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Re: Ostwind

Verfasst: Sa 18. Jun 2016, 21:07
von Anne-Mette
Hedwig zeigt ihm, wo das ganze Material liegt und wie es gelagert werden muss.
Die Reusen werden erst draußen zum Trocknen aufgehängt; dann kommen sie auf ein Gestell, damit sie weiterhin gut Luft bekommen und nicht gammeln.
An diesem Tag können sie nicht viel bewerkstelligen. Der Junge macht einen enttäuschten Eindruck, aber sie muntert ihn auf: "morgen Abend kommst Du wieder, dann können wir bestimmt ins Watt!"
Sie gibt ihm zwei Mark, die sie aus einer Dose nimmt, die sie im Netzschuppen aufbewahrt.
Der Junge verabschiedet sich.
Hedwig beschäftigt sich weiter mit ihrer Bauplanung. Erst überlegt sie, ob sie am Haus nicht gleich einen Verkaufs-Stand einrichten soll; dann könnten sie dort immer Räucher- und Frischfisch anbieten. Sie verwirft den Gedanken: "das passt wohl doch nicht so gut mit den Sommergästen zusammen. Wer wohnt schon gerne in einem oder direkt neben einem Fischgeschäft?"
Der nächste Tag beginnt verheißungsvoll. Der Wind hat wieder auf Ost gedreht.
Willi hat sie wohl schon erwartet; denn der Motor läuft schon, als sie an Bord klettert.
Er fragt, wie es mit dem "neuen Mitarbeiter" gegangen ist. Sie erzählt ihm, dass sie ganz zufrieden ist, "der wird sich schon machen mit der Zeit. Er muss natürlich noch viel lernen, aber macht einen lernwilligen Eindruck!"
"Das ist sünde mit dem Jungen", entgegnet Willi, "seine Eltern haben ihm fast die Seele aus dem Leib geschlagen!"
Hedwig fällt ein, wie panisch der Junge auf den Schürhaken reagiert hat.
Seine Eltern werden doch wohl nicht"¦
Sie führt den Gedanken lieber nicht zu Ende.

Sie fahren den altbekannten Weg. Fast könnte man meinen, der Kutter könnte sich alleine steuern.
Willi macht einen etwas nervösen Eindruck; dabei scheint es keinen Grund zu geben. Der Motor tuckert zuverlässig, Kühlwasser ergießt sich mit gewohnter Stärke ins Meer — und selbst die Pfeife ist erst drei Mal ausgegangen.
Irgendetwas hat er auf dem Herzen.
Als sie den letzten Inselhafen hinter sich haben, hat er genug geschwiegen.
"Wir treffen ein holländisches Boot", meint er endlich, "die werden uns ein paar Sachen verkaufen!"
"Sachen — welche Sachen?"
Hedwig ist ein wenig beunruhigt, hat doch jemand vor ein paar Tagen erzählt, dass Schmuggler aufgebracht und verhaftet worden sind.
"Kaffee, Tee und Tabak", meint Willi, "die Sachen verstecken wir in der Fischladung. Da haben wir einen schönen Extra-Verdienst!"
""¦ oder landen im Gefängnis". Hedwig ist empört.
Aber es klappt alles reibungslos. Sie erwischen einen kleinen Schwarm — und bald darauf kommt das holländische Boot. Ein paar Eimer werden übergeben. Auf den Deckeln steht "Teer".
Hedwig hofft, dass Willi gute Ware bekommt für das viele Geld, das er den Holländern hinüberreicht.
Sie haben noch nicht alle Fischkisten gefüllt, aber er will schon wieder zurückfahren. "Wir haben schließlich noch die ganze Arbeit mit dem Ausnehmen und Waschen!"
Stimmt — das ist ein Argument.
Die Arbeit geht ihnen gut von der Hand. Schon weit vor der Einfahrt in den Hafen sind sie fertig. Hedwig ist müde geworden. Der Motor singt sie mit seinem Bass in einen kurzen Schlaf.
Sie träumt vom Zollboot, das sie verfolgt.
Der Decksmann sieht aus wie "de ole Hex".
Als Willi die Drehzahl verringert, um das Anlegemanöver zu fahren, wird sie wach.
Von einem Zollboot ist nichts zu sehen, aber etliche Dorfbewohner stehen am Kai und warten darauf, dass für sie vom Fang etwas abfällt.
Willi will die Leute möglichst schnell loswerden. So ist er heute ziemlich großzügig mit der Verteilung.
Endlich ist er mit Hedwig alleine.
Sie öffnen die Dosen, die sie von den Holländern gekauft haben.
Tatsächlich: sie enthalten die Ware, für die sie bezahlt haben und keinen Teer.
Durch das gute Geschäft, das Willi sich bei einem Weiterverkauf ausrechnet, kann er Hedwig etwas mehr bezahlen. Sie will das Geld wieder "stehenlassen" und berichtet von ihren Bauplänen.
Ihr Käpt"™n ist begeistert und bietet an, ihr mit den Steinen zu helfen, "wenn es mit dem Wetter zum Fischen nicht passt".
Außerdem hat er Holz und er kennt einen Zimmermann, der für wenig Geld das Dach des geplanten Anbaus decken kann.
Als Hedwig in die Küche tritt, ist der Junge schon da und sitzt am Tisch.
Er ist froh, dass sie kommt; denn mit ihrer Mutter kann er nichts anfangen. Er freut sich auf seine Lehrstunde.
"Nun lass Hedwig mal erst zu sich kommen", bremst ihn die Mutter, aber sie hat sich an Bord gut ausruhen können und braucht nur einen Tee, bevor sie mit dem Jungen weitermachen kann.
Er hat aufgepasst beim letzten Mal. Die meisten Handgriffe sitzen.
"Wenn Du für mich arbeiten willst, dann teilen wir uns den Verdienst", bietet sie ihm an, "wenn Du alleine arbeiten musst, weil ich nicht mitmachen kann, dann bekommst Du einen größeren Anteil!"
Der Junge nickt zustimmend, aber Hedwig ist sich nicht sicher, ob er sie verstanden hat.
Sie gibt ihm einen größeren Eimer in die Hand und füllt ihn mit Fischen.
"Deine!" sagt sie.
Der Junge freut sich.
"Schule?" fragt er.
"Du willst lernen?" Karl nickt wieder.
Sie waschen sich draußen an der Pumpe und gehen in die Küche.
Das Schulheft liegt noch auf dem Tisch.
Karl sucht die richtige Seite, zeigt auf seinen Namen und sagt: "Karl".
Seine Augen leuchten.
Hedwig schreibt ihren Namen und spricht ihm vor: "HEDWIG". Dabei zeigt sie auf sich.
Karl spricht ihr nach, blickt malt anschließend die Buchstaben mit dem Zeigefinger nach - und lacht. Dann zeigt er auf sich und sagt wieder "HEDWIG".
Nein — sie erklärt es ihm ganz ruhig.
Sie will ein anderes Wort versuchen und schreibt "Mama".
Karl schaut sich das Wort an, aber ihm fällt nichts dazu ein.
"Hedwig" sagt er schließlich.
"Nein!" kommt es ungewollt viel zu streng aus ihrem Mund.
Die Gesichtszüge des Jungen scheinen einzufrieren; das Lachen hat den Raum verlassen.
"Rohrstock?" fragt er ängstlich.
"Nein, ich habe keinen Rohrstock und ich werde auch nie einen haben", beruhigt sie ihn.
Sie spricht ihm vor "MAMA".
Karl hat den Spaß an der "Schulstunde" verloren. Ganz schnell verabschiedet er sich.
Hedwig hat das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, will aber noch rüber zu Otto und mit ihm über das Räuchern sprechen. Sie macht sich Gedanken über den Jungen.
Sie fühlt sich schwer. Ihre Latzhose könnte gut ein wenig größer sein.
Sie hat "ein Gefühl im Bauch" — sanft wie Schmetterlinge.
Mit Otto wird sie schnell einig. Darüber ist sie froh; denn sie möchte sich auf ihr Bett legen und das Bauchgefühl noch ein wenig genießen.
Otto wird sich um alles kümmern, hat sogar einen Abnehmer, der "alles nimmt".
Das Geld wird er in den nächsten Tagen rüberbringen.
Hedwig vertraut ihm.

Re: Ostwind

Verfasst: Mo 20. Jun 2016, 17:48
von Anne-Mette
Ende August — und schon das Gefühl, dass Herbst und Winter nahe sind.
Hedwig und Willi machen noch einige Fahrten, aber die gute und erfolgreiche Makrelenzeit ist vorbei. Da sind sie froh, dass sie noch einige Geschäfte mit den Holländern machen können.
Selbst Hedwig investiert etwas von ihrem Geld und macht einen satten Gewinn, indem sie die Waren weiterverkauft.
In manchen Augenblicken ist sie über sich selbst entsetzt: wie schnell doch die Moral zurückweichen kann, wenn es um einen nötigen Verdienst geht.
Aber sie wollen schließlich auch im Winter satt werden und weiterkommen im Leben.

Wenn sie nicht zum Fang auslaufen, weil das Wetter schlecht ist, kümmern sie sich um die Erweiterung des Hauses. Willi hält Wort und hilft beim Transport der Steine.
Seine Schubkarre stellt er zur Verfügung, sodass er und Karl damit die Steine fahren können. Nach einigen Tagen mit harter Arbeit ist von der ehemaligen Flakstellung nicht mehr viel übrig.
Karl zeigt sich als guter Mitarbeiter, obwohl sein Schwerpunkt mehr auf der Fischerei liegt. Das Handwerk macht ihm nicht halb so viel Spaß, aber er ist eine treue Seele.
Spaß macht ihm die "Schule". Regelmäßig setzt Hedwig sich mit ihm hin und übt lesen und schreiben. Nachdem er endlich begriffen hat, dass tatsächlich kein Rohrstock droht, mit dem die Buchstaben und Zahlen in ihn hineingeprügelt werden, macht er riesige Fortschritte. Er ist wie befreit.
Den Schürhaken rührt er selbst nicht an, aber er reagiert nicht mehr panisch, wenn ein anderer ihn in die Hand nimmt.
Sogar sein Sprechen hat sich entwickelt.
Er redet zwar wenig — wie viele Nordfriesen, aber inzwischen in ganzen Sätzen.

