrei ausleben zu können. Frühere Generationen mussten sich ihre Wege suchen die Neigung irgendwie zu kompensieren bzw. zu verdrängen.
Vielleicht steckte unter der konservativen Hülle von Jennifers Vater mehr als ihr ihm zutraut.
Sorry, nur eine Rotwein- These.
Liebe Grüße
Helga
Re: Outing gegenüber Eltern mit unterschiedlicher Einstellung/Betrachtungsweise?
Verfasst: Mi 25. Sep 2019, 23:56
von Michaela M.
Hallo!
Bei mir war mein Vater der verständnisvollere Elternteil. Als ich beiden zusammen sagte das ich Transsexuell bin, drehte meine Mutter durch, wurde laut, schrie das sie einen Sohn und keine Tunte als Kind hätte. Mein Vater sagte zu ihr das sie ruhig sein solle und das es so ist wie es ist, man könne das sowieso nicht ändern. Da fing meine Mutter dann auch an mit ihm zu streiten. Zum Glück musste er bald zur Nachtschicht, ich ging hoch in meinen Bereich im Haus, nahm eine hohe Dosis Tramadol da ich bei der Arbeit es mal wieder übertrieben hatte und die Schmerzen richtig 10 gingen. Als das Tramadol anfing zu wirken flog ich dann ins Land der Träume. Am nächsten Morgen gab meine Mutter wenigstens Ruhe und ich fuhr zu Arbeit.
Telefonierte dann am Wochenende mit einer meiner Tanten in SFO, Schwester von meinem Vater, outete mich und von ihr kam die Aussage "Es ist wie es ist, ich müsse mich wohl fühlen und wenn das äußere nicht zur Seele passt, dann muss man das ändern". Erzählte dann was beim Gespräch mit meinen Eltern passiert war. Meine Tante sagte, da mein Vater mit 7 Schwestern aufgewachsen sei, 4 davon Afroamerikaner die bei der US-Armee waren heirateten, das Haus meiner Großeltern allen Freunden der Kinder offen stand sei er weltoffener. Er selbst bekam sogar mehrer Heiratsanträge, von den schwulen amerikanischen Freunden meiner Tanten, weil er so gut kochen konnte. Sein ältester Bruder ist das genaue Gegenteil, der hat gleich eine Prügelei bei solchen Sprüchen angefangen und seine Meinung ist auch Heute noch das alle die nicht "normal seien" weg müssten. Ihn habe ich auch nicht eingeweiht.
Was meine Mutter alles anstellte um mir das Leben schwer zu machen schreibe ich in einem eigenen Thema, kann aber ein wenig in meiner Vorstellung darüber lesen.
Am allerschlimmsten ist aber mein Halbbruder. Vorne rum cool, prima das dich traust es zusagen und hintenrum gibt es dann den Dolch in den Rücken.
Meinem Neffen habe ich es vor 2 Wochen an seinem 20. Geburtstag gesagt und er sagte das sich für ihn nichts ändern würde. Er würde mir weiter helfen wenn ich seine Hilfe brauche und er würde mich auch wie bisher um Hilfe bitten.
Gruß
Michaela M.
Re: Outing gegenüber Eltern mit unterschiedlicher Einstellung/Betrachtungsweise?
Verfasst: Do 26. Sep 2019, 04:03
von heike65
Mal ehrlich, sind die Eltern so wichtig?
Mir waren und sind die Gefühle unserer Kinder entscheidend.
Meine Eltern (meine Mutter, da mein Vater schon lange verstorben ist) sollte ausreichend Lebenserfahrung besitzen das zu verarbeiten.
Hat nicht gefunzt, nach 2 Jahren habe ich immer noch kein Heike von ihr gehört, es blieb bei der Ersatzlösung "mein Kind" und immerwärendem Kopfschütteln. Nun muss sie das allein mit sich ausmachen.
Re: Outing gegenüber Eltern mit unterschiedlicher Einstellung/Betrachtungsweise?
Verfasst: Do 26. Sep 2019, 08:31
von ExuserIn-2019-12-22
Liebe Heike,
andere Lebenssituation, andere Ansichten.
Ich bin noch relativ jung und habe keine Kinder. Eine feste Partnerschaft habe ich mit allen Mitteln verhindert, um nicht in so eine Situation zu geraten: "Wie sage ich es meiner Frau und den Kindern?"
Rückwirkend betrachtet sehr traurig und das Thema mit eigenen Kindern hat sich mittlerweile auch erledigt.
Re: Outing gegenüber Eltern mit unterschiedlicher Einstellung/Betrachtungsweise?
Verfasst: Do 26. Sep 2019, 11:30
von ExUserIn-2026-01-21
Helga hat geschrieben: Mi 25. Sep 2019, 22:57
Jetzt aber mal eine Gegenfrage: Was macht euch so sicher dass Jennifers Vater abweisend reagiert hätte?
Vielleicht steckte unter der konservativen Hülle von Jennifers Vater mehr als ihr ihm zutraut.
Eine interessante Gegenfrage Helga. Da sich der Thread um die Sicht der Kids auf ihre Eltern bezieht, überlasse ich Jennifer darauf zu antworten.