Re: Ostwind
Verfasst: Sa 18. Jun 2016, 21:07
Hedwig zeigt ihm, wo das ganze Material liegt und wie es gelagert werden muss.
Die Reusen werden erst draußen zum Trocknen aufgehängt; dann kommen sie auf ein Gestell, damit sie weiterhin gut Luft bekommen und nicht gammeln.
An diesem Tag können sie nicht viel bewerkstelligen. Der Junge macht einen enttäuschten Eindruck, aber sie muntert ihn auf: "morgen Abend kommst Du wieder, dann können wir bestimmt ins Watt!"
Sie gibt ihm zwei Mark, die sie aus einer Dose nimmt, die sie im Netzschuppen aufbewahrt.
Der Junge verabschiedet sich.
Hedwig beschäftigt sich weiter mit ihrer Bauplanung. Erst überlegt sie, ob sie am Haus nicht gleich einen Verkaufs-Stand einrichten soll; dann könnten sie dort immer Räucher- und Frischfisch anbieten. Sie verwirft den Gedanken: "das passt wohl doch nicht so gut mit den Sommergästen zusammen. Wer wohnt schon gerne in einem oder direkt neben einem Fischgeschäft?"
Der nächste Tag beginnt verheißungsvoll. Der Wind hat wieder auf Ost gedreht.
Willi hat sie wohl schon erwartet; denn der Motor läuft schon, als sie an Bord klettert.
Er fragt, wie es mit dem "neuen Mitarbeiter" gegangen ist. Sie erzählt ihm, dass sie ganz zufrieden ist, "der wird sich schon machen mit der Zeit. Er muss natürlich noch viel lernen, aber macht einen lernwilligen Eindruck!"
"Das ist sünde mit dem Jungen", entgegnet Willi, "seine Eltern haben ihm fast die Seele aus dem Leib geschlagen!"
Hedwig fällt ein, wie panisch der Junge auf den Schürhaken reagiert hat.
Seine Eltern werden doch wohl nicht"¦
Sie führt den Gedanken lieber nicht zu Ende.
Sie fahren den altbekannten Weg. Fast könnte man meinen, der Kutter könnte sich alleine steuern.
Willi macht einen etwas nervösen Eindruck; dabei scheint es keinen Grund zu geben. Der Motor tuckert zuverlässig, Kühlwasser ergießt sich mit gewohnter Stärke ins Meer — und selbst die Pfeife ist erst drei Mal ausgegangen.
Irgendetwas hat er auf dem Herzen.
Als sie den letzten Inselhafen hinter sich haben, hat er genug geschwiegen.
"Wir treffen ein holländisches Boot", meint er endlich, "die werden uns ein paar Sachen verkaufen!"
"Sachen — welche Sachen?"
Hedwig ist ein wenig beunruhigt, hat doch jemand vor ein paar Tagen erzählt, dass Schmuggler aufgebracht und verhaftet worden sind.
"Kaffee, Tee und Tabak", meint Willi, "die Sachen verstecken wir in der Fischladung. Da haben wir einen schönen Extra-Verdienst!"
""¦ oder landen im Gefängnis". Hedwig ist empört.
Aber es klappt alles reibungslos. Sie erwischen einen kleinen Schwarm — und bald darauf kommt das holländische Boot. Ein paar Eimer werden übergeben. Auf den Deckeln steht "Teer".
Hedwig hofft, dass Willi gute Ware bekommt für das viele Geld, das er den Holländern hinüberreicht.
Sie haben noch nicht alle Fischkisten gefüllt, aber er will schon wieder zurückfahren. "Wir haben schließlich noch die ganze Arbeit mit dem Ausnehmen und Waschen!"
Stimmt — das ist ein Argument.
Die Arbeit geht ihnen gut von der Hand. Schon weit vor der Einfahrt in den Hafen sind sie fertig. Hedwig ist müde geworden. Der Motor singt sie mit seinem Bass in einen kurzen Schlaf.
Sie träumt vom Zollboot, das sie verfolgt.
Der Decksmann sieht aus wie "de ole Hex".
Als Willi die Drehzahl verringert, um das Anlegemanöver zu fahren, wird sie wach.