Sie haben Boden ausgehoben, wo die neuen Mauern stehen sollen und gießen ein Fundament.
Etliche Zementsäcke haben sie benötigt, dazu Kies und Kalk.
Allein das Mischen ist eine mühevolle Arbeit. Karl und Willi haben Blasen an den Händen.
"So lange Du dicker bist als ich", scherzt Willi, "darfst Du bei diesem schweren Arbeiten nicht mitmachen.
Insgeheim ist Hedwig froh.
Willi und Hedwig haben mit einem Maurerhammer die meisten Mörtelreste von den Rotsteinen abschlagen können; außerdem hat Otto noch ein paar Steine liegen, die er nicht braucht.
Ein Maurergeselle aus dem Dorf stellt für ein paar Mark, "satt Fisch", Kaffee und Genever die Mauern auf.
Die Fenstergröße richtet sich nach den Fenstern, die sie in der Nachbarschaft "halb geschenkt bekommen". Die hat sich Fritz vor ein paar Jahren beim Umbau des Offiziersheimes gesichert "zu schade zum Wegwerfen - und falls man die mal braucht".
Noch bevor die ersten Herbststürme für Hochwasser und ungemütliche Tage sorgen, steht der Anbau.
Erwin hat das Dach gezimmert, das mit Teerpappe seine Vollendung erfährt.
Alles ist richtig schön und solide geworden.
Allerdings hat Willi die Zeichnungen falsch gelesen, die Hedwig extra noch einmal ins Reine übertragen und mit Maßen versehen hat.
Der Anbau ist viel größer geworden, als Hedwig es sich ausgedacht hat.
"Steine und Holz gibt es genug", hat Willi auf ihre Vorhaltungen geantwortet, ""¦ und Du wirst viel mehr Platz brauchen als Du gedacht hast!"
Sogar ein paar Fußbodenbretter und Möbel lassen sich organisieren.
Die ersten Gäste können kommen und einziehen, aber es dauert noch lange bis zum nächsten Sommer. So kann Hedwig erst einmal selbst eines der Zimmer beziehen.

Die Kartoffel-Ernte ist gut gewesen in diesem Jahr. Im kleinen Vorratskeller stehen außerdem fein aufgereiht einige Weck-Gläser mit Gemüse.
Hedwig ist nur noch selten allein im Watt unterwegs. Meistens begleitet sie nur den Jungen, der seine Arbeit immer besser macht, aber sich freut, wenn jemand dabei ist, der mit ihm spricht.
Wer hätte das gedacht?
Auch wenn sie mit Karl zusammen unterwegs ist, achtet Hedwig darauf, dass sie nicht zu weit in südliche Regionen gelangt. Sie will keinesfalls in den Sichtbereich der beiden "Hexen" geraten.
Vielleicht wird doch alles gut mit ihrem Kind?
Sie weiß zwar noch nicht, wie alles werden soll, aber in manchen Stunden freut sie sich sogar auf das Kind — und darauf, dass sie nach der Schwangerschaft wieder dünner wird.
Sie werden es schon schaffen!

Ihre Mutter schickt sie zum Hafen. "Geh doch mal schnell zu Peter Musch und hole zwei Eimer Muscheln, die ich einlegen möchte". Hedwig freut sich über die Abwechslung.
Der Muschelfischer ist gerade nicht da, aber sie will auf ihn warten.
Sehnsuchtsvoll schaut sie aufs Meer hinaus.
Sie erkennt den Eisenbahn-Damm, der die Insel mit dem Festland verbindet. Ein Zug ist zu sehen und drüben in Dänemark ein paar Häuser. Die Sicht ist besonders gut heute.
Hedwig guckt nach links und wundert sich: auf dem einen Pfahl sitzt ein Rabe, pechschwarz, der auf sich aufmerksam macht durch sein Gehabe.
Sie muss an den Pastor denken, den sie vor ein paar Jahren an der Spitze eines Begräbnis-Zuges gesehen hat. "Fast der selbe Gesichtsausdruck", denkt sie.

Jemand ist leise und unbemerkt von hinten an sie herangetreten und legt eine kalte und knöcherne Hand auf ihre Schulter.
"Guten Tag, Hedwig, ist denn dein Kind noch nicht da?"
Hedwig entzieht sich dem Griff und dreht sich um. Die Stimme kennt sie doch?
Tatsächlich: es ist "de ole Hex!"
Hedwigs Stimme überschlägt sich fast: "lass mich in Ruhe!"
Sie lässt ihre Eimer stehen, die Peter Musch eigentlich mit Muscheln füllen soll und rennt.
Sie rennt, ohne sich noch einmal umzudrehen - bis nach Hause.
"Du bist ja ganz durch den Wind", die Mutter sieht gleich, dass Schreckliches passiert sein muss, "wo sind die Muscheln? War Peter nicht da?"
Hedwig stammelt nur, kann nicht richtig sprechen.
Sie legt sich auf ihr Bett.
Es ist, als tobt in ihrem Bauch jemand herum.
Eine halbe Stunde später klopft es unten an die Tür.
Hedwigs Mutter schaut nach. Willi ist gekommen.
Hedwig hört ihn mit der Mutter reden. Sie nimmt Wortfetzen wahr: ""¦ hat sich aufgehängt am Baum seines Fanggeschirrs".
Hedwig dämmert weg, schläft anschließend bis zum nächsten Morgen, ohne noch einmal aufzustehen.
Sie träumt von Raben und von ihrer eigenen Beisetzung, zu der nur diese schwarzen Vögel gekommen sind.
Den ganzen folgenden Tag ist sie noch nicht gut zu pass, sieht Jahre älter aus als noch vor ein paar Tagen. Ihre Freude über den gelungenen Umbau und die ganzen anderen positiven Veränderungen in der letzten Zeit ist verflogen.
Düster malt sie sich die Zukunft aus.

Sie hat es inzwischen erfahren: der zweite Muschelfischer hat sich tatsächlich aufgehängt.
Das war bestimmt die "ole Hex", die ihn dazu gebracht hat.
Was aber wird sie mit ihr gemacht haben?
Hedwig möchte, dass das Kind endlich aus ihr herauskommt.
Sie will es ansehen, sie will sehen, was mit ihm ist.
Abends fährt sie mit ihrer Hand über ihren Bauch, der sich wie ein großer abgerundeter Berg erhebt.
"In manchen Bergen sind Schätze verborgen", denkt Hedwig.
Das Kind drückt von innen, als wollte es sagen: "ich möchte raus!"

Peter Musch soll schnell "unter die Erde gebracht werden".
Es sind nur seine Fischerkollegen, die ihn zu Grabe tragen. Weder Pastor noch Gemeinde sind erschienen.
Ein Sturm ist hochgezogen. Hedwig stellt sich in Lee der hohen Kirchenmauer und beobachtet die schlichte Zeremonie aus der Ferne.
"Gute letzte Reise" wird dem Kameraden gewünscht.
Als würde er ein donnerndes Abschiedslied singen, wirft der Sturm sich mit Gebrüll auf die wenigen Menschen, die noch draußen sind und auf Häuser und Boote. Es wird Zeit, sich zu kümmern.

"Wir müssen Dein Ruderboot rechtzeitig an Land ziehen!"
Willi ist gekommen und auch Karl findet sich ein.
Sie teilen sich auf: der Junge sammelt alle Reusen ein — und Willi und Hedwig wollen den Fischerkahn an Land ziehen.
Es hat tagelang geregnet und das Boot ist schwer, weil halb voll Wasser.
Erst will es sich nicht aus dem Schlick lösen.
Hedwig schöpft das Wasser mit einem Eimer heraus. Nun wird es leichter gehen.
"Das wird ein Sturm, der nichts Gutes bringt!"
Selbst Willi, der Fahrensmann, der schon viel herumgekommen ist und viel erlebt hat,
macht fast einen ängstlichen Eindruck.
Nein — bloße Angst ist es sicherlich nicht, sondern Ehrfurcht vor den entfesselten Elementen.
Das Wasser läuft ungewohnt schnell in die Bucht. Wenn doch nur der Junge schon wieder hier wäre.
Sie winken ihm zu. Er soll sofort kommen, selbst wenn ein paar Reusen draußen bleiben und die Gefahr besteht, dass sie verloren gehen.
Aber der Junge will es wohl wissen. Er kommt erst, als alle Netze geborgen sind.
Bis fast zum Bauch steht er zuletzt in den kalten Fluten und arbeitet mit den Händen unter Wasser und gegen die anströmenden Wassermassen.
Willi und Hedwig nehmen einen neuen Anlauf und schieben das Boot, das sich endlich schmatzend löst, aus dem Schlick.
Geschafft — das Boot ist in Sicherheit und sie auch.
Willi sichert es mit einer langen Leine zusätzlich, die er an Land an einem Baum festmacht.
Der Wind ist noch heftiger geworden; dazu wird es dunkel, dabei haben sie gerade erst Mittagszeit. "Ein Sturm, der nichts Gutes bringt!"
Hedwig muss an Willis Worte denken.
Es wird Zeit, dass sie ins Haus kommen.
Hedwig beugt sich nach dem Eimer, mit dem sie das Boot leergeschöpft hat.
Als sie sich wieder aufrichtet, spürt sie einen stechenden Schmerz im Unterleib — und zwischen ihren Beinen wird es nass.
Willi und Karl schauen sie an.
"Ich glaube, das Kind kommt", flüstert Hedwig. Sie muss sich am Boot abstützen; ihr ist ganz flau.
"Kommt das Kind mit der Flut — wird alles gut!"
Willi ist überzeugt, dass diese überlieferte Erkenntnis selbst gegen den Sturm hilft.
Gemeinsam bringen sie Hedwig ins Haus.

Re: Ostwind

Verfasst: Di 21. Jun 2016, 15:24
von Anne-Mette
Sie legen sie auf das Bett. Ihre Mutter hat gleich gesehen, dass es ernst wird und die SChlafstelle mit ganz vielen Tüchern ausgelegt.
Dann zieht sie sich die schwere Teerjacke an, die noch vom Vater ist und bindet sich ein Kopftuch um.
Sie verschwindet wortlos im tosenden Inferno. Fast wäre ihr die Tür aus der Hand gerissen worden.
Hedwig denkt: "nun holt sie die ole Hex!"
Das Kind scheint sie zu spalten, will sich durch eine viel zu enge Öffnung zwängen.
Hedwig muss an eine Axt denken.
Es gibt Pausen — da kann sie durchatmen, aber dann setzen die schrecklichen Schmerzen gleich wieder ein.
So geht das eine ganze Weile.
Die Pausen werden kürzer. Hedwig kann es kaum noch aushalten.
Ihre Mutter kommt zurück, ist trotz der Jacke ganz nass.
Der Sturm peitscht den Regen, der an die Fenster klopft.
Willi geht kurz hinaus und schließt die hölzernen Fensterläden, die vor ein paar Tagen fast fertig geworden sind, aber eigentlich noch frische Farbe brauchen, um lange ihren Dienst versehen zu können.
Darauf kommt es nun nicht an; aber die Scheiben müssen heil bleiben.
Polternd kommt etwas auf ihn zu. Er kann gerade noch hinter der Hausecke Schutz suchen.
Eine leere Teertonne vom Straßenbau hat sich irgendwo losgerissen und auf den Weg gemacht.
Mit Trommelwirbel setzt sie ihren Weg fort.
Willi will sie aufhalten, aber er sieht ein, dass das Unfug ist.
Hedwigs Schreie sind bis hier draußen zu hören.
Er will wieder ins Haus, sieht aber dass die Klammern die Fensterläden nicht halten können.
Aus der Werkstatt holt er Nägel, einen Hammer und ein paar Holzreste.
Die besonders beanspruchten Läden nagelt er einfach zu oder ein Stück Holz quer drüber. Auf Schönheit kommt es hier nicht an.
Hauptsache, sie überstehen den Sturm ohne großen Schaden.
Er geht ins Haus.
Hedwigs Mutter hat inzwischen den Kessel auf den Herd gestellt.
Gleich wird das Wasser kochen.
"Geht nach Hause — so lange es noch geht". Sie spricht eindringlich auf die beiden Helfer ein.
Besonders Karl wird es schwer haben, muss er doch eine Niederung überqueren, die bei Hochwasser besonders schnell voller Wasser steht.
Eigentlich ist es kaum zu verantworten, ihn loszuschicken, aber sie will vermeiden, dass seine Leute nach ihm suchen und dadurch in Gefahr kommen. Er wird zuhause gebraucht werden.
"Wollen wir hoffen, dass die Nissen-Hütte stehenbleibt bei dem Wind", denkt Hedwigs Mutter.

