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Re: Schwedens neutrales Fürwort «hen»
Verfasst: Di 5. Mai 2015, 23:08
von Nicoletta
Liebe Lina,
Du weißt da mehr als ich, aber ich habe auch nie behauptet, Kennerin skandinavischer Sprachen zu sein. Dennoch ist es wohl nicht ganz unwichtig, dass die Möglichkeit zu solch einer Wahl sich erst eröffnet, wenn die Sprache in dem Verzicht auf Genusdifferenzierung weit fortgeschritten ist. Ich habe mir noch angelesen, dass im Schwedischen z.B. die Artikelform -na ursprünglich nur für Feminina galt, heute aber auch für Maskulina. Es gibt weitere Beispiele dieser Art. Das moderne Schwedische unterscheidet grammatisch ohnehin nicht mehr zwischen Maskulinum und Femininum, dann ist es vergleichsweise leicht, den alten Zopf beim Pronomen wegzuschneiden. Im Deutschen ist das ausgeschlossen zumindest für einige Jahrhunderte, und selbst im Englischen dürfte es schwieriger sein als im Schwedischen, in romanischen und slavischen Sprachen oder im Griechischen mindestens so unmöglich wie im Deutschen.
Die rage ist: ist das so schlimm? Die Welt ist nun einmal dual strukturiert, und wird stellen darin eine verschwindend kleine Midnerheit dar, die sich diesem Denken nicht unterwirft. Mir genügt es, dass man mich in meinem Sein respektiert und vielleicht auch akzeptiert, dass ich möche, dass man von mir als "ihr" und nicht als "ihm" spricht. Eine eigenes neutrales Pronomen brauche ich nicht. Ich ordne mich in das duale System ein, nur eben anders las genetisch vorgegeben. Die einzige Gruppe, die hier Schwierigkeiten haben dürfte, sind jene Intersexuellen, die sich noch nicht oder auc Dauer überhaupt nicht für eine Seite entscheiden können und den verständlichen Wunsch haben, nicht zur Entscheidung genötigt zu werden. Eine Lösung habe ich dafür nicht, Vorschläge sollten da aber von den Betroffenen selbst kommen.
Schönen Abend noch,
Nicolina
Re: Schwedens neutrales Fürwort «hen»
Verfasst: Do 14. Mai 2015, 01:29
von Lina
Nicoletta hat geschrieben:Liebe Lina,
.... Das moderne Schwedische unterscheidet grammatisch ohnehin nicht mehr zwischen Maskulinum und Femininum, ...
Schönen Abend noch,
Nicolina
Das stimmt doch nicht. Wer hat dir denn den Quatsch erzählt? Alle skandinavische Sprachen haben Maskulinum-, Femininum- und Neutrum-Pronomen. Nur gab es bis lang kein Pronomen, das für einen Menschen gelten kann, das nicht Geschlechtsbezogen ist. Und Substantive gibt es auch nach wie vor in M/F und N.
Es ist nicht mal so, wie auf Deutsch, dass es ein Neutrumswort geben kann, das ein weibliches Wesen bezeichnen soll - wie "das Mädchen". Völlig ungeachtet, dass es sich hier um ein Diminutiv handelt - das Suffix "chen" macht es zum Neutrumswort - es gibt im modernen und allgemeinen Sprachgebrauch trotzdem nur "Mädchen". Das ursprüngliche Wort woraus es gebildet wurde wird kaum noch benutzt. So was wie: "Die Tasche gehört dem Mädchen da drüben. Gib sie ihm", gibt es in skandinavischen Sprachen nicht. Das Pronomen für ein weibliches Lebewesen kann nur weiblich sein - zumindest nach alten Regeln. Ob das auf Deutsch etwas relativiert, weiß ich nicht. Einige rebellieren ja intuitiv gegen "ihm" und sagen "ihr", auch wenn es im Kontext auf "Mädchen" hinweist. Dadurch wird die Situation dann auch nicht viel anders als in skandinavischen Sprachen - also kann man sprachtechnisch in der Deutschen genauso gut ein nicht-genderspezifisches Pronomen haben. Der einzige Unterschied ist dann, dass man noch eine Dativendung dazu ausgenken muss, während man in skandinavischen Sprachen am Wort selbst den Dativ nicht vom Akkusativ unterscheiden kann.
