Anne-Mette hat geschrieben: So 22. Nov 2020, 17:35
Diese nochmalige Bezeichnung auf diese Art macht die Auseinandersetzung nicht besser.
Es wäre sinnvorller, sich mit den Argumenten auseinanderzusetzen, denke ich.
Das Problem ist doch, da sind keine Argumente? Nur "hätte, könnte, würde" und kein einziges stichhaltiges Argument. Die einzigen wirklichen Argumente liegen auf unserer Seite - die Klarstellungen des BVerfG, die schon fast endlosen Resolutionen von Menschenrechtsgremien, internationale Erklärungen von Regierungsvertreter_innen (bei denen sich Deutschland sehr oft deutlich zurückhält) etc. Sogar Zahlenmaterial fehlt denen, es gibt schlicht keine Zahlen, die deren Panikmache belegen würden, wohl aber das Gegenteil. Wir können nachweisen, durch Jahrzehnte der Beobachtung, dass von trans* Menschen keine Bedrohung für die Gesellschaft ausgeht, sehr wohl aber umgekehrt eine Bedrohung für trans* Menschen durch geltendes Recht und die Gesellgeschaft im Allgemeinen. Es sind nicht cis Frauen in Frauenschutzräumen, die gefähdet sind, sondern trans* weibliche Menschen, denen zu oft der Schutz durch solche Räume verwehrt bleibt, die deshalb besonders vulnerabel bleiben.
Mit Argumenten ist hier, glaube ich, wenig zu machen, denn die liegen seit Jahren zu unseren Gunsten auf dem Tisch.
Nein, ich glaube wir kämpfen hier gegen einen Dämon. Die angeblichen Argumente sind nur sinnbildlich zu verstehen, als Ausdruck von irrationalen Ängsten. Angst vor dem Unbekannten vielleicht. Und Angst vor Veränderung. Vielleicht auch Verlustängste. Wir sägen an einer vermintlichen Grundfeste dieser Gesellschaft, einem Geburtsrecht, dem binären Geschlechtermodell. Es ist wie das universelle Recht auf Freiheit, körperliche Unversehrtheit, das Recht wählen zu dürfen, Bildung zu erlangen, Gleichheit vor dem Gesetz und dem Staat. Alle diese Rechte sind eigentlich völlig selbstverständlich, dennoch wurden und werden sie nicht allen gleichermaßen zuteil.
Bevor Frauen Zugang zu Bildung zugestanden wurde, galten sie dafür als ungeeignet. Klar, gebildete Frauen konnte es nicht geben, denn sie hatten auch keinen Zugang dazu!
Frauen galten als ungeeignet für allgemeine Berufe. Klar, sie hatten keinen Zugang zum Arbeitsmarkt! Schlimmer noch, ihre Männer hätten zustimmen müssen!
Frauen wären nicht für die Politik geeignet. Klar, denn sie wurden nicht zugelassen und durften nicht wählen!
Die Aufzählung könnte man lange fortsetzen. Allen diesen Punkten ist gemein, dass es keine rationalen Argumente dafür gab, nie. Es gab nur Ängste, ein "hätte, könnte, würde", nichts Konkretes. Genauso ist es mit den trans* Rechten. Wir können noch so gute rationale Argumente dafür anführen, wir werden damit die, die jetzt Ängste gegen uns schüren, nicht überzeugen können, dieser Dämon entzieht sich Argumenten, sie gehen durch ihn durch wie Pfeile durch Nebel.
Wenn ich über diese Dinge nachdenke, komme ich eigentlich immer wieder nur zu dem Schluss, dass nur eines wirklich helfen wird: Wir müssen sichtbarer werden! Und wir müssen immer und wieder erzählen was uns widerfährt, weil uns diese Rechte nicht zugesprochen werden. Wir müssen von den Ängsten von trans* Menschen berichten, ganz konkret. Wir müssen aufzeigen, wo und wie wir diskriminiert werden und welche konkreten Folgen dies für uns hat, an ganz konkreten Beispiele, Opfer müssen sichtbar werden, ihre Geschichten erzählen. Erst dann wird sich etwas ändern, wenn wir breit klar machen können, dass es sich hier nicht um eine akademisch theoretische Sache handelt, sondern dass hier ganz konkrete Schicksale betroffen sind, dass hunderten und tausenden Menschen Unrecht angetan wird und das dieses Unrecht Gesundheit und Leben gefährdet.
