Kap. 44: "Sag mal, du bist doch 'ne Transe, oder ?? "
Alice war bald wieder gegangen, sie hatte offenbar noch irgendetwas zu tun an diesem Abend, und Valerie blieb mit ihrer Freundin Erica an dem kleinen runden Tisch mit Blick auf die Tanzfläche sitzen. Gerade war Gunnar zu ihr an den Tisch gekommen und hatte sie zum Tanz aufgefordert, mit einem ganz zauberhaften Lächeln. Man muss sagen, dieses Lächeln mochte sie ganz besonders an ihm, obwohl sich die beiden ja eigentlich noch nicht so lange kannten.
Ali, der Chef des Hauses und gleichzeitig sein eigener Discjockey, also der, der die Platten auflegt und für die gute Stimmung verantwortlich ist, spielte an diesem Abend ganz "softe Sachen", was sein Samstagabend- Publikum eben so erwartete von ihm, also die Art von Kuschelrock wie man es damals gelegentlich nannte, viel von Madonna oder Phil Collins und diese Stücke, Michael Jackson und so, alles sehr nett und stimmungsvoll...
Valerie ging voran zur Tanzfläche, die Leute tanzten alles mögliche, viele tanzten solo und für sich, oder auch solo zu zweit, einige Paare auch klassisch zusammen, aber Valerie wollte erst mal allein tanzen, bewegte den Körper im Rhythmus der Musik schon bevor sie die Tanzfläche betrat, schwang dann Hüften und Po, stampfte auch ein wenig mit den Beinen so gut es die High Heels eben zuließen, streckte die Arme und Hände in die Luft und überließ sich der Musik. Gunnar blieb bei ihr, tat es ihr nach und betrachtete sie. Valerie war, wie immer wenn sie sich der Musik hingibt, gleich völlig gelöst und eins mit dem Lied, das gerade gespielt wurde, hatte gleich wieder die Augen geschlossen und war ganz konzentriert dabei.
Dann kam etwas von Elton John an die Reihe, ein langsames, romantisches Stück. Gunnar kam auf sie zu, fragte kurz, nur der Höflichkeit halber:
" Darf ich ? "
Als sie nur lächelte, nahm er sie sofort in den Arm, zuerst ganz normal, seine linke Hand in ihrer Rechten, seine rechte Hand auf ihrem Rücken, so führte er sie und ihr war das ganz angenehm, sie ließ es geschehen. Sie bemerkte gleich, dass er gut tanzen konnte, ging mit, gab sich seiner Führung hin und es gefiel ihr sehr.
Nach einigen weiteren Tänzen hatte sie dann aber genug, die Schuhe wurden ihr wirklich zu eng, sie winkte ab, schüttelte den Kopf und mit einer Handbewegung auf ihre hohen Schuhe gab sie ihm zu verstehen, sie wollte jetzt eine Pause. Er brachte sie zum Tisch zurück, schleppte aber sofort darauf Erica ab, um mit ihr weiter zu tanzen, gleich waren beide auf der Tanzfläche verschwunden.
Valerie bleib am Tisch und orderte mit einer Handbewegung einen weiteren Softdrink. Obwohl es ihr sehr gefallen hatte mit Gunnar zu tanzen, ärgerte sie sich insgeheim ein wenig, dass sie heute Abend nichts Hübscheres angezogen hatte als diesen weiten Schlabberpulli zum engen Businessrock, eigentlich klar, passte das ja überhaupt nicht zusammen, aber man war ja auch nur für einen Spaziergang zusammen rausgegangen ins Städtchen und dieses Tanzlokal war eben nur zufällig am Weg gelegen und zufällig hatte es gerade geöffnet, das MAGNET und man hatte halt gerade Lust, alle drei.
Valerie war in Gedanken. Ob das wohl noch etwas werden würde mit diesem Gunnar? Sie war aus ihren Schuhen geschlüpft, streckte die Beine und suchte mit den Augen die beiden auf der Tanzfläche: Ja, da waren sie ganz hinten, und natürlich tanzten sie ganz eng und langsam, Valerie kräuselte ein wenig die Stirn. Der ging ja ran, dieser Gunnar ! Das ging ja schnell mit den beiden !
Dann kamen Erica und Gunnar zurück, und diesmal war es Erica, die sich erst gar nicht mehr hinsetzte, sondern sich dann auch gleich verabschieden wollte. Valerie war zuerst ein klein wenig überrascht, aber dann verstand sie, dass Erica ihr den restlichen Abend mit Gunnar überlassen wollte, und das war ihr eigentlich auch ganz recht so. Nach ein paar Bussis links und rechts verabredeten sich die beiden Mädels, man wollte sich morgen, am Sonntag mal anrufen, und kurz darauf war Erica auch weg, und Valerie war mit Gunnar allein am Tisch. Er fragte sie, was sie noch trinken wollte, sie bestellten dann noch jeder ein Glas Prosecco.
Die Musik machte Pause, die beiden hockten eine Weile vor ihren Gläsern, sprachen nicht viel, er schaute sie nur an und sie beschäftigte sich mit ihrem Weinglas, um seinen Blick zu vermeiden. Dann begann er doch zu reden:
"Du sag mal was ich dich schon mal fragen wollte.. aber du musst mir vorher etwas versprechen..." Er zögerte noch.
Sie schaute ihn an. "Was ist los?"
"Versprich mir vorher: Nicht böse sein, wenn ich das frage..."
Sie überlegte. Was würde das wohl werden? Bestimmt will er mich fragen, ob ich Single bin wie er...
Doch dann wusste sie plötzlich Bescheid. Er wollte viel, viel mehr wissen, er war ja nicht blöd. Sie sagte zuerst gar nichts, nickte dann, lächelte, wollte die die Lage entspannen.
"Klar doch, frag mich was du willst"
Er druckste erst noch ein wenig herum, doch dann kam seine Frage doch recht unvermittelt und traf sie wie ein kleiner Hammer:
"Sag mal, du bist doch 'ne Transe, oder liege ich da falsch?" Und diesmal lächelt er überhaupt nicht, sondern sein Gesicht blieb ganz ernst.
Jetzt war es gesagt, er schaute ihr dann eine ganze Zeit lang intensiv in die Augen und sie starrte genauso zurück.
"Ich weiß wirklich nicht, wie ich das beantworten soll, es tut mir echt leid"
antwortete sie dann, nachdem etwa eine halbe Minute lang kein Wort mehr gefallen war zwischen ihnen. Und es war eine ehrliche Antwort gewesen, sie wusste es nicht, was sie war, es gab keinen Namen dafür, wenigstens kannte sie keinen.
Soviel für heute. Das klärende Gespräch wird jetzt natürlich erst richtig losgehen (ich weiß jedoch heute noch nicht, ob es überhaupt Klärung bringt), aber darauf müsst ihr noch warten, vielleicht bis zum kommenden Donnerstag?
Schönen Gruß an alle Leserinnen und Leser von
Valerie