Willi und Karl gehen zusammen.
Nun ist Hedwig mit ihrer Mutter allein.
Sie bleibt misstrauisch: wo ist ihre Mutter vorhin gewesen?
Draußen poltert es wieder.
Sie hat Angst.
Hedwig muss an das Gespräch ihrer Mutter mit der "olen Hex denken".
Wird sie ihr das Kind nehmen, es vielleicht sogar töten?
Oder hat sie der Frau Bescheid gegeben, dass sie kommen kann, um sich das Kind zu holen?
Hedwig legt sich ganz an die Wand, obwohl die ziemlich kalt ist.
Das Kind drängt, als wollte es sie in der Mitte teilen.
In einer kleinen Pause hört sie draußen ein Geräusch, das kaum durch das Geheule des Windes dringen kann; ein Motor von einem Moped scheint es zu sein.
Verrückter Weise fällt ihr ein: "bei dem Wetter wird doch wohl keine Kundschaft kommen, um Fische abzuholen? Wir haben doch nur noch wenige für uns selbst."
Die Tür wird aufgerissen.
Eine fremde Frau steht im Flur und schließt die Tür mit Nachdruck, damit sie nicht gleich wieder vom Wind aufgerissen wird.
Die Frau schüttelt sich wie ein Hund.
Nein — "de ole Hex" kann es nicht sein; denn die Besucherin ist viel größer und dicker.
Sie legt ihre Jacke einfach auf den Boden und tritt mit einer großen Tasche an das Bett heran.
Beruhigend spricht sie auf Hedwig ein: "alles wird gut — aber was hast Du Dir nur für ein Wetter für so einen wichtigen Tag ausgesucht?"
Der Tasche entnimmt sie ein Röhrchen mit auf beiden Seiten trichterförmigen Ausbuchtungen, dessen eines Ende sie auf Hedwigs Bauch legt. Auf das andere Ende legt sie ihr Ohr.
"Alles in Ordnung!"
Sie scheint zufrieden zu sein mit dem, was sie gehört hat.
Sie spricht mit ihr über Atmen und Pressen — aber als die nächste Wehe kommt, hat Hedwig die Worte schon wieder vergessen.
Die Frau legt ihre Hände sanft auf den Bauch.
Hedwig beruhigt sich.
Die Frau kniet sich zu ihr auf das Bett.
Die Federn des Gestells jammern unter dem Gewicht der beiden Frauen.
Sie drückt ihr die Beine auseinander und legt die vorhandenen Kissen so, dass die Beine höher liegen.
Ganz zufrieden ist sie immer noch nicht.
Hedwigs Mutter kommt mit weiteren Kissen aus dem anderen Zimmer.
Kaffeeduft erfüllt die Küche und wabert bis ins Zimmer.
"Oh, echter Bohnenkaffee!"
Die Frau ist entzückt: "den habt ihr extra für diesen passenden Anlass aufgehoben!"
Hedwig muss an die Holländer denken, träumt sich in den letzten Sommer.
Wie gerne würde sie die Zeit zurückdrehen — oder doch lieber vordrehen bis in den nächsten Sommer?
"Zeit vordrehen ist Quatsch", denkt sie, "sonst fehlt sie einem am Ende des Lebens!"
Die Frau hat sich mit dem Kaffee gestärkt.
Zwischendurch hat sie mit der Mutter gesprochen.
Hedwig hört die Worte "schwerer Brocken" und "früher gekommen".
Sie kann sich keinen Reim darauf machen. Wer hätte früher kommen sollen und warum und wohin?

Die Frau steht wieder vor ihr. Sie hat ein gutmütiges Gesicht und strahlt Zuversicht aus.
Aber sie schaut ihr zwischen die Beine.
Hedwig schämt sich. Sie fühlt sich ungeschützt.
Der Schmerz kommt zurück.
Hedwig kann es kaum aushalten.
Die Frau wird laut: "pressen, pressen, pressen!"
Hedwig kann doch wohl nicht in ihrem Bett pressen und es beschmutzen?
Das sagt sie der Frau.
"DU MUSST" ist die eindeutige Antwort.
Hedwig presst, sie gibt sich alle Mühe, aber die Frau ist immer noch nicht zufrieden.
Sie schimpft: "wenn ich PRESSEN sage, dann meine ich PRESSEN!"
Hedwig bündelt alle Kräfte und presst, als es wieder so weit ist und die Frau ihr Zeichen gibt.
Sie schaut ihr wieder zwischen die Beine, fühlt auf den Bauch, drückt sogar ein wenig — und dann ist es wieder so weit.
Hedwig nimmt fast den Sturm nicht mehr wahr, so nehmen die Schmerzen sie gefangen. Es ist noch schlimmer geworden, aber die Frau ist zufriedener: "ich sehe den Kopf, wir haben es bald geschafft!"
Ihre Gedanken werden von den Schmerzen gefangengehalten.
Sie denkt nicht einmal mehr an ihre Mutter und die "ole Hex".

Die nächste Wehe will sie fast zerreißen.
Sie glaubt, sie kann nicht mehr.
Die Beisetzung fällt ihr ein — und sie muss an die Raben aus dem Traum denken.
Ein schlechtes Zeichen?
Wie ist es, wenn man sterben muss?
Wer würde zu ihrer Beerdigung kommen?
"Noch ein Mal!"
Die Frau holt sie zurück.
Sie presst aus Leibeskräften, selbst wenn es ihr eigenes Ende bedeuten sollte: "das Kind muss raus und leben!"
Die Hebamme greift ihr zwischen die Beine und hält gleich darauf ein nasses, schleimiges Etwas in den Händen.
Groß sieht es aus — und hat in ihrem Bauch gewohnt.
Das Kind atmet gleich und beginnt zu schreien.
Die Hebamme ist beschäftigt, kümmert sich um die Nabelschnur.
Dann wird das Kind in saubere Decken gewickelt.
Hedwig hält es im Arm.
Die Frau schaut nachdenklich, aber ergreift Hedwigs Hand: "Das hast Du gut gemacht!"
Sie fummelt zwischen ihren Beinen, greift in sie hinein.
Was macht sie da?
Hedwig interessiert es fast nicht.
Tränen laufen ihr über das Gesicht. "Das ist MEIN Kind!"
Aus der Küche ruft die Mutter: "was ist es denn?"
Die Hebamme geht zu ihr und flüstert: "das weiß ich nicht, aber es ist gesund und munter!"

Re: Ostwind

Verfasst: Di 21. Jun 2016, 15:50
von Simone 65
Hallo Anne-Mette. Danke. Du schreibst so realistisch , ich werde richtig in die Geschichte reingezogen. Wenn ich mit dem lesen fertig bin , muss ich richtig wieder in die Realität zurück. LG Simone

Re: Ostwind

Verfasst: Mi 22. Jun 2016, 05:04
von SteffiCD
Guten Morgen Anne Mette,

und danke das du bei all deinen Aktivitäten noch Zeit findest mich und alle anderen Mitleser derart zu verzaubern.
Toller Schreibstil.

vielen Dank
Bea

Re: Ostwind

Verfasst: Mi 22. Jun 2016, 21:14
von Anne-Mette
Auch mit der Nachgeburt ist die Hebamme zufrieden. Mit erfahrenem Blick sieht sie sofort, dass alles in bester Ordnung ist.
Immer wieder schaut sie umsichtig nach Hedwig und dem Kind.
Auch die Mutter ist nicht untätig, wühlt in den Tiefen ihres Kleiderschrankes und kommt tatsächlich mit einigen Babysachen ans Bett, die sie gesammelt oder aufgehoben hat.
Hedwig hat ihre "Schätze", die sie vor einigen Wochen aus der Stadt mitgebracht hat, noch überhaupt nicht gezeigt, als wollte sie alles, was mit dem Kind zu tun hat, vor der Mutter verbergen. Immer noch hat sie Angst.
Die Hebamme kleidet das Kind an.
Sie will über Nacht bleiben und den beiden Frauen zur Seite stehen.viel zu gefährlich.
"Ich hoffe nur, dass sich nicht noch ein Kind entschieden hat, heute auf die Welt zu kommen", erzählt sie, "aber eigentlich müsste es noch ein paar Tage dauern, bis es soweit ist".
Die Mutter kümmert sich um Hedwigs Bett, macht es sauber, so gut es geht und richtet anschließend eine Schlafstelle für die Hebamme im anderen Zimmer.
Das Kind weint.
Die Hebamme legt es Hedwig an die Brust.
Ein fremdes Gefühl, das Hedwig bisher noch nicht gespürt hat.
Es kitzelt ein wenig, zieht aber auch — ein wenig schmerzt es und dann wandert es nach innen.
Die Hebamme greift an Hedwigs Brust, als wollte sie die Euter einer Milchkuh bewerten: "richtige Milch ist das noch nicht, aber das Kind braucht auch noch nicht viel.
Du wirst es fühlen, wenn die Milch einschießt!"
"Einschießt" — was für ein Wort. Hedwig macht es Angst.
Der Sturm tobt die ganze Nacht.
Immer wieder regnet es — und polternde Geräusche verheißen nichts Gutes.
Am Morgen weht es immer noch heftig, aber das entsetzliche Brüllen des Windes, der sich wie ein wildes Tier auf alles warf, was er bekommen konnte, ist einem stetigen Brausen gewichen.
Als es hell wird, treten die Frauen vor die Tür.
Schon von hier sehen sie, dass das Unwetter schreckliche Schäden angerichtet hat: Ottos Haus hat etliche Reihen Ziegelsteine verloren. Ein Wunder, dass das Dach nicht ganz abgedeckt wurde.
Der Hühnerstall vom alten Kröger wurde auf dem gesamten Grundstück verteilt.
Das Kind macht sich bemerkbar.
Die beiden älteren Frauen kümmern sich um die Windel und legen das Kind zu Hedwig ins Bett.
Sie nimmt es an die Brust — und das Spiel wiederholt sich.
Sie kann ihre Gefühle dabei noch nicht deuten, hat aber den Eindruck, dass ihre Brüste gewachsen sind. Das gefällt ihr überhaupt nicht, ist aber wohl nicht zu umgehen.

