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Re: Ostwind
Verfasst: So 9. Apr 2017, 22:49
von online52
Danke! Und bitte weiter.
Gruß
online
Re: Ostwind
Verfasst: So 16. Apr 2017, 17:35
von Anne-Mette
Auf dem Nachhauseweg trifft Hedwig den Bürgermeister.
Er will sich noch einmal bedanken für ihren Einsatz, ihr aber auch noch einmal ans Herz legen, die geflüchtete Familie aufzunehmen.
"Es ist doch nur für eine kurze Zeit", sagt er, "und es gibt sicheres Geld außerhalb der Saison!"
Hedwig zögert noch, wendet ein: "es ist doch bis jetzt sehr kalt; in den neuen Räumen kann niemand wohnen".
"Dann rückt ihr ein wenig zusammen — und wenn die Leute geschickt sind, dann helfen sie Dir bei den Arbeiten.
Es wird bestimmt nicht Dein Schade sein!"
Nach einer Weile rückt er noch mit einem Angebot heraus.
"Du kennst doch den alten Bunker am Südrand des Dorfes?"
"Ja, wer kennt den nicht!"
Von außen sieht er aus wie ein kleiner, grasbewachsener Hügel. Er steht am Rande der Chaussee.
Als Kind haben sie ihn beim Spielen als Versteck benutzt — oder sich auf dem Schulweg bei Regen untergestellt.
Es ist ein sehr kleiner Bunker, der nur aus einem Raum besteht.
Ein paar Blechschränke stehen darin — sonst nichts.
Es kann sich niemand daran erinnern, dass er jemals gebraucht wurde.
Das soll auch so bleiben, Gott bewahre!
"Den Bunker kannst Du haben", lockt der Bürgermeister, "er wäre doch gut geeignet für Deine Netze und Gerätschaften!"
Hedwig überlegt noch. Eigentlich ist der Netzschuppen genau richtig wie er ist; denn da er in seinen hölzernen Wänden viele Risse und Lücken hat, besteht immer ein gewisser Luftzug, der die Netze trocken hält.
Trotzdem will sie es sich überlegen.
"Schlag zu!"
Der Bürgermeister nennt eine Pacht, die lächerlich niedrig ist und meint abschließend: "für 25 Jahre abgemacht! - und ein paar Quadratmeter Pachtgrund sind auch dabei".
Da kann Hedwig nicht "nein" sagen.
Der Bürgermeister freut sich: "Vielleicht baust Du aus dem Netzschuppen mal ein Ferienhaus und bist froh,
dass Du eine andere Lagerstätte abseits von eurem Grundstück hast!"
Adelheid ist das erste Mal seit einigen Tagen wieder zur Arbeit gefahren.
Hedwig ist allein und hat Zeit zum Nachdenken.
Immer noch schämt sie sich für das, was in der einen Nacht passiert ist.
Kann sie das jemals wieder gut machen, kann sie das Vertrauen und die Liebe zurückgewinnen?
Sie grübelt.
Gern würde sie das Denken ausschalten, aber es gelingt ihr nicht.
Sie kann nicht entspannen.
Auch die Männer-Runde in der Fährschänke beschäftigt sie.
Schließlich muss sie an die Worte des Mannes denken, der behauptet hat, der Kutter hätte auch "unter Wasser geleuchtet".
Das muss mit diesem schrecklichen Buch zu tun haben.
Magda und Ulli spielen — und es ist fast Niedrigwasser. Die Gelegenheit wäre günstig, nach dem Kutter zu schauen.
"Ich komme bald wieder!"
Von Magda kommt nur ein missmutiges "wer"™s glaubt"¦".
Ulli fragt: "Mama weg?"
"Ja, aber Mama kommt gleich wieder!"
"Bald", verbessert sie sich.
Der Kutter liegt starr auf dem Grund; die Leinen, die die Männer noch ausgebracht haben, um ihn zu sichern, haben keine Funktion und hängen lose herunter.
Das Niedrigwasser gibt große Teile der Bordwand frei. Aus großen Ritzen zwischen den eingedrückten Planken strömt Wasser nach außen; an anderen Stellen tropft es.
"So schlimm ist es doch nicht", überlegt Hedwig, "wenn nicht unter Wasser noch größere Schäden am hölzernen Rumpf entstanden sind, dann müssten wir das Schiff doch so weit flott bekommen, dass wir es zum Strand verholen und dort reparieren können!"
Sie denkt auch an die große Motorpumpe des Muschelfischers, der regelmäßig mit Salzwasser seine Muscheln spült, wenn die sich in den Entsandungskästen befinden.
Aber erst einmal hat Hedwig andere Probleme.
Sie muss an Bord gelangen und versuchen, das Buch zu holen.
Der Abstand von der Mole ist so groß, dass sie es selbst mit einem sehr großen Schritt nicht schaffen würde. Eine Planke liegt auch nicht bereit; denn die Leute, die sich fast immer am Hafen aufhalten, haben alles in die Bootshalle gebracht, was durch Sturm und Eis abhanden kommen könnte.
Ausgerechnet heute ist niemand zu sehen — und die Halle ist verschlossen.
Das kleine Beiboot des Muschelfischers liegt aber im Hafen.
Das könnte sie sich "ausleihen".
Sie mag dieses Mistding nicht besonders; denn es ist aus Blech und hat einen runden Boden, sodass es unruhig und kippelig im Wasser liegt.
Manch einer hat es schon durch eine ungünstige Bewegung zum Kentern gebracht.
Für das Boot ist das nicht schlimm; denn es hat zwei große Lufttanks; aber es landeten schon mehrere Männer im Hafenwasser und wurden für so lange Zeit als "Hafenmeister" ausgerufen, bis ein anderer so gnädig war, sie abzulösen.
Aber egal: Hedwig springt genau in die Mitte, sodass das Boot zwar bedenklich schaukelt, aber nicht kentert.
