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Re: Begegnung in der Stadt

Verfasst: Di 18. Jul 2017, 03:26
von Lina
ULI67 hat geschrieben: So 16. Jul 2017, 08:18 Ich möchte da niemanden verurteilen.
Vor Jahren wäre ich bestimmt genauso herum gestöckelt.. wenn man niemanden hat der einen berät und unterstützt ist das nicht so leicht.. man will alles weibliche auf einmal und übertreibt dann.. wichtig ist aber dass sie sich so wohl gefühlt hat (Was ich aber fast nicht glaube wenn sich alle herum gedreht haben) .. Mensch einfach Mensch sein lassen
Dann kann ich ja dich direkt fragen: Kann man da von MUT sprechen, wenn jemand sich so kleidet? Meine erste Reaktion wäre nämlich die Konklusion: Wenn jemand da offensichtlich überhaupt nicht begreift, was sie da tut, kann man auch kaum von Mut sprechen. Welche andere Betrachtungsweisen fallen dir ein, die ich nicht beachtet habe?

Ich weiß z.B., dass ich nie so rumgelaufen bin, dass jemand mich als nuttig sahen. Es hat mich auch niemand beraten, wie ich mich kleiden oder schminken sollte. Ich habe einfach auch Magazinen ausgesucht welche gutaussehende Frauen ähnliche Körper- und Gesichtsproportionen hatten, Kleidungsstil und Make-Up verglichen, Skizzen von meinem Gesicht auf Transparentpapier von Fotos gezeichnet, um eine passende Frisur zu finden. Und heute gibt es ja einen Rattenschwanz von Softwares, womit man das noch besser machen kann.
Christiane hat geschrieben: Sa 15. Jul 2017, 18:40 Hallo Zusammen

Ich wähle den Titel bewußt so zurückhaltend, weil ich eigentlich noch am "Verarbeiten" bin.

Luzern - ca. 13.00 Uhr - mitten in der Altstadt - auf der Reussbrücke.
Touris und Publikum ohne Ende.
Kommt uns eine Erscheinung (CD/TS/..?..) entgegen. Ich kann den Eindruck nur zurückhaltend mit "geht zum Anschaffen" umschreiben.
Nein - nicht nur a bisserl Minirock oder so - ALLE haben sich umgedreht!
Auf der einen Seite sage ich - RESPEKT! MUT hat sie. WOW! Vollgas!
Auf der anderen Seite denke ich, daß sie uns allen doch auch irgendwie einen Bärendienst erweist.
So a la Freak Show. Jetzt sind die ganzen Vorurteile wieder bestätigt. :?

...
Frage: Wie würdet Ihr Euch in so einem Moment verhalten?
...

Grüße von
Christiane
WIE hätte ich mich wohl verhalten? Einfach erklärt. Immer, wenn jemand mich als T auffällt irgendwo in der allgemeinen Normalo-Öffentlichkeit fange ich immer an die ANDEREN passanten genauestens zu beobachten. Ganz einfach um diese visuelle Kommunikation zu verstehen, die statt findet. Ich habe auch dadurch entdeckt, dass es beim Passing manchmal auf was anderes ankommt als allgemein vermutet. Aber so eine wie sie wird natürlich immer extrem auffallen - ich frage mich immer, was sie sich dabei gedacht hat oder erwartet hat. Ansprechen würde ich sie auf keinen Fall.

Aber das mit den Vorurteilen und Bärendienst: Ja, stimmt. Andererseits, wenn das es ist, was Leute erwarten zu sehen, wenn sie sich "eine Transe" vorstellen, dann verstehen ich besser, was da noch vorbeigehen kann, ohne dass jemand zuckt.

Re: Begegnung in der Stadt

Verfasst: Di 18. Jul 2017, 05:47
von ULI67
Kann ich das einfach mit Selbstbild und Fremdbild erklären?
Übrigens gibt es das bei den Biofrauen auch.
Manche Menschen tun Dinge ohne vorher eine wissenschaftliche Studie durchgeführt zu haben und wissen es dann nicht besser.
Man projektiert alle für schön befundene Bilder von Frauen, kombiniert die einzelnen Ausschnitte die einem besonders gefallen, nimmt noch die Unfähigkeit zu schminken dazu und dann kommt so was raus.
Übrigens habe ich auch schon andere Gender gesehen, die bei den heutigen Temperaturen mit Strumpfhosen herum laufen... würden biofrauen auch nicht tun... muss man das auch verurteilen?
Ich verurteilte jedenfalls niemanden ohne die Gründe dafür zu kennen...