Re: Schwedens neutrales Fürwort «hen»
Verfasst: Fr 15. Mai 2015, 22:04
von Nicoletta
Liebe Lina,
Du bist sicher in Sachen skandinavischer Sprachen viel kompetenter, ich spreche keine von denen, habe mich nur ein wenig (oberflächlich) mit Schwedisch, Dänisch und Altisländisch beschäftigt. Der "Quatsch" stammt dann also aus Lehrbüchern dieser Sprachen, nicht aus eigener Erfahrung. Ich habe mich auch gar nicht auf die Pronomina bezogen, da habe ich natürlich auch gesehen, dass die Unterscheidung gewahrt ist (bisher), sondern auf den Zusammenfall von Maskulinum und Femininum im modernen Schwedischen, wobei es bemerkenswerterweise zumindest teilweise die femininen Formen sind, die überlebt haben (habe ich so in einem englischsprachigen Lehrbuch des Schwedischen gefunden, das mir in xter Auflage vorliegt und wahrscheinlich vor 80 bis 100 Jahren geschrieben worden ist). Mein Beitrag stand im Zusammenhang mit früheren, in denen es mir darauf ankam zu zeigen, dass ein analoger Weg im Deutschen kaum zu beschreiten ist. Während hon und han sich ja noch ähneln, so dass hen eine Kompromissform sein könnte, gilt das für deutsches er und sie nicht. Da sehe ich keinen Übergang. Außerdem hat das Deutsche anders als wohl alle (?) anderen modernen germanischen Sprachen noch ein ausgebautes Flexionssystem, bei dem der Genus- (nicht Sexus- oder Gender-)unterschied als grammatische Kategorie Berücksichtigung findet. Der lässt sich auch nicht durch ein neues Pronomen über Bord werfen. Erst wenn Sätze wie "ich habe gestern vor de Tür von de schicke Restaurant meine Freund getroffen, es hatte sich eine schöne gestreifte Hemd angezogen zu de Treffen auch tolle Ohrringe" als richtig akzeptiert werden, könnte man auch im Deutschen über ein neutrales Pronomen nachdenken. Bleibt meine Frage: Brauchen wir das wirklich?
LG Nicoletta
Re: Schwedens neutrales Fürwort «hen»
Verfasst: Sa 30. Mai 2015, 15:12
von Franka
Nach den Schweden probieren sich auch die Briten und Amerikaner:
http://www.welt.de/kultur/article140541 ... lecht.html
Re: Schwedens neutrales Fürwort «hen»
Verfasst: Sa 30. Mai 2015, 15:51
von Lina
Nicoletta hat geschrieben:Liebe Lina,
Du bist sicher in Sachen skandinavischer Sprachen viel kompetenter, ich spreche keine von denen, habe mich nur ein wenig (oberflächlich) mit Schwedisch, Dänisch und Altisländisch beschäftigt. Der "Quatsch" stammt dann also aus Lehrbüchern dieser Sprachen, nicht aus eigener Erfahrung. Ich habe mich auch gar nicht auf die Pronomina bezogen, da habe ich natürlich auch gesehen, dass die Unterscheidung gewahrt ist (bisher), sondern auf den Zusammenfall von Maskulinum und Femininum im modernen Schwedischen, wobei es bemerkenswerterweise zumindest teilweise die femininen Formen sind, die überlebt haben (habe ich so in einem englischsprachigen Lehrbuch des Schwedischen gefunden, das mir in xter Auflage vorliegt und wahrscheinlich vor 80 bis 100 Jahren geschrieben worden ist). Mein Beitrag stand im Zusammenhang mit früheren, in denen es mir darauf ankam zu zeigen, dass ein analoger Weg im Deutschen kaum zu beschreiten ist. Während hon und han sich ja noch ähneln, so dass hen eine Kompromissform sein könnte, gilt das für deutsches er und sie nicht. Da sehe ich keinen Übergang. Außerdem hat das Deutsche anders als wohl alle (?) anderen modernen germanischen Sprachen noch ein ausgebautes Flexionssystem, bei dem der Genus- (nicht Sexus- oder Gender-)unterschied als grammatische Kategorie Berücksichtigung findet. Der lässt sich auch nicht durch ein neues Pronomen über Bord werfen. Erst wenn Sätze wie "ich habe gestern vor de Tür von de schicke Restaurant meine Freund getroffen, es hatte sich eine schöne gestreifte Hemd angezogen zu de Treffen auch tolle Ohrringe" als richtig akzeptiert werden, könnte man auch im Deutschen über ein neutrales Pronomen nachdenken. Bleibt meine Frage: Brauchen wir das wirklich?
