Eigentlich wollte ich mich hier ja zurückhalten, aber einen Fakt kann ich nicht auslassen:
Rosi_ hat geschrieben:Hallo Andrea,
versuch einmal Trans* und Transsexualität nicht als Menschengruppen zu betrachten, sondern als "Phänomene" oder auch
als "Marker", die ganz eindeutig und scharf definiert sein können. So wird das dann besser verständlich und vor Allem auch
tauglich um Abseits von persönlichen Befindlichkeiten darüber sprechen zu können.
Es ist ja wesentlich leichter, sich zwischen "Markern" zu erklären, als zwischen Menschengruppen. Wie ich ja schon gesagt
hatte, gibt es selbstverständlich eine Unschärfe oder Vermischung der Phänomene, weshalb meine scharfe Grenzziehung immer
auf das Phänomen bezogen ist, nie aber auf Menschen.
Weil sich Menschen aber in unserem Fall über diese Phänomene definieren oder beschreiben und erklären, ist es eben für das
Verständnis (verstehen) wichtig, das mit den jeweiligen Begriffen (Beschreibungen) die richtigen Wirklichkeiten transportiert
werden.
Gerade in den von Dir angesprochenen Selbstfindungsprozessen sind solche "Marker" besonders wichtig. Je schärfe diese
definiert sind, desto besseren Orientierungswert haben sie für die Menschen in ihrer Findung. Dabei ist es sogar denkbar,
das "Marker" auch mit gar keinen Menschen "besetzt" sind. Von diesen "Markern" kann sich jeder Mensch "abgreifen" was
ihn und seine Wirklichkeit am besten entspricht.
...
Danke
Rosi
Das ist, mit Verlaub, nicht richtig.
Ich habe nun bereits einige Menschen intensiv auf ihrem Weg der geschlechtlichen Selbstfindung und -bestimmung begleiten dürfen und für keinen davon waren diese klaren Trennlinien existent noch hilfreich. Die Trennlinien, die man leicht finden kann, sind allenfalls oberflächlich und klischeehaft. Es gleitet schnell ab, in angeblich geschlechtstypische Kleidungsnormen, Verhaltensweisen und der Frage nach dem "Druck", dem "Leidensdruck" zu körperlichen Veränderungen. Nichts von alledem ist für einen Menschen hilfreich, der noch nicht genau weiß, wohin er_sie gehört. In dieser Phase der Selbstfindung war und ist es für viele, ich würde sogar sagen die meisten, sehr hilfreich und enorm entlastend, wenn man ihnen versichern kann, dass sie sich nicht an diese Klischees und gefühlten Normen, die Trennlinien, wie Du sie nennst, in ihren Gedanken zu halten brauchen. Sie sollen sich zunächst einmal unbefangen und frei davon gedanklich und ggf. auch in der realen Welt erfahren.
Dies stößt dann einen Prozess der wahren Selbstfindung an, in dem dann zu machende Erfahrungen verarbeitet werden können. Dies kann dann irgendwann einmal später dazu führen, dass dabei die Erkenntnis wächst und gesichert wird, "ich bin Mann" oder "ich bin Frau" oder eben aber auch "ich bin nicht zu 100% das eine oder das andere, aber ich bin ich und ich habe reale Bedürfnisse, die ich nun selbsbestimmt leben werde". Alle diese haben das gleiche Recht dazu.
Die Schreckensbilder und Szenarien von zementierten Rollenbilder, von Begutachtungs Kriterien, von Normen und Fristen, haben mich auf meinem Weg jahrelang fertig gemacht. Ich steckte in dieser männlcihen Rolle, aus der es gefühlt kein entrinnen gab und innerhalb dieser Erfahrungswelt war es völlig unmöglich, völlig undenkbar, einen Rollenwechsel von der einen Seite des Binärs zur andere zu wagen. Wie ein breiter Fluss ohne Brücke, das andere Ufer ist zwar in Sicht, man kann sogar mit Personen dort kommunizieren, sie sehen und erleben, aber erreichen? Nein, niemals. Meine Brücke waren gute Texte und dann schlussendlich auch Gespräche von und mit Personen, die mir klar machten, dass ich zu diesem damaligen Zeitpunkt diese Entscheidung Mann/Frau, gar nicht treffen musste, denn das konnte ich ja auch gar nicht. So begann dann endlich eine freie Entwicklung, die mich dann schlussendlich auf diese andere Seite führte, ja. Heute bin ich von dieser anderen Seite auch überzeugt, ich weiß was ich bin und das dies 100% dem entspricht, was ich bereits vor 30-40 Jahren hätte sein und tun sollen, aber nicht konnte.
