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Re: Wie fühlt sich der Wunsch nach dem anderen Geschlecht an ?

Verfasst: Do 13. Sep 2018, 10:09
von ExUserIn-2026-04-08
Einen schönen, guten Morgen,

zunächst einmal vielen Dank für die Statements. Ich glaube, ich kann Eure Sichtweisen sehr gut verstehen. Mir ging es auch weniger um die die Frage nach einem kann oder muss, sondern mir geht es tatsächlich um die Beschreibung, wie sich die Gefühle äußern, die auf die Sehnsucht oder das "Muss" hinweisen. Dass der innere "Drang", die Weiblichkeit oder im umgekehrten Fall die Männlichkeit, zu leben (in welcher Form auch immer), vorhanden ist, ist klar.

Ich habe für mich persönlich festgestellt, in dem Augenblick, in dem ich versuche, meine Gefühle nicht nur diffus, sondern differenziert zu betrachten, für mich selber immer gewonnen habe. Wally hat schon Recht, dass man die nicht so einfach in Worten ausdrücken kann. Aber darin liegt ja auch ein Reiz, wie ich finde. Es ist beständiges "Bohren" und Suchen.

Mir schwebt dabei auch kein "Vergleich" vor, wie ihn Aria anspricht, sondern der Austausch kann neue Horizonte eröffnen. Es ist ein bisschen wie gemeinsam Wein trinken. Jede/r hat eigene Eindrücke und der Austausch darüber kann in mir weitere Eindrücke hervor rufen. Ich habe einmal meine Tochter als sie noch klein war, an meinem Glas riechen lassen. Ihre spontane Reaktion war: "der riecht nach Ananas". Ich hatte das noch gar nicht wahr genommen, aber sie hatte Recht. Im Wein war eine klare Ananasnote. Analog geht es mir hier ähnlich.

Ich bin davon überzeugt, die differenzierte Betrachtung der eigenen Gefühle mich viel weiter bringt. Der Austausch darüber noch einmal. Wally hat z.B. den Zusammenhang zur Sexualität in die Diskussion geworfen. Das finde ich einen spannenden Ansatz. Wo hören nicht-sexuelle Gefühle auf, wo fängt die Sexualität an ?
Wikipedia schreibt zum Thema Sexualität:
Im weiteren Sinn bezeichnet Sexualität die Gesamtheit der Lebensäußerungen, Verhaltensweisen, Empfindungen und Interaktionen von Lebewesen in Bezug auf ihr Geschlecht.
Hier ist also, neben dem zwischenmenschlichen Aspekt, ein auf sich selber bezogener Ansatz beschrieben. Ich denke, dass wird häufig vernachlässigt, wenn man sagt, der Wunsch nach der eigenen Weiblichkeit/Männlichkeit hat nichts mit Sexualität zu tun. Ich empfinde das als Einengung. Meine weiblichen Emotionen sind im Sinne des Zitats eher reine Sexualität. Wally beschreibt z.B. ein anderes Körperempfinden von Mann und Frau. Ich kann das nur bestätigen. Wobei ich den Eindruck habe, dass die mit dem Altern verbundenen Veränderungen, vor allem der Hormonspiegel, ebenfalls eine Bedeutung haben. Ich habe entweder "nicht-sexuelle" oder sexuell-weibliche Seite. Die männliche Seite ist unterrepräsentiert.

Die Scham und die Angst, die Kelly anspricht, hat für mich vor diesem Hintergrund eine etwas differenziertere Bedeutung. Wir haben eine Kultur, in der man über Sexualität nicht spricht. Der Ausdruck der eigenen Sexualität ist in diesem Sinne auch eher "peinlich". "Normale" Männer und Frauen drücken zwar ihre Sexualität aus, aber das ist ja "normal" und findet kaum Beachtung. Platt ausgedrückt: Männer suchen Sex, Frauen suchen Liebe. Oder: Männer sind schwanzgesteuert, weiblicher Sex ist kompliziert. Wenn aber ein Cis-Mann sich weiblich gibt oder eine Cis-Frau männlich, drückt sie/er die Sexualität (im oben genannten Sinn) explizit aus. Man ist quasi "nackt". Das wird wahr genommen. Das "Passing" wird wichtig, um nicht nackt zu sein. Vielleicht liegt hierin auch ein Grund, weshalb sich TS sich zurück ziehen. Sie sind "komplett" Frau und wollen ihre Sexualität nicht mehr öffentlich dargestellt wissen. Aber das ist nur eine Vermutung.