LG Nicoletta
Da braucht man aber auch nicht mehr Fachwissen als jeder in zwei Minuten "einsaugen kann:
DE..........DA............ SE
er..........han............han............. Sub.
ihn........ ham..........honom .......... dir. Obj.
sein ......hans.......... hans.............gen.
ihm.......ham...........honom............indir. Obj.
für ihn....til ham.......till honom.......Präpositionsobj.
Wie es wohl klar ist, funktioniert gerade dieser Teil der Sprache nicht nennenswert anders als auf Deutsch. Oder Englisch. Warum sollte es auch?
Viellecht geht es mehr um diese Einstellung die einige Leute haben - mit welchem Adjektiv auch immer man es beschreiben will: Dass man sich vorstellt, dass die eigene Sprache in irgend einer Weise souveräner ist als alle andere Sprachen.
Ehrlich gesagt, so eine Sprache habe ich noch nie entdeckt.
Bevor du beurteilst ob ein Wort benötigt wird - egal ob es das Geschlechtsneutrale Pronomen oder irgend ein anderes Wort, solltest du dir klar machen, was die Leute damit machen, die es benutzen. Kannst du garantieren, dass es keinen Unterschied macht, ob man es benutzt oder nicht. Hast du dich mit dem Gesamtkonzept - mit dem ganzen Kontext befasst? Oder mal gehört wie Kinder die in diesen Kindergärten/Vorschulen z.T. aufgewachsen sind über die Geschlechterrollen reden.
Genau so könnte man ja auch bezweifeln, dass es einen Sinn mach, eine Unternehmenskultur zu schaffen, wo alle auf "du" sind. Warum ändern? Es kann ja genau so gut so bleiben, wie es immer war.
Re: Schwedens neutrales Fürwort «hen»
Verfasst: Sa 30. Mai 2015, 19:06
von triona
Lina hat geschrieben:DE..........DA............ SE
er..........han............han............. Sub.
ihn........ ham..........honom .......... dir. Obj.
sein ......hans.......... hans.............gen.
ihm.......ham...........honom............indir. Obj.
für ihn....til ham.......till honom.......Präpositionsobj.
Danke für die umfassende Zusammenstellung.
Zu ergänzen wären noch die weiblichen Entsprechungen:
DE..........SE
sie..........hon............. Sub.
sie........henne .......... dir. Obj.
ihr ......hennes.............gen.
ihr.......henne............indir. Obj.
für sie....till henne.......Präpositionsobj.
(im Dänischen kenne ich mich leider nicht so genau aus.)
Das war genau das, was ich in einem früheren Beitrag schon mal gefragt hatte, ohne daß irgend jemand darauf eingegangen wäre: Nämlich wie es analog dazu für das "hen" in den anderen Fällen wohl heißen soll.
Einiges zur Verwirrung mag ja auch beigetragen haben, daß es im Schwedischen - anders als im Deutschen, Niederländischen und den slawischen Sprachen - im Gegensatz zu den Fürwörtern für Hauptwörter in der Tat keine Unterscheidung in (grammatisch) männliche und weibliche gibt. Da gibt es nur Utrum und Neutrum ("Ne-Utrum") - in etwa "geschlechtliche" und "ungeschlechtliche", kurz auch "en-Wörter" und "ett-Wörter" (en- / ett-orden) genannt. Was allerdings bei den persönlichen Fürwörtern nicht zutrifft.