Re: Begegnung in der Stadt

Verfasst: Di 18. Jul 2017, 06:51
von ExUserIn-2026-04-08
würden biofrauen auch nicht ...
Natürlich würden sie und tun sie sie sogar, zumindest einige. Manche tragen nie FSH, weil sie unbequem sind. Es gibt doch nicht das einheitliche Verhalten bei Frauen. Wir wollen nicht in eine Schublade gesteckt werden, warum stecken wir denn Frauen in eine ? Und uns noch möglichst dazu ? Ich denke, im Auftreten ist der eigene Stil gefragt. Wenn jemand "aufgedonnert" herum läuft, ist das doch nicht meine Verantwortung. Wer schließt denn von einer "Bordsteinschwalbe" auf alle Frauen ?

Ich denke, wenn jemand so herum läuft, ist das kann Bärendienst. Warum auch ? Ich trage eben meinen Stil und werde von vielen Passanten nicht oder nur wenig wahr genommen. Nicht weil mein Passing so gut wäre, sondern weil die Menschen meist mit sich selber beschäftigt sind. Muss ich mich denn mit einer extrovertierten Person vergleichen ?

@Christiane:
So a la Freak Show. Jetzt sind die ganzen Vorurteile wieder bestätigt. :?
...
Sie haben aber nur das Outfit kritisiert! Da war ich doch erstaunt.
Du gibst Dir doch selber die Antwort. Es ging nicht um die von Dir erwarteten Vorurteile.
Wir hatten die Brücke hinter uns - und ich hatte ein kleineres Problem mit meiner Frau ............ . Danke !! :roll:
Das habe ich nicht verstanden. Wieso hattest Du ein Problem mit Deiner Frau ?

Ich hatte gestern auch eine Begegnung der etwas ungewöhnlicheren Art. Es ging aber nicht um Trans. Ich saß im ICE, der in Mannheim etwas Aufenthalt hatte. Da lief ein Mann durch den Zug und hat so schnell wie möglich Pfandflaschen, die weg geworfen wurden eingesammelt und gab brummelnd einige Kommentare von sich. Offensichtlich war bei ihm Geld Mangelware. Die Menschen um mich herum schauten sich etwas verduzt an. Keiner gab negative Kommentare ab, aber man spürte, wie die Situation sie befremdete und sie begannen sich darüber zu unterhalten. Ich meinte dazu, dass ich den Mann sofort einstellen würde, da er ja kreative Ideen hat und sehr motiviert wirkte. Ich konnte es fast greifen, wie es in den Menschen um mich herum "Klick" machte und dass man mit einer etwas anderen Perspektive zu ganz anderen Einschätzungen kommen kann.

Für mich war das ein sehr spannendes Erlebnis. denn ich habe die Situation direkt auf uns übertragen. Ich glaube, es ist keine Mehrheit, die uns bewusst ablehnt. Es fehlt eben eine etwas andere Perspektive. Und nach Deinen Worten könnte ich mir das auch für Situation vorstellen, die Du erlebt hast. Man braucht selber eine klare Position, um manchmal Dinge zu sagen, die andere zum Nachdenken bringen. Wenn Du Dir selber auf der Brücke unsicher warst, dann hast Du auch kein klares Standing in einer möglichen Diskussion. Du hast Respekt für den Mut der Trans gehabt ? Dann steh doch dazu. Da heißt ja nicht, dass Du es gut heißen musst.