Wir sind in Deutschland Meister darin, Probleme zu kaschieren. Wir deckenn sie zu, damit sie nicht mehr direkt sichtbar sind, doch unter Decke befindet sich das gleiche eiternde Geschwür wie zuvor, nur wir sehen es nicht mehr, "Es gibt hier nichts zu sehen, gehen Sie weiter!". Das TSG war die erste solche Decke. Damit trans* Menschen nicht völlig rechtlos dastehen, wurde eben etwas geschaffen, dass so ein bisschen das Problem löst, aber eben nicht ganz und nicht richtig. Decke nochmal wegnehmen und richtig machen? Warum denn? Ist doch nichts zu sehen! So geht es ständig. Trans* Diskriminierungsschutz? Ach nee, ähm, ist doch mit "Gechlecht" mit gemeint. Nein! Mitgemeint reicht nicht! Denn im Zeifelsfall sind wir dann die ersten, die hinten runter fallen, wenn wir nicht ausdrücklich benannt werden. Es gibt im Deutschen Recht genau zwei Stellen, an denen wir vorkommen, im TSG und im SGB-V. Ernsthaft? Selbst das AGG, das prädestiniert für eine explizite Benennund wäre, benennt Trans* mit keinem Wort [1] (übrigens im Gegensatz bspw. zu Kalifornien, wo es ausdrückliche Rechte für trans* am Arbeitsplatz in deren Arbeitschutzgesetz gibt!).
Bisher wurden fast ausschließlich Dinge unternommen, um uns aus der Gesellschaft auszublenden, uns dieser Gesellschaft gefügig zu machen, uns anzupassen, damit wir nicht auffallen. Die, die von cis Menschen als 'passabel' beurteilt werden, denen wird das Privileg zugestanden, am cis hetero Tisch Platz zu nehmen, aber bitte schön still und gut angepasst. Was hier geschieht ist die Unterdrückung von Trans*, die Negation, das Ausblenden und die Unsichtbarkeitmachung(*) von Trans*.
Sichtbarkeit ist, glaube ich, das einzige, was hier hilft. Wir müssen als Trans* für uns und unsere Recht einstehen, sichtbar und stolz! Wenn wir etwas erreichen wollen, können wir uns nicht hinter einem cis-Passing Schutzschild verstecken, dies ist kontraprodutkiv. Sicherlich kann das nicht jede_r. Sicherlich ist es schmerzhaft. Es wird zu Ablehnung und Anfeindungen führen. So war es schon immer für Wegbereiter_innen. Ghandi soll einmal gesagt haben:
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Ich glaube, wir sind aktuell irgendwo zwischen der "ignorieren sie dich" und der "lachen sie über dich" Phase. Wenn sie beginnen zu realisieren, dass sie es hier mit einer tapferen, mutigen und selbstbewussten großen Bewegung zu tun haben, dann werden sie uns zu bekämpfen versuchen. Doch das wird ihnen nicht gelingen und dann werden wir gewinnen. Warum ich mir da so sicher bin? Als Irland, ja das katholisch konservative Irland, 2015 ein weitgehendes Selbstbestimmungsgesetz einführte, war dies der unglaublich großartige Erfolg einer Armee von trans* Personen. Trans* Personen die offen und sichtbar in den Wochen vor der Abstimmung von Haus zu gingen und den Menschen ihre Geschichte erzählten, davon berichteten, was dieses Gesetz für trans* Menschen und sie im Besonderen bedeutet. Und sie erzählten davon, was es für sie bedeuten würde, wenn das Gesetz nicht verabschiedet würde. Sie hatten Erfolg!
Wir dürfen uns nicht länger von unverbindlichem Politiker_innen Gutmenschentum abwimmeln lassen. Gut gemeint ist nicht gut gemacht! Mit gemeint heißt ignoriert!
Ich bin es leid ignoriert zu werden.