Sie versucht es mit Wriggen, muss sich aber auch manchmal mit dem Bootshaken von den Eisschollen abstoßen, die sich immer noch im Hafenbecken aufhalten und sie am glatten Fortkommen hindern.
Gekonnt umschifft sie den südlichen Molenkopf und macht schließlich am Kutter fest.
Wie der sich in den wenigen Tagen verändert hat!
Die Natur mit ihrem Geben und Nehmen haben Eis, Schlick und Muschelzeug auf dem breiten Deck hinterlassen. Dafür fehlen einige Holzteile, die dem Eisgang nicht standgehalten haben.
Es ist so rutschig, dass Hedwig sich nur auf allen Vieren vorwärts bewegen kann.
Sie hangelt sich bis zum Bug.
Alle Lukendeckel sind fort. In der kleinen Kajüte steht das Wasser noch ziemlich hoch.
Es riecht an Bord ganz anders als sonst; es riecht nach Watt.
Ihr Arm will erstarren, als sie, auf dem Bauch liegend in das kalte Wasser greift und vorsichtig forschend nach dem Deckel der Backskiste angelt.
Sie hat fast das Gefühl, kopfüber in die Kajüte zu fallen, so weit muss sie sich nach unten beugen.
Es ist ein Wunder: schließlich hält sie das Buch in der Hand, das ihr entgegenschwimmt, als es nicht mehr vom Deckel zurückgehalten wird.
Die beiden Schwimmwesten bleiben unter Wasser liegen. Sollten die nicht schwimmen?
Das macht Hedwig nachdenklich, aber erst einmal hat sie andere Sorgen.
Sie muss wieder an Land kommen, das Buch irgendwo sicher unterbringen und Willi wieder aufbauen; denn er scheint zu keiner Handlung fähig. Er hat den Kutter wohl abgeschrieben, aber Hedwig, sie hat einen Plan!
Merkwürdiger Weise kleben die Seiten des Buches nicht zusammen.
Überhaupt wirkt es kaum feucht, unbeschädigt und strahlt immer noch eine gewisse Wärme aus.
Wie kann das sein?
Das kleine Boot, diese rostige Blechbüchse, bringt Hedwig an Ort und Stelle zurück.
Niemand wir etwas davon bemerken, dass sie es benutzt hat.
Im Haus will sie das Buch nicht mehr haben; auch im Netzschuppen hat es nur Unglück gebracht. Hedwigs Gedanken
arbeiten sich mühevoll zu einer Lösung hervor, die ihr vernünftig erscheint: das Buch muss in den Bunker.
Wenn sie die eiserne Tür verschließt, sodass niemand mehr Zutritt hat, dann kann von ihm keine Gefahr mehr ausgehen.
Als Hedwig endlich alles erledigt hat, merkt sie erst, wie schmutzig sie ist.
Lange steht sie draußen an der Pumpe und wäscht sich, obwohl es bitterkalt ist.
Wenn der Kutter gerettet werden soll, muss es schnell gehen.
Hedwig zieht sich um.
Ulli macht seinen Mittagsschlaf.
"Ich geh mal eben zu Willi".
Magda gibt sich keine Mühe, ihren Unmut zu verbergen.
"Es muss sein", erwidert Hedwig trotzig.
Willi ist leider, obwohl es noch mitten am Tag ist, ziemlich betrunken und jammert: "hätte ich doch nur"¦".
Hedwig hat große Mühe, seine Lebensgeister zu wecken.
Sie ist überzeugt: "wir können den Kutter retten!"
"Meinst Du?"
"Ja, natürlich!"
Hedwig erzählt nichts von dem Buch, das sie ein wenig in Verdacht hat, zu dem Unglück beigetragen zu haben.
Lieber erzählt sie von der Idee, wie das Leck "erstmal" zu stopfen wäre.
Beim Schrotthändler, bei dem sie regelmäßig vorbeischaut, weil der fast immer etwas auf dem Platz hat, was man brauchen kann, hat sie vor einiger Zeit eine große verzinkte Blechplatte gesehen.
"Du meinst als Leichentuch?"
Willi ist immer noch zum Jammern zumute.
"Die wollen wir doch nur über die Leckstellen nageln, um anschließend den Kutter leer zu pumpen und an den Strand zu verholen!"
"WIR wollen?"
Willi hat tausend Gründe, die dagegen sprechen.
Zuletzt meint er: "der Muschelfischer gibt uns die Pumpe NIE!"
Wenn Du Dich nicht bewegst, mache ich es alleine", droht Hedwig, "ich fahre jetzt und hole die Platte!"
Re: Ostwind
Verfasst: Sa 6. Mai 2017, 09:02
von Bianca D.
Moin Anne-Mette,
ich weiß nicht,wie es den anderen Lesern deiner Geschichte um Hedwig geht,aber ich bin neugierig,wie es weitergeht! Ich würde mich freuen,wenn es bald eine Fortsetzung gäbe.
Schönes Wochenende! Und das soll ja mal
werden
LG Bianca
Re: Ostwind
Verfasst: Sa 6. Mai 2017, 09:40
von Anne-Mette
Moin,
bitte noch etwas Geduld. Im Moment bin ich froh, wenn ich meinen Alltag einigermaßen bewältige und ich nicht drängende Aufgaben "auf Halde" liegen habe
Gruß
Anne-Mette
Re: Ostwind
Verfasst: Sa 6. Mai 2017, 11:10
von Noemi
Guten Morgen,
och wie schade:-( wieder warten
hatte mich schon so auf die Fortsetzung gefreut,als ich Ostwind in der Übersicht las.
Aber warten wir weiter.Gut Ding will Weile haben heisst es doch:-)
Habt ein schönes WE
LG
Noemi
Re: Ostwind
Verfasst: Mi 10. Mai 2017, 21:22
von Ulrike-Marisa
Moin zusammen,
der Ostwind ist ein ständig wiederkehrender Begleiter in unserem Bundesland im Hohen Norden. Gerade hatten wir eine längere Phase mit oft starkem Ostwind und eisigen Temperaturen; das Ende des Winters ist wohl nun erreicht, der nächste Ostwind wird milder sein.