Tessa schreibt:
Die Frage die Du stellst, ist wohl eine, die man sich stellt, bevor man den grossen Schritt wagt. Ich verdränge sie in der Regel mit aller Macht... noch...
Mit Deiner Vermutung hast Du vielleicht sogar Recht. Ich habe das noch nicht so gesehen. Oder besser gesagt, etwas drängt mich Schritte zu tun, aber ich weiß noch nicht welche. Auf der anderen Seite ist die (rationale ?) Vorsicht, die bremst. Die Anspannung, die ich in mir spüre ist genau dieser Konflikt, Antrieb und Bremse. Ich glaube, dass das differenzierte Betrachten der Gefühle dazu führt, dass man nicht mehr in der Weise weiterlebt, wie man das vorher gemacht hat. Es ist ein unumkehrbarer Schritt. Und ich bin überzeugt, es hilft, die richtigen Schritte zu finden. Die Gefühle und vor allem die Macht, mit der sie sich ausdrücken, sagen, es ist eine Entwicklung notwendig. Panta rhei, alles fließt. Ich muss Veränderungen annehmen oder sie überrollen mich. Vielleicht sind die Gefühle vor der bewussten Wahrnehmung, dass mir das En-femme-Ausdrücken" wichtig ist, ein Ausdruck für "akzeptiere Dich, sonst überrolle ich Dich". Kim schrieb in einem anderen Beitrag, dass sie nach der Hormoneinnahme viel weniger die Notwendigkeit sieht, ihre Weiblichkeit auszudrücken. Sie hat möglicherweise den inneren Konflikt aufgelöst. viewtopic.php?f=16&t=16149&p=213444&hilit=kim#p213444

Joe bringt es ganz schlicht auf den Punkt:
Es ist für mich nicht der Wunsch nach dem anderen Geschlecht, sondern, ganz im Gegenteil, der Wunsch nach dem eigenen Geschlecht.
Das ist nicht das Ende des Wegs, sondern der Anfang eines neuen. Oder wie Diana es ausdrückt:
Da wünscht man sich, dass das gesamte Paket so passen würde.
Mal sehen, was da noch kommt.

Edit: In der Zwischenzeit ist noch Jeninas Beitrag dazu gekommen. Vielen Dank dafür.

Ich habe bei Arias Bemerkung auch erst gestutzt und beschlossen, nicht so empfindlich zu sein. Ich denke, sie hat gar nicht so Unrecht. Es sind Tagträume, denen ich nachhänge, so lange ich die Dinge im "virtuellen" Raum hängen lasse. Ihre Empathie funktioniert auf mich bezogen richtig. Mein Inneres scheint ja zu sagen, "ändere was" und der Hasenfuß in mir steht auf der Bremse. Da bleiben nur Träume. Reichen die ?

Übrigens sagen nicht nur TS, es habe nichts mit Sexualität zu tun. Ich finde den Tenor auch bei anderen Transmenschen. Vielleicht sollte man "Sexualität" durch"sexuelle Orientierung" ersetzen.

Es ist merkwürdig, wie sich die Dinge ähneln. "Judith in Jena" ist mir entgangen. Ich werde mir das genauer anschauen. Ich habe auch schon sehr viele Fotos von mir gemacht und den den Umgang mit Photoshop ist mir auch nicht fremd. Ich hatte von einer früheren Freundin Aktaufnahmen gemacht und so habe ich sie genutzt, mir Vicky bildlich vorzustellen (Nein, ich werde die Bilder nicht zeigen). Zuerst war es seltsam eigentümlich. Aber je länger ich sie habe, um so mehr gefallen sie mir. Und die körperliche "Angleichung" Tape statt OP kenne ich auch zur genüge. Seit einiger Zeit sind mir eng sitzende Jeans lieber als Röcke spricht eine deutliche Sprache.Du schreibst:
Damit bin ich nicht schnell fertig.
finde ich richtig. Ich werde mir auch Zeit lassen, denn es kommt immer wieder Neues hinzu und anderes tritt zurück. Es ist wie ein spannender Film, nur mit dem Unterschied, dass man es nicht konsumiert.