Die Hebamme will los, will sich ein wenig ausruhen und später nach den anderen werdenden Müttern sehen.
"Ich komme gegen Abend wieder!"
Hedwig ist mit ihrer Mutter allein.
Muss sie weiter vor ihr Angst haben?

Es klopft an der Tür.
Die Mutter ist unruhig, blickt sich um — und verlässt das Zimmer.
Die Tür macht sie hinter sich zu.
Das macht sie fast nie.
Eine männliche Stimme ist zu hören.
Dann kommt die Mutter und meldet: "Besuch für Dich!"
Er ist ihr gefolgt, gehört schließlich fast zur Familie: Willi bringt eine Wiege für das Kind.
Sein Sohn hat schon viel gelernt in den ersten Monaten seiner Lehrzeit beim Tischler und er hat die alte Wiege, die bei ihnen auf dem Dachboden stand, tadellos in Ordnung gebracht.
Eine Seitenwand musste repariert werden, aber nun steht sie da wie neu!
Leider konnte Ernst nicht selbst kommen; denn er muss sich zur Arbeit durchschlagen, aber Willi soll Grüße bestellen.
Er setzt die Wiege in Bewegung, als müsste er Hedwig zeigen, wie sie zu handhaben ist.
Sie legen das Kind hinein; denn selbst eine kleine Matratze, ein Laken und ein Schlafsack gehören dazu. Hat Willis Frau diese Herrlichkeiten so lange aufgehoben? Hedwig kann ihr Glück kaum fassen.
Abends ist das Geknatter des Mopeds gut zu hören; denn der Sturm zieht sich zurück. Er verabschiedet sich und lässt sein Kind zurück: eine leichte Brise.
Die Hebamme ist zufrieden, als sie nach Hedwig und dem Kind sieht.
Wieder befühlt sie die Brust mit der Sensibilität eines Viehhändlers und meint: "bald wirst Du genug richtige Milch haben!"
Aber vorerst ist das Kind mit den kleinen Portionen Flüssigkeit zufrieden, die es der Brust abringt.
Jedenfalls beruhig es sich schnell, wenn es die Mutter fühlt.
Die Hebamme setzt sich mit Hedwigs Mutter in die Küche.
Sie hat die Tür zur Kammer geschlossen. Trotzdem kann Hedwig hören, dass die beiden Frauen ernsthaft in einem Gespräch sind, sogar streiten. Das liegt hoffentlich nicht am dem Kräuterschnaps, den die Mutter aus dem Keller geholt hat.
"Sie wollen mir doch mein Kind nehmen", denkt Hedwig und steigt aus ihrem Bett.
Mit bloßen Füßen schleicht sie sich zur Tür.
Dort kann sie mehr verstehen.
Es geht in dem Gespräch um den Namen — und um den Amtmann.
Hedwig lehnt sich gegen die Tür, um besser hören zu können, was in der Küche gesprochen wird.
Plötzlich gibt das Schloss nach — und Hedwig wäre fast gefallen.
"Wir müssen es ihr sagen", hört sie die Worte der Hebamme.
"Was sagen? — doch nicht, dass sie ihr das Kind nehmen?"
Nein, davon ist keine Rede.
Die Hebamme erklärt ihr, dass sie sich nicht sicher ist, ob das Neugeborene ein Junge oder ein Mädchen ist.
"Aber vollkommen gesund ist es," fügt sie mit Nachdruck hinzu, "das kommt schon mal vor!"
Hedwig ist es ein Rätsel: "aber es MUSS doch ein Mädchen ODER ein Junge sein!"
Ihre Mutter sagt, sie wollen es für sich behalten, "es muss niemand wissen, dass die ole Hex wieder ihr Unwesen getrieben hat".
"Vor einiger Zeit hast Du über die Frau noch ganz anders gesprochen, wolltest von ihr mein Kind wegmachen lassen oder es aussetzen", denkt Hedwig, aber spricht es nicht aus.
"Wir müssen einen Namen finden, der für Jungen und Mädchen passt", ruft die Hebamme sie aus den Gedanken zurück, "und wir müssen überlegen, was ich für den Amtmann aufschreiben soll!"
Sie denken lange nach.
"Ulrich ist so ein Name", meint schließlich die Hebamme, "Ulli werden die meisten gerufen — und das passt für Jungen und Mädchen!"
Hedwig und ihrer Mutter fallen keine Namen ein, die geeigneter wären.
So bleibt es bei dem Entschluss.
Die Hebamme schreibt den Namen auf ein Formular.
"Nun müssen wir noch klären, wer die Mutter und wer der Vater ist!"
Die Hebamme lässt nicht locker.
"Die Mutter bin doch ich!" Hedwig klingt verzweifelt, ""¦ und der Vater"¦!"
"Schöner Vater", ruft ihre Mutter entrüstet, "der hat sich aus dem Staub gemacht!"
Die Hebamme beruhigt die beiden Frauen, "uns wird schon etwas einfallen".

Sie überlegen hin und her.
Die Hebamme bringt die Worte "minderjährig" und "Amtsvormundschaft" ins Gespräch.
Ihnen will einfach keine Lösung einfallen, diese beiden schweren Brocken aus dem Weg zu räumen, so sehr sie sich den Kopf zerbrechen.
Hedwig soll doch wohl nicht ins Heim?
Die Verzweiflung steht ihr ins Gesicht geschrieben.
"Du musst Dich als Mutter erklären", fällt der Hebamme endlich ein — und sie schaut Hedwigs Mutter streng an, als würde sie keinen Widerspruch dulden.
Sie schreibt: "Mutter"¦".
Zur Stärkung hat sie sich das Glas noch einmal randvoll einschänken lassen.
"Nein", schreit Hedwig, viel lauter als beabsichtigt.
Das Kind wird wach.
"Du willst doch wohl nicht ins Heim?" wird ihr nachgerufen, als sie an die Wiege tritt und sie sanft in Bewegung setzt. Das Kind schläft wieder ein.
Nein, das will sie nicht.
Das Kratzen der Feder auf dem Formular tut ihr in der Seele weh.
"Nun bin ich nicht mehr Mutter!"
"Wen sollen wir als Vater eintragen?"
Die Hebamme ist auch bei dieser Frage zunächst ratlos.
Sie nimmt einen weiteren Kräuterschnaps.
"Am besten wäre, wir tragen Deinen Mann als Vater ein!"
Sie schaut ganz begeistert, "dann gibt es keine Fragen und keine Probleme."
"Versündige Dich nicht, er ist doch schon vor Jahren für das Vaterland gefallen!"
"Dann tun wir ihm damit auch keinen Schaden mehr".
Die Hebamme hält es wirklich für eine gute Idee.
"Aber das merken doch die Leute!"
Hedwigs Mutter ist keinesfalls überzeugt, dass sie es so machen sollen.
"Das ist doch nur für die Papiere", entgegnete die Hebamme, "die sieht doch keiner!"
Sie schlägt vor, dass sie freitags aufs Amt gehen soll, "da ist Hans schon duun, da weiß er nicht mehr recht, was er schreibt und unterschreibt!"
Schon hat die Hebamme auch den Namen des Vaters zu Papier gebracht und unterschreibt.
Hedwig und ihrer Mutter ist nicht wohl bei der Sache.
Sie fragen sich: "was ist, wenn das rauskommt?"

Re: Ostwind

Verfasst: Do 23. Jun 2016, 10:39
von Bianca D.
Moin,

puuhhh.... ganz schön mitreissend die Geschichte!Hoffentlich geht das mal gut aus!

LG Bianca

Re: Ostwind

Verfasst: Mo 27. Jun 2016, 15:34
von Anne-Mette
"Das kommt nicht raus, da bin ich mir sicher!"
Die Hebamme muss ihre Gedanken erraten haben.
In der Nacht schwellen Hedwigs Brüste an.
Sie tun weh, sie sind hart. Wie eine Strafe für Ihr Tun.
Das muss das Einschießen der Milch sein.
Jede Bewegung fällt ihr schwer.
Das Kind muss ihr helfen; sie holt es aus der Wiege, obwohl es schläft.
Das Kind weint, als es erwacht.
"Was ist denn?"
Die Mutter ist aus ihrer Kammer gekommen.
Hedwig lässt das Kind trinken; welche Erleichterung!
Nachmittags kommt die Hebamme, meint trocken:
"das ist uns allen so gegangen. Da hilft kein Jammern, sei froh, dass Du so viel Milch hast!"

Ein paar Tage geht das nun so, aber es spielt sich langsam ein.
Wie schnell doch alles selbstverständlich erscheint, wie schnell man sich an die Mutter-Rolle gewöhnt!
Beim Windelwechseln hat Hedwig sich das Kind genau angesehen.
Sie kann keine Besonderheiten erkennen; es ist doch noch alles so winzig klein!
Ein schönes Kind.
"Mein Kind!" denkt Hedwig.

Es ist Freitag. Ihre Mutter macht sich auf den Weg zum Amtmann des Dorfes — so wie es die Hebamme gesagt hat. Beim Krämer will sie auch noch schnell vorbeischauen.
Erst schüchtern, dann etwas lauter pocht sie an die Tür der Amtsstube.
Beim Öffnen muss der Amtmann sich an der Klinke festhalten. Schnapsgeruch weht ihr entgegen.
Der Mann schwankt bedenklich, trotz der Stütze.
Wie gut, dass die Klinke aus massivem Messing ist.
Eigentlich will er Feierabend machen; aber er ist gutmütig, schleppt sich an seinen Schreibtisch und füllt die Urkunde genau so aus, wie Hedwigs Mutter es ihm vorsagt.
Es ist auch nötig, ihm alles genau zu sagen; denn er kann kaum noch einen klaren Gedanken fassen.
Beide sind froh, als die Angelegenheit endlich erledigt ist.
Nach der letzten Unterschrift will er mit einem Löschblatt die feuchte Tinte aufnehmen.
Er ist fahrig; ein Teil der Eintragung verwischt.
Er überbrückt die Peinlichkeit: "Ich habe überhaupt nicht gewusst, dass Du in guter Hoffnung gewesen bist!"
Das sagt er so dahin.
Er erhält keine Antwort, hat wohl auch keine erwartet.
Zu Fuß geht die Mutter zurück.
Sie kommt an der Kirche vorbei und schickt mit einem Blick auf den Glockenturm ein Stoßgebet zum Himmel:
"Wenn das mal alles gut geht!"