liebe grüße
triona
Re: Schwedens neutrales Fürwort «hen»
Verfasst: Sa 30. Mai 2015, 21:03
von Nicoletta
Danke Dir, Triona, für die Klarstellung, für die ich dankbar bin, weil ich zwar dasselbe dachte, es aber mit Sprachmaterial nicht belegen konnte mangels Sprachkenntnis. Man sieht hier deutlich, dass in den obliquen Kasus deutlicher als im Nominativ Unterschiede bestehen. Jetzt frage ich mal (provokativ): Wie heißt den der Genitiv von "hen" im Schwedischen? Vermutlich "hens". Und der Akkusativ? Henom? Oder doch "henne"? Ich weiß es einfach nicht. Ich will nur sagen, dass man nicht so einfach künstlich neue Pronomina schaffen kann, und das nicht einmal in skandinavischen Sprachen, denke ich. Irgendwo, nicht hier im Forum, habe ich etwas gelesen, dass man auch im (älteren!) Englischen "they" als Ersatzform für "he" und "she" verwendet hat. Ob das freilich eine praktikable Lösung ist, wage ich zu bezweifeln, denn in europäischen Sprachen ist die Numerus-Unterscheidung vielleicht noch fester verankert als die nach Genus. Im Deutschen sind wir mit unserem Anredepronomen "Sie" freilich gut dran. Eigentlich eine Pluralform der 3. Person, verwendet im Singular in der 2. Person. Vielleicht macht man gerade das jetzt im Englischen nach, nur für die 3. statt 2. Person.
Ich weiß nicht, wie weit solche Reduktionen des ererbten Formenbestandes sinnvoll sind. Die Genusunterscheidung ist wohl entbehrlich, viele Sprachen kommen ohne sie aus. Die Unterscheidung von Singular und Plural ist auch teils aufgegeben (englisch you, Esperanto vi), die Aufgabe der Person aber dürfte schwieriger sein. Südiostasiatische Sprachen schaffen das, aber da gibt es eigentlich gar keine Pronomina, die verwendeten Bezeichnungen bedeuten eigentlich "ältere Schwester", "Onkel", "Tante" u.ä.m., und die Gesprächssituation entscheidet dann, ob das gewählte Wort "ich" oder "du" oder "er bzs. sie" bedeutwet. Das ist euroopäischen Sprachen doch recht fremd und nicht unbedingt nachahmenswert. Na ja, beobachten wir weiter.
Vile Grüße,
Nicolina
Re: Schwedens neutrales Fürwort «hen»
Verfasst: Sa 30. Mai 2015, 23:20
von triona
Nicoletta hat geschrieben:... Wie heißt den der Genitiv von "hen" im Schwedischen? Vermutlich "hens". Und der Akkusativ? Henom? ... Ich weiß es einfach nicht.
Ich weiß es auch nicht. Hab jedenfalls noch nichts darüber gehört oder gelesen. Ich vermute mal, darüber hat sich möglicherweise noch kaum einer richtig Gedanken gemacht. Kann aber auch sein, daß ich mich da täusche. Vlt kennt sich ja jemand besser damit aus, was da in Schweden derzeit sprachentwicklungsmäßig im Gange ist. (Mein Schwedisch ist eher so, wie man es dort vor 40 oder 50 Jahren gesprochen hat. Sozusagen bin ich ein wandelndes Sprachmuseum - wie übrigens auch in meiner eigenen Muttersprache.)
Falls es da tatsächlich noch keine gebräuchlichen Formen geben sollte, dann wäre deine Vermutung als praktischer Vorschlag schon recht brauchbar.

Das würde zumindest in den Rahmen der bisher gewachsenen Formem passen. (Akkusativ und Dativ ist in diesem Fall im Schwedischen sowieso gleich.)
Nicoletta hat geschrieben:Ich weiß nicht, wie weit solche Reduktionen des ererbten Formenbestandes sinnvoll sind. Die Genusunterscheidung ist wohl entbehrlich, viele Sprachen kommen ohne sie aus. Die Unterscheidung von Singular und Plural ist auch teils aufgegeben (englisch you, Esperanto vi), ...
Formenreduktion ist eine allgemeine Entwicklungstendenz in den meisten europäischen Sprachen - und wahrscheinlich auch sonstwo in der Welt. Das Englische ist hierbei unter den europäischen Sprachen schon am weitersten fortgeschritten. (Es ist in dieser Hinsicht dem da wohl am weitesten fortgeschrittenen Chinesischen bereits näher als seinen verwandten Nachbarsprachen in Europa. Quelle: Frederick Bodmer, siehe Buchempfehlung in der Nachbemerkung)
Und diese Entwicklung wird noch beschleunigt durch die zunehmende Verwendung des Englischen als "Weltsprache" in Handel und Wissenschaften bei gleichzeitig zunehmender "Verpidgeonisierung" in nicht unerheblichen Teilbereichen der allgemeinen Alltagskultur. Vergleiche hierzu auch Entwicklungen wie die sogenannte "Kanaksprak" bei deutschen Jugendlichen oder das sogenannte "Rinkeby-Svenska". Gibt es wahrscheinlich so oder ähnlich in jedem Einwanderungsland. Das berüchtigte "Denglisch" im neueren deutschen Sprachgebrauch wäre da noch ein weitere Beispiel.
