Kapitel 5; Schulfrust
Eigentlich wollte ich mich wieder einmal bei "was macht ihr heute, tragt ihr heute für ein Outfit?" melden. Aber dafür ist das, was ich zu erzählen habe, zu viel und zu speziell. Nur kurz zu meinem Outfit bei der nachfolgend beschriebenen Aktion: Es entspricht etwa dem, was bei "
Winter 2017" in meiner Galerie zu sehen ist.
In meine Gründung einer Selbsthilfegruppe kommt langsam Bewegung. Die Pressemitteilung ist raus, und die Flyer sind gedruckt. Im Rathaus, bei der Kreisverwaltung, bei der katholischen Familienbildungsstätte und bei der SHG in Koblenz habe ich sie bereits ausgelegt. In Koblenz hat man mir auch Hilfe in Form einer Einführung in die Leitung einer solchen Gruppe angeboten.
Am Montag wollte ich Flyer für die neue SHG an Simmerner Schulen verteilen. Also machte ich mich morgens auf und bahnte mir erst einmal einen Weg durch den Schnee. Als erstes war die Grundschule im Zentrum der Stadt an der Reihe. Als ich den Schulhof betrat, nahmen die jungen Schüler(innen) von mir keine Notiz. Dann sah ich eine Frau mittleren Alters. Ich fragte: "Sind Sie hier Lehrerin?" Sie antwortete freundlich: "Ja." Dann erklärte ich, dass ich Flyer für eine SHG für transidente Menschen verteilen wollte, und fragte nach dem Sekretariat. Die Lehrerin gab mir sehr freundlich Auskunft.
Der Flur im Schulgebäude war - für die jungen Schüler(innen) - bunt und ansprechend gestaltet. Im Sekretariat empfing man mich dann freundlich-distanziert. Ich sollte die Flyer abgeben und man sagte, dass die Sache von der Schulleitung geprüft würde. Als ich noch etwas sagen wollte, tat man sehr beschäftigt und gab mir eindeutig zu verstehen, dass ich gehen dürfte. Ich hatte einen Kloß im Hals. So wurde ich die letzten zwanzig Jahren nicht mehr abgefertigt. Unangenehme Erinnerungen aus meiner Schulzeit kamen wieder hoch - so typisch betont freundlich aber von oben herab, als wäre ich eine dumme Schülerin.
Ich ging zu einem Supermarkt, aß dort eine Kleinigkeit, und machte mich zum "Schulzentrum" (Gesamtschule, vermute ich) auf, das sich etwas außerhalb der Stadt befindet. Als ich das Gelände betrat, machte es auf mich den Eindruck wie eine Universität im Mini-Format - etliche große moderne Gebäude - eins hässlicher als das andere - und eine riesige Turnhalle. Ich steuerte auf das hässlichste Gebäude zu, da ich dort die Verwaltung vermutete. Am ersten Eingang stand: "für Nicht-Angehörige der Schule Zutritt verboten." Am zweiten Eingang das selbe. Nun hätte ich gerne zu getreten - und zwar kräftig in die Glastür

- aber das dürfen ja nur Lehrer und Schüler

.
Es kamen einige pubertierende Schüler(innen) heraus, die mich nicht beachteten. Die letzten beiden sprach ich an und fragte nach dem Sekretariat. "Hier rein und dann zwei mal links" war die knappe Antwort. Also ging ich hinein - es war ja offensichtich nur das zu Treten gegen die Tür verboten (unverständliches Amtsdeutsch

). Ich kam in einem geräumigen Flur an einem großen schwarzen Brett vorbei. Das faszinierte mich, weil es so etwas für Schüler zu meiner Zeit nicht gab. Die Schüler(innen) beobachteten mich und tuschelten. So etwas wie: "Schau mal da, eine Transe!" war heraus zu hören. Ohne richtig zu sehen, was es an dem schwarzen Brett zu lesen gibt, ging ich zügig in Richtung Sekretariat.
Auf der linken Seite waren die Räume für die Lehrer, die sich im die differenzierte Oberstufe kümmern - Tutoren? oder wie heißt das richtig? Geradeaus dann ein Eingang zum Lehrerzimmer. Dort ging es zu wie an einem Taubenschlag. Mich beachtete wieder niemand. Also ging ich nach rechts zur anderen Seite. Zunächst ein gleich stark frequentierter zweiter Eingang zum Lehrerzimmer, dann gegenüber das Büro des Direktors und das Sekretariat. Ich wurde wieder, wie schon zuvor, freundlich aber knapp abgefertigt.
Ich frage mich nun, ob die Flyer wirklich jeweils zur Schulleitung gelangen, oder ob sie "ordnungsgemäß" im "Rundordner" (=Papierkorb) abgelegt werden. Ich hatte irgendwie den Eindruck, dass man mich für blöd hält. Dabei habe ich - genau wie die Lehrer - einen Abschluss an einer Universität. Warum halten die sich dann für etwas besseres? Und wie eine Schülerin sehe ich ja wirklich nicht aus. Von Schule hatte ich nun - wie schon permanent in meiner Jugend - endgültig genug

und verbrachte den Rest des Tages mit Einkäufen - wobei ich mich wieder erholte.
Durch die Gründung der SHG wurde auch die DGTI (das sind die mit dem Zusatzausweis) auf mich aufmerksam. Bei einem Gespräch erklärte mir deren Vertreterin, dass es wohl am meisten Wirkung zeigt, wenn man bei Facebook und Twitter auf sich aufmerksam macht. Junge Menschen würden kaum ihre Eltern oder Lehrer ansprechen und vor allem im Internet nach Hilfe suchen. Im Netz gibt es von mir aber bisher nur einen Eintrag hier und einen bei Travesta, der jetzt hoffentlich freigeschaltet wurde. Facebook und Twitter sind - dank meiner langjährigen Sozial-Phobie - "erfolgreich" an mir vorbei gegangen. Meine alten Freunde habe ich nicht mehr und bei Facebook oder Twitter habe ich keine "Freunde".
Also war es wohl ziemlich sinnlos mit den Schulen. Aus meiner Erfahrung von früher war mir das auch fast klar. Irgendwie wollte ich aber die Bestätigung, dass sich in den letzten 40 Jahren an den Schulen nicht wirklich etwas verändert hat - und bekam sie auch. Vielleicht mache ich mir einfach nur zu viele Gedanken. Bezüglich meines eigenen Coming Out gibt es kaum noch Kopfkino. Also mache ich es mir jetzt bezüglich Jugendlicher bei der SHG.
Und noch mehr Gedanken: Kommt demnächst eine Email vom Modellfliegerverein oder steht das Thema "Transe" jetzt auf der Agenda für die Hauptversammlung im Januar? Ich denke, letzteres wird der Fall sein - oder keins von beidem. Vielleicht sollte ich beim Silvesterfliegen - mit Geselligkeit in der beheizten Hütte - einfach mal auf dem Flugplatz auftauchen - oder doch wieder Udo Lindenberg

(aus vorbei und lange her)? - Irgendwie passt es gut mit der "verflossenen" Liebe

.
Eure Nicole