Auf Deine "Provokation" :wink: gehe ich jetzt nicht ein. Aber vielleicht später ...

Re: Wie fühlt sich der Wunsch nach dem anderen Geschlecht an ?

Verfasst: Do 13. Sep 2018, 10:19
von Joe95
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 13. Sep 2018, 10:09...
Übrigens sagen nicht nur TS, es habe nichts mit Sexualität zu tun. Ich finde den Tenor auch bei anderen Transmenschen. Vielleicht sollte man "Sexualität" durch"sexuelle Orientierung" ersetzen.
...
Das stimmt. Ich kenne diesen Hinweis auch nur in dem Sinne "Trans* hat nichts mit sexueller orientierung zu tun".
Bei mir hat es auf jeden Fall mit Sexualität zu tun.
Ich würde sehr gerne Sex haben, jedoch nicht mit den "falschen" Genitalien.

Re: Wie fühlt sich der Wunsch nach dem anderen Geschlecht an ?

Verfasst: Do 13. Sep 2018, 11:35
von Jasmine
Auch wenn ich biologisch "noch" ein Mann bin, so denke und fühle ich wie eine Frau. Dies tat ich eigentlich schon immer. Ich bin froh und glücklich das ich nach langer Zeit des Versteckens auch als Jasmine leben kann. Ob und wann ich die kleinen Fehler an meinem Körper beseitigen lasse, steht in den Sternen. Da mir meine Partnerin jeden Tag das Gefühl und die Sicherheit gibt, das ich "ihre JASMINE" bin und sie mich so wie ich bin akzeptiert hat und mich von ganzem Herzen liebt, ist es für meine Partnerin und mich eher zur Nebensache geworden ob ich eine Gaop durchführen lasse.
Liebe Grüße Jasmine

Re: Wie fühlt sich der Wunsch nach dem anderen Geschlecht an ?

Verfasst: Do 13. Sep 2018, 12:17
von Jenina
Vicky,

die Provokation ist gern geschehen. Aber ich meine das ernst. Lange habe ich nicht mit jemandem so tief über Probleme diskutiert die ins Allerinnerste gehen, was persönlich bestimmt besser gehn würde. Aber egal...

Ja, ich bin nicht schnell fertig mit Urteilen über meine Gefühle - heißt: ich bin keine Frau... wirklich??? Man sollte also schon nachdenken, träumen tue ich schon, aber ich kann immer noch unterscheiden was ist Traum, was ist reales Gefühl. Deine Beschreibungen im Ursprungspost kann ich als meine Gefühle nachvollziehen in mehr oder weniger zutreffender Art.

Allerdings grüble ich nun nicht ständig darüber. Das bringt nichts, denn ich habe für mich glückklicherweise einen sicheren Frieden mit meinem Sein gemacht. Das hat lange gedauert, auch mit solchen tiefgreifenden Diskussionen natürlich, aber es hat vor allem mich weiter gebracht. Ich habe jetzt endlich Ruhe für meine Gefühlswelt. Und das ist wohl das was wir alle erreichen wollen. Und deshalb freue ich mich über jeden der das sagen kann von sich und seinen Gefühlen, egal ob TV, CD TS oder wie immer man das mit dürren Worten umschreibt. Nur wünsche ich mir eben auch Respekt dafür, dass eine Jede so fühlt wie sie fühlt und wenn sie versucht das für andere darzustellen, was extrem schwer ist, auch nicht einfach abzutun.

Jenina

Re: Wie fühlt sich der Wunsch nach dem anderen Geschlecht an ?