Sinnvoll oder nicht sinnvoll - zwischen "schöpferischer Weiterentwicklung" und hemmungsloser Sprachpanscherei ist nur ein schmaler Grat. Aber solche Entwicklungen laufen in den seltensten Fällen gezielt gesteuert ab - falls sowas überhaupt möglich ist. Sie lassen sich auch kaum "von oben" verordnen. Was sich im allgemeinen Sprachgebrauch mal durchsetzen wird oder nicht, läßt sich schwer voraussagen. Und Änderungen müssen auch von hinreichend vielen Sprechern - vor allem inhaltlich - gewollt sein und irgendwann mal von einer Mehrheit oder einer einflußreichen Teilmehrheit übernommmen oder zumindest geduldet und verstanden werden. Das dürfte wohl auch ein Knackpunkt sein bei "ideologisch gewollten" Sprachneuerungen wie dem HEN, "Genderisierung" o.ä.
Vergleiche hierzu auch das sogenannte "Partei-Deutsch" in der DDR. Das hatte sich in weiten Bereichen der Gesellschaft und des allgemeinen Sprachgebrauchs auch irgendwann einmal verankert. Und 25 Jahre nach dem Ende der DDR ist es auch schon fast wieder verschwunden.
Nicoletta hat geschrieben:... Irgendwo, nicht hier im Forum, habe ich etwas gelesen, dass man auch im (älteren!) Englischen "they" als Ersatzform für "he" und "she" verwendet hat. ...
4 Beiträge weiter oben stehen sogar Quellenverweise:
Es wird anscheinend gerade versucht, dies wiederzubeleben.
liebe grüße
triona
Nachbemerkung:
Falls du das noch nicht sowieso schon kennst, solltest du dir das besorgen. Ist sicher interessant für dich:
Frederick Bodmer, Die Sprachen der Welt. Geschichte - Grammatik - Wortschatz in vergleichender Darstellung, ISBN 978-3880598805
http://www.amazon.de/Die-Sprachen-Welt- ... 3880598800
Empfehle ich auch allen anderen, die sich für Sprachen interessieren. Die dort angerissene Lernmethode wende ich durchaus mit Erfolg an. Geeignet für Leute, die analytische Herangehensweise bevorzugen und schon mehrere Sprachen kennen und einigermaßen beherrschen. Übertriebener Perfektionismus ist allerdings weniger von Vorteil. Slawische Sprachen sind da allerdings leider kaum berücksichtigt. Da suche ich noch was vergleichbares, genauso wie für skandinavische Sprachen, die bei Bodmer auch nur am Rande und eher allgemein gehalten vorkommen. Die verwiesene preisgünstige Neuausgabe ist leider in sehr kleiner Schrifttype gesetzt und für Ältere ohne Brille schwer lesbar.
Re: Schwedens neutrales Fürwort «hen»
Verfasst: Sa 30. Mai 2015, 23:56
von Lina
@Vermutlich "hens". Und der Akkusativ? Henom? Oder doch "henne"?
Theoretisch müsste es so sein. Ich habe vergeblich versucht das von jemandem bestätigen zu lassen. Aber ist anzumehmen und auch logisch.
Re: Schwedens neutrales Fürwort «hen»
Verfasst: So 31. Mai 2015, 01:03
von triona
Hier habe ich etwas gefunden, was die Vermutung bestätigt:
http://sv.wiktionary.org/wiki/hen
hens und henom werden genannt. Ist aber nicht unumstritten, wie das Ganze überhaupt.
Meine flapsige Bemerkung, daß sich darüber womöglich noch kaum einer Gedanken gemacht haben könnte, ist zumindest mal widerlegt. Wäre ja auch merkwürdig gewesen.