Von einem Zollboot ist nichts zu sehen, aber etliche Dorfbewohner stehen am Kai und warten darauf, dass für sie vom Fang etwas abfällt.
Willi will die Leute möglichst schnell loswerden. So ist er heute ziemlich großzügig mit der Verteilung.
Endlich ist er mit Hedwig alleine.
Sie öffnen die Dosen, die sie von den Holländern gekauft haben.
Tatsächlich: sie enthalten die Ware, für die sie bezahlt haben und keinen Teer.
Durch das gute Geschäft, das Willi sich bei einem Weiterverkauf ausrechnet, kann er Hedwig etwas mehr bezahlen. Sie will das Geld wieder "stehenlassen" und berichtet von ihren Bauplänen.
Ihr Käpt"™n ist begeistert und bietet an, ihr mit den Steinen zu helfen, "wenn es mit dem Wetter zum Fischen nicht passt".
Außerdem hat er Holz und er kennt einen Zimmermann, der für wenig Geld das Dach des geplanten Anbaus decken kann.
Als Hedwig in die Küche tritt, ist der Junge schon da und sitzt am Tisch.
Er ist froh, dass sie kommt; denn mit ihrer Mutter kann er nichts anfangen. Er freut sich auf seine Lehrstunde.
"Nun lass Hedwig mal erst zu sich kommen", bremst ihn die Mutter, aber sie hat sich an Bord gut ausruhen können und braucht nur einen Tee, bevor sie mit dem Jungen weitermachen kann.
Er hat aufgepasst beim letzten Mal. Die meisten Handgriffe sitzen.
"Wenn Du für mich arbeiten willst, dann teilen wir uns den Verdienst", bietet sie ihm an, "wenn Du alleine arbeiten musst, weil ich nicht mitmachen kann, dann bekommst Du einen größeren Anteil!"
Der Junge nickt zustimmend, aber Hedwig ist sich nicht sicher, ob er sie verstanden hat.
Sie gibt ihm einen größeren Eimer in die Hand und füllt ihn mit Fischen.
"Deine!" sagt sie.
Der Junge freut sich.
"Schule?" fragt er.
"Du willst lernen?" Karl nickt wieder.
Sie waschen sich draußen an der Pumpe und gehen in die Küche.
Das Schulheft liegt noch auf dem Tisch.
Karl sucht die richtige Seite, zeigt auf seinen Namen und sagt: "Karl".
Seine Augen leuchten.
Hedwig schreibt ihren Namen und spricht ihm vor: "HEDWIG". Dabei zeigt sie auf sich.
Karl spricht ihr nach, blickt malt anschließend die Buchstaben mit dem Zeigefinger nach - und lacht. Dann zeigt er auf sich und sagt wieder "HEDWIG".
Nein — sie erklärt es ihm ganz ruhig.
Sie will ein anderes Wort versuchen und schreibt "Mama".
Karl schaut sich das Wort an, aber ihm fällt nichts dazu ein.
"Hedwig" sagt er schließlich.
"Nein!" kommt es ungewollt viel zu streng aus ihrem Mund.
Die Gesichtszüge des Jungen scheinen einzufrieren; das Lachen hat den Raum verlassen.
"Rohrstock?" fragt er ängstlich.
"Nein, ich habe keinen Rohrstock und ich werde auch nie einen haben", beruhigt sie ihn.
Sie spricht ihm vor "MAMA".
Karl hat den Spaß an der "Schulstunde" verloren. Ganz schnell verabschiedet er sich.
Hedwig hat das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, will aber noch rüber zu Otto und mit ihm über das Räuchern sprechen. Sie macht sich Gedanken über den Jungen.
Sie fühlt sich schwer. Ihre Latzhose könnte gut ein wenig größer sein.
Sie hat "ein Gefühl im Bauch" — sanft wie Schmetterlinge.
Mit Otto wird sie schnell einig. Darüber ist sie froh; denn sie möchte sich auf ihr Bett legen und das Bauchgefühl noch ein wenig genießen.
Otto wird sich um alles kümmern, hat sogar einen Abnehmer, der "alles nimmt".
