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Re: BRIGITTE: Eine unauffällige Frau / die Ärztin, die ein Mann war

Verfasst: So 27. Dez 2015, 14:45
von Vivian Cologne
Ich nehme an, dass es meiner sprachlichen Unbeholfenheit geschuldet ist, dass ich der Diskussion nicht mehr folgen kann. Daher habe ich auch nichts mehr dazu beigetragen.

Jetzt sortiere ich gerade Ausweispapiere, Kundenkarten, Versicherungsunterlagen, um auch noch dem Rest der Menschen und Unternehmen, die mich mal als Michael kannten, mitzuteilen, dass ich auch offiziell nun Vivian heiße.

Und wie kommuniziere ich das? Indem ich darauf beharre, schon immer eine Frau mit vermännlichenden Geschlechtsmerkmalen (o wie ich diese Formulierung liebe) gewesen zu sein? Nö, ich denke gar nicht dran. In meiner sozialen Rolle war ich für mein Lebensversicherungsunternehmen immer ein Mann, jetzt bin ich ich eine Frau. Und für meinen früheren Arbeitgeber und meine Kollegen war ich ein Mann, wenn auch ein etwas komischer.

Ich bin also, liebe Andrea, tatsächlich eine Frau, die von sich sagt, sie sie in der sozialen Rolle früher ein Mann gewesen. Deswegen gefiel mir auch die Überschrift, die mein Ex-Kollege Raoul Löbbert erfunden hat, gut: "Mein Freund Vivian". Warum ich das schreibe? Weil in diesem Thread wieder über die "unsäglichen, unsichtbar machenden, menschenverachtenden" Überschriften hergezogen wird - wie jetzt in der "Brigitte".

In der Regel werden die Betroffenen nicht gefragt, ob sie sich vielleicht wirklich so gut beschrieben sehen. Stattdessen wird ihnen die wahre Transsexualität abgesprochen, von denen, die meinen, darüber zu verfügen.

Ich finde das lächerlich, es trifft mich auch nicht mehr, ich bin schließlich von einer der hier Diskutierenden schon unter die Schweine einsortiert worden, weil ich mich vermeintlich selbst dem Messer der transphoben Öffentlichkeit ausliefere, wenn ich mich selbst als Transfrau bezeichne.

Eigentlich ist es schade, dass über das Porträt in der "Brigitte" hier niemand mehr etwas geschrieben hat. Auch ich werde mich Wichtigerem zuwenden. Dieses Forum ist mir zu sehr ans Herz gewachsen, als dass ich das Schreiben und Lesen aufgeben würde.

Vivian

Re: BRIGITTE: Eine unauffällige Frau / die Ärztin, die ein Mann war

Verfasst: So 27. Dez 2015, 15:00
von Anke
Hallo Andrea,

solche Sätze kenne ich auch. Verletzt würde ich mich fühlen, wenn es Menschen sagen, die es mittlerweile besser wissen sollten. Glücklicherweise passiert mir das nicht.

Bei allen anderen unterstelle ich einfach mal fehlendes Wissen. Deshalb sehe ich darin in solche Fällen auch erstmal keine Fremdzuweisung. Wenn mein Gesprächspartner darauf beharrt, nachdem ich ihn mit Wissen versorgt habe, dann sehe ich das auch als Fremdzuweisung. Das kommt leider vor und in solchen Fällen weiß ich, dass das niemand ist, mit dem ich noch weitere Zeit verbringen möchte.

Allerdings ist meine Transsexualität auch immer weniger ein Thema. Das Outing habe ich hinter mir und für Leute, die ich neu kennen lerne, bin ich Frau D. oder Anke. Deshalb kommt es auch praktisch nicht mehr vor.