Dann warten wir jetzt geduldig auf den nächsten "Ostwind"; alles hat seine Zeit im Leben...
Beste grüße, Ulrike-Marisa

Re: Ostwind
Verfasst: So 14. Mai 2017, 15:24
von Anne-Mette
Hedwig kommt mit der Blechplatte zurück. Außerdem hat sie einen Topf Teer ergattert.
Willi ist nur schwer zu motivieren. "Es hat keinen Sinn", mault er so lange, bis es Hedwig zu viel wird und sie sagt: "hör auf zu quarken!"
Ostwind
Bei Niedrigwasser stehen vier Männer und Hedwig im Schlick und versuchen, die Platte über die Leckstellen zu nageln.
Es ist eine kalte und nasse Angelegenheit.
Hedwig arbeitet nicht nur gegen die Zeit; denn die Flut wird bald auflaufen.
Sie arbeitet auch gegen ihr schlechtes Gewissen. Wieder musste sie Ulli bei Magda lassen. Sie denkt an ihn; aber das wird ihm nicht viel geben.
Ein fauchender Gasbrenner hat den Teer halbwegs flüssig werden lassen. Mit einem alten breiten Pinsel tragen sie die immer noch zähe Masse so auf, dass sie die Platte gegen die Bordwand abdichten soll.
Als die Platte ihnen wiederholt entgleitet und im Wasser landet, stellt sich auch Hedwig die Frage: "wozu das alles, lohnt sich das überhaupt?"
Aber sie beißen die Zähne zusammen. Endlich sitzen ein paar Nägel; die Platte bleibt an Ort und Stelle. "Sitzt, wackelt und hat Luft", meint einer, aber das wird nur mit einem müden Lächeln quittiert. "Nagel an, nagel an", mahnt einer.
Als die Tide kentert und das Wasser an der Mole vorbei in die Bucht strömt, ist die Platte so befestigt, dass sie ihren Dienst erfüllen kann.
Nun bekommt die solide Pumpe des Muschelfischers die Gelegenheit, sich auszuzeichnen.
Sie wird in den vollgelaufenen Rumpf hinabgelassen.
Dem Muschelfischer geben sie ein Zeichen und er dreht die 1000 Mal geflickte Sicherung in den Stromkasten, der das mit einem Funkenregen quittiert.
Erst widerwillig, dann beständiger nimmt die Pumpe ihren Dienst auf.
Der dicke Schlauch, der auf dem Boden liegt, füllt sich mit Wasser, wird prall und wirkt lebendig und Hedwig muss an den Hengst denken, den sie einmal auf ihrem Schulweg am Watt entlang beobachtet hat, wie der sich an eine Stute heranmachte.
"Am besten wäre, wir spülen mit dem Wasser erst einmal das Deck frei", fällt ihr ein.
Sie greift das Endstück des Schlauches mit der metallenen Spritzdüse und richtet sie auf das Deck.
Die Pumpe erzeugt einen enormen Druck, sodass es ihr schwer fällt, richtig zu zielen.
Willi erkennt das und springt ihr zur Seite. Gemeinsam bändigen sie das Monster.
Über die Speigatten werden sie das Gemisch aus Schlick, Tang, Muscheln und Wasser nicht los.
Einer der Männer klettert an Bord und schlägt mit einer Axt ein gutes Stück des Schanzkleides fort.
Das geht ziemlich leicht; denn auch da ist das Holz morsch.
Als das Deck sich endlich bloß und frei zeigt, sehen sie erst das ganze Ausmaß des Schadens.
Das ist schnell gegangen; der Kutter sieht aus wie ein Wrack!
Aber immerhin: er schwimmt wieder. Zögernd richtet er sich auf.
"He schwimmt", meint einer der Männer.
Der Jubel ist noch etwas verhalten — und in den nassen Sachen ist ihnen nicht zum Springen und hüpfen zumute sie fühlen sich alle müde und schwer. Das Wasser schwappt in ihren großen Gummistiefeln.
Die Pumpe bleibt so lange im Einsatz, bis sie röchelnd anzeigt, dass der Rumpf erst einmal leergepumpt ist.
Ängstlich gucken sie, ob viel Wasser nachströmt; aber sie haben gute Arbeit geleistet.
Es tropft nur wenig.
Sie geben dem Muschelfischer ein Zeichen und er dreht die Sicherung aus der Fassung.
Die Pumpe verstummt und wird an Land gehievt.
Die Männer würden gerne nach Hause gehen; aber die Arbeit ist noch nicht geschafft. Der Kutter muss noch auf die andere Seite der Mole verholt werden und möglichst weit auf den Strand gezogen werden.
Es ist schon fast dunkel, als sie auch das geschafft haben.
Willi will noch mit ihnen in die Fährschänke, aber alle sind müde und völlig kaputt.
"Lass mal, morgen ist auch noch 'n Tach", sagen die Männer.
Auch Hedwig zieht es nach Hause. Ihr ist mulmig bei dem Gedanken, dass sie wieder den ganzen Tag fort gewesen ist.
Sie hat sich schon darauf eingestellt, unfreundlich und abweisend empfangen zu werden, aber sie hat sich getäuscht.
Ihre Mutter ist freundlich und fürsorglich.
Sie hilft ihr sogar raus aus den nassen Klamotten.
Ein Kessel mit heißem Wasser steht bereit, sodass Hedwig sich erst einmal waschen kann.
Der Herd knallt seine Wärme, die er durch schnell brennendes Holz gewinnt, so in die Küche, dass sie nicht nur den Eindruck hat, langsam aufzutauen, sondern geröstet zu werden.
Sie weicht ein paar Schritte zurück.
"Die Flüchtlinge kommen in den nächsten Tagen", wirft Magda so ganz nebenher in den Raum, "der Bürgermeister war vorhin hier und hat Geld gebracht. Das ist für den ersten Monat und für eine Grundausstattung, die wir besorgen sollen.