Verfasst: Do 13. Sep 2018, 14:02
von ExUserIn-2026-04-08
Hi Jenina,
Aber egal...
Nein, egal ist das aus meiner Sicht nicht. Dein Post berührt mich. Du kennst teilweise meine Kämpfe und die Wendungen, die ich immer wieder vollzogen habe, seit Jahren. Auch wenn ich zwischenzeitlich ruhiger geworden bin, bleibt etwas in mir, was rebelliert. Ein "sicherer Frieden" sieht für mich anders aus. Ehrlich gesagt, habe ich keine Idee, was ein solcher Frieden für mich bedeuten würde... EDIT: Da fällt mir noch ein Satz von Lou Andreas Salome ein:
Das Glück einer Frau liegt in ihrem Frieden
Deshalb sind die Märchenwälder für mich nicht abgeschrieben. Aber ich brauche für mich den richtigen Augenblick. Michi provoziert natürlich auch immer wieder ... (moin)

Den Respekt, den Du ansprichst, brauchen alle Menschen, unabhängig von der Situation, in der sie stehen. Darüber hinaus wünsche ich mir Anerkennung um meine Bemühungen, ein Mensch zu sein, der sein Leben meistert. Wir haben dabei eine spezielle Situation, andere Menschen haben die ihren. So verdient beispielsweise auch ein Alkoholiker Respekt, die Bemühungen, das zu überwinden, verdient Anerkennung. Für mich sind das zwei verschiedene Ebenen.

Doch zurück zum Thema: Joe schrieb:
Ich würde sehr gerne Sex haben, jedoch nicht mit den "falschen" Genitalien.
Was soll ich sagen ? Mehr geht nicht. Ist das eine Unterscheidungsmöglichkeit in TS und TV/CD ? Ich meine das ausdrücklich ohne jede Wertung. Gehe ich nochmals auf das Wikipediazitat von oben zurück, könnte man das so sehen. Aber es geht mir nicht um Begriffe an sich, sondern darum, sich selber klarer bewusst zu werden, wo man selber steht. So ähnlich wie das Nachspüren der Gefühle, die in mir hochkommen, wenn die Trans-Aspekte in meinem Leben stärker werden. Auch da hilft das Suchen von Worten, sich Dinge bewusst werden zu lassen.

So habe ich gelegentlich die Frage an mich, wie ich mich fühlen würde, wenn ich eine biologische Frau wäre ? Wäre ich dann auch transsexuell oder wäre ich in meinem Körper zufrieden ? Natürlich ist das hypothetisch, aber so weit ich das einschätzen kann, würde ich nicht bedauern, was ich für einen Körper hätte, sondern wie ich als Frau gesehen und behandelt werden würde. Aber wir kennen auch die Macht der Hormone und deshalb ist diese Einschätzung nicht wirklich seriös. Hilft ja auch nur für eine Abgrenzung meines heutigen Ich. Es sagt aber nichts darüber, wie ich leben will und mit welchen Kompromissen ich leben kann.

Jetzt muss ich aber erst wieder meine Gedanken ordnen ...

Re: Wie fühlt sich der Wunsch nach dem anderen Geschlecht an ?

Verfasst: Do 13. Sep 2018, 14:06
von Wally
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 13. Sep 2018, 10:09
Übrigens sagen nicht nur TS, es habe nichts mit Sexualität zu tun. Ich finde den Tenor auch bei anderen Transmenschen. Vielleicht sollte man "Sexualität" durch"sexuelle Orientierung" ersetzen.
Liebe Vicky,

Mit der Erklärung, TS habe nichts mit Sexualität zu tun, war ich noch nie einverstanden. Das ist zu einer Zeit (70er, 80er Jahre) entstanden, als Transsexualität in der Öffentlichkeit noch überwiegend als (bloße!) sexuelle Perversion galt; einerseits verständlich, dass die damaligen TS von diesem entwürdigenden Zerrbild wegkommen wollten - genauso entwürdigend, wie wenn man in einem Mann bloß einen Schwanz oder in einer Frau bloß eine Möse sieht.

Aber so pauschal und kategorisch stimmt diese Aussage einfach nicht! Ich habe in meinem Beitrag ganz bewußt als Beispiel die Sexualität im unmittelbaren Sinn sexueller Lustempfindungen gewählt, obwohl das transsexuelle Anderssein sich natürlich auch bei mir NICHT darauf beschränkt, sondern das gesamte Alltagsleben durchzieht. Aber die Sexualität im engeren Sinn ist eben AUCH ein Aspekt des transsexuellen Andersseins, und nach all meiner Lebenserfahrung ein sehr zentraler, wenn nicht sogar überhaupt DER Punkt, um den alles andere kreist. Es ist bereits Unsinn, unsere Sexualität überhaupt vom sonstigen Alltag abtrennen und isoliert betrachten zu wollen: sie ist ein ganz wesentlich mitbestimmender und mitgestaltender Faktor bei buchstäblich ALLEM, was wir den lieben, langen Tag so tun und denken und reden und empfinden. Manchmal um drei Ecken herum, manchmal auch paradox - aber so gut wie nichts würde unverändert so bleiben, wie es ist, wenn man sich den geschlechtlichen Hintergrund mal komplett wegdenkt.