Fast hat sie ihren Weg geschafft, aber sie muss noch am Haus der olen Hex vorbei.
Sie beschleunigt ihre Schritte, will möglichst bald die "gefährliche Umgebung" hinter sich lassen.
Sie hat kein Glück. Gerade als sie meint, davongekommen zu sein, da taucht die Frau hinter der großen Kastanie auf.
Ob sie dort auf diese Gelegenheit gewartet hat?
Sie kommt ohne Umschweife auf das Kind zu sprechen — und auf das Gespräch, dass sie vor ein paar Monaten geführt haben.
"Es wissen zu viele Leute von dem Kind", sagt Hedwigs Mutter, "wir können es nicht mehr fortgeben.
Hedwig kann ich auch nicht vom Hofe jagen; denn das Haus gehört ihr zu gleichen Teilen wie mir".
"Ich habe gehört, es ist ein besonderes Kind", dabei betont die Hex "besonderes" auf eine ganz eigenartige Weise. Häme scheint tief aus ihrem Innern zu kommen und der Sprachmelodie einen gehässigen Klang zu geben.
"Nich"˜ mehr besünners a"™s du un"˜ ik, und nu hol din ole Grootsnut!"
Die Widersacherin zieht sich zurück; aber Hedwigs Mutter ist sich nicht sicher, ob sie sie mit ihren Worten in die Flucht geschlagen hat. Wer weiß, ob sie sich nicht doch noch eine Boshaftigkeit ausdenkt.
Sie setzt ihren Weg fort, froh, dass sie es gleich zuhause ist.
Beim Krämer neben der Amtsstube hat sie ein paar Sachen einkaufen können; denn schließlich will sie nachmittags backen.
Hedwig überfällt sie gleich mit ihren Fragen, noch bevor sie ganz ins Haus gekommen ist: "hat alles geklappt?"
Die Mutter beruhigt sie, "ja, es hat alles geklappt, mach Dir keine Sorgen".
"Aber es ist doch MEIN Kind", will sie sagen, aber sie traut sich nicht.
Die Mutter erzählt ihr nichts von der Hex, sondern fragt, ob noch Kaffee von den Holländern da ist.
Ja, Hedwig hat noch zwei ganze Dosen Kaffee!
Die Nachbarinnen, die am nächsten Tag zum "Kindskiek" kommen, werden staunen, da ist sich die Mutter sicher.
Hedwig interessiert sich nicht besonders für"™s Backen und ist froh, dass ihre Mutter sich darum kümmert.
Es riecht gut in der Küche. "Fast wie Weihnachten", denkt Hedwig.
Dabei riecht es im Flur nach Kernseife, nachdem die Mutter dort gefeudelt hat. Sie sind gut vorbereitet auf den Besuch der anderen Frauen aus dem Dorf.
Hedwig holt ihre Schätze hervor, will das Kind morgen besonders schön anziehen.
Die Nachbarinnen werden staunen.

Re: Ostwind

Verfasst: Di 28. Jun 2016, 12:40
von Saskia.shewulf
Puuuh Anne-Mette, :?

das ist etwas schaurig mit der olen Hex und dem besoffenen Amtsmann, aber so war das wohl zu der Zeit.Jedenfalls bleibt es spannend
willst Du das mal zu Papier bringen?Du schreibst echt klasse!!!

LG Saskia (flo) (flo) (flo)

Re: Ostwind

Verfasst: Di 28. Jun 2016, 16:00
von Anne-Mette
Es riecht gut nach Kaffee und frischem Kuchen.
Mutter hat die Schürze abgelegt und gegen die Sonntagsschürze ausgetauscht.
Sie hat sich sogar ein paar Tropfen Duft gegönnt.
Hedwig hat ihrem Kind die schönsten Sachen angezogen.
Sie hat den Namen ganz oft gesagt; denn für sich hat sie es nur "mein Kind" genannt.
"Ulli", sagt sie immer wieder, aber was soll sie sagen, wenn die Frauen fragen: "Mädchen oder Junge?"
Ihr wird schon eine passende Antwort einfallen. Ist das so wichtig?
Die Mutter ist langsam beunruhigt. Niemand ist zu sehen.
Der Kaffee muss durch das halbe Dorf zu riechen sein — und in diesen Notzeiten würde mancher Mensch vieles auf sich nehmen, um zu einer guten Tasse Bohnenkaffee zu kommen.
Wer hat schon so eine Köstlichkeit im Hause in diesen Tagen?
Außerdem steht Weihnachten vor der Tür; da hebt jeder auf, was er selbst noch hat, damit es an den Feiertagen noch etwas gibt.
Es bleibt dabei, auch wenn Hedwig immer wieder zum Fenster hinausschaut oder an die Tür geht: es kommt niemand.
Sie warten den ganzen Nachmittag.
Schließlich tut sich doch noch etwas.
Karl und Willi kommen, aber die kommen nicht zum "Kindskiek" — denn das ist Frauensache.
Außerdem haben sie das Kind schon gesehen, müssen es nicht mehr bekieken.
Die beiden Männer haben sich verabredet, um den Netzschuppen zu reparieren, der während des großen Sturmes sehr gelitten hat.
Gerne greifen sie zu.
"Kaffee und Kuchen bekommen wir auch so alle!"
Er ist kaum zu verstehen mit dem Mund voller Kuchen.
Hedwigs Mutter lächelt gequält, gönnt es aber dem Jungen, sich mal so richtig mit Kuchen satt zu essen.
Willi ist bestürzt: "keine einzige Frau ist gekommen?"
Das ist im Dorf noch nie passiert.
Selbst die Familien, die im Dorf nicht besonders angesehen sind, werden immer zu einem Kindskiek besucht und beglückwünscht.
Er hat einen ahnungsvollen Gedanken.
Nach einem Schluck Kaffee, den Hedwigs Mutter mit einem fingerhutvoll Rum verdünnt hat, kommt ihm sogar eine Erkenntnis:
"De ole Hex weer ünnerwegs in"™t Dörp!"
Ja, das muss es sein; ein anderer Grund fällt ihm nicht ein. Nur: was hat sie getan oder gesagt?
Hedwig und ihre Mutter haben so mancher Familie geholfen, wenn die Not groß war, und nun wird nicht einmal der neue Erdenbürger begrüßt?
Er ist entsetzt, aber so sind sie manchmal, die Dorfbewohner.
Sie sind leicht zu beeinflussen und selbst für eine böse Sache zu haben, wenn ein Gewinn dabei herausspringt. Aber was gewinnen sie, wenn sie nicht zum Kindskiek kommen?
Das ist ihm rätselhaft.
Mit Schaudern muss er an den Judenjungen denken, den jemand für eine Flasche Schnaps verraten wollte.
Der war bei einem Bauern untergekrochen, ein gutes Versteck; denn der Wachtmeister hatte gehörige Angst vor dem Hofhund und traute sich nicht einmal auf den Hof, wenn er den Verdacht hatte, dass wieder mal Schnaps gebrannt oder "schwarz" geschlachtet worden war.
Ein Landarbeiter hatte zufällig gesehen, dass der Sohn des Bauern jeden Abend Essen in die verfallene und nicht mehr benutzte Scheune brachte und sich einen Reim darauf gemacht.
Als dann der Schupo mit seinem Motorrad unterwegs war, um die Dorfbewohner zu befragen, ob "alles in Ordnung" wäre und ob man nicht "jemanden übersehen hätte", da wollte er sich hervortun:
"Guck doch mal beim Bauern in die alte, verfallene Scheune!"
Gut, dass der Sohn des Bauern rechtzeitig gesehen hatte, dass ein "Unheil in Uniform" nahte und den Jungen in Sicherheit bringen konnte, noch bevor er erwischt wurde.
Willi fragt sich: "Wo der Junge wohl heute sein mag?"
Auf ein Schiff haben er und ein anderer Fischer ihn gebracht. Er sollte sich nach England durchschlagen.

Wenn die Männer noch etwas schaffen wollen, so müssen sie sich beeilen und nicht in alten Geschichten wühlen; denn bald wird es dunkel sein.
Sie haben Glück, dass der Sturm viel Treibholz gebracht hat.
Sogar eine Tür und größere Holzstücke sind dabei.
Sie werden fast fertig.
"Besser als vorher", sagt Karl anerkennend zu Willi.
Sie verstehen sich gut.
Beide bekommen ein großes Stück Kuchen mit nach Hause.
Hedwigs Mutter weint fast; so enttäuscht ist sie, aber Willi hat Trost: "sei froh, dass Du Deine Perlen nicht vor die Säue geworfen hast, den Rest essen wir morgen!"

Hedwig geht es besser.
Die Brüste sind zwar immer noch schwer und sie sehnt sich immer danach, dass Ulli ihr durch gesunden Hunger und Durst Erleichterung verschafft. Sie hat sich abgefunden mit der täglichen Routine, aber sie vermisst ihre Freiheit.
Sie fühlt sich nicht mehr so verletzt. So hat das Kind sie wohl doch nicht innerlich in Stücke gerissen.
Ob ihr die Hebamme das gesagt hätte? Schließlich hat sie sie immer wieder untersucht. Sie will sie bei Gelegenheit danach fragen.

Ein milder Tag — wie geeignet für eine Tour durch das Watt. Aber dazu ist es bestimmt noch zu früh nach den Anstrengungen.
Sie könnte sogar gut eine Reuse aufstellen oder zwei — das wäre kaum ein Risiko.
Frischer Fisch zu Weihnachten — eine verlockende Aussicht!
Aber sie muss zugeben: so ganz stark fühlt sie sich noch nicht; die Geburt steckt ihr noch in den Knochen. Sie ist sich auch nicht sicher, ob sie das Kind so lange bei ihrer Mutter lassen kann.
Die beiden Frauen verstehen sich besser in der letzten Zeit; aber Hedwig muss trotzdem immer wieder an das Gespräch mit der Hex denken.
Mitnehmen kann sie das Kind auch nicht. Sie hat keinen Kinderwagen und es ist viel zu kalt draußen für so ein kleines Kind.
Einen Kinderwagen hat sie noch nie am Strand gesehen, fällt ihr ein. Wo sind die Kinder immer alle gewesen, wenn sie klein waren?
Das Kind schläft.
Hedwig will "draußen nur mal gucken".
Den Netzschuppen haben Willi und Karl gut wieder hinbekommen.
Leider haben sie den Hammer und die Nägel draußen gelassen und den Rest Dachpappe nicht ordentlich wieder aufgerollt.
Die Konservendose mit den Nägeln ist halb voll Wasser. Es muss in der Nacht geregnet haben.
Hedwig gießt das Wasser ab und hält ihre Hand davor, damit die Nägel nicht herausfallen.
Einer der Kanister, der im Frühjahr angetrieben wurde, war halb voll mit Öl.
Sie war fast enttäuscht wegen dieses Fundes, aber Willi hatte ihr gesagt: "Kannst bestimmt mal bruken!"
Nun kippt sie so viel Öl in die Dose, dass die Nägel bedeckt sind.
Ob sie trotzdem noch rosten?
Sie will die Dose in das Regal stellen, in dem sich alle möglichen Teile und Funde befinden.
Dabei entdeckt sie hinten in der Ecke der Hütte ihren alten Schlitten, mit dem sie als Kind gern den "Berg" hinabgesaust ist.
Nein, Schnee liegt noch nicht — und Ulli ist noch zu klein, aber mit dem Schlitten könnte sie vielleicht"¦
Das muss genauer überlegt werden.
Sie schließt die Tür und geht zurück ins Haus.
Das Kind schläft noch.