Zusammen mit Adelheid hat sie die Gästekammer aufgeräumt und alles sauber gemacht.
In den ersten Tagen wird das bestimmt gehen und sie können es erst einmal verkraften, etwas beengt zu wohnen, aber wenn sie längere Zeit bleiben sollten, dann müssten sie einen von den neuen Räumen beziehen.
Aber die sind noch nicht fertig. Wie sollen sie das auch noch schaffen?
Re: Ostwind
Verfasst: So 11. Jun 2017, 17:29
von Anne-Mette
Moin,
der Kutter liegt zwar auf dem Trockenen; aber ich werde versuchen, dass die Geschichte wieder Fahrt aufnimmt.
Ideen hab ich genug - nur fehlte die Zeit.
Der Kutter liegt hoch auf dem Strand. Fiete brachte Eisenmatten, die er von den Engländern "geerbt" hat. Man sagt, er hätte mit einigen Flaschen Schnaps nachgeholfen, dass der Lastwagen so lange vor seinem Haus hielt, bis einige dieser Matten hinter dem Gartenzaun verschwanden.
Mit den Rollen auf den Matten fuhr der Kutter fast von allein auf den Strand. Der Traktor, der ihn zog, musste sich nicht einmal besonders anstrengen.
Nun ist er mit etlichen Stützen versehen, damit es nicht zur Seite fallen kann.
"Das Schiff liegt sicher", meint Willi und klopft auf das Holz des Rumpfes.
Es klingt dumpf, als wollte das Holz signalisieren: "so schnell wird er seinen trockenen Platz nicht wieder verlassen!"
Der Kutter sieht traurig aus — mehr ein Wrack als ein Schiff.
Trotzdem ist Hedwig froh; denn eine Last ist von ihr abgefallen, muss sie sich doch nicht mehr für eine Bergung verantwortlich fühlen; denn er liegt hoch und trocken und Wind und Wellen können ihm nichts mehr anhaben.
Ihr geht immer noch nicht der Gedanke aus dem Kopf, dass sie für den Untergang eine gewisse Schuld trägt. Hat sie nicht das unglückbringende Buch an Bord gebracht?
Nun muss sie sich erst einmal um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern.
Das macht sie gut. Sie arbeitet tagsüber an ihren Netzen und hat auch immer ein paar Augenblicke Zeit für Ulli.
Abends sitzt sie oft mit Adelheid zusammen. Sie nähern sich wieder an.
Es ist fast wie früher. Ein kleiner bitterer "Nachgeschmack" ist allerdings geblieben. Nur zögernd lässt Adelheid zärtliche und ganz intime Momente wieder zu.
Alle blühen auf. Selbst Magda blickt freundlich auf die beiden Frauen, die wieder als Paar zu erkennen sind.
"So könnte es eine Weile weitergehen", denkt sie, "und dann langsam besser werden!"
Sie muss über sich selbst lachen. Das kommt selten vor.
"Was hast Du, Mutter?" fragt Hedwig besorgt.
"Ach — nichts, ich freue mich nur!"
Hedwig holt die Flüchtlingsfamilie vom Bahnhof ab.
Sie ist überrascht: sie haben nur einen einzigen, schon richtig klapprigen Koffer dabei.
Hedwig fragt: "mehr Gepäck?"
Keine Antwort.
Sie fragt noch einmal, dieses Mal lauter — und fast buchstabierend: "mehr Gepäck?"
"Nein", antwortet der Mann, "wir haben unsere ganze Habe verloren. Das, was im Koffer ist, ist alles!"
Hedwig weiß nicht recht, was sie darauf sagen soll, ist richtig verlegen.
Sie ergreift plötzlich die Hand des Mannes und schüttelt sie kräftig.
"Herzlich willkommen bei uns, ich bin Hedwig. Ich bin mir sicher, Sie werden sich hier gut einleben!"
Der Mann hat einen festen Händedruck.
"Danke für die Aufnahme, immerhin ist ein Koffer etwas mehr als nichts — und wir werden hier sicherlich die Möglichkeit haben, uns mit ehrlicher Arbeit einen neuen Hausstand zu verdienen".
"Ganz bestimmt", sagt Hedwig, "wenn erst die Saison losgeht, dann ist hier auf der Insel manche Mark zu verdienen — und bis dahin finden wir auch noch etwas!"
Die Frau fröstelt auf dem zugigen Bahnsteig; denn sie hat nur einen dünnen Mantel an. Ihre Hand ist kühl und schmal, fast wie die Hand eines Kindes. Hedwig berührt sie nur kurz und flüstert fast: "willkommen, wir fahren jetzt ins Quartier!"
"Im Quartier, gibt"™s sicherlich Bier", reimt und scherzt der Mann, was von seiner Frau mit einem vorwurfsvollen Blick kommentiert wird.
Er sieht wohl selbst ein, dass das kein gelungener Einstieg ist und ergreift den Koffer.
Seine andere Hand wird immer noch von einem kleinen Kind in Beschlag genommen, das bisher keinen Laut von sich gegeben hat.
Hedwig geht in die Hocke, wendet sich dem Kind zu und fragt: "und wer bist Du?"
Das Kind verschwindet hinter dem Bein seines Vaters.
"Das ist Fritzi", antwortet die Mutter, "noch etwas schüchtern, aber das wird sich rasch geben!"
"Ich habe auch ein Kind", sagt Hedwig.
"Mädchen oder Junge?" fragt der Vater.
"Ulli!"
Der Mann guckt etwas verunsichert, überlegt einen Moment, sagt schließlich: "ich bin Konrad — und das ist Wilhelmine!".
Er zeigt auf seine Frau und fügt dann hinzu: "sag ja nicht Willi zu ihr, dann schlägt sie aus!"
Er lacht am lautesten über seinen Scherz. Die Frau macht deutlich, dass sie das nicht witzig findet und dass sie den Bahnsteig endlich verlassen will. Die Lokomotive hat sie in dunklen Rauch gehüllt.