Im Übrigen finde ich diese Diskussion gerade hoch spannend :-)

Herzliche Grüße
Wally

Re: Wie fühlt sich der Wunsch nach dem anderen Geschlecht an ?

Verfasst: Do 13. Sep 2018, 14:29
von Joe95
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 13. Sep 2018, 14:02...
Doch zurück zum Thema: Joe schrieb:
Ich würde sehr gerne Sex haben, jedoch nicht mit den "falschen" Genitalien.
Was soll ich sagen ? Mehr geht nicht. Ist das eine Unterscheidungsmöglichkeit in TS und TV/CD ?...
Nein, das bedeutet lediglich das es in meinem Fall einen Zusammenhang zwischen meiner Transidentität und meiner Sexualität gibt.
Es gibt Ts, die mit ihren angeborenen Genitalien ein erfülltes Liebesleben haben, es gibt aber auch Cis-Menschen, die keinen Sex haben.
Zumindest dem Hörensagen nach, gesicherte Informationen hab ich da nicht.

Re: Wie fühlt sich der Wunsch nach dem anderen Geschlecht an ?

Verfasst: Do 13. Sep 2018, 14:36
von ExUserIn-2026-04-08
Oh, da habe ich mich nicht gut ausgedrückt. Ich meinte nicht "Sex haben", sondern der (dauerhafte) Wunsch, im anderen Geschlecht Sex zu haben.

Re: Wie fühlt sich der Wunsch nach dem anderen Geschlecht an ?

Verfasst: Do 13. Sep 2018, 15:08
von Joe95
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 13. Sep 2018, 14:36 Oh, da habe ich mich nicht gut ausgedrückt. Ich meinte nicht "Sex haben", sondern der (dauerhafte) Wunsch, im anderen Geschlecht Sex zu haben.
Jetzt steh ich auf dem Schlauch.
Es ging mir ursprünglich nur um diesen Satz von dir:
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 13. Sep 2018, 10:09...
Übrigens sagen nicht nur TS, es habe nichts mit Sexualität zu tun. Ich finde den Tenor auch bei anderen Transmenschen. Vielleicht sollte man "Sexualität" durch"sexuelle Orientierung" ersetzen.
...
Dazu wollte ich meine Situation als Beispiel bringen, da sich meine sexuelle Orientierung nicht geändert hat, wohl aber meine Sexualität als solche.

Was meinst du mit
der (dauerhafte) Wunsch, im anderen Geschlecht Sex zu haben
?

Re: Wie fühlt sich der Wunsch nach dem anderen Geschlecht an ?

Verfasst: Do 13. Sep 2018, 15:22
von ExUserIn-2026-04-08
Mist, jetzt ist alles konfus. Aaalso:

sexuelle Orientierung ist ganz blöde. Setze bitte "sexuelle Selbstwahrnehmung". Der Gedanke ist, wenn ich (biologisch Mann) mich sexuell als Frau wahrnehme und der Wunsch besteht als solche Sex zu haben, habe ich auf allen Ebenen eine weibliche Wahrnehmung und bin damit eine Frau (TS). In meinem Fall ist damit auch ein distanziertes Verhältnis zu männlichen Körpermerkmalen verbunden. Wenn jemand gelegentlich als Frau auftritt, aber im Kern sich männlich fühlt, ist das Geschlechtsempfinden im Ganzen gesehen, differenziert.

Was ich meinte, ist: Das sexuelle Selbstempfinden bestimmt im wesentlichen das Geschlechtsempfinden.

Aber vielleicht ist das auch nur mein etwas verschwurbeltes Denken. Man muss das hier nicht diskutieren ...

Re: Wie fühlt sich der Wunsch nach dem anderen Geschlecht an ?