Liebe Grüße

Anke

Re: BRIGITTE: Eine unauffällige Frau / die Ärztin, die ein Mann war

Verfasst: So 27. Dez 2015, 17:36
von ab08
Hallo,

bin erst jetzt wieder da.
Weihnachtstage ==> Besuche der Kinder+Begleitung. (Sie teilen sich auf, also jeden Tag Besuch)

@Anne-Mette,
danke für Deine Antwort. Menschen, die ich privat oder beruflich treffe, stehen oft ganz am Anfang.
Meist sprechen sie mich an, weil sie Kontakt oder Rat suchen. -> Personen, die "angekommen" sind, treffe ich eher selten.
Bin ja auch nur 2-3 mal pro Jahr beim "Stammtisch"...

@Vivian,
danke für Deinen Beitrag. So kann man also die Formulierung interpretieren...?
Mit "früher in sozialer Rolle Mann" könnte ich natürlich genauso leben. Das seh ich ähnlich.
Trotzdem ich auch früher die gleiche Person und die war eben (zumindest im Innern) stets weiblich.

@Anke,
in meinem Fall ist es so, dass es praktisch alle wissen. Personen, die mich neu kennenlernen, erfahren es rasch.
Lehrerin an einem Großstadtgymnasium, Dort 2,5 Jahrzehnte in männlicher Rolle, diverse Tätigkeiten vgl. Profil...
Bei mir ist die Vergangenheit bekannt und das ändert sich sicher auch nicht mehr.
Wenn das Thema Transsexualität aufkommt, greift man oft auf mich zurück. :wink:
(Zu Deiner Anmerkung: "Verletzt würde ich mich fühlen, wenn es Menschen sagen, die es mittlerweile besser wissen sollten."
Genau um solche Personen handelt es sich bei mir. Teilweise kennen sie mich seit Jahrzehnten!)


Übrigens, um nicht missverstanden zu werden:

Irgendjemand die "Transsexualität absprechen", das geht in meinen Augen wirklich gar nicht.
Es bleibt also selbstverständlich jedem/jeder selbst überlassen, wie er/sie über seine/ihre Vergangenheit spricht.

Liebe Grüße,
+ lieben herzlichen Dank für die Beiträge
Andrea

Re: BRIGITTE: Eine unauffällige Frau / die Ärztin, die ein Mann war

Verfasst: So 27. Dez 2015, 20:12
von Andrea aus Sachsen
.
Rosi_ hat geschrieben:...
Wieder einmal viel Text ohne (verständlichen) Inhalt! Ich möchte jetzt auch nicht näher darauf eingehen, sondern nur noch eine grundsätzliche Bemerkung loswerden:
Ich gehöre auch zu den für einige hier "unechten" Transsexuellen, die mal ein Mann waren. Zumindest habe ich kein Problem damit, wenn jemand das so sagt. Genaugenommen war es doch auch so: Von all den Menschen, denen ich in den über 50 Jahren vor meiner Transition begegnet bin, dürften mich fast alle eindeutig als Mann identifiziert haben. Ich wüsste echt nicht, wie ich denen klarmachen sollte, dass sie sich geirrt haben. Dass ich innerlich schon damals etwas anders tickte, konnte ja niemand von denen wissen.
Im Gegensatz zu anderen hier glaube ich auch nicht, dass sich Transsexualität für mich irgendwann einmal erledigt haben wird. Bestimmte körperliche Gegebenheiten und die ständige Hormoneinnahme werden mich wohl zeitlebens an meine Vergangenheit erinnern. Das wird später (hoffentlich) nur weniger thematisiert werden als derzeit noch. Bereits jetzt binde ich meine Besonderheit natürlich niemandem auf die Nase, aber wer fragt (kommt nur selten vor), bekommt eine klare Antwort.
Wenn dabei Formulierungen fallen, von denen ich weiß, dass sie andere Betroffene verletzten könnten, weise ich dezent darauf hin. Ansonsten erkläre ich es so, wie es mein Gesprächspartner am besten versteht. Bei vielen ist das "früher mal Mann gewesen" dann doch am plausibelsten. So stieß ich weitgehendst auf Akzeptanz.
Ich weiß nicht, wie die Gespräche ausgegangen wären, wenn ich darauf bestanden hätte, dass mein Gegenüber früher eine Frau statt einen Mann gesehen habe oder wenn ich bei jeder unpassenden Formulierung gleich zum sprichwörtlichen Holzhammer gegriffen hätte.