Das Geld wird er in den nächsten Tagen rüberbringen.
Hedwig vertraut ihm.
Die Reusen werden erst draußen zum Trocknen aufgehängt; dann kommen sie auf ein Gestell, damit sie weiterhin gut Luft bekommen und nicht gammeln.
An diesem Tag können sie nicht viel bewerkstelligen. Der Junge macht einen enttäuschten Eindruck, aber sie muntert ihn auf: "morgen Abend kommst Du wieder, dann können wir bestimmt ins Watt!"
Sie gibt ihm zwei Mark, die sie aus einer Dose nimmt, die sie im Netzschuppen aufbewahrt.
Der Junge verabschiedet sich.
Hedwig beschäftigt sich weiter mit ihrer Bauplanung. Erst überlegt sie, ob sie am Haus nicht gleich einen Verkaufs-Stand einrichten soll; dann könnten sie dort immer Räucher- und Frischfisch anbieten. Sie verwirft den Gedanken: "das passt wohl doch nicht so gut mit den Sommergästen zusammen. Wer wohnt schon gerne in einem oder direkt neben einem Fischgeschäft?"
Der nächste Tag beginnt verheißungsvoll. Der Wind hat wieder auf Ost gedreht.
Willi hat sie wohl schon erwartet; denn der Motor läuft schon, als sie an Bord klettert.
Er fragt, wie es mit dem "neuen Mitarbeiter" gegangen ist. Sie erzählt ihm, dass sie ganz zufrieden ist, "der wird sich schon machen mit der Zeit. Er muss natürlich noch viel lernen, aber macht einen lernwilligen Eindruck!"
"Das ist sünde mit dem Jungen", entgegnet Willi, "seine Eltern haben ihm fast die Seele aus dem Leib geschlagen!"
Hedwig fällt ein, wie panisch der Junge auf den Schürhaken reagiert hat.
Seine Eltern werden doch wohl nicht"¦
Sie führt den Gedanken lieber nicht zu Ende.
Sie fahren den altbekannten Weg. Fast könnte man meinen, der Kutter könnte sich alleine steuern.
Willi macht einen etwas nervösen Eindruck; dabei scheint es keinen Grund zu geben. Der Motor tuckert zuverlässig, Kühlwasser ergießt sich mit gewohnter Stärke ins Meer — und selbst die Pfeife ist erst drei Mal ausgegangen.
Irgendetwas hat er auf dem Herzen.
Als sie den letzten Inselhafen hinter sich haben, hat er genug geschwiegen.
"Wir treffen ein holländisches Boot", meint er endlich, "die werden uns ein paar Sachen verkaufen!"
"Sachen — welche Sachen?"
Hedwig ist ein wenig beunruhigt, hat doch jemand vor ein paar Tagen erzählt, dass Schmuggler aufgebracht und verhaftet worden sind.
"Kaffee, Tee und Tabak", meint Willi, "die Sachen verstecken wir in der Fischladung. Da haben wir einen schönen Extra-Verdienst!"
""¦ oder landen im Gefängnis". Hedwig ist empört.
Aber es klappt alles reibungslos. Sie erwischen einen kleinen Schwarm — und bald darauf kommt das holländische Boot. Ein paar Eimer werden übergeben. Auf den Deckeln steht "Teer".
Hedwig hofft, dass Willi gute Ware bekommt für das viele Geld, das er den Holländern hinüberreicht.
Sie haben noch nicht alle Fischkisten gefüllt, aber er will schon wieder zurückfahren. "Wir haben schließlich noch die ganze Arbeit mit dem Ausnehmen und Waschen!"
Stimmt — das ist ein Argument.
Die Arbeit geht ihnen gut von der Hand. Schon weit vor der Einfahrt in den Hafen sind sie fertig. Hedwig ist müde geworden. Der Motor singt sie mit seinem Bass in einen kurzen Schlaf.
Sie träumt vom Zollboot, das sie verfolgt.
Der Decksmann sieht aus wie "de ole Hex".
Als Willi die Drehzahl verringert, um das Anlegemanöver zu fahren, wird sie wach.