Verfasst: Do 13. Sep 2018, 15:49
von Joe95
Ok, ich denke ich habs...
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 13. Sep 2018, 15:22... wenn ich (biologisch Mann) mich sexuell als Frau wahrnehme und der Wunsch besteht als solche Sex zu haben, habe ich auf allen Ebenen eine weibliche Wahrnehmung und bin damit eine Frau (TS). In meinem Fall ist damit auch ein distanziertes Verhältnis zu männlichen Körpermerkmalen verbunden.
Genau das meinte ich, denn das ist bei mir der Fall.
Wenn jemand gelegentlich als Frau auftritt, aber im Kern sich männlich fühlt, ist das Geschlechtsempfinden im Ganzen gesehen, differenziert.

Was ich meinte, ist: Das sexuelle Selbstempfinden bestimmt im wesentlichen das Geschlechtsempfinden.

Aber vielleicht ist das auch nur mein etwas verschwurbeltes Denken. Man muss das hier nicht diskutieren ...
Da hab ich keine Ahnung.
Als ich noch glaubte ein Mann zu sein war mein Geschlechtsempfinden irgendwo zwischen chaotisch und abstoßend.

Re: Wie fühlt sich der Wunsch nach dem anderen Geschlecht an ?

Verfasst: Do 13. Sep 2018, 15:54
von Wally
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 13. Sep 2018, 14:02
So habe ich gelegentlich die Frage an mich, wie ich mich fühlen würde, wenn ich eine biologische Frau wäre ? Wäre ich dann auch transsexuell oder wäre ich in meinem Körper zufrieden ?
Liebe Vicky,

Diese Frage habe ich mir auch oft gestellt. Einerseits ein TRAUM AUF WOLKE 7: einfach selbstverständlich von Jedermann als Frau gesehen, angesprochen und akzeptiert zu werden, es gar nicht anders zu kennen und erst mal völlig ungläubig verblüfft zu sein (sich vielleicht sogar ein bißchen geschmeichelt zu fühlen), wenn's doch mal andersum wäre. Dann diesen TOLLEN, weiblichen Körper zu haben (oder im individuellen Fall vielleicht auch einen nicht so tollen, weiblichen Körper - schon hängt die Wolke deutlich tiefer :cry: ) Natürlich müßte ich in diesem Traumleben lesbisch sein dürfen, Männer bräuchte es da meinetwegen gar nicht unbedingt zu geben :lol:

Andererseits, wenn ich mal von einer Meta-Ebene her beides nebeneinander stelle und vergleiche: mein Leben als transsexueller Mensch war und ist für mich eine Riesen-Herausforderung. Zeitweise habe ich unsäglich darunter gelitten, aber andererseits kann ich heute in der Rückschau auch sagen, dass ich es schließlich bewältigt habe, dass ich es wirklich geschafft habe, MEIN Leben zu leben - nicht bloß das, was Andere von mir erwartet haben. Diese kleinen und doch oft so schwer und unter großen Opfern erkämpften, alltäglichen, persönlichen Erfolge sind gerade darum um so wertvoller; jemand, dem sich solche Fragen nie gestellt haben, kann das gar nicht ermessen. Ganz zu schweigen von dem erweiterten Horizont, der sich einem eröffnet, sobald man gezwungen ist, über sein eigenes Geschlecht und über Geschlecht überhaupt mal tiefer (WIRKLICH tiefer, nämlich mit unmittelbaren, handfesten, existenziellen Konsequenzen...) nachzudenken.

Es mag durchaus sein, dass "ich" (also dasselbe Gehirn mit derselben, emotionalen Grundausstattung) als Bio-Frau ein glattes, weitgehend reibungsloses und (für jemanden, der es nicht anders kennt) "glückliches" Leben gehabt hätte. Aber ich fürchte, dass ich in Kenntnis meines nun tatsächlich gelebten Lebens ein solches, weibliches Durchschnittsleben einfach nur als banal empfinden würde. Da fehlen die Höhen und Tiefen und überhaupt der "Pep" :?

Wenn ich für ein weiteres Leben zwischen beidem zu wählen hätte - nun, dann käme es darauf an, ob ich das in diesem Leben erworbene Wissen mitnehmen dürfte. Dürfte ich das, dann würde ich auf jeden Fall als Frau leben wollen, gar keine Frage - schon um es einfach mal auszuprobieren und all das in vollen Zügen genießen zu dürfen, was ich im Gefängnis meines männlichen Körpers zeitlebens so schmerzlich vermisst habe. Müßte ich aber als unwissendes Baby nochmal anfangen, sozusagen als tabula rasa, dann würde ich doch lieber wieder ein Leben als transsexueller Mensch wählen: weil es das intensivere und aufregendere ist, und weil es in seinen Herausforderungen auch mehr besondere Möglichkeiten bereithält.