"Ich bin Hedwig — und nun kommt!" Sie geht voran.
Der Koffer wirkt etwas verloren auf der Ladefläche. Hedwig hatte mit mehr Gepäck gerechnet.
Im Führerhaus finden sie alle Platz. Konrad nimmt das Kind auf den Schoß.
Die Frau sagt nicht viel auf der kurzen Fahrt, aber Konrad ist kaum zu halten.
"Guck mal, Kühe", ruft er erfreut aus, als hätte er gerade eine Herde Elefanten gesehen.
Magda, Adelheid und Ulli stehen vor dem Haus, um die Neuankömmlinge zu begrüßen.
Ein wenig reserviert klingt das "willkommen auf der Insel" schon, aber Magda wird sich Mühe geben mit den Gästen — das hat sie sich vorgenommen.
Der Westwind ist kühl. Die Frau zittert und meint: "dieser Wind, ist der immer so?"
"Nein", antwortet der Mann frech, "so milde ist es selten!"
Magda nimmt die Frau in den Arm und sagt mütterlich: "schnell ins Haus, die Küche ist geheizt!"
"Und Du bist der Ulli?", fragt Konrad und wendet sich dann an Hedwig: "die beiden Jungs können bestimmt gut miteinander spielen!"
"Nicht DER", sagt Hedwig darauf, "einfach Ulli".
Damit kann Konrad nichts anfangen, sagt aber erst einmal nichts weiter.
Sie gehen ins Haus.
Zum echten Bohnenkaffee gibt es einen Schnaps.
Die Frau bleibt ruhig und zurückhaltend, nippt nur an dem kleinen Glas.
Konrad erzählt von dem Hof, den sie bewirtschaftet haben.
Nach dem dritten Schnaps kommt er mehr und mehr in Fahrt. Die Felder werden immer größer, hat Hedwig den Eindruck.
Sie hält sich mit dem Schnaps zurück.
Die Frau hat bisher kaum ein Wort gesprochen.
"Willi, sach doch och mal watt", lockt der Mann.
"Jetzt haben wir nichts mehr, was nützt uns das Vergangene?"
Sie ist noch ein wenig mehr in sich zusammengesunken.
"Ach, datt wird schon wieder, nu kieken wir erst mal unser Quartier an!"
Re: Ostwind
Verfasst: So 11. Jun 2017, 17:38
von online52
Schön das es weitergeht,das warten hat sich gelohnt !
Gruß
online
Re: Ostwind
Verfasst: Fr 21. Jul 2017, 12:07
von Anne-Mette
Jeder findet seinen Platz.
Wilhelmine ist froh, dass sie nun ein eigenes Zimmer haben, in dem sie zur Ruhe kommen können.
In der Notunterkunft hat sie sehr gelitten; sie waren mit 20 Leuten in einer Baracke untergebracht — geflüchtete Menschen wie sie, vom Säugling bis zum 80-Jährigen.
Wilhelmine hat die schrecklichen Laute und den Gestank immer noch im Kopf.
Die Nächte waren besonders schrecklich.
Diese Nacht wird nicht schrecklich; aber etwas unruhig.
Hedwig, Magda und Adelheid müssen sich erst an die Neuankömmlinge gewöhnen.
"Das werde ich ihr austreiben", flüstert Hedwig unter der Bettdecke.
"Was?" fragt Adelheid.
"Sie soll nicht immer 'Jungchen' zu Ulli sagen!"
"Nun komm, lass uns morgen reden!"
Adelheid ist nicht in Stimmung für längere Gespräche.
Sie hat ganz andere Wünsche.
Wie lange sind sie nicht dazu gekommen?
Sie schiebt ihr Nachthemd hoch und führt Hedwigs Hand.
Alles wieder gut? Hedwig ist noch unsicher.
"Ja, alles wieder gut, lass uns den Stachel vergessen, der fast unsere Liebe vergiftet hätte!"
Hedwig ist vorsichtig und tastend.
Sie will keinen Fehler machen.
Adelheid bestimmt das Geschehen; der Druck der Hand wird fester.
Hedwig kann sich endlich lösen von der Anspannung.
Sie haben es schön zusammen.
"Du schmeckst gut!"
Kurzes Schnalzen mit der Zunge.
"Du auch!"
Die Nachthemden brauchen sie nicht mehr; die liegen bald übereinander auf dem Boden, als würden sie die Zärtlichkeiten der beiden Frauen weiterleben.
Selig schlafen sie ein.
Im Unterbewusstsein hört Hedwig die Haustüre ins Schloss fallen.
Ist da jemand auf Wanderschaft?
Magda wird doch wohl hoffentlich nicht wieder "ihre Tour" haben und zu Hein gehen?
Egal; sie will nur noch schlafen. Sie will diese Nacht festhalten, will sie in ihren Träumen bewahren.
Sie kommen schwer aus dem Bett.
Magda hat schon Frühstück gemacht. Wilhelmine sitzt erwartungsvoll am Tisch.
"Jungchen, kommt Frühstücken", ruft sie.
Auf Hedwigs Stirn zeigen sich Falten, aber sie sagt nichts.
Fritzi und Ulli kommen.
Die Haustür öffnet sich.
Konrad tritt in die Küche.
"Wo waren Sie?" fragt Hedwig.
"Den Ort erkundigen!"
"Wohl eher die Kneipe", mischt sich Wilhelmine ein.
"Immerhin habe ich eine Arbeit!"
Konrads Antwort ist eine Spur zu laut, aber ein Triumph müsste doch gewürdigt werden!
"Vielleicht", fügt er leise hinzu, was kaum wahrgenommen wird.
Die Augen aller Erwachsenen sind auf ihn gerichtet.
Re: Ostwind
Verfasst: Sa 12. Aug 2017, 17:45
von Anne-Mette
Er berichtet von seinem Streifzug durch das Dorf.
"Er muss immer und überall sein Revier markieren", giftet Wilhelmine.