Von einem Zollboot ist nichts zu sehen, aber etliche Dorfbewohner stehen am Kai und warten darauf, dass für sie vom Fang etwas abfällt.
Willi will die Leute möglichst schnell loswerden. So ist er heute ziemlich großzügig mit der Verteilung.
Endlich ist er mit Hedwig alleine.
Sie öffnen die Dosen, die sie von den Holländern gekauft haben.
Tatsächlich: sie enthalten die Ware, für die sie bezahlt haben und keinen Teer.
Durch das gute Geschäft, das Willi sich bei einem Weiterverkauf ausrechnet, kann er Hedwig etwas mehr bezahlen. Sie will das Geld wieder "stehenlassen" und berichtet von ihren Bauplänen.
Ihr Käpt"™n ist begeistert und bietet an, ihr mit den Steinen zu helfen, "wenn es mit dem Wetter zum Fischen nicht passt".
Außerdem hat er Holz und er kennt einen Zimmermann, der für wenig Geld das Dach des geplanten Anbaus decken kann.
Als Hedwig in die Küche tritt, ist der Junge schon da und sitzt am Tisch.
Er ist froh, dass sie kommt; denn mit ihrer Mutter kann er nichts anfangen. Er freut sich auf seine Lehrstunde.
"Nun lass Hedwig mal erst zu sich kommen", bremst ihn die Mutter, aber sie hat sich an Bord gut ausruhen können und braucht nur einen Tee, bevor sie mit dem Jungen weitermachen kann.
Er hat aufgepasst beim letzten Mal. Die meisten Handgriffe sitzen.
"Wenn Du für mich arbeiten willst, dann teilen wir uns den Verdienst", bietet sie ihm an, "wenn Du alleine arbeiten musst, weil ich nicht mitmachen kann, dann bekommst Du einen größeren Anteil!"
Der Junge nickt zustimmend, aber Hedwig ist sich nicht sicher, ob er sie verstanden hat.
Sie gibt ihm einen größeren Eimer in die Hand und füllt ihn mit Fischen.
"Deine!" sagt sie.
Der Junge freut sich.
"Schule?" fragt er.
"Du willst lernen?" Karl nickt wieder.
Sie waschen sich draußen an der Pumpe und gehen in die Küche.
Das Schulheft liegt noch auf dem Tisch.
Karl sucht die richtige Seite, zeigt auf seinen Namen und sagt: "Karl".
Seine Augen leuchten.
Hedwig schreibt ihren Namen und spricht ihm vor: "HEDWIG". Dabei zeigt sie auf sich.
Karl spricht ihr nach, blickt malt anschließend die Buchstaben mit dem Zeigefinger nach - und lacht. Dann zeigt er auf sich und sagt wieder "HEDWIG".
Nein — sie erklärt es ihm ganz ruhig.
Sie will ein anderes Wort versuchen und schreibt "Mama".
Karl schaut sich das Wort an, aber ihm fällt nichts dazu ein.
"Hedwig" sagt er schließlich.
"Nein!" kommt es ungewollt viel zu streng aus ihrem Mund.
Die Gesichtszüge des Jungen scheinen einzufrieren; das Lachen hat den Raum verlassen.
"Rohrstock?" fragt er ängstlich.
"Nein, ich habe keinen Rohrstock und ich werde auch nie einen haben", beruhigt sie ihn.
Sie spricht ihm vor "MAMA".
Karl hat den Spaß an der "Schulstunde" verloren. Ganz schnell verabschiedet er sich.
Hedwig hat das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, will aber noch rüber zu Otto und mit ihm über das Räuchern sprechen. Sie macht sich Gedanken über den Jungen.
Sie fühlt sich schwer. Ihre Latzhose könnte gut ein wenig größer sein.
Sie hat "ein Gefühl im Bauch" — sanft wie Schmetterlinge.
Mit Otto wird sie schnell einig. Darüber ist sie froh; denn sie möchte sich auf ihr Bett legen und das Bauchgefühl noch ein wenig genießen.
Otto wird sich um alles kümmern, hat sogar einen Abnehmer, der "alles nimmt".
Das Geld wird er in den nächsten Tagen rüberbringen.
Hedwig vertraut ihm.