Herzliche Grüße
Wally

Re: Wie fühlt sich der Wunsch nach dem anderen Geschlecht an ?

Verfasst: Do 13. Sep 2018, 19:00
von ExUserIn-2026-04-08
Ja Wally,

Du beschreibst das genau so wie ich es empfinde. Interessant ist auch der letzte Absatz. Du bist die Einzige, mit der ich zu tun habe, die im Wiederholungsfall wieder TS wählen würde. Und auch das kann ich verstehen. Was ich erlebt habe, nur weil ich nicht im Geburtsgeschlecht leben will, ist so etwas von spannend. Es ist die Sicht von beiden Seiten des Zauns, auch wenn beide Sichtweisen nicht "komplett" sind. Ich bin gerade etwas euphorisch ...

Re: Wie fühlt sich der Wunsch nach dem anderen Geschlecht an ?

Verfasst: Do 13. Sep 2018, 20:09
von Aria
Okay, ich muss zugeben, ich habe die 2. Seite jetzt nicht ganz durchgelesen. Das sind mir teilweise zu viele Gedankengänge, die ich nicht verstehe, weil ich mir über das Wieso, Weshalb, Warum
nie so viele Gedanken gemacht habe. Kommt vielleicht daher, dass ich eher ein emotionaler Mensch bin. Trotzdem habe ich über einiges auf meinem Weg nachgedacht und wollte wissen, wann
man merkt, dass es nicht nur ein Wunsch, sondern ein fester Wille ist, Frau zu werden. Ich kann ja mal meinen Werdegang von CD/TV zu TS kurz zusammenfassen, vielleicht erkennst du ja Parallelen
und sagst: Genau, so fühlt sich das bei mir auch. Denn ich habe nun verstanden, worauf es dir mit deiner Frage ankommt.

Vor ca. 15 - 20 Jahren war es bei mir einfach nur eine Art Spleen und auch eher ein Fetisch.
Gefühle waren nur derart vorhanden, dass es mich anturnte mich im so im Spiegel zu sehen.
Derart angezogen Sex mit meiner Partnerin zu haben, gab mir den besonderen Kick!
Mehr war es damals für mich nicht oder noch nicht so ausgeprägt, dass ich sagen konnte, jap, da ist noch mehr.

Vor ca. 10 Jahren war ich soweit, dass es für mich teils Fetisch, teils Entspannung vom alltäglichen Trott war.
Ich genoss es, nicht nur dadurch mehr Lust zu verspüren, sondern mich auch irgendwie wohl zu fühlen, Abstand vom Alltag zu gewinnen.
Beinahe so wie das Gläschen Wein am Abend zum Abschalten.
Aria gab es damals nur vom Hals an abwärts. Mehr mochte und brauchte ich auch nicht. Wozu denn auch?

Vor ca. 5 Jahren interessierte mich plötzlich mehr. Ich begann, Aria auch ein Gesicht zu geben. Eine Perücke musste her und erste Schminkerfahrungen wurden gemacht.
Bis ich es einigermassen drauf hatte, verging einige Zeit. Aber als mich dann eines Tages eine hübsche Frau aus dem Spiegel anschaute, hat es irgendwie klick gemacht.
Dennoch brauchte es weitere 3-4 Jahre, bis ich mir eingestehen musste, dass da wohl mehr dahinter steckt. Ganz so lange hätte es wohl nicht gedauert aber privat kam
so einiges dazwischen, das mir den Fokus darauf etwas raubte.

Zwischenzeitlich war ich soweit, dass ich quasi ein Doppelleben führte. Tagsüber, auf der Arbeit, Mann und Abends Aria. Dieses hin und her, machte mich auf Dauer fertig.
Ausserdem merkt ich, dass es mittlerweile kein Fetisch mehr war. Es war auch keine wirkliche Entspannung mehr da, sondern einfach das Gefühl, endlich die richtigen
Sachen anziehen zu können. Das war dann der Punkt, wo ich mir Hilfe suchen wollte. Ich musste einfach rausfinden, ob da noch mehr dahinter steckte. Eine vage Vermutung
hatte ich ja bereits. Ich brauchte nicht viele Stunden, um zu wissen: So wie du jetzt lebst, kann es nicht weitergehen, denn sonst zerbrichst du daran. Es bleiben dir aber nur
nur 3 Optionen:

- Fulltime Mann --> no way!
- So weiter machen wie bisher: Tagsüber Mann, abends Frau, und jedes Mal bedauern, nur paar Stunden zu haben --> auch nicht viel besser, eigentlich genau so kacke wie Fulltime Mann!
- Fulltime Frau --> klingt gut....klingt sogar verdammt gut. Wird verdammt noch mal ein scheiss harter Weg, aber die Aussicht auf ein Leben ohne hin und her, endlich Ruhe zu haben: Meeeegaaa gut!

Ausserdem beobachtete ich so viele kleine Veränderungen an mir. Ich brauchte mich nicht mehr explizit weibl. zu kleiden. Es mussten einfach nur weibl. Sachen sein. Socken, Shirts, Hosen.
Hohe Schuhe? Neee, geht gar nicht! Wenn du wo eingeladen bist, ja aber so, für daheim rum? No way! Usw. usf. Ich erkannte ausserdem, dass ich nicht wie diese oder jene Frau sein möchte,
nein, ich will ICH sein, meinen eigenen Stil entwickeln. Ich bemerkte Veränderungen im Benehmen, im Sprechen, im sms schreiben, mein ganzes Verhalten änderte sich. OHNE HORMONE!!!
Mir kam es stellenweise so vor, als ob mein wahres Ich jahrzehntelang unter einem Steinhufen verschüttet war und nun wird nach und nach ein Stein nach dem anderen von innen heraus
weggestossen und mein wahres Ich erblickt das Licht der Welt.
Bei all den Prozessen, die ich bis dahin gemacht habe, habe ich immer wieder auf mein Bauchgefühl gehört und das kannte nur ein Weg. Nie war ein unwohles Gefühl dabei, wenn ich in meine
weibl. Zukunft blickte. Meine Ratio wollte natürlich an altgewohntem festhalten. Klar, ist ja auch bequem. Die Ratio entscheidet sich immer für den bequemen Weg. Der Bauch und das Herz
entscheiden nach den seelischen Bedürfnissen. Das zu erkennen, ist die eigentlich Aufgabe an dem ganzen. Und wenn ich so zurück denke und mich so manches Mal gegen mein Bauchgefühl
entschieden habe, lag ich mittel- bis längerfristig immer falsch. Also, war es dieses Mal höchste Zeit auf meinen Bauch zu hören!

Ich hoffe, ich konnte dir damit ein wenig Klarheit verschaffen. Ist zwar doch etwas länger geworden als gedacht, aber unsere Vitae geben halt nun mal so einiges her :D

Re: Wie fühlt sich der Wunsch nach dem anderen Geschlecht an ?

Verfasst: Do 13. Sep 2018, 22:49
von Cybill
Bei mir ganz ähnlich, wie bei Aria. Dennoch ist es nicht mein Weg. Ich komme - im Moment - ganz gut damit zurecht, beide Rollen zu erfüllen. Ich merke dennoch, wie ich mich immer weiter von meinem biologischen Geschlecht entferne.

Im Augenblick geniesse ich (noch) meine männlichen Privilegien im Job. Da ist es sicherlich auch besser das Alphatier zu sein, dass ich von meiner Persönlichkeit her auch bin.

Aber ich merke, dass mir der Wunsch nach Schönheit, Sanfter, ja Weiblichkeit, immer stärker wird. Wenn ich als Mann in den Spiegel sehe, dann gefällt mir mein Spiegelbild nicht - ganz anders ist es im Frauenmodus. Ich frage mich auch, wie es sich anfühlt, eine Vagina zu haben.
Wohin das Alles noch führt? Nun, ich bin offen für Alles. Die Zeit wird mir antworten.

Vermutlich unterscheidet uns in diesem Forum lediglich die Geschwindigkeit mit der wir den Wechsel anstreben.

- Cy