Konrad geht darüber hinweg. Magda und Hedwig gucken sich fragend an:
was für ein Paar haben sie sich da ins Haus geholt?
Konrad war am Watt, so erzählt er, sah von weitem am Hafen noch Licht und landete schließlich in der Fährschänke. Es war eine späte Runde, die dort noch saß, aber eigentlich gerade in Auflösung begriffen war.
Der Bürgermeister hatte eben davon berichtet, dass die ersten Flüchtlinge eingetroffen waren.
Einen Moment später öffnete Konrad die Tür und zog den schweren Vorhang beiseite, der jeden Winter der Tür Gesellschaft leistete.
Der Bürgermeister konnte gleich seines Amtes walten und den neuen Dorfbewohner vorstellen.
Nach seinen Wünschen wurde Konrad gefragt.
"Arbeit", war die knappe Antwort.
Der Wirt stellte ein Bier vor ihm ab.
"Noch ne Runde Körner", orderte der Bürgermeister.
Der Wirt kam mit dem runden Tablett mit gut gefüllten Schnapsgläsern und die Männer griffen beherzt zu.
Auch der Wirt stellte sich zu ihnen, räusperte sich und sagte: "das geht auf"™s Haus — herzlich willkommen!"
""¦ und dass wir zur Ruhe kommen und vielleicht eine eigene Wohnung bekommen oder ein Haus"; fügte Konrad leise hinzu.
Sein erstes Wort hatte die Runde schon vergessen.
"Arbeit, eine ehrliche Arbeit ist das wichtigste im Leben, darauf baut sich alles auf", meinte Ernie, den alle nur "Ernie Klo" nannten, wenn er außer Hörweite war.
Er besaß eine große Firma "Klempnerei und Installation Ernie Kowalsky und Söhne".
Die Leute lachten über "und Söhne"; denn er hatte eine Tochter — und die zeigte wenig Interesse an der Firma.
Wenn jemand nach den Söhnen fragte, wurde er nicht müde zu antworten: "wir arbeiten daran!"
Gerüchte besagten, dass er diese Arbeiten nicht nur mit seiner Frau betrieb.
Während die anderen Männer nur sagten: "es wird sich schon eine Arbeit finden", konnte Ernie wirklich etwas anbieten: "komm morgen in die Firma, dann schauen wir mal, wo wir Dich einsetzen können!"
Das besiegelten die Männer durch weitere Runden Bier und Korn bis sie am frühen Morgen nach Hause wankten.
Konrad guckt Hedwig von oben bis unten an.
Sie wird schon leicht nervös. Was will der Kerl?
"Hast Du vielleicht"¦
"¦ naja, hast Du vielleicht eine Latzhose, einen Blaumann für mich?
Wir haben wohl fast die selbe Größe!"
Wenn es weiter nichts ist — mit einer Hose will Hedwig gerne aushelfen.
Sei verschwindet kurz in der Kammer und kommt mit der Hose zurück.
"In einer Latzhose gehst Du zu einem Vorstellungsgespräch, von dem vielleicht unsere Zukunft abhängt?"
"In Deinem Kleid kann ich wohl kaum gehen", scherzt Konrad.
Wilhelmine wirkt deplatziert in ihrem feinen Gewand; sie fühlt sich doch wohl hoffentlich nicht als Prinzessin, die sich hier bedienen lassen kann?
"Ihr würde eine Latzhose auch gut stehen", denkt Hedwig.
Konrad nimmt sich für unterwegs eine trockene Graubrotscheibe mit und verabschiedet sich: "bis später!"
Fritzi winkt ihm nach.
"Papa wieder?" fragt er.
Als keiner antwortet, sagt Hedwig: "natürlich kommt Dein Papa bald wieder!"
Fritzi strahlt.
In der Werkstatthalle ist kaum Betrieb. Konrad ist enttäuscht.
Das soll eine große Firma sein?
"Die Leute sind schon alle ausgerückt", erklärt ihm der Chef, "wo es geht, fangen wir früh an; denn es gibt viel zu tun!"
Er fragt: "schon mal mit Klempnerei und Installation zu tun gehabt?"
"Ein wenig", antwortet Konrad.
Das klingt nicht sehr überzeugend, aber Kowalsky will ihm eine Chance geben.
"Komm mal mit!"
Er greift in eine Holzkiste und holt ein verrostetes Rohrstück heraus.
"3/8 Zoll", sagt Konrad, aber dafür bekommt er vom Chef keine Anerkennung, obwohl es stimmt.
Auf der Werkbank liegt eine Bügelsäge, wie er missmutig feststellt. Dabei gehört sie doch an die Werkezugwand, wo die Lehrjungen sogar den passenden Hintergrund aufgemalt haben, sodass eigentlich jeder Dummkopf das Werkzeug am richtigen Ort platzieren kann.
"Ordnung", beginnt der Chef, bricht dann aber ab und reicht Konrad die Säge.
"Teilen", sagt er knapp.
Konrad spannt das Rohr in den Schraubstock der Werkbank und beginnt mit der Arbeit.
Gemessen hat er nicht; so genau muss das Teilen wohl nicht sein?
Der Chef schaut misstrauisch zu.
"Ja, die Leute aus dem Osten", denkt er, "die nehmen es nicht so genau!"
Konrad ist fertig.
Der Chef löst die Spannung des Schraubstockes und nimmt die beiden Rohrstücke in die Hand.
Er geht in die hintere Ecke der Werkstatt.
Da steht ein Sockel, der mit einer ausgerichteten und glatten Eisenfläche versehen ist.
Der Chef stellt die beiden Rohrstücke auf die Fläche und ist überzeugt, dass sie umfallen.
Er hat sich getäuscht. Die Rohre stehen parallel und aufrecht; er braucht nicht einmal einen Winkelmesser zu holen; denn er sieht auch so: Konrad hat gute Arbeit geleistet. Die Stücke sind fast gleich lang und die Schnittflächen sind sauber, schließen bündig mit der Eisenplatte ab.