Re: Ostwind

Verfasst: Mi 29. Jun 2016, 19:15
von Anne-Mette
Als sie das Kind in der Wiege sieht, verwirft sie den Gedanken, es schon recht bald mit ins Watt zu nehmen. Sie muss dringend mit ihrer Mutter reden; denn sie will und muss sicher sein, dass dem Kind nichts geschieht, wenn sie mal unterwegs ist und das Kind bei ihr zurücklässt.
Sie weiß nur noch nicht, wie sie das Gespräch anfangen soll.

Nachmittags kommen Willi und Karl wieder. Sie wollen die Restarbeiten am Netzschuppen erledigen.
"Hammer und Nägel findet ihr inzwischen an dem Platz, wo sie eigentlich immer hingehören!"
Ihre Entrüstung ist natürlich gespielt.
Es gibt "Kuchen von gestern" — und der Kaffee wird auch noch einmal aufgewärmt.
Als die beiden Männer nach getaner Arbeit ins Haus kommen, fragt Hedwig, ob einer von beiden noch vor Weihnachten mit ihr ins Watt gehen kann, um Fische für das Fest zu haben, "ein geräucherter Aal würde euch doch auch schmecken!"
"Du bleibst schön hier und erholst Dich noch ein paar Tage!"
Willi ist streng mit ihr, meint es aber gut.
Er schlägt vor, dass er zusammen mit Karl die Arbeit übernimmt, möchte aber gern etwas für den Eigenbedarf behalten.
Das ist selbstverständlich.
Alle sind mit Vorbereitungsarbeiten für das Weihnachtsfest beschäftigt.
Willi und Karl haben Wort gehalten.
Mutter hat Grünkohl geerntet und beim Schlachter Räucheraale gegen Kassler eingetauscht.
Sie werden es gut haben.
Noch kurz vor Weihnachten kommt der Pastor.
"Der wird doch wohl nicht seine Gemeinde persönlich zum Weihnachtsgottesdienst einladen?", denkt Hedwig.
Nein, das will er nicht.
Er hat inzwischen von dem Kind "gehört".
Auch hat er gehört, dass es ein "besonderes Kind" ist.
Er spricht davon, dass es ein Kind ist, das "wohl nicht" "¦ - er hat den Faden verloren.
Sein neuer Satzbeginn ist auch nicht besser; er schafft es einfach nicht, den Faden wieder zu finden.
Er will das Gespräch abkürzen und sagt nur barsch: "das Kind sollte getauft werden, aber nicht bei uns im Gottesdienst, wenn die ganze Gemeinde da ist!"
"Wo sonst?" fragt Hedwig.
Er lässt es offen, hat es plötzlich eilig.
"Gode Wiehnacht" wünscht er schon.
Soll das eine Ausladung für den Weihnachtsgottesdienst sein?
"Wer an seinen Gott glaubt, braucht so eine Kirche nicht", fällt Hedwigs Mutter ein, "bleiben wir hier und machen es uns in unserer Stube gemütlich!"
Es riecht gut nach Grünkohl und Kassler.
Sie freuen sich aufs Abendessen.
Alles steht auf dem Tisch. Mutter hat ihre gute Schürze angelegt.
Sie beschenken sich mit Kleinigkeiten und essen mit Vergnügen.
Fast ein Tag zum Lustigsein!
Hedwig ist froh, dass sie ihrer Mutter etwas kaufen konnte; eine schöne Bluse hat sie ihr schon im Herbst aus der Stadt mitgebracht und so lange in ihrem Zimmer versteckt.
Ulli bekommt warme Anziehsachen und eine Rassel aus Holz.
Natürlich weiß das Kind noch nichts von seinem Glück und schläft.
Zum Rasseln wäre es auch noch viel zu klein.
Die beiden Frauen sehen zum Fenster hinaus. Sie denken an die Zeit, als sie auch zu dritt Weihnachten gefeiert haben, aber mit dem Vater, als er noch da war.

Die anderen Dorfbewohner kommen aus der Kirche zurück.
Sie haben Fackeln dabei, nur ganz wenige besitzen in diesen schlechten Zeiten eine Taschenlampe mit funktionierenden Batterien.
Sie kommen direkt an ihrem Fenster vorbei; es ist ein richtiger Fackelzug geworden.
Was hat das zu bedeuten?
Vielleicht sind sie gekommen, um frohe Weihnachten zu wünschen? Wollen sie das Kind doch noch sehen? Für "Kindskiek" ist es eigentlich ein wenig spät!
Nein, das ist es nicht. Ein Stein fliegt durch die Scheibe des Wohnzimmerfensters.
Die beiden Frauen erschrecken. Das Kind wacht auf und beginnt zu schreien.
Lautes Gebrüll ist draußen zu hören, aber Hedwig versteht nicht, was dort gerufen wird.
Der Fackelzug entfernt sich.
Es klopft an die Tür.
Die beiden Frauen sind ganz stille.
Doch es hat keinen Sinn, sich zu verstecken.
Sie merken erst jetzt: von draußen ist zu sehen, das sie zuhause sind und bei Kerzenlicht am Tisch sitzen.
Hedwigs Mutter nimmt die große gusseiserne Pfanne in die Hand, mit der sie vorhin noch Speck gebraten hat und geht an die Tür — zu allem bereit.
Fast hätte sie Willi die Pfanne auf den Kopf gehauen. Im letzten Moment kann
sie mit der Bewegung innehalten.
Willi ist aufgebracht, nein, nicht wegen der Pfanne, sondern wegen der Dorfbewohner. "Schämen sollten die sich!" Willi klingt nicht nur wütend; er klingt auch so, als hätte er schon ein wenig gefeiert.
Er hat einen Kinderwagen dabei.
Das ist sein Geschenk für Hedwig und das Kind.
Natürlich ist der Wagen nicht neu. Bei einem Rad fehlt die metallene Spange, die es auf der Achse hält, aber Willi will eine andere besorgen.
Hedwig ist sprachlos vor Freude und fällt Willi um den Hals.
Im Wagen befindet sich eine Seegrasmatratze — eine ganz kleine.
Ulli wird es bequem haben. "Die Decke nehmen wir aus der Wiege", weiß Hedwig sich zu helfen. Sie freut sich so über den Wagen, dass sie Ulli am liebsten sofort damit ausführen möchte.
Doch dann versteinern sich ihre Gesichtszüge.
"Durch dieses Dorf fahre ich wohl besser nicht!"
Willi weiß aber auch hier einen Rat.
Er will später noch einmal wiederkommen.
Das Loch in der Scheibe hat er sich angesehen. Kalter Wind dringt in die Stube und bringt das Kerzenlicht zum Flackern.
Er holt einen Zollstock. Gleich darauf hat er ausgemessen, wie groß die Ersatzscheibe sein muss.
"Du willst doch heute nicht in die Werkstatt gehen und eine Scheibe zuschneiden?"
Hedwigs Mutter hat den Satz kaum zu Ende gesprochen, da ist Willi auch schon weg.
Es klopft wieder an die Tür.
So schnell kann Willi doch nicht zurück sein!
Bestimmt hat er etwas vergessen.
Nein — es ist Karl, auch er will frohe Weihnachten wünschen.
Er wundert sich, dass sie nicht in der Kirche gewesen sind.
Ganz erschrocken ist er, als die Frauen vom Fackelzug und vom Steinwurf erzählen.
Karl guckt lächelnd in die.
Ulli ist wieder eingeschlafen, hat sich von den Erwachsenen nicht stören lassen.

Ach ja — Karl hat einen kleinen Weihnachtsbaum dabei.
"Den hat er wohl irgendwo mitgenommen, bevor er geklaut wird", fällt Hedwig dazu ein.
Karl bestätigt: "dem Baum habe ich selbst im Gemeindewald abgesägt!"

"Dann hätte ich Dir lieber ein Buch über die "Holzdiebe vom Tiergarten" kaufen sollen", lacht Hedwig und überreicht ihm sein Geschenk.
Er hat so große Fortschritte im Lesen und Schreiben gemacht, dass er vielleicht sogar schon allein ein Buch lesen kann.
Es klopft wieder an der Tür.
"Heute ist Weihnachten — dabei geht es hier zu wie auf dem Bahnhof", stöhnt Hedwigs Mutter.
Es ist Willi, der tatsächlich eine Scheibe mitbringt.
Gut, dass das Fenster mit Sprossen in mehrere kleine Glasflächen unterteilt ist.
Hedwig bekommt einen Schreck; denn Willi hat noch etwas dabei: eine doppelläufige Schrotflinte hat er sich unter den Arm geklemmt.
Sie hält sich die Ohren zu, als könnte die Flinte jeden Moment losgehen.
"Quatsch", beruhigt Willi sie, "die Flinte ist nicht geladen; außerdem habe ich den Schlagbolzen entfernt, mit der kann niemand schießen!"
Die Flinte legt er auf den Tisch.
Mit geschickten Fingern entfernt er die kaputte Scheibe.
"Pass auf, dass Du Dich nicht schneidest!"
Da ist es auch schon passiert.
Sie binden einen Stoffzipfel um seinen Finger, damit die Blutung gestillt wird.
Willi lässt sich nicht aufhalten.
Als die Scheibenreste entfernt sind, kratzt er das Holz der Fassung mit seinem Messer sauber.
Die neue Scheibe passt genau.
Mit Nägeln, die von der ganz dünnen Metallstange abgebrochen werden, sichert er das Glas.
Dann streicht er Kitt mit seinem Messer um den Rahmen.
"Von draußen mache ich das morgen fertig!"
Alle sind zufrieden.

"Was sollen wir mit der Flinte?"
Hedwig beschäftigt diese Frage genau wie ihre Mutter.
Willi ist um keine Antwort verlegen: "Wenn Du mit der Flinte vor die Tür trittst, wenn die Bande noch einmal kommt, dann wirst Du sie wie die Hasen laufen sehen. Dass damit keiner schießen kann, das weiß doch keiner!"
"Unser Haus als Burg, das ist ein Gefühl von Sicherheit, aber was mache ich wenn ich mit dem Kind unterwegs sein möchte?"
Willi sagt nichts, aber zeigt ihr den praktischen Korb aus Metallgeflecht, der sich unten um Kinderwagen befindet.
Wenn man die Flinte quer legt, dann passt sie in den Korb hinein.
"In eine Decke wickeln, sodass der Schaft oder die beiden Läufe ein wenig herausgucken, das wirkt Wunder!"
Da ist Willi sich sicher.
"Einen Grog?"
Hedwigs Mutter wartet keine Antwort ab, sondern stellt ein Glas mit heißem Wasser bereit.
Da kann Willi kaum ablehnen, obwohl er sich schon vorhin in der Werkstatt ein Glas genehmigt hat vom Aufgesetzten. Er schenkt sich einen großzügigen Schluck ein.
Er ist beschwingt, als er nach Hause geht.
Die frische Luft tut ihm gut. Seine Gedanken werden klarer.
Auf einmal hat er das Gefühl, dass er einen schlimmen Fehler gemacht hat.
In seiner Wut auf die Dorfbewohner hat er die beiden Frauen, die ihm so viel bedeuten, in große Gefahr gebracht.
Die Idee mit der Flinte erscheint ihm nun als "Schnapsidee" — was sie wohl auch ist.
Wie konnte er die Engländer vergessen, die nicht nur vom Fliegerhorst aus zu ihren Erkundungsflügen starten, sondern täglich über die Insel patrouillieren.
Waffenbesitz ist den Inselbewohnern streng verboten.
Eigentlich will er gleich umkehren und die Flinte holen, aber dann denkt er: "Morgen kann ich das auch noch machen".