Meine eigene Erfahrung und die Erfahrung mit einer ganzen Reihe von Klient_innen aus der Beratung sagt mir, dass einem Menschen in der Selbstfindung, wenn da also noch Zweifel sind, eine starre Vorgabe und "klare Trennlinien" ganz und gar nicht hilfreich sind. Das Gegenteil ist hilfreich, das Einreißen der Mauern, in den Köpfen und der realen Welt, der Abbau von Klischees und veralteten Rollenbildern, die Abschaffung von Cis- und Heteronormativität. Dies wären echte Hilfen.
Dies bedeutet dann aber gerade nicht, dass damit Geschlechtergrenzen, Bilder von Mann/Frau oder deren Kategorien abegschafft werden sollten, nein. Es geht nur darum, es zuzulassen und auszuhalten, dass es Menschen gibt, die sich diesem Normendiktat, aus welchen Gründen auch immer, nicht unterwerfen können oder wollen und mit ihrer ganz eigenen Geschlechtlichkeit, nicht zuletzt ausgelöst durch diese Normen, hadern. Öffnen wir uns alle für diese Menschen und erzwingen von ihnen nicht mehr die Entscheidung, sich zu einer der dutzenden trans* Formen und Gruppen zugehörig erklären zu müssen, so nehmen wir Druck von ihnen - Druck, unter dem viele Menschen leiden.
Die Diskussion "transsexuell" vs. trans* findet komischerweise praktisch nur in Deutschland statt. Ich frage mich warum? Kann es vielleicht daran liegen, dass unsere Gesellschaft, der Staat und die Kostenträger die Selbstverortung als "transsexuell" als die einzige Tür zur Selbstverwirklichung geöffnet haben? Das Menschen, die sich dem System unterworfen haben, um ihre damit errungenen Privilegien fürchten? Das sie vielleicht fürchten, das ihr Erreichtes damit im "Wert" geschmälert würde? In den USA bspw. in "transsexual" als Begriff, den es dort sehr wohl gibt und der in etwa das gleiche beschreibt, im öffentlichen und Gruppendiskurs ein klares no-go. Das Wort wird nicht benutzt. Warum? Wenn es so universell zutreffend wäre, dann müsste es doch auch dort verwendet werden?
Ich glaube, dass wir mit der ewigen Diskussion um die Abgrenzung trans* <-> transsexuell eigentlich eine Schattendisussion führen. Es geht nicht um diese Begriffe oder Kategorien, es geht um ganz tiefe persönlich Verletztheit, die nur nicht ausgesprochen wird. Was schade ist, denn so kommen wir nie weiter.
Zumindest für den Bundesverband und die LAG kann ich sagen, dass dort viele Menschen vertreten sind, die nach der klassischen Definition "transsexuell" sind. Sie fühlen sich nicht unsichtbar, ganz im Gegenteil. Sie gestalten den Prozess aktiv mit, vertreten die Belange derer, die sich wie sie definieren und diese werden dann in der großen Gruppe berücksichtigt und nach außen vertreten. Es ist wirklich schade, dass immer sofort auf diese Gruppen "geschossen" wird, obwohl sich die Schützen nie mit den Menschen darin unterhalten haben, nie die Ziele erfragt haben, nicht wissen, wer dort wie vertreten ist, wie gearbeitet wird etc. Komischerweise sind es auch immer die, die am lautesten und heftigsten wettern, die in öffentlich Gruppen, Gremien und Diskursen nicht vertreten sind. Reine APO? Das hat vor 40 Jahren nichts bewirkt und bewirkt auch heute allenfalls kaum etwas. Die, die nun in NRW aktiv sein werden, werden gemeinsam mit allen und den weiteren in NRW tätigen emanzipatorischen Gruppen aktiv werden. Wir werde auch nicht die Welt verändern, aber wir können damit dafür sorgen, dass mehr Gruppen unter dem bunten Dach von trans*, auch die transsexuellen Gruppen, ihre Arbeit besser machen können, dass sie mehr Unterstützung bekommen, dass sie alle gleichermaßen in öffentlichen Diskursen zu Wort kommen und gerade damit dann sichtbar werden.
Viele Grüße
nicole