Das hier hab ich noch nicht zu Ende gelesen:
https://www.flashback.org/t591811
Die Diskussion scheint ja doch einige Wellen zu schlagen, und zwar - wie zu erwarten - nicht nur in rein sprachlicher (grammatischer) Hinsicht:
https://www.flashback.org/sok/hen?f=88
https://www.flashback.org/sok/hen
Werd ich wohl mal in nächster Zeit mal überfliegen. Vlt lassen sich ja einige Erkenntnisse draus ziehen.
liebe grüße
triona
Re: Schwedens neutrales Fürwort «hen»
Verfasst: So 31. Mai 2015, 18:07
von Nicoletta
Liebe Triona,
danke für die gründliche Ausführung und die Empfehlung Bodmer. Das Werk habe ich mal in der Hand gehabt, aber da habe ich mehr in meiner Bibliothek.
triona hat geschrieben:
Formenreduktion ist eine allgemeine Entwicklungstendenz in den meisten europäischen Sprachen - und wahrscheinlich auch sonstwo in der Welt. Das Englische ist hierbei unter den europäischen Sprachen schon am weitersten fortgeschritten. (Es ist in dieser Hinsicht dem da wohl am weitesten fortgeschrittenen Chinesischen bereits näher als seinen verwandten Nachbarsprachen in Europa. Quelle: Frederick Bodmer, siehe Buchempfehlung in der Nachbemerkung)
Formenreduktion ist in der Tat charakteristisch für alle indogermanischen Sprachen, nicht nur in Europa. Hindi hat viel weniger Formen als Sanskrit, und Persisch deutlich weniger als Altpersisch, die Grammatik ist auch einfacher als die des Englischen. Das gilt auch für andere flektierende Sprachen, so alle neuarabischen Dialekte im Vergleich zum klassischen Arabisch, Syrisch in Vergleich zum Biblisch Aramäischen. Weniger starke Reduktionen finde ich im Ungarischen und Türkischen, aber das Tempussystem des Ungarischen ist sogar gegenüber dem Zustand des 19. Jahrhundert deutlich vereinfacht. Bei isolierenden Sprachen hingegen ist die Tendenz gerade umgekehrt. Das mit dem in puncto Formenreduktion am weitesten fortgeschrittene Chinesische geistert immer durch die Literatur, zutreffend ist das aber nur für das klassische Chinesische, das, abgesehen von wenigen persischen Lehnwörtern, die zweisilbig sind, nur einsilbige Wörter ohne grammatische Morpheme kennt. Im modernen Chinesischen gibt es kaum mehr einsilbige Wörter, die meisten sind zwei- bis viersilbig, wobei manche dieser Silben alleine nie vorkommen und nur Wortbildungsmorpheme sind. Eine Tendenz zur Agglutination ist unverkennbar. Andererseits wird für das Altchinesische ein ganz anderes System rekonstruiert, das wahrscheinlich noch keine Toneme kannte, dafür aber Wortbildungsmittel (Suffixe), die nach ihrem Verschwinden Tonhöhenunterschiede hervorgebracht haben. Auch im Tibetischen gibt es eine ganz parallele Entwicklung, die leichter zu studiere ist, weil das Tibetische eine ganz traditionelle Orthographie besitzt und die in der Aussprache längst geschwundenen konsonantischen Morpheme in der Orthographie weiter mitschleppt. Da andererseits auch für das Indogermanische und das Ursemitische ein älterer Zustand rekonstruiert wird, der weniger Formen aufwies, ergibt sich (vielleicht für alle Sprachen?) beim Formenbestand eine Entwicklung von einfach über komplex wieder zu einfach. Vielleicht eine Überlegung wert, auch wenn diese den Rahmen des Forums sprengen dürfte.
LG Nicoletta
Re: Schwedens neutrales Fürwort «hen»
Verfasst: So 31. Mai 2015, 18:10
von Nicoletta
simone moeller hat geschrieben:Ehrlich gesagt, wenn es ein neutrales Fürwort für Menschen im deutschen gäbe
fände ich es nicht nett wenn man es für mich benutzen würde.
Ich würde gern als Frau wahrgenommen werden auch wenn ich als Junge geboren wurde.
Ganz meine Meinung.