Re: Ostwind

Verfasst: Mi 29. Jun 2016, 20:08
von Simone 65
Hallo Anne-Mette. Starker Tobak , was du schreibst. Vom Weihnachstgottesdienst ausgeladen ,zu der Zeit. Danke. LG Simone

Re: Ostwind

Verfasst: Do 30. Jun 2016, 17:39
von Anne-Mette
Willi ist morgens der erst Besucher und holt seine Flinte wieder ab.
Es ist ihm peinlich, dass er am Tag zuvor mit so einer Schnapsidee zu den Frauen gekommen ist.
Er will es wieder ausgleichen und bei einer Weihnachtszigarre, die er extra für die Feiertage besorgt und aufgehoben hat, mit dem Bürgermeister reden; der soll mit seinem gewichtigen Wort die Dorfbewohner zur Ordnung rufen.
Am Nachmittag kommt Karl. Er hat sein Buch schon fast zur Hälfte gelesen.
Hedwig freut sich über seine Entwicklung. Noch vor ein paar Monaten konnte er fast nichts lesen und hatte Probleme, auch nur ein paar Worte frei zu sprechen. Auch mit seinen Eltern scheint es besser zu gehen. Karl wirkt nicht mehr so ängstlich, ist selbstbewusster und erwachsener geworden.
Immer wieder guckt er lächelnd in die Wiege.
Als Hedwig hinzukommt, ergreift er ihre Hand, sagt aber nichts.

Hedwig schafft es endlich, mit ihrer Mutter zu sprechen.
Die große Liebe ist es nicht zwischen den beiden.
Warum nicht?
Die Mutter ist hart — zu sich selbst ebenso wie zu Hedwig.
Nur Ulli schafft es regelmäßig, ihr ein kleines Lächeln ins Gesicht zu zaubern.
Sie lebt schon einige Jahre ohne Mann und musste in dieser Zeit alleine ums tägliche Überleben kämpfen.
Der Krieg hat die Insel weitgehend verschont; aber die Not ist trotzdem groß.
Ohne Sommergäste gibt es kaum einen Verdienst. Wer keinen Garten hat, in dem er etwas anpflanzen kann, ist besonders arm dran.
So ist sie froh, dass Hedwig sie so gut unterstützt. Sie respektiert ihre Tochter und das, was sie leistet, aber liebt sie ihre Tochter?
Diese Frage könnte sie kaum beantworten.
Sie hat die Erfahrung gemacht, dass Liebe schutzlos machen kann — und dass sie sich eines Tages in eine große Enttäuschung verwandeln könnte.
Oft hat sie sich selbst gesagt: "so habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt!"

Hedwig ist froh; sie und ihre Mutter haben einen Pakt geschlossen.
Wenn Hedwig sich weiter erholt hat, dann wird sie sich weiter um die Fischerei kümmern — und ihre Mutter um das Kind. Sie hat ihr "hoch und heilig" versprochen, dass sie sich immer um das Kind kümmern wird, sogar "auf Leben und Tod".

Noch ist es nicht so weit.
Hedwig muss kleine Schritte machen.
Manchmal spürt sie ein Ziehen im Unterleib, aber dann bleibt sie einen Moment stehen, hält ihre Hand auf den Bauch und atmet ganz tief, als wollte sie den Schmerz durch ihren Atem aus dem Körper drängen. Das klappt fast immer.

An milden Tagen ist Hedwig im Netzschuppen und bereitet alles vor. Sogar das Flicken der Netze hat sie endlich gelernt.
Sie will so früh wie möglich wieder hinaus und sehnt sich nach dem Frühling.

Es ist doch noch kalt geworden, Eis hält sich den ganzen Tag auf Pfützen und Regentonnen.
Willi kommt und druckst ein wenig herum. Er braucht dringend einen Verdienst, hat sich wohl bei einer seiner "Transaktionen" verkalkuliert.
Aber er ist ein "Stehaufmännchen", ihm fällt immer etwas ein.
Sogar seine Weihnachtszigarre mit dem Bürgermeister war ein voller Erfolg: seit dieser mit einigen Dorfbewohnern ein "ernstes Wort" gesprochen hat, ist es nicht mehr zu Feindseligkeiten gekommen.
Zwar wird die kleine Familie immer noch gemieden, aber immerhin in Ruhe gelassen.
Gern würde er Hedwig mit zum Dorschfang nehmen, aber ist es nicht zu früh?
Sein Sohn Ernst muss jeden Tag bei seinem Lehrherrn arbeiten — und Karl wird seekrank, sodass er an Bord zu nichts zu gebrauchen ist. Er ist zwar ein Ass, wenn es nicht so weit hinausgeht, dass das Land nicht mehr zu sehen ist, aber weiter darf es nicht gehen. Willi kennt niemanden, der ihm sonst helfen könnte.
Hedwig lässt sich überreden.
Das wäre auch eine erste Probe, wie die Mutter den Tag mit Ulli alleine meistert.
Die Hebamme hat ihr so ein lustiges Ding gegeben, mit dem sie Milch abpumpen kann.
Dazu muss sie einen Gummiball zusammendrücken, der sich am Ende befindet und dann den trichterförmigen Aufsatz vom anderen Ende auf ihre Brust setzen.
Der Trichter saugt ihre Brustwarze ein; was für ein merkwürdiges Gefühl — und wie groß die Brustwarze ist!
Hedwig hat so viel Milch, dass sie fast von alleine fließt. So macht es nichts, dass sie ein wenig plempert.

Ganz wohl ist ihnen nicht, als sie mit dem Kutter auslaufen.
Hedwig denkt an Ulli — und Willi denkt daran, dass der Motor bei dieser Kälte nicht recht anspringen wollte. Drei Mal musste er wieder von vorn mit der Gasflamme beginnen.
Endlich nimmt der Motor - erst ein wenig protestierend wegen der Störung im Winterschlaf - seine Arbeit auf.
Es ist fast windstill und ein wenig neblig. Raureif schmückt die Takelage und die Reling. Aber sie haben keinen Blick für schöne Bilder, sind angespannt.
Das Ablegen ist kein Problem; es geht fast von allein.
Hedwig schießt die Leinen auf. Das Tau ist steif vom Frost. Der Weg über das Deck ist eine Rutschpartie.
Hedwig muss sich festhalten. Sie gesellt sich zu Willi, der am Ruder steht.
Er gibt ihr einen Eimer mit grobem Salz, das er "irgendwo" geschenkt bekommen hat.
Hedwig streut und ist froh, als sie sich wieder zu Willi stellen kann; denn da ist es windgeschützt.
Sie fahren die Prickenreihe entlang.
Die Spundwand, die hinter ihnen liegt, wirft das Echo des Motors zurück. Es ist, als würde von achtern ein Schiff aufkommen, das sie überholen möchte.
Sie haben ablaufend Wasser und kommen gut voran.
Als sie das Lister Tief erreicht haben, übernimmt Hedwig das Steuer.
Sie hat sich eine Decke umgelegt; denn ihr ist kalt.
Willi steigt hinab in die Kajüte. Er will die Angeln richten.
Es sind keine 5 Haken auf der Schnur wie beim Makrelenangeln, sondern nur ein Blinker mit einem Drilling.
Eigentlich soll Hedwig nur dabei sein und Willi am Ruder ablösen, aber da hat sie doch schon eine Angel in der Hand.
Willi geht noch einmal in die Kajüte und entfernt Bodenbretter und ein Steckschott. Nun dringt die Wärme des Motors zu ihnen. Allerdings ist es so laut, dass sie sich kaum verständigen können.
Gut, dass beiden nicht zum Reden zumute ist.
Hedwig denkt an Ulli und Willi beschäftigt sich gedanklich mit den Geschäften, die er wieder geradebiegen muss.
Sie haben die Stelle erreicht, wo Willi meint, dass "der Dorsch stehen wird".
Erst läuft es nicht gut. Er muss lange warten, bis er den ersten Fisch an Deck holt.
Dann geht es Schlag auf Schlag.
Hedwig muss ihm helfen; zu zweit schaffen sie mehr.
Bald schwitzen beide trotz der Kälte.
Das müsste genügen. Als der Strom kentert, bleiben sie noch eine Stunde — dann fahren sie zurück.
Mit dem letzten Büchsenlicht erreichen sie den Hafen.
Trotz des ungemütlichen Wetters sind einige Dorfbewohner an den Hafen gekommen.
"Mensch, bei der Kälte bist Du draußen?"
Sie zollen Willi Respekt: "Willi, warst Du ganz alleine draußen?"
Hedwig kommt aus der Kajüte, wo sie sich die letzte Stunde aufgewärmt hat.
Kleinlaut ziehen sich die Dorfbewohner zurück, denken vielleicht an ihr schändliches Tun zu Weihnachten.
Allerdings: "ich war"™s nicht!", sagen sie zu sich selbst und beruhigen ihr Gewissen.
Sie machen sich klein.
"Ihr seid doch die besten Fischer vor dem Herrn, sogar im Winter seid ihr draußen, Du und Dein Leichtmatrose!"
Leises Lachen, sie meinen, sie haben einen Witz gemacht.
Dann kommen sie schnell zu ihrem Anliegen: "Habt ihr ein paar Fische übrig?"
Ja, die Not ist groß.
Willi grummelt: "Erst ist Hedwig dran, mein Partner!"
Sie kann eine ganze Kiste voller Fische mit nach Hause nehmen.
Das Schleppen wird ihr zu schwer. So leiht sie sich die alte Schubkarre, die sonst zum Transport der Muscheln benutzt wird.
Die Leute bedanken sich überschwänglich, beugen sogar ihre krummen Rücken: "ja, wenn es euch nicht gäbe"¦".
"Daran hättet ihr Weihnachten denken können!"
Willi ist nun wirklich sauer, aber stellt ihnen eine Kiste hin, aus der sie sich bedienen können.
Dann zieht er mit seinem Anteil ab.