Re: BRIGITTE: Eine unauffällige Frau / die Ärztin, die ein Mann war

Verfasst: So 27. Dez 2015, 21:44
von Inga
Hi, Rosi,

ich finde es viel wichtiger und sehr wertvoll, dass der Artikel über die Ärztin in der Brigitte erschienen ist, als darüber die Haare zu spalten, ob die Überschrift nun für alle hier "political correct" war oder nicht.

Eins hat die Überschrift erfüllt: Auf den Inhalt des lesenswerten Artikels aufmerksam gemacht. Und das finde ich gut.

Liebe Grüße
Inga

Re: BRIGITTE: Eine unauffällige Frau / die Ärztin, die ein Mann war

Verfasst: Mo 28. Dez 2015, 16:12
von ExUserIn-2026-04-08
Wer soll denn nun das Verständnis von "Geschlecht" schaffen, wenn nicht Menschen, für die "Geschlecht" ein Thema ist.
Tja, wer soll den nun dieses Verständnis schaffen ? Ich denke, es ist ein Lebensthema für alle Menschen. Nur manche denken mehr darüber nach. Ein "Verständnis" hat für mich mehr mit gesellschaftlichen Konventionen zu tun als mit biologischen Grundlagen.

Es ist doch merkwürdig, wie über alles mögliche im Kontext gestritten wird. Biologie, Soziologie, Medizin, was auch immer. Aber es gibt keinen, der sagen kann, was wirklich männlich oder weiblich ist. Für jeden Versuch einer Definition gibt es Gegenbeispiele. Genetik, äußere oder innere Geschlechtsmerkmale, soziale Rolle überall wimmelt es von Gegenbeispielen: z.B. Androgenresistenz, Hermaphroditen, etc.

Was macht es aus, wenn sich jemand als Frau/Mann fühlt ?

Ich habe noch keine Erklärung gefunden. Ich lebe zwischen den Geschlechtern, kann in den verschiedenen "Lagern" Aspekte finden,die ich für mich zutreffend halte. Aber ganz besonders TS sind für mich besonders interessant. Was ist es, das sie innerlich i.d.R. seit frühester Kindheit ein Geschlecht spüren lässt, dass nach biologischen Kriterien nicht ihres ist. Das legt die Vermutung nahe, dass tief im Inneren ein Selbstverständnis, eine Art "Essenz" dafür gibt und nicht anerzogen ist. Nur was das sein soll ist unklar. Genauso unklar ist, ob diese Essenz bipolar oder auch zeitlich unveränderlich ist.

Was ich aus den Beiträgen von Rosi_ und Alex.andra heraus lese, ist eine tiefe Überzeugung ihrer selbst. Aber kann man daraus schließen, dass es bei anderen Menschen ähnlich oder gar gleich ist ? Ich denke, das Thema Geschlecht hat zu viele Dimensionen, die obendrein auch noch schwer abzugrenzen sind, als das man davon ausgehen könnte. Für mich lautet die Konsequenz, Rosi_ und Alex.andra in ihren Positionen genau so ernst zu nehmen, wie den Arzt, aus dem eine Ärztin wurde.

Man kann hinter dem Titel alles mögliche herauslesen, wenn man das will. Aber man sollte sich auch bewusst sein, dass das, was man heraus liest, mehr den eigenen Seelenzustand beschreibt, als irgend etwas sonst. Wenn so etwas schon zu einer persönlichen Verletzung führt, würde das bei mir eine Menge nachdenken über mich selber auslösen.

Wenn die BRIGITTE einen solchen Artikel bringt, reitet sie zum einen auf einer Welle, andererseits dient sie uns, das öffentliche Bild zu bewegen. Mir ist das allemal lieber, als ein politisch lupenreiner Artikel (was immer das sein soll), der nie gedruckt wird.

Versuchen wir es doch mit einer Portion Toleranz. Genau die, die wir von anderen einfordern. Die Welt ist so vielgestaltig, dass es nicht DIE Wahrheit geben kann, die in einen Menschenschädel passt.