Nicoletta
Re: Schwedens neutrales Fürwort «hen»
Verfasst: So 31. Mai 2015, 18:26
von Lina
Nicoletta hat geschrieben:simone moeller hat geschrieben:Ehrlich gesagt, wenn es ein neutrales Fürwort für Menschen im deutschen gäbe
fände ich es nicht nett wenn man es für mich benutzen würde.
Ich würde gern als Frau wahrgenommen werden auch wenn ich als Junge geboren wurde.
Ganz meine Meinung.
Nicoletta
Und wenn jemand rein kommt, begrüßt die Kinder - wo zufälligerweise nur Jungen anwesend sind, trotzdem Gender-Neutral sagt: "Hallo Kinder", ist das dann auch beleidigend? (Um so was geht es nämlich, auch).
Re: Schwedens neutrales Fürwort «hen»
Verfasst: So 31. Mai 2015, 19:22
von Nicoletta
Lina hat geschrieben:Nicoletta hat geschrieben:simone moeller hat geschrieben:Ehrlich gesagt, wenn es ein neutrales Fürwort für Menschen im deutschen gäbe
fände ich es nicht nett wenn man es für mich benutzen würde.
Ich würde gern als Frau wahrgenommen werden auch wenn ich als Junge geboren wurde.
Ganz meine Meinung.
Nicoletta
Und wenn jemand rein kommt, begrüßt die Kinder - wo zufälligerweise nur Jungen anwesend sind, trotzdem Gender-Neutral sagt: "Hallo Kinder", ist das dann auch beleidigend? (Um so was geht es nämlich, auch).
Natürlich ist eine Anrede "Kinder" nicht beleidigend. Von beleidigend war auch nicht die Rede, sondern nur von "nicht nett". Auch geht es nicht um Anrede, sondern um Sprechen über jemand anderen im Singular. Ich glaube kaum, dass jemand, wenn es um ein Kind geht, über das er etwas aussagen will, zur Formulierung "das Kind" greifen wird, sondern "das Mädchen" oder "der Junge. Das ist also wohl doch etwas anderes.
Als nicht nett stufe ich es ein, wenn ich in Köln bei meinem Unterricht von einer älteren Gasthörerin wiederholt mit "Herr" angesprochen werde und sie sich über mich mit "er" äußert, und das, obwohl die Veranstaltung als von einer Frau gehalten angekündigt ist, und ich immer weiblich gewandet dort erscheine. Solange es geschlechtsspezifische Anreden und Pronomina gibt, würde ich es ebenso als "nicht nett" betrachten, wenn ich mit einem neutralen Wort tituliert würde. Durch mein Auftreten mache ich klar, dass ich mich als Frau fühle und verstehe, und ich erwarte als Gebot der Höflichkeit, so behandelt zu werden (geschieht ja auch in 99,9% der Fälle). Ein neutrales Pronomen wäre ausgrenzend, mir würde vermittelt, dass ich nicht dazugehöre, weder zur Gruppe der Frauen noch der der Männer. Ein neutrales Pronomen kann auch nur funktionieren, wenn es keine Alternative gibt (wie im Ungarischen oder Türkischen). Man müsste also die geschlechtsspezifischen Pronomina abschaffen und mit sozialer Ächtung belegen, die man also ebensowenig in den Mund nehmen dürfte wie die Anrede "Weib" oder das Reden über jemanden als "Neger" oder "Krüppel".
Wäre übrigens interessant zu wissen, wie das im Schwedischen weitergeht. Ich habe verstanden, dass "hen" zusätzlich eingeführt worden ist; solange aber "hon" und "han" nicht tabuisiert sind, bleibt der Gebrauch von "hen" eine Diskriminierung.
LG NIcoletta
Re: Schwedens neutrales Fürwort «hen»
Verfasst: Di 2. Jun 2015, 18:01
von Sonja
Diese Einführung eines neutralen Fürwortes halte ich für überflüssig, wenn nicht albern. Gleiches gilt für die Sprachverhunzer, die statt "man sagt" "frau sagt" sagen/schreiben. Da haben wohl einige die Sprache, Grammatik, Bedeutung und herkunft von Wörtern nicht ganz verstanden.
Im Übrigen stellt sich die Frage, ob es keine dringenderen Probleme bzgl. der Situation von TS/TG zu lösen gilt.