Die Frage ist, wer hat hier denn den Bärendienst geleistet ? Deine Unsicherheit bedeutet doch nur, dass Du glaubst, dass Deinem Tun etwas Falsches anhaftet. Und damit bestärkst Du Andere in der gleichen Meinung. Wenn Du selbstbewusst einen Kontrapunkt setzt, bringst Du andere zum Nachdenken. Ich möchte Dich damit nicht angreifen. Mir geht es ja oft genug genau so. Gerade weil wir uns oftmals so unsicher sind, müssen wir uns immer wieder damit auseinander setzen, bis wir es in uns verinnerlicht haben, dass das was wir tun, zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort das Richtige ist.

Und genau das ist der Mut, den Du auf der Brücke bewundert hast. Es ist nicht das Outfit, das Mut erfordert. Es ist die Überwindung der eigenen Selbsteinschränkung.

Re: Begegnung in der Stadt

Verfasst: Di 18. Jul 2017, 08:30
von NanaVistor
ULI67 hat geschrieben: Di 18. Jul 2017, 05:47 Übrigens habe ich auch schon andere Gender gesehen, die bei den heutigen Temperaturen mit Strumpfhosen herum laufen... würden biofrauen auch nicht tun... muss man das auch verurteilen?
Ich verurteilte jedenfalls niemanden ohne die Gründe dafür zu kennen...
ich tue das schon öfter, aus praktischen Gründen, weil ich das Reiben und kleben der Innenseite der Oberschenkel gar nicht mag, wenn die nackte Haut dort verschwitzt ist...
allerdings, sieht man mich in dieser Form auch nur im Rock oder Kleid, und das obwohl ca 95% der Frauen das nicht tun...
gerne auch etwas farbenfroh, Durchschnittlichkeit ist zwar unauffällig, aber auch langweilig :-)

als einen "Bärendienst" für "uns" empfinde ich so ein Auftreten nicht
davon abgesehen, das es kein "uns" gibt, komme ich dann im Vergleich immer gut weg, bzw verschwinde vollkommen
ist das nicht das Ziel von "uns"?

Re: Begegnung in der Stadt

Verfasst: Di 18. Jul 2017, 08:36
von Ulrike-Marisa
Moin,

...Begegnungen in der Stadt, im Zug, im Bus; immer wieder gibt es Menschen, die mit ihrer Kleidung oder ihrem Outfit (Aussehen) für viele andere Menschen mindestens ungewöhnlich erscheinen. Ich vermute mal, dass jede/r sich so für sich ihre/seine Gedanken zu der Person macht, die dann auch vermutlich unterschiedlich sind, was Bewertung, Sinn etc. betrifft. Ganz viele kümmern sich gar nicht darum, da sie mit sich selbst beschäftigt sind. Auch ich mache mir ein Bild und meine Gedanken zu so einer außergewöhnlichen Erscheinung eines Menschen - ich denke, dass das ganz natürlich ist. Aber ansprechen täte ich niemanden, da ich selbst auch nicht angesprochen werden möchte. Ich bin mir auch sicher, dass andere Menschen über mich nachdenken und reden, wenn sie mich wahrnehmen, und nicht nur sehen. In den Köpfen der Menschen gibt es halt viele Fächer/Schubladen für alle möglichen Erfahrungen und gelernte Dinge und da wird halt sortiert, mal einfach gesprochen und das halte ich für einen natürlichen Vorgang. Schwierig täte es m.E. erst werden, wenn ich anderen Menschen ihr Aussehen/Outfit nicht gönnen täte oder mich dazu berufen fühlte, dagegen vorgehen zu müssen. Da hörts einfach auf.

Beste Grüße, Ulrike-Marisa (moin)

..ich bin das, was ich bin, und nicht das, was andere in mir zu sehen glauben...

Re: Begegnung in der Stadt

Verfasst: Di 18. Jul 2017, 10:05
von Britt
Hallo Christiane
Christiane hat geschrieben: Sa 15. Jul 2017, 18:40
Luzern - ca. 13.00 Uhr - mitten in der Altstadt - auf der Reussbrücke.
Touris und Publikum ohne Ende.
Kommt uns eine Erscheinung (CD/TS/..?..) entgegen. Ich kann den Eindruck nur zurückhaltend mit "geht zum Anschaffen" umschreiben.
Nein - nicht nur a bisserl Minirock oder so - ALLE haben sich umgedreht!
Auf der einen Seite sage ich - RESPEKT! MUT hat sie. WOW! Vollgas!
Auf der anderen Seite denke ich, daß sie uns allen doch auch irgendwie einen Bärendienst erweist.
So a la Freak Show. Jetzt sind die ganzen Vorurteile wieder bestätigt.
Nun ja es gibt viele Gründe warum jemand so rumläuft. Es kann Absicht sein, muss es aber auch nicht. Neben Transvestiten, welche gern in solch einem Outfit unterwegs sind, kann es ja auch sein das sie wirklich anschaffen geht, und von der Arbeit kam. Vielleicht war es auch eine maskuline Cis-Frau, welche aus einem Nachtclub gekommen ist"¦.
Ich würde mich an deiner Stelle überhaupt keine Gedanken machen.

Liebe Grüße,
Britt

Re: Begegnung in der Stadt

Verfasst: Di 18. Jul 2017, 10:45
von Anne-Mette
Moin,
Auf der anderen Seite denke ich, daß sie uns allen doch auch irgendwie einen Bärendienst erweist.
So a la Freak Show. Jetzt sind die ganzen Vorurteile wieder bestätigt.
Die Frage ist, ob es überhaupt ein "uns" gibt; insofern würde ich mich nicht unbedingt festlegen wollen, wer die Nutznießer des "Bärendienstes" wären.

Ich denke: jede(r) steht für sich(?)

Dabei: sie kam "entgegen"...

Gruß
Anne-Mette

Re: Begegnung in der Stadt

Verfasst: Di 18. Jul 2017, 11:41
von ChristinaF
Meiner Meinung nach kommts auch darauf an, wie uns (Trans - jetzt ganz allgemein als Sammelbegriff) die anderen Mitmenschen oder die Öffentlichkeit sieht und welche Schlüsse sie daraus ziehen. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich nach meinem Outing von einer Bekannten angesprochen wurde, die wörtlich sagte: "Was du bist eine Transsexuelle? Hätte ich nie und nimmer vermutet oder geglaubt. Du kleidest dich ja völlig anderes im Vergleich zu den Menschen, die ich schon gesehen habe und die total overdresst daherkamen. Auch dein Verhalten und Wesen ist anders. Da muss ich meinen Standpunkt, den ich bislang von euch hatte, echt überdenken."
So isses halt mal. Die öffentliche Meinung kann man halt nicht dadurch überzeugen, dass es jederfrau's Recht ist sich so zu kleiden wie man will. Und schon gar nicht, dass man argumentiert TV, TS, Intersex. und was auch immer, sei heute so und nicht mehr wie vor zehn, zwanzig Jahren.
Ich glaube, dass sich sehr viele unserer Mitmenschen schon Gedanken über die Auftritte von uns machen und leider dann auch diejenigen im Gedächtnis behalten, die "etwas negativ" ihrer Meinung nach auftreten. Und diese Meinung setzt sich dann auch im Gedächtnis fest.
LG
Christina

Re: Begegnung in der Stadt

Verfasst: Di 18. Jul 2017, 14:15
von Exuser-2018-07-15
Ich finde es interessant, welche Wogen die spazierende Erscheinung einer Trans*Person unter Trans*Personen auslöst ;-) Vermutlich ist diese Welle um ein Vielfaches höher, als sie von CIS-Seite je hervorgerufen werden würde ...
Dabei fällt mir nun voller 'Schrecken' ein, wie ICH wohl auf PassantInnen wirken muss, wenn ich - wie so oft - als Partygängerin (drink) unterwegs bin. Zwar habe ich das Glück, eine entschlossene, mobile Selbstfahrerin zu sein und mir deshalb die überfüllten, unzuverlässigen abendlichen und lebensgefährlichen nächtlichen Nahverkehrsmittel ersparen zu können. Dennoch ist die Berliner Parkplatzsituation äußerst heikel und ich muss zehn bis dreißig Minuten in freier Wildbahn zurücklegen, um vom Automobil zum Ort des Geschehens zu gelangen. Da ich insbesondere Motto-Partys mit überwiegend - räusper - provokantem Motto besuche und keine Möglichkeiten zum Umziehen vor Ort bestehen, bin ich gezwungen, bereits im einlasstauglichen Outfit zu erscheinen. Denn es herrscht Dresscode, was diese Art von Veranstaltungen eben erst so witzig macht.
Von Anfang an habe ich einen eigenen Stil entwickelt, der zwar nie unsexy ist, aber dennoch wenig Haut zeigt und keinesfalls anstößig wirkt. Minirock und tiefes Brustdekolleté sind nicht meins. Dass ich mit Strapsen und aufreizender Unterwäsche unterwegs bin, bemerken nur diejenigen PassantInnen, die sich mir zu Füßen werfen. Und das sind - noch - relativ wenige ...

Ein Beispiel: Ich besuche alle möglichen 20er-Jahre-und Burlesque-Partys im Umkreis von 50-100 km. So kam es, dass ich eines Abends im kompletten Charleston-Outfit als flippig-flappiges Flapper-Girl quer über den Potsdamer Platz stöckelte und wegen überfüllter Parkhäuser eine halbe Stunde lang zum Ziel laufen musste. Mit schwingenden Perlenketten und im Wind wehenden Fransen an meinem schillernden Pailettenkleid ging es unbeirrt voran: Kopf hoch, Brust raus und ab marsch! Die Reaktionen waren durchweg positiv. Einige zückten in Windeseile Handys und Fotoapparate, denn offenbar gab es nicht sehr viele, die mit Gesichtsnetz und frechem Feder-Hütchen unterwegs waren. Die übrigen Gäste kamen aus unerfindlichen Gründen aus der entgegengesetzten Richtung, sodass ich bis kurz vor den Veranstaltungsort ein unbeabsichtigtes Solo abgab. (na)

Am vergangenen Samstag ist mir das theoretisch mögliche Kritikpotential eigentlich zum ersten Mal klar geworden und beim Lesen der nicht abreißenden aneinandergereihten Posts zu diesem Thread fällt es mir wie Schuppen von den Augen, welchen Aufruhr ich da quasi unter Trans* verursachen könnte, wenn ich ihnen denn begegnete - und wenn sie denn tatsächlich so reagierten! Ich war vor einem Techno-Disco-Besuch mit wiederum - räusper - bizarrem Motto noch mit zwei Mädels unserer Community verabredet und wir trafen uns in einer Bar. Nun hätte ich mich keinesfalls nochmals umziehen können, sodass mein Outfit bereits dem geforderten Dresscode entsprach, jedoch für den Cafébesuch too much war. Bei schwülwarmen Sonnenwetter hatte ich meine 1,5-stündige Fahrt begonnen, stieg dann im stömenden Regen aus. Nun kam noch dazu, dass ich zu leicht bekleidet war für die Witterung. Aber ich gehe doch erst seit ein paar Monaten raus und besitze weder Strickjacke noch Blazer. Diese Käufe sind erst geplant.

So kam ich mit 9cm-Hochfrontpumps, obligatorischen schwarzen Strapsen, schwarzem schulterfreien Abendkleid, ellenbogenlangen Handschuhen, Strassringen, silbernen Armbändern, Gesichtsnetz und keckem Gothic-Fascinator daher. Die PassantInnen zeigten nur zwei verschiedene Reaktionen - soweit ich darauf achtete: Ignorieren oder Lächeln (nicht Auslachen wohlgemerkt). Na immerhin war ich dieses Mal nicht als 'Engel der Nacht' unterwegs mit großen schwarzen Samtrosen im Haar und einem schwarzen Schleier, der vom Scheitel bis über die Schultern reichte ...

Die beiden Mädels fielen zwar halb in Ohnmacht, als ich draußen beim Aufstehen auch noch das großzügige Rückendekolleté (nein, nicht bis zum Popo!) präsentierte, aber sie kannten ja den Hintergrund und hatten mich schon einige Male in schlichteren Outfits getroffen.
Im Café geriet das Bezahlen meiner bescheidenen Cola-Rechnung zu einem zeitintensiven Unterfangen, weil mich einige der Trans*Gäste- und Belegschaft sehr höflich in merkwürdige Alibi-Gespräche verstrickten. Das fand ich eher witzig und fühlte mich überhaupt nicht 'blöd angemacht'.

Die Party war dann umwerfend. Auch ohne Mini und Obszönitäten konnte ich mir wieder neue Bekanntschaften 'ertanzen'. Ich war - soweit ich es überblickte - wohl das einzige Transweibchen. Junge Männer fragten höflich, ob sie mich berühren dürften. Keiner wagte es, mich einfach anzutatschen. Die Mädels Mitte zwanzig sind da anders, denn sie kommen sehr zärtlich freundlich daher, ohne dass ihre Berührungen beim Tanz aufdringlich wären. Respektvoll behandelt zu werden zeugt vielleicht auch ein klein wenig davon, wie das eigene Auftreten ist, nicht zuletzt die Kleidung. Niemals würde ich als 'Flittchen' herumlaufen. Ich denke schon, so viel Durchblick zu besitzen, diese Grenze nicht zu überschreiten. Wer sich dennoch empört und mich für ein solches hält, der liegt voll daneben und weiß obendrein nicht, dass ich nur auf dem Weg zur nächsten Party bin (888)

Es gibt zweifellos eine Menge transidenter Probleme, aber über meine zurückgelegten Fußwege im Tanz-Outfit mag ich mir wirklich keine schweren Gedanken machen müssen und gebe zu, dabei auch nicht den Leumund der gesamten Trans*Gesellschaft im Kopf zu haben :roll:

Re: Begegnung in der Stadt

Verfasst: Di 18. Jul 2017, 14:25
von ExUserIn-2026-04-08
Ich finde das äußerst gewissenlos, Deine menschlichen Mitbewohner solch einem emotionalen Aufruhr zu unterwerfen. Da läuft ja jeder Herzschrittmacher heiß.

)))(: :()b :lol:

Re: Begegnung in der Stadt

Verfasst: Di 18. Jul 2017, 17:14
von Marielle
Guten Tag zusammen,
Die öffentliche Meinung kann man halt nicht dadurch überzeugen, dass es jederfrau's Recht ist sich so zu kleiden wie man will.
Das finde ich auch; absolut.

Die öffentliche Meinung ist oft vernünftig genug, um davon überzeugt zu werden, dass es jedes Menschen Recht ist, sich zu kleiden wie er will. Und davon, dass das für niemanden, ausser diesem Menschen selbst, irgendetwas zu bedeuten hat.

Marielle (in diesem Sinne bekennende_r Etwasnegativauftreter_in)

Re: Begegnung in der Stadt

Verfasst: Mi 19. Jul 2017, 00:34
von Michi
Lina hat geschrieben: Di 18. Jul 2017, 03:26 Dann kann ich ja dich direkt fragen: Kann man da von MUT sprechen, wenn jemand sich so kleidet? Meine erste Reaktion wäre nämlich die Konklusion: Wenn jemand da offensichtlich überhaupt nicht begreift, was sie da tut, kann man auch kaum von Mut sprechen. Welche andere Betrachtungsweisen fallen dir ein, die ich nicht beachtet habe?

Ich weiß z.B., dass ich nie so rumgelaufen bin, dass jemand mich als nuttig sahen.
Hast du etwa alle gefragt, die dich gesehen haben?

Ich zitiere mich zu diesem Punkt ausnahmsweise mal selbst:
MichiWell hat geschrieben: Mo 17. Jul 2017, 22:21 ihr, die ihr das Bedürfnis habt, andere ob ihres Aussehens, Auftretens bzw. ihrer Kleidung in irgendeiner Weise "aufklären", belehren, zurechtweisen oder was auch immer zu müssen, solltet dennoch mal einen kleinen Moment innehalten. Stellt euch vor, dass andere euch gegenüber Gleiches tun könnten, obwohl ihr von euch selbst glaubt, doch ziemlich angepasst und unauffällig unterwegs zu sein.

Re: Begegnung in der Stadt

Verfasst: Mi 19. Jul 2017, 23:59
von Lina
MichiWell hat geschrieben: Mi 19. Jul 2017, 00:34
Lina hat geschrieben: Di 18. Jul 2017, 03:26 Dann kann ich ja dich direkt fragen: Kann man da von MUT sprechen, wenn jemand sich so kleidet? Meine erste Reaktion wäre nämlich die Konklusion: Wenn jemand da offensichtlich überhaupt nicht begreift, was sie da tut, kann man auch kaum von Mut sprechen. Welche andere Betrachtungsweisen fallen dir ein, die ich nicht beachtet habe?

Ich weiß z.B., dass ich nie so rumgelaufen bin, dass jemand mich als nuttig sahen.
Hast du etwa alle gefragt, die dich gesehen haben?

Ich zitiere mich zu diesem Punkt ausnahmsweise mal selbst:
MichiWell hat geschrieben: Mo 17. Jul 2017, 22:21 ihr, die ihr das Bedürfnis habt, andere ob ihres Aussehens, Auftretens bzw. ihrer Kleidung in irgendeiner Weise "aufklären", belehren, zurechtweisen oder was auch immer zu müssen, solltet dennoch mal einen kleinen Moment innehalten. Stellt euch vor, dass andere euch gegenüber Gleiches tun könnten, obwohl ihr von euch selbst glaubt, doch ziemlich angepasst und unauffällig unterwegs zu sein.
Gefragt habe ich nicht - aber ich habe mal andeutungsweise hören müssen, dass ich zu konservativ in meinem Kleidungsstil bin. OK, er sagte nicht "konservativ" sondern "langweilig". Was ich anziehe und angezogen habe war auch immer in einem ziemlich klassischen Stil, z.T. zeitlosen Stil, so nach der Devise: Das, was eine elegante Dame trug als ich Kind war und immer noch zeitgemäß und elegant war als ich 25 war, wird es auch immer noch sein 10 oder 20 jahre später. Und dann einfach die Kleidung die Kurven hervorheben oder vortäuschen lassen. Und auch, je größer der Körper, je weniger funktionieren "kleinmädchenartige" Spielereien. Röcke bis italienische Länge und nie kürzer. Das Einzige, was ich getragen habe, was so Zeittypisch war, dass man es heute nur auf eine Themenparty tragen sollte waren die Schulterpolster in den Achtzigern und Rüschen-Blusen in den frühen Neunziger Jahren.

Das sind aber Sachen, die ich nicht erst im Erwachsenen-Alter lernen musste. Auf so was habe ich immer geachtet. Schon als Kleinkind habe ich sehr auf die Styles von erwachsenen Frauen geachtet, sei es im realen Leben, oder in den Medien.

Ich muss aber dazu sagen - ich habe nich einen Maßstab wonach ich sagen würde, das da ist "nuttig" oder das da nicht. Was ich aber als Fehler betrachte ist, wenn T sich so kleiden wie die Frauen, die sie selber sexy finden - oder irgend einen Look nachmachen, der damals als sie gerade die erotischen Reize von Frauen entdeckten. Hier meine ich natürlich wenn man sich für die Öffentlichkeit anzieht. Was super sexy aussehen kann an einem russischen Porno-Model mit 85-59-85 Maße sieht natürlich total lächerlich aus an einem viel eckigeren Körper mit wenig Busen. Und lange glatte Haare und Miniröcke oder Plateau-Stiefel können meinetwegen gerne bleiben, wo sie herkamen: Die späten 60er, frühen 70er Jahre. Ich habe nie einfach etwas angezogen, nur weil es angeblich sexy war oder - ich habe hingeschaut und überlegt, wer kleidet sich gut und hat die ähnlichsten Merkmale - Körperproportionen, bei Frisur und Makeup Gesichtsproportionen. Manche finden mich sexy, wo ich es eigentlich gar nicht erwartet hätte. Und oft sehe ich eine Frau in einem Kleid, wo ich sage "wow, das ist soooo sexy - und würde mir nie im Leben stehen".

Das ist ein bisschen wie die Männer, die immer noch im Prinzip denselben Haarschnitt haben, wie damals als sie 22 waren - nur mit dem Unterschied, dass oben Haare fehlen. Verstehst du, was ich meine? Natürlich hatte ich auch lange Haare, Schlaghosen und Slim-Line Hemden in den 70ern - bevor die aber außer Mode waren, haben mich Leute schon angeglotzt und gesagt, "was ist das denn für ein Look" oder mich "Cowboy" nannten, weil ich schon die Haare kurz geschitten hatte, mit viel Mühe Straight-Legs-Jeans von irgendwo besorgt hatte und auch Cowboy-Stiefel dazu. Zwei Jahre später fing die Mode an sich u.a. in Frankreich und dann in ganz Europa zu verbreiten. Und als die Mode sich richtig breit gemacht hatte waren meine letzen Cowboy-Stiefel schon Schrott und wurden nie ersetzt.

Also zu deiner Ausgangsfrage nochmals: Ja, da bin ich mir ziemlich sicher auch ohne jeden gefragt zu haben.

Re: Begegnung in der Stadt

Verfasst: Do 20. Jul 2017, 16:06
von ULI67
Nunja, da wir den Grund der Kleidung nicht kennen, dürfen wir die Person nicht verurteilen.
Würde uns ja auch nicht gefallen wenn das jemand mit uns machen würde.
Ich finde es schon überzogen, dass so jemand unser ansehen in den Keller stürzen soll.
Entweder kennt man sich etwas aus, dann weiß man dass Olivia Jones und eine Transfrau was komplett anderes sind oder man kennt sich nicht aus und womöglich nicht gut auf uns èingestellt, dann sind wir alle "übertrieben" schwuchtel im Fummel. Weil die machen sich dann auch nicht die Mühe die Hintergründe zu erfragen.
Sich hier ins Licht zu stellen und auf andere zu zeigen ist nicht der Weg, den wir für uns wollen.

Re: Begegnung in der Stadt

Verfasst: Do 20. Jul 2017, 18:30
von Lina
Atalanta hat geschrieben: Do 20. Jul 2017, 14:43 ... Auch wenn ich prinzipiell unterstütze, dass jeder Mensch sich im Grunde kleiden können soll, wie er/sie will (im Rahmen des rechtlich zulässigen) und mich selbst Kommentaren grundsätzlich enthalte, möchte ich selbst zu einem positiven Bild beitragen. ...
Beste Grüße

Atalanta

Da bin ich auch weiträumig mit dir einig. Leute sollen anzienen können und dürfen, was sie wollen. Ich will nicht mal so weit gehen wie von einem positiven oder negativen Eindruck zu sprechen. Jeder sollte sich aber klar machen, dass es unmöglich ist NICHT zu kommunizieren. Jede Bewegung, jede Geste und jeden Fetzen stoff, den man am Körper trägt oder auch weg lässt vermittelt dem Betrachter irgend eine Informatin, mal bewusst, mal unbewusst. Wer das nicht glaubt, dem beweise ich das gerne ... also sollte man sich auch mal überlegen, WAS man dem Gegenüber auch wirklich kommunizieren will oder lieber will, dass er nicht weiß.

Es ist doch völlig OK, knallige Farben, Minirock so kurz und eng, dass man eigentlich alles sehen kann, dazu bizarre Plateau High-Heels, die den Hintern und die Länge der Beine hervorheben - wenn man damit sagen will: "Ich will, dass der Betrachter so schnell wie möglich und als erstes an Sex denkt - selbst wenn ich keine Interaktion mit ihm haben werde, will ich seine Phantasien anregen, weil es mir Spaß macht."
Weil das ist ungefähr was man sagt mit der Kleidung. Wenn die Körpersprache dies unterstützt und der Körper tatsächlich die eines russischen Porno-Models ist, dann funktioniert es noch besser.
Wenn es dagegen unterstützt wird durch Männer-Fußballbeine und eine erotisch provozierende Körpersprache ist es auch völlig OK - Vorausgesetzt, dass man wirklich die erotischen Gefühle bewusst auf die Probe stellen will, verwirren und Leute damit ein bisschen verunsichern.
Aber dann soll man auch nicht durch die Fußgängerzone gehen oder zum Kaffee-Trinken bei Starbucks und sich dabei empören, dass man komisch angeglotzt wird oder das komische Bemerkungen fallen. Falls so hat man damit eine Aussage gemacht, die im Kontext keinen Sinn macht! So einfach kann man es erklären.