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Re: Meine Gedanken

Verfasst: Mo 21. Jan 2019, 12:16
von Nicole Fritz
Hallo Tatjana,

Deine Gedanken könnten zum großen Teil von mir stammen. Dass bei mir der Übergang vom heimlichen CD zur Vollzeitfrau nur ein halbes Jahr gedauert hat, liegt vor allem daran, dass ich mein Leben als Mann schon komplett "vergeigt" hatte. Mit meiner Mutter starb dann die letzte Person, für die ich den Mann noch spielte.

Den Impuls als Frau in die Öffentlichkeit zu gehen statt nur zur sexuellen Erregung Frauenkleider anzuziehen bekam ich in durch dieses Forum. Ich entwickelte Freude an meinem Outfit, und mit zunehmender Routine in der Rolle als Frau wurde der Mann-Modus überflüssig. Im Falschen Körper fühle ich mich aber nicht. Es ist die Rolle als Mann in dieser Gesellschaft, mit der ich mich nie abfinden konnte.

Immer das Alphatier zeigen, das ich nie war, hat meine sensible Seele kaputt gemacht. Ich wurde aggressiv und sarkastisch. Und das "A********", das ich immer spielte, hasste ich immer mehr. Wenn ich jetzt Nicole im Spiegel sehe, dann ist das ein Ich, mit dem ich mich abfinden kann. Es ist nicht die schöne Frau aus meinen sexuellen Fantasien, die ich nach dem Tod meiner Mutter zunächst als lebende Gummipuppe ausleben wollte, aber auch nicht mehr der hässliche, blöde Hampelmann, den ich immer allen vorspielte.

Den Begriff "non-binär" habe ich erst in diesem Forum kennen gelernt, und er beschreibt ziemlich genau unsere Situation. Er macht die immer wiederkehrende Frage "bin ich trans oder nicht?" überflüssig. Ich bin so viel trans*, dass ich mit der männlichen Rolle nicht klar komme, aber nicht trans genug für eine vollständige Transition. Nur in unserer Gesellschaft und bei vielen Psychologen ist das noch nicht angekommen. Da bezeichnet man mich immer wieder als sexuell motivierten Hobby-Transvestiten. Es ist aber wohl ein seltsames Hobby, wenn es das Leben zerstören und jemanden in den Selbstmord treiben kann. Trotzdem stehe ich nicht am Anfang eines Weges vom Mann zur Frau, sondern gehe einen Weg irgendwo dazwischen, den es in vielen Köpfen aber leider immer noch nicht gibt.

LG Nicole

Re: Meine Gedanken

Verfasst: Mo 21. Jan 2019, 12:46
von Anja
Hallo Nicole,

das sind ja zwei paar Schuhe. Einerseits gehts um dein persönliches Geschlechtsempfinden. Und andererseits um das soziale (gelebte) Geschlecht, auch als Gender bezeichnet. Und das gefühlte und gelebte Geschlecht müssen nicht zwangsläufig das selbe sein.
Du empfindest dich als non-binär (Geschlecht) und
lebst als Frau (Gender)

Aber über Begifflichkeiten lässt sich ja auch trefflich streiten :lol:

Grüße
die Anja

Re: Meine Gedanken

Verfasst: Mo 21. Jan 2019, 13:10
von Nicole Fritz
Hallo Anja,

für die meisten in dieser Gesellschaft sind es (noch?) zwei Paar Schuhe! Ich lebe inzwischen für mich privat non-binär. Das ist mein Gender. Mein (biologisches) Geschlecht ist ohne HT und OP immer noch männlich. Eine Frau bin ich im öffentlichen Leben. Das ist meine Anpassung an die binäre Gesellschaft, damit mich nicht jeder auf der Straße anstarrt und ich mich dabei wohl fühlen kann. Meine Rolle als Mann hasse ich und spiele sie deshalb nicht mehr.

Für viele sind es aber nur Begrifflichkeiten, über die man sich endlos auslassen kann. :wink: (pl)

LG Nicole )))(:

Re: Meine Gedanken

Verfasst: Di 22. Jan 2019, 15:58
von ChristinaF
Hallo Tatjana,
ähnlich lief es so bei mir. Jahrelang CD und damit mehr oder minder "glücklich". Aber im laufe der Zeit entwickelte sich meine Psyche immer mehr hin zum frausein. Das dauerte auch mehrere Monate mit bohrenden Fragen bezüglich Partnerschaft, sozialem Umfeld, Beruf usw. Schlussendlich konnte ich aber nicht mehr anders leben und suchte mir Rat bei einer Psychologin. Hier reflektierten wir mein "Dasein" und so kam die Erkenntnis, dass ein weiteres Leben eigentlich nur als Frau in Frage kam.
Es war wie eine Neugeburt. Die Ängste ob denn alles gutgehen würde, lösten sich tatsächlich in Luft auf. Denn Priorität hatte nun mein Wechsel zur Frau. Heute bereue ich nicht im geringsten diesen Weg eingeschlagen zu haben. Allerdings weine ich der vertanenen Zeit nach und bereue es bitter, nicht schon in jüngeren Jahren zu dem gestanden zu haben, was innerlich in mir offensichtlich war. Eine Frau.
Liebe Grüße
Christina