Hexemelina hat geschrieben: Fr 4. Jan 2019, 23:38Ein "Enby" zu sein ist aus meiner Sicht fast schon ideal für intersektionale Theorien. Es ist hinreichend unbestimmt, dass einen keiner wirklich widerlegen kann oder einem vorhalten kann, man sei gar nicht wirklich x oder y.
In einer idealen Welt wäre es tatsächlich eine einfache und tolle Lösung, sich mit dem Label "Enby" aus allem heraus zu ziehen. Andererseits wäre die Welt dann so ideal, dass Geschlechtszuordnungen und -zuschreibungen keine Rollen spielen würden. Dann wäre der Feminismus auch am Ziel, nämlich sich letztlich überflüssig zu machen.
In der heutigen Realität scheitert diese Ideallösung an unseren binär geprägten Mitmenschen.
1. gibt es nicht nur Enbys mit männlichen Privilegien. Zum Beispiel alle, die weiblich gelesen werden. "Mannweib", "Kampflesbe" (egal welche Orientierung die Person hat), "Hässlich" (weil nicht feminin in Aufmachung/Verhalten), aber auch "aber du bist doch so ne Süsse" (bei Enbys mit sehr femininem Körper)
2. wird Männlichkeit von vielen gerade durch Vermeidung und Ablehnung von allem irgendwie "weiblichem" definiert. Wer das nicht mitmacht ist "Softie", "Sissy", "Weichei". Enbys mit sehr maskulinem Körper gelten als "lächerlich", wenn sie nicht wie Arnie auftreten oder sich verhalten. Oder es wird ihnen aufgrund ihres Körpers eine Bedrohlichkeit unterstellt.
3. wird eine nicht-binäre ID von anderen häufig gar nicht ernst genommen, sowohl von Cis-, wie von Transpersonen. "Du pickst dir nur die Rosinen raus", "hast dich nur noch nicht entschieden", "das ist jetzt aber echt männlich/weiblich" (je nach Zuschreibungsgeschlecht). Manche lehnen die Existenz von nicht-binärem Geschlechtsempfinden generell ab. "Es gibt nur männlich und weiblich". Transpersonen vermuten, dass Enbys sich "um das Leiden durch den Transprozess" drücken. Auch das eine Variante von "du machst es dir ja einfach" und "echt ist nur, wer genauso gelitten hat". Dabei verkennen sie, dass Enbys hierzulande gar keine offiziellen Möglichkeiten für irgendeine Form von Transition haben - wenn sie das denn wollen.
4. kommen Enbys offiziell gar nicht vor. Nein auch mit dem neuen Gesetz nicht, solange es körperliche Merkmale voraussetzt. Das "d" ist nett, aber es gibt keine praktische Umsetzung. Klamotten, Toiletten, Sportvereine, Anreden, Quoten, Elternschaftsrecht, statistische Sichtbarkeit, Möglichkeiten zur Transition: alles nur binär bisher, und das tw mit der Kraft von Gesetzen und Verordnungen.
Warum also bringen wir uns also in diese Bredouille? Warum bleiben wir nicht einfach bei unserem zugeschriebenen Geschlecht, das wahrscheinlich prima kongruent mit Körper und Erscheinung ist oder wechseln binär? Gegenfrage: Warum macht "ihr" das? Andere Klamotten, Makeup, Heels, rausgehen mit klopfendem Herzen, Gefühle zulassen, wie sonst nicht?
Woher kommt der Wunsch mindestens gelegentlich so gesehen zu werden, wie man sich selbst empfindet? Keine Ahnung. Ist mir auch nicht wichtig. Aber ihr kennt das alle irgendwie. Also nehmt das Gefühl, diesen Wunsch, den ihr empfindet und dann addiert den Frust, wenn "die andere Seite" am Ende genauso falsch ist. Wenn sich keine der beiden binären Optionen nach "angekommen" anfühlt, aber als einzige angeboten werden - und wenn die Menschen um euch herum ewig drauf rumhacken, wann ihr euch denn endlich entscheidet, was ihr denn nun seid, wie sie euch ansprechen sollen, bzw. eure Wünsche gar nicht akzeptieren.
Natürlich ist Enby für uns die "einfachste" Lösung. Denn alles andere erfordert Verstellung, verbiegen, vorspielen. Dinge anziehen, aussehen, verhalten, reden, wie es erwartet wird, nicht wie wir uns wohl fühlen. Oder als Enby ständig entscheiden zwischen angepöbelt, ausgelacht und rausgeworfen, immer auf der Hut, nicht "enttarnt" oder lächerlich gemacht zu werden; siehe oben. Diese "einfachste Variante" ist trotz der Probleme mit der Umwelt immer noch die leidensärmste. Und wenn "ihr" meint, dass sie für euch auch einfacher ist, dann willkommen bei den Enbys, we have cookies.
Ein Nachsatz noch zu den taktischen Überlegungen. Hier sind meines Erachtens Ursache und Wirkung vertauscht. Bei nicht-binären und männlichen Feministen gehe ich zumindest erst mal von einer echten moralischen Überzeugung als Ursache aus. Die feministische bzw. anti-patriachale Haltung ist das Ergebnis. Klar könnten theoretisch viele ihre männlichen Privilegien aktivieren. Die allermeisten Menschen könnten auch Greueltaten vollbringen, aber um den Preis, sich vor sich selbst zu ekeln.