Re: Ostwind

Verfasst: Fr 1. Jul 2016, 17:00
von Ulrike-Marisa
Hallo Anne-Mette,

vielen Dank für die Fortführung der Geschichte.
...immer wieder das gleiche mit dem fehlenden Rückrat der Menschen, was sich bis in Politik und Kirchen zieht...
Ja so oder so ähnlich war es wohl nach dem Krieg. Wo du die vielen Worte hernimmst - du hast Talent... :wink:

LG, Ulrike-Marisa

Re: Ostwind

Verfasst: Fr 1. Jul 2016, 17:57
von Anne-Mette
Danke für Deinen netten Kommentar )))(:

Ulli liegt ruhig in der Wiege und schläft, als Hedwig ins Haus kommt.
So scheint der Tag auch hier ganz gut gewesen zu sein.
Mutter freut sich über die Fische, sieht aber, dass die Tour für Hedwig sehr anstrengend gewesen ist.
Sie friert. Sogar die Zähne klappern — und die Brüste sind schon wieder schwer.
"Wärm Dich erst einmal am Ofen auf!"
Sie drückt ihrer Tochter eine Tasse mit heißem Tee und Honig in die Hand.
Sie beratschlagen, dass es gut wäre, die meisten Fische dem Kaufmann zu bringen, sie
dort gegen ein paar Sachen einzutauschen, die sie dringend benötigen.
Hedwigs Mutter macht sich gleich auf den Weg.

Die Lebensgeister sind durch die Wärme und durch den Tee geweckt.
Als Ulli sich meldet, nimmt sie ihn aus der Wiege und legt ihn an die Brust.
Es klopft an der Tür.
"Kumm in", ruft Hedwig von ihrem Platz.
Es ist Karl.
Eigentlich will er sich erkundigen, wie die Fahrt gelaufen ist, aber er zeigt ein großes Interesse an der Fütterungs-Zeremonie und an den großen Brüsten.
Hedwig muss ihn streng ansehen; sonst wäre er ihr noch weiter auf den Pelz gerückt.
Er sieht, dass er wohl zu weit gegangen ist und sagt, er hat nicht viel Zeit und verabschiedet sich.
"Wie gewonnen — so zerronnen". Die Feuchtigkeit von Ullis Windel ist durch den Strampler zu fühlen. Hedwig macht sich an die Arbeit und wechselt die Windel. "Wie gut — nur nass", freut sie sich.
Weitere Windeln hängen zum Trocknen auf einer Leine über dem Herd.
Sie ist froh, dass Karl schon gegangen ist; denn sie braucht immer noch Ruhe und Konzentration, den Stoff richtig zu falten und das Bündel zu schließen.
Das Kind macht einen schläfrigen Eindruck; so kann auch Hedwig sich noch ein wenig auf dem Bett ausruhen.
Sie wacht erst am nächsten Morgen auf.

Es ist immer noch fast windstill.
Willi kommt und fragt, ob sie am nächsten Tag noch einmal mit hinausfahren möchte, "wenn das Wetter bleibt".
Es bleibt.
Sie können noch drei erfolgreiche Touren machen in den nächsten Tagen.
Durch die Einnahmen hat Willi wohl seine finanziellen Probleme regeln können; denn er hat sogar wieder Bargeld in der Tasche.

21. Februar — alle sind ein wenig nervös; denn heute ist Biikebrennen.
Früher wurden mit den großen Feuern die Walfänger verabschiedet.
Einige sagen auch, der Winter wird fortgeschickt oder "Geister vertrieben".
Ganz egal: Biikebrennen ist auf den nordfriesischen Inseln ein wichtiges Ereignis.

Groß ist die Biike auch in diesem Jahr nicht; denn Brennmaterial wird dringend in den Öfen und Herden in den Häusern gebraucht.
Hedwig hat das Kind bei ihrer Mutter gelassen und will ein wenig zusehen und sich an den Flammen wärmen.
Fast alle Dorfbewohner sind gekommen.
Eine Ansprache wird gehalten — und dann singen alle das Friesenlied.
Erst fühlt sie sich ein wenig unwohl; denn es wird viel Bier und Schnaps getrunken und geraucht.
Die Jugendlichen sind übermütig, stecken die Köpfe zusammen und machen sich über sie lustig. "Fischweib" kann sie hören.
Dann entdeckt sie Willi in seiner Winterjacke.
Sie geht zu ihm und hakt sich bei ihm ein. Das tut gut.
Die Jugendlichen halten sich zurück.

Schließlich entdecken sie Karl in der Menge und ziehen ihn unter dem Vorwand, ihm etwas zeigen zu wollen auf die andere Seite,
wo sie für Willi und Hedwig nicht zu sehen sind.
Sie geben Karl Bier und Schnaps.
"Schnack mal was", sie wollen sein Stottern hören und sich darüber lustig machen.
"Im Märzen spannt der Bauer die Pferde an", zitiert Karl aus seinem Buch.
Die Jungs lachen, obwohl sie enttäuscht sind: seine Worte sind klar und ohne jede Unterbrechung.
"Wenn Du so gut sprichst, kannst Du auch noch einen Schnaps haben!"
Karl ist stolz. Die großen Jungs lassen ihn mittrinken.
Er soll noch mehr sagen.
Für jeden fehlerfreien Satz soll er einen Schnaps bekommen.
Leider fallen ihm viele Sätze ein, die er inzwischen fehlerfrei sprechen kann.
Es sprudelt nur so aus ihm heraus.

Hedwig ist beunruhigt. Vorhin hat sie doch den Karl noch gesehen?
Das Feuer ist nicht mehr so lodernd; ein Ende ist abzusehen, als würden die Flammen sich langsam zum Schlafen niederlegen.
Sie geht um den ganzen Platz herum und entdeckt ihn auf der anderen Seite. Er kann sich kaum noch auf den Beinen halten.
Die Jungs benutzen ihn als Spielball, schubsen ihn herum.
Mutig stellt sie sich vor den Jungs auf: "seht zu, dass ihr weiterkommt!"
Als die Jungs sich nur träge in Bewegung setzen, nimmt sie eine der leeren Schnapsflaschen drohend in ihre Hand.
Endlich gehen sie.
Hedwig muss Karl erst einmal auf die Beine helfen.
"Liebespaar, küsst euch mal", rufen die feigen Jungs und laufen etwas schneller.
Man kann ja nie wissen, ob Hedwig ihnen nachsetzt.

Sie hat das Gefühl, dass sie Karl keinesfalls alleine lassen kann.
Auch kann sie ihn in diesem Zustand nicht zu seinen Eltern bringen.
Alles, was sich an seiner Situation in den letzten Monaten verbessert hat, wäre zunichte gemacht.
Es bleibt ihr nur eine Möglichkeit: Sie nimmt Karl mit nach Hause.
Sie hat Probleme, ihn in die richtige Richtung zu dirigieren.
Immer wieder will Karl umkehren "zu seinen Freunden" und nimmt Reißaus.
Die sind aber längst weg. Hedwig muss ihn immer wieder einfangen und sanft aber bestimmt in die richtige Richtung drängen.
Unterwegs muss Karl sich mehrmals übergeben.
Hedwig hasst den Geruch, spürt eigene Übelkeit. Dabei hat sieselbst nichts getrunken.
Irgendwie haben sie den Weg geschafft, sie hat mit ihm sogar die steile Klippe überwunden und sie stehen auf dem Hofplatz.
Sie lehnt Karl gegen die Pumpe und pumpt eiskaltes Wasser aus dem Brunnen in den kleinen Holzeimer.
Immer wieder macht sie ihr Taschentuch nass und wäscht ihm damit das Gesicht.
Er wird halbwegs munter.
"Wo bin ich?" fragt er.
"Das siehst Du doch, Dösbaddel! Du hast zu viel Schnaps getrunken und ich habe Dich erst einmal mitgenommen. Wenn Deine Eltern Dich so sehen, dann"¦".
Sie führt den Satz nicht zu Ende.
Karl soll in der Gästekammer schlafen.
Hoffentlich muss er sich dort nicht übergeben.
Hedwig legt sich in ihr Bett, nachdem sie Ulli noch einmal zugedeckt hat.
Sie träumt schlecht.
Mitten in der Nacht wird sie wach.
Ulli schreit.
Außerdem fühlt sie sich beengt und zurückgedrängt in ihrem Bett.
Karl hat sich zu ihr geschlichen.
Er hat ihr das Nachthemd hochgeschoben und seine Hand auf ihre Brust gelegt.
Hedwig möchte schreien, aber sie denkt an ihre Mutter.
Sie rüttelt Karl wach: "Auf geht"™s - nach Hause, verschwinde!"
Karl rappelt sich hoch.
"Wir sprechen uns noch", zischt sie ihm drohend nach.
Karl schleicht sich aus der Kammer und aus dem Haus.
Seine Schuhe hat er stehengelassen.
Hedwig weiß nicht, was sie denken oder fühlen soll.
Er wird doch wohl nicht in mir gewesen sein?
Sie mag kaum daran denken.
Sie befühlt sich, schaut genau nach, riecht an ihren Fingern.
Nein — es riecht nicht so wie es war, als der andere Junge in ihr war.
Sie ist trotzdem beunruhigt.
Ihre Mutter hat Karls Schuhe in der Gästekammer gesehen, sagt aber nichts, obwohl sie aussieht, als könnte sie platzen.
Später kann sie sich nicht mehr zurückhalten, schreit Hedwig an: "ein Kind reicht - damit Du das weißt!"
Hedwig ist in Nöten.
Nur weil der Junge sich in ihr Bett geschlichen hat, wird sie doch wohl nicht noch ein Kind bekommen?
Sie muss hinaus.
Im Netzschuppen fühlt sie sich wohler als mit der Mutter in der Küche.
Sie öffnet ihre Latzhose und schaut noch einmal ganz genau. Nein, es läuft keine Flüssigkeit aus ihr heraus und kein Blut.

Sie hört Schritte.
Schnell hat sie die Hose wieder hochgezogen.
Sie tut so, als stünde sie schon lange dort und würde Netze zählen: "einundzwanzig, zweiundzwanzig"¦".
"Nein — das muss geflickt werden", sagt sie laut zu sich selbst und packt ein Netz zu den anderen, die auf einem alten Tisch liegen.
Die Tür wird aufgerissen.
Es ist Karl.
Er kann nicht verstehen, warum Hedwig so wütend auf ihn ist.
"Ich habe Dir doch immer geholfen", sagt er, "und wir könnten so gut Vater und Mutter für das Kind sein, eine richtige Familie!"
Er weint fast, ist enttäuscht.
Hedwig weiß nicht, wie sie es ihm sagen soll.
Jedes Wort kann falsch sein, verletzen oder falsche Hoffnungen wecken.
Aber erst muss sie wissen: "Karl, hast Du dein Ding — und sie zeigt zwischen seine Beine — in mich hineingesteckt letzte Nacht im Bett?"
Nein, er schüttelt den Kopf, das hat er nicht.
"Karl, wir sind Freunde und wir sind Partner. Du verdienst an unserer Arbeit mit den Fischen genau wie ich.
Wir sind sogar gute Freunde, Du bist wie ein jüngerer Bruder für mich"¦
"¦ aber wir sind kein Elternpaar".
Karl läuft hinaus und schlägt die Tür zu.
"Warte", ruft Hedwig ihm hinterher, doch da ist er schon hinter den Heckenrosen verschwunden.