"Manche Leute, die messen, arbeiten auch nicht genauer", denkt er, aber sagt es nicht.
Stattdessen fragt er: "kannst Du schweißen?"
"Ein wenig", meint Konrad.
Sie gehen in eine andere Ecke der Werkstatt. Da steht ein Schweißgerät, das Konrad gleich an seinen charakteristischen "Gasflaschen" erkennt.
Jemand hat wohl eine Versuchsanordnung aufgebaut, an der die Lehrlinge sich üben können.
Ein Rohrstück ragt aus der Wand. Passende Bögen und Rohre liegen bereit.
Der Chef zeigt darauf und meint nur kurz: "mit hier unten verbinden, ich komme nachher vorbei und schaue, wie Du zurechtgekommen bist!"
"Hier unten" — das ist ein Anschluss-Stück für einen Schlauch. Es ist mit einem Winkelblech an der Wand befestigt.
Konrad kann sich keinen Reim darauf machen, aber er sucht sich die Teile zusammen, wie er sie braucht. "Oben wird geschweißt, dann ein gerades Stück nach unten, das oben geschweißt wird und unten ein Gewinde bekommt", murmelt er in seinen Bart.
Zischend öffnet er die Ventile an den Flaschen und am Brenner.
Erst hat er das falsche Mischungsverhältnis und es knallt.
Der Chef hat das mitbekommen, obwohl er sich in einer anderen Ecke der Werkstatt aufhält, aber Konrad lässt sich nicht verunsichern.
Die Mischung stimmt nun; die Farbe der Flamme gefällt ihm nun.
Er heftet den Bogen erst einmal an, greift dann zu einer Zange — und richtet ihn aus.
Er justiert nach und spricht mit sich selbst: ""¦ ein paar leichte Schläge "¦ pling pling pling — haben noch niemandem geschadet!"
Nun hat er den Bogen an der richtigen Stelle.
An der Wand wird es ganz schön eng — und um die Ecke gucken kann er auch nicht — aber auf der Werkbank hat er einen Spiegel aus Metall gesehen, der an einem langen Gestänge befestigt ist. Mit dem müsste es gehen. Er klemmt ihn so fest, dass er damit hinter den Bogen gucken kann.
Er führt eine saubere Schweißnaht, mit der er ganz zufrieden ist.
Anschließend schneidet er ein Gewinde in ein passendes Rohr, bevor der das andere Ende mit dem Bogen verschweißt.
Der Rest ist "Kinderkram": etwas Hanf, etwas Fermit — und dann das Rohr mit einem Bogen aus der Grabbelkiste versehen, das schon ein passendes Gewinde hat.
Zuletzt muss er den Bogen mit einem kurzen Rohr mit zwei Gewinden mit dem unteren Anschluss verbinden — ein Klacks. Er ist zufrieden und sucht den Chef.
"Na was fehlt?" wird er gefragt.
"Nix, ich bin fertig!"
Der Chef ist erstaunt. Das wird wohl gepfuscht sein, so schnell, wie das geklappt hat, aber er ist neugierig auf die Arbeit.
Die Schweißnähte sind sauber gearbeitet, zwar nicht "wie aus dem Lehrbuch", aber der Chef sieht gleich, dass "ein wenig schweißen" stark untertrieben ist.
Auch die Schraubverbindungen sehen recht ordentlich aus.
Mit der Zange klopft der Chef gegen die Rohre und meint: "das geht aber noch besser!"
Schließlich rollt er einen Schlauch aus und schließt ihn an die Konstruktion an. Er dreht einen Wasserhahn auf.
Der Schlauch füllt sich und gebärdet sich wie eine Schlange mit Verdauungsproblemen.
Der Chef klopft die Rohre nochmals ab und beäugt misstrauisch Schweißnähte und Schraubverbindungen.
Alles ist dicht.
"Du kannst anfangen", sagt er knapp, "morgen um 6, Arbeitszeuch hast Du ja!"
Re: Ostwind
Verfasst: Mo 14. Aug 2017, 17:19
von Anne-Mette
Konrad macht sich jeden Tag ganz früh auf zur Arbeit; Adelheid auch.
Es könnte alles wieder so sein wie früher, doch das ist es nicht so ganz.
Wilhelmine gebärdet sich immer noch wie eine Prinzessin, sitzt meistens in ihrem Kleid am Tisch.
"Ein Wunder, dass der Mors noch nicht plattgesessen ist", schimpft Magda.
Auch Hedwig ärgert sich ein wenig, bleibt es doch beharrlich bei "Jungchen", wenn Wilhelmine Fritzi oder Ulli oder beide Kinder ruft.
Natürlich — es ist Magda so leicht nichts recht zu machen. Wenn Wilhelmine beim Kartoffelschälen hilft, dann sind die Schalen entweder so dünn, dass noch überall schwarze Stellen zu sehen sind und Magda unter Schnaufen - "das kann man doch niemandem anbieten" - alles nacharbeiten muss, oder sie hat so großzügig geschält, dass von den Kartoffeln kaum etwas übrig bleibt.
Dicke Luft in der Küche!
Konrad ist vom frühen Morgen bis zum späten Abend "auf Arbeit". Am Wochenende ist er sich nicht zu schade, am Ausbau der neuen Räume zu helfen.
Es ist nicht ganz uneigennützig; denn er hofft, dass sie als Familie zwei Zimmer bekommen — und auch ein richtiges Bad gebaut werden kann.
Eines muss man ihm lassen: er hat gute Ideen. Bevor sie den Fußboden verlegen, verlegt er Heizungsrohre. Hedwigs Frage nach dem Sinn und Zweck beantwortet er mit einem "das findet sich!"
Ein Privatleben scheint er kaum zu kennen; auch hat Hedwig aus dem Zimmer noch nie "Geräusche" gehört, aber sie denkt: "das ist kein Wunder bei der vielen Arbeit, die er hat".
Wieder einmal "dicke Luft" im Haus und in der Küche.
Hedwig müsste eigentlich einschreiten, müsste ordnen, müsste Magda und Wilhelmine anhalten, sich zu vertragen und es jedenfalls miteinander zu versuchen.
Aber heute ist ihr nicht danach zumute.
Sie muss ins Watt.
Es ist noch früh — eigentlich zu früh im Jahr.
Sie hat sich aber etwas ausgedacht zur Befestigung der Reusen. Das muss heute gleich in die Tat umgesetzt werden.
Winterstürme? — "Die haben wir wohl gehabt", denkt sie.
Sie hat die dicken Wollsocken an, die sie zu Weihnachten bekommen hat.
Trotzdem ist es bitterkalt in den Gummistiefeln.
Als sie eine Weile im Wasser gearbeitet hat, hat sie das Gefühl, die Füße sterben ab.
Die Pudelmütze hat sie weit ins Gesicht gezogen; trotzdem schneidet der kalte Wind in die Haut.
Sie hat Mühe, den Wagen zu hantieren, auf dem die Pfähle liegen, die sie mit dem großen Hammer in den Wattboden schlagen will.
Sie kommt nicht richtig voran, will aber auch nicht aufgeben.
Im Schutz des Wagens setzt sie ihre Pfeife in Gang. Sie braucht eine Denkpause.
Sie schaut nach Westen; sieht oben das stolze Haus am Watt, eingebettet von den Dünnen, die es ein wenig vor den kalten Winden schützen.
Auf einmal kommt Bewegung in das friedliche Bild.
Ein Gespenst — nein eine Gestalt kommt in rasender Eile an den Strand gerannt, ruft, winkt, läuft weiter in das Watt.
Hedwig versteht nicht, was gerufen wird, erkennt aber nun, dass es sich um Wilhelmine handelt, die wie von Sinnen, tatsächlich barfuß bei der Kälte, auf sie zukommt.
Der Schlick spritzt nach allen Seiten und hat das ehemals schöne, aber in der letzten Zeit schon ziemlich schmutzig gewordene Kleid völlig ruiniert.
"Die Jungchen", ruft sie immer wieder.
Hedwig will sagen: "Du sollst nicht immer Jungchen sagen", aber sie erkennt schließlich, dass es keine Zeit für Belehrungen ist.
Bebend vor Aufregung erzählt sie, dass sie und Magda sich um den Topf mit den kochenden Kartoffeln gestritten haben. Sie zog von der einen Seite — und Magda von der anderen.
Der Topf landete dabei auf dem Boden und verbrühte die beiden Kinder, die nahe am Herd standen, um zu sehen, warum die beiden Frauen sich so stritten.
"Wir müssen mit den Kindern ins Krankenhaus", sagt sie flehentlich, "bitte komm!"
Hedwig will rennen und den Wagen stehenlassen; aber das wäre ein großer Verlust.
Zusammen schieben ihn die beiden Frauen.
"Wieder auf der Flucht", flüstert Wilhelmine.
Sie lassen den Wagen am Strand stehen, gleich dort, wo die kommende Flut ihn nicht erreichen kann.
Hastend erreichen sie das Haus.
Beide Kinder brüllen wie am Spieß. Magda hat ihnen nasse, kühlende Handtücher um die Beine gebunden, wo sie die schlimmsten Verbrühungen haben.
Wilhelmine nimmt Fritzi auf den Arm und Hedwig greift sich Ulli.
Aus der Kammer holt sie zwei Wolldecken und gibt eine davon Wilhelmine, die damit ihr Kind einwickelt; sie macht mit Ulli das gleiche.
Willis Auto steht vor der Tür, auf der Ladefläche liegen noch die Rohre, die Konrad für den Heizungsbau besorgt hat. Die hätten sie längst abladen sollen, aber egal: sie müssen los.
Wilhelmine hält die beiden schreienden Kinder im Arm und versucht sie zu trösten.
"Jungchen, das wird schon wieder", sagt sie fortwährend.
Hedwig könnte platzen.
Der Motor dröhnt; so hat sie ihn noch nie gequält.
Schnell haben sie das Krankenhaus erreicht.
Hedwig hält mit quietschenden Reifen.
Der Pförtner erkennt den Ernst der Lage und winkt sie durch.
Sie erreichen den Bereich mit dem verwitterten Schild "Notaufnahme".
Ein Arzt kommt und eine Schwester eilt hinter ihm her.
Der Arzt fragt, was los ist und guckt mit großen Augen von oben bis unten Wilhelmine an, die immer noch barfuß und dreckig ist, nach Schlick stinkt und zitternd ihr schreiendes Kind im Arm hält.
"Verbrüht", kann sie gerade noch sagen, da sinkt sie auf die Holzbank, die schon so manche Last wartender und hoffender Menschen getragen hat.
Die Schwester hat sich schnell den schreienden Fritzi genommen, der Arzt will Ulli mitnehmen.
"Nein" ruft Hedwig, "ich muss dabei sein; denn einem Arzt gebe ich mein Kind nicht in die Hände!"
Der Weißkittel guckt verständnislos und meint: "dann kann es so dringend wohl nicht sein!"
"Schock", ruft die Schwester und meint dann besänftigend zu Hedwig: "wir lassen die Tür auf. Sie kümmern sich erst um Ihre Bekannte und kommen dann zu uns in den Behandlungsraum, wenn es ihr besser geht.
Das kann Hedwig akzeptieren.
Wilhelmine ist apathisch, murmelt aber immer wieder: "auch das noch, die beiden Jungchen"¦
"¦ und das alles wegen ein paar Kartoffeln!"
Hedwig setzt sich zu ihr auf die Bank. "Mein Gott, Du bist immer noch barfuß — und Dein Kleid ist vollkommen hinüber!"
Sie nimmt Wilhelmine in den Arm, die hemmungslos vor schluchzt: "ich habe doch nichts anderes zum Anziehen!"
"Das findet sich", sagt Hedwig besänftigend, die immer wieder einen nervösen Blick in das Behