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Re: Woran macht man das Geschlecht fest? Ein Gespräch mit Lann Hornscheidt
Verfasst: Mi 7. Sep 2016, 15:10
von Svetlana L
Explorer hat geschrieben:Gender Gap bzw. das Sternchen sind natürlich gute Möglichkeiten (und die Beeinträchtigung des Leseflusses hält sich in meinen Augen in Grenzen), aber im mündlichen Sprachgebrauch braucht es etwas anderes.
... Aber wenn es um Personalpronomen geht und nicht nur z.B. um Gruppenbezeichnungen (wie Lehrer/innen), finde ich persönlich es schon etwas uncharmant jemanden sprachlich in ein anderes Gender zu stecken.
Stimmt, an die Unterscheide zwischen Schriftsprache und mündlichem Sprachgebrauch hatte ich ja noch gar nicht gedacht. Ich finde diese beiden Möglichkeiten (_ und *) auch vollkommen okay. Auch den Lesefluss finde ich bei diesen Varianten in Ordnung, anders dagegen wenn man ständig sowohl die männliche als auch die weibliche Form schreiben bzw. lesen muss. Das ist im Verwaltungsdeutsch leider noch so üblich. Gender-Gap und Gender-Star können aber auch im mündlichen Sprachgebrauch benutzt werden. Da ist dann einfach eine kleine Pause einzubauen, z.B. (um beim Beispiel von Marielle zu bleiben) Bäcker[kurze Pause]innen. Das finde ich zwar noch gewöhnungsbedürftiger als die Benutzung dieser beiden Zeichen in der Schriftsprache, aber es ist grundsätzlich möglich und braucht vermutlich auch nur eine Eingewöhnungsphase.
Und du hast natürlich Recht, das Problem mit dem korrekten Personalpronomen ist damit noch nicht gelöst. Jemand, der sich unter dem _ oder * verortet, kann halt nicht mit "er" oder "sie" angesprochen werden, das wäre verletzend und diskriminierend. In der deutschen Sprache fehlt also noch eine Entsprechung zum schwedischen "hen".
Re: Woran macht man das Geschlecht fest? Ein Gespräch mit Lann Hornscheidt
Verfasst: Mi 7. Sep 2016, 16:35
von Nicoletta
Da ich gerade in Urlaub bin, stoße ich verspätet auf diese Diskussion. Für mein Empfinden mit linguistischem Hintergrund ist die ganze Aufregung eigentlich überflüssig. Genus ist eine grammatische Kategorie und hat mit Sexus und mit Gender nichts zu tun. Schlagende Beispiele dafür sind "das Mädchen", "das Eheweib" u.a.m. Vom Lateinischen her gibt es nur "professor", zufällig maskulin zu deklinieren, aber gleichermaßen anwendbar auf jedes Geschlecht, sog. generisches Maskulinum (grammatische Kategorie und nichts anderes). Der Schutz der Sprache ist am ehesten gewährleistet, wenn man ohne Femininmovierung auskommt. Ich muss doch (außerhalb Alt-Österreichs) eine Frau Hofrat nicht zur Frau Hofrätin befördern um auszuschließen, dass ich von der Ehefrau eines Hofrats spreche. Ich wünschte mir daher für Träger all dieser Titel eine grammatisch korrekte Form ohne genderbedingte Anhängsel. Ich brauche nicht nur keine Professorin, sondern auch keine Lehrerin, Bäckerin, Friseuse usw. Warum soll ich nicht sagen dürfen, "Meine Frau arbeitet als Friseur"? Mich interessiert hier doch nur der Beruf, nicht das empfundene oder biologische Geschlecht des Trägers. Wenn ich unterrichte, habe ich vor mir Studenten, ob sie nun studierende oder eher weniger studierende Studenten sind, das politisch korrekte Studierende grenzt die faulen Studenten aus. Die auf solche Spitzfindigkeien vergeudete Energie ließe sich sicher sinnvoller einsetzen. äErhalten bleiben müsste, zumindest vorläufig gemäß dem Sprachgefühl die Anrede: Frau Friseur, Frau Kindergärtner, Frau Doktor (Frau Doktorin sagt ja wohl ohnehin niemand), da das Deutsche anders als etwa das Japanische keine geschlechtsneutrale höfliche Anrede kennt, obwohl einige sich dafür anböten (Kollege, Genosse, Freund, Nachbar), sofern man bereit ist, das überflüssige Anhängsel zu unterdrücken. Das Abstruseste sehe ich immer in Fleischabteilungen, wenn dort HähnchenInnenfilets angeboten werden. Abgesehen davon, dass Hähncheninnenfilets ja besser Hühnchenfilets benannt würden, ich glaube kaum, dass es dem armen Hühnchen oder Hähnchen auf die korrekte Bezeichnung angekommen wäre.
Re: Woran macht man das Geschlecht fest? Ein Gespräch mit Lann Hornscheidt
Verfasst: Mi 7. Sep 2016, 17:13
von ab08
Hallo Nicoletta,
so kann man das natürlich sehen. So kannst Du es natürlich machen, das versteh ich durchaus.
Gerade zu Beginn (nach der NÄ) war
mir aber sehr wichtig, dass die Anrede mein Geschlecht enthält.
- Dass auf allen Unterlagen, im Jahresbericht der Stammschule usw. bei mir jetzt die weibliche Form des Titels, Fachleiterin usw. stand.
- Dass so
für alle an der Schule, an den anderen Schulen, im Berufsverband usw. klar war, wie ich nun anzusprechen sei.
Die Korrektur
sämtlicher Daten meines offiziellen Lebenslaufes (StRefin., StRin., OStRin. usw.) freute mich.
Liebe Grüße
Andrea,
die
bei sich selbst auf die letzten beiden Buchstaben (Gymnasiallehrer
in, Naturwissenschaftler
in, Physiker
in ...)
Wert legt.
Das Prozedere, dies zu erreichen, kostete mich Geld und Mühe (zwei Gerichtsverfahren 2008/2011, Gutachten etc.)
P.S. Andererseits habe ich emanzipierte Kolleg
innen, die bezeichnen sich lieber als Physiker, Chemiker usw.
-> Das respektier ich selbstverständlich!! ->
Mein Fall liegt eben etwas anders. - Mir ist die weibliche Form wichtig.
Re: Woran macht man das Geschlecht fest? Ein Gespräch mit Lann Hornscheidt
Verfasst: Mi 7. Sep 2016, 20:45
von Nicoletta
Liebe Andrea,
natürlich verstehe und respektiere ich Dein Gefühl, kann es auch gut nachempfinden, schließlich stehe ich auf demselben Weg nicht weit vom Ziel. Und ich habe es erfreut zur Kenntnis genommen, als auf dem Weg hierher auf dem Kölner Flughafen über mich gesagt wurde, dass "die Dame noch ihr Gepäck einchecken muss". Das sind die kleinen Siege im Alltag. Mich stört es nur, wenn zu diesem Ziele Sprache verhunzt wird, noch dazu überflüssigerweise, denn viele Sprachen haben gar nicht die Möglichkeit, die Geschlechtszugehörigkeit etwa bei Berufsbezeichnungen überhaupt auszudrücken. Als "Herr" oder "er" bezeichnet zu werden, stört mich sehr, ob ich aber als Slavist oder Slavistin bezeichnet werde, ist mir gleichgültig. Wenn ich über vergangene Berufserfahrungen spreche, passiert es auch mir selbst, dass ich für mich die männliche Form gebrauche, weil das damals richtig schien und ich noch daran gewöhnt bin. Aber da mag es Unterschiede bei dre jeweiligen Empfindlichkeit gebe.
Viele Grüße,
Nicoletta