Und noch ein letzter (Ab-)Satz zur aktuellen politischen Lage. Wirtschaftskrise, Corona-Krise, Euro-Krise, Klimakrise, Politik und Bevölkerung sind in einem ständigen Krisenmodus. Die Stimmung ist angespannt, die Konzentrations- und Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer. Die ersten Themen, die darunter leiden, sind die der Minderheiten, wie eben unsere, Trans* Themen. Der immer weiter um sich greifende Populismus, befeuert durch die Blasenbildung von Verschwörungstheorien und "alternativer Fakten / Realitäten" ist mit faktischen Argumenten immer öfter kein Durchkommen mehr. Ich habe aktuell ernsthaft Angst, in welche Richtung sich dies entwickeln wird. Weltweit sehen wir einen Trend, LSBTIQ* Rechte eher zu beschneiden und zu unterdrücken. Selbst in einigen EU Staaten werden die Uhren wieder zurück gedreht, Polen und Ungarn nehmen sehr unrühmliche Vorreiterrollen ein. Auch in Deutschland nimmt der rechts-außen Populismus erschreckend Fahrt auf. In meiner Stadt hat vor einem halben Jahr ein "Parteibüro" des rechtsradikalen "Dritte Weg" augemacht, die natürlich gegen LSBTIQ* hetzen, wo sie nur können. Und prompt wurde vor einem Monat eine LSBTIQ* Person in Siegen verprügelt. Personen dieser Gruppe belagerten den Wohnort des Opfers, zeigten den Ort offen im Internet, verhöhnten das Opfer und markierten damit den Ort. Was kommt als Nächstes? Merkieren von LSBTIQ* Orten? Ja, hatten wir schon! Letztes Jahr zum CSD plakatierten sie das lokale LSBTIQ* Zetrum mit LSBTIQ* feindlichen Schriften. Schaufenster einwerfen? Hatten wir auch schon, die Parteibüros von Grünen und Linken kurz vor dem CSD. Verbrennen von Fahnen? Ja klar! Hatten wir auch, Regenbogenfahnen klauen und dann verbrennen. Wohin sind wir gekommen, wenn ich mich als LSBTIQ* Mensch nicht mehr traue, bestimmte Gegenden meiner Stadt aufzusuchen oder die Innenstadt vermeide, wenn diese "Gruppen" dort unterwegs sind!? Terrorismus ist definiiert als "abgeleitet über "Terror" von lateinisch terror "šFurcht"˜, "šSchrecken"˜) versteht man kriminelle Gewaltaktionen gegen Menschen oder Sachen (wie Morde, Entführungen, Attentate und Sprengstoffanschläge), mit denen politische, religiöse oder ideologische Ziele erreicht werden sollen". Genau das ist dieser rechtskonsvertive Populismus - eine Form von Terrorismus mit keinem anderem Ziel als der Einschüchterung.
Ich wage an dieser Stelle zwei Prognosen oder Vorhersagen.
1. Eine TSG Reform wird es in absehbarer Zeit nicht geben, wenn es keine signifkante Veränderung auf einer der beiden Seiten gibt. Wenn alles so weiter geht wie jetzt, wird mal wieder das passieren, was auch die letzten Jahren immer passiert ist, man wird darüber geredet haben und dann verschwindet es wieder in einer Schublade. Entweder es gibt ein Erwachen in der CDU/CSU, wonach es eher nicht aussieht oder wir, d.h. die Trans* Community, werden massiver, wonach es leider auch nicht aussieht. Meine Prognose ist also, keine Reform in dieser Legislatur und sehr wahrscheinlich auch nicht danach. Die aktuellen Krisen werden vermutlich zu einer weiteren CDU geführten Regierung führen und mit der ist das einfach nicht zu machen, was man leider in der Bundestagsdebatte und der Anhörung erfahren konnte. Einziger Hoffnungsschimmer ist die aktuell noch anhängige Verfassungsbeschwerde nach dem unsäglichen BGH Urteil. Sollte das BVerfG im Sinne der Beschwerde entscheiden, dann könnte ganz vielleicht der Gesetzgeber dazu gezwungen werden, den Par. 45b PStG ganz zu öffnen.
2. Die Corona- und damit einhergehende Wirtschaftskrise werden zu einer weiteren Vertärkung populistischer und vor allem rechts-populistischer Tendenzen führen. Dies wird zu einer weiteren Spaltung unserer Gesellschaft führen, die ohnehin schon durch die wirtschaftlichen Umstände immer weiter auseinander driftet. "Alternative Fakten" werden zunehmen, genau wie die Zahl der Menschen, die man mit rationalen Argumenten nicht mehr erreichen kann. Diese "Blase" ist so LSBTIQ* feindlich, wie sie realitätsfremd ist. Auch das sehen wir bereits, Begriffe wie "Gender-Gaga" oder "Gender Ideologie" kursieren, um Gleichstellungsbemühungen zu diskreditieren. Hier fallen auch wir voll hinein und erfahren ganz direkten harten Widerstand. LSBTIQ* Feindlichkeit wird zunehmen, nur werden wir es, typisch für Deutschland, nicht sehen, denn Hassverbrechen mit LSBTIQ* feindlichem Hintergrund werden in den Kriminalstatistiken als solche nicht erfasst - "Es gibt nichts zu sehen, gehen Sie weiter!".
Was bleibt? Ich weiss es nicht. Kampf oder aufgeben. Einigeln und abwarten oder Aufstehen? Ich habe gesehen, erlebt und selbst erfahren, was Kampf bedeutet. Ich muss gestehen, dass meine Energie dazu schwindet, was mich in gleichem Maße auch beängstigt, denn ich erahne was passieren wird, wenn nicht möglichst viele dagegen aufstehen und den Kampf auf sich nehmen. Jetzt hör' ich mal auf... danke für's zulesen
Liebe Grüße
nicole
(*) Ha, die älteren hier werden den Begriff noch aus anderen unendlichen Diskussionen mit gewissen Personen kennen

Nur verwende ich ihn hier in etwas anderem Zusammenhang...
[1]
https://www.gesetze-im-internet.de/agg/ ... 10006.html