Sorry, das sehe ich nicht so. Was er in dem Artikel sagt ist zwar derzeit opportun, aber deswegen finde ich es noch lange nicht "gut". Das Thema wird (vor allem in den ersten 80% des Beitrags) nicht sachlich besprochen, sondern wie so oft tendenziös aufgeladen. Auf diese Weise spielen Menschen, die im Namen des Feminismus auftreten, nur den Gegnern in die Hände, liefern unbedacht Argumente, die diese noch nicht hatten.
An dieser Stelle der notwendige Disclaimer:
Wann immer ich von "Feminismus" schreibe, meine ich damit generell, wie dieser in der Öffentlichkeit dargestellt und umgesetzt wird oder sonstwie in Erscheinung tritt.
Es muss unzweifelhaft etwas getan werden, aber einiges erscheint mit als grober Irrweg.
Dass sich eine heute 80-jährige Frau mit dem generischen Maskulinum "plötzlich" nicht mehr angesprochen fühlt, sehe ich eher als Auswirkung von gut 4 Jahrzehnten feministischer Indoktrination. Ich bemerke das auch bei meiner Schwester, die neuerdings auch das "Gefühl" hat, sie könnte nicht ebenso gemeint sein, obwohl das für sie früher ganz selbstverständlich war. (Wir führen im Familienkreis oft sehr "wilde" Debatten.)
Früher haben wir alles mögliche getan, von dem wir mittlerweile erkannt haben, dass es falsch ist - oder diskriminierend. Deshalb sind rassistische oder behindertenfeindliche Wörter aus dem Alltag verschwunden.
Ich würde mich nicht so weit aus dem Fenster lehnen und von "verschwunden" sprechen. Sie wurden in den Untergrund gedrängt. Mit der Verfemung von Worten wurde ihnen viel mehr Kraft und Bedeutung verliehen, man hat so Ursache und Wirkung vertauscht. Schlimmer noch: Als Folge der "Sprechverbote" haben wir heute verdeckte Diskriminierung. Dagegen kann man sich viel schlechter wehren als gegen offene Diskriminierung. Wo es früher hieß: "Wir vermieten nicht an Xyz*)" sagt man heute höchstens lapidar: "Wir haben uns für einen anderen Interessenten entschieden." - Damit ist doch für die Betroffenen nichts gewonnen!
*) beliebte Klischees wie z.B. alleinstehende Frauen (... betreiben Prostitution) oder Ausländer (... sind laut, machen Dreck)
In den Siebzigern war das generische Maskulinum ja noch relativ normal. Selbst 2005 nach der Wahl von Angela Merkel hat man sich gefragt, ob man sie nicht lieber weiterhin "Kanzler" nennen sollte.
Mit solchen Aussagen disqualifiziert er sich selbst. Mal abgesehen davon, dass es schon zu der Zeit, als meine Großeltern jung waren, üblich war, im Bezug auf die konkrete Person die weibliche Form zu verwenden. Das generische Maskulinum wird für Subjekte unbekannten Geschlechts verwendet. Sobald das Geschlecht der Person bekannt ist, ist das Maskulinum nicht mehr generisch sondern spezifisch z.B. "Bundeskanzler Helmut Schmidt".
Zu seinen danach folgenden Äußerungen sage ich mal zusammenfassend: "ex falso sequitur quodlibet"
Mit der systematischen Uminterpretierung des generischen Maskulinums in ein angeblich explizites, Frauen exkludierendes Maskulinum, wurde aber nicht nur ein Problem "zwischen" den Geschlechtern erzeugt, sondern zugleich auch Ausgrenzung von Menschen betrieben, die sich nicht mit einem der beiden Geschlechter identifizieren können. Dieses Problem tritt ja inzwischen deutlich zutage. Daher kann ich solche spalterischen Entwicklungen nicht gut finden, ebenso wie die in der Geschlechterdebatte immer wieder anzutreffende Einstellung, dass es Männern ruhig mal schlechter als den Frauen gehen könnte, als Ausgleich für die tatsächlichen und vermuteten Ungerechtigkeiten vergangener Jahrhunderte. Menschen für das Leid und die Taten anderer Menschen belohnen bzw. bestrafen zu wollen, erzeugt nämlich keine Gerechtigkeit. Wer meint, dass die heutigen Männer für die Fehler ihrer Urgroßväter haften sollten, der hat eine sehr mittelalterliche Rechtsauffassung, die er/sie dringend überdenken sollte. Sippenhaft gab und gibt es seit etwa Mitte-Ende des 19. Jahrhunderts nur noch in totalitären Staaten.
Zum Abschluss noch 2 Punkte ...
1. Ich empfehle mal wieder das Buch von Marius Jung: "Moral für Dumme - Das Elend der politischen Korrektheit"
https://www.carlsen.de/taschenbuch/mora ... umme/57762
2. Einer der Gebrüder Grimm, Jakob, soll wohl erheblich dazu beigetragen haben, dass zunehmend ein Zusammenhang zwischen dem grammatikalischen Geschlecht (Genus) und dem biologischen Geschlecht (Sexus) hergestellt wurde.
https://de.wikipedia.org/wiki/Generisch ... che_Wörter
Falls jemand dazu weiterführende Informationen und Lesestoff hat, ich bin daran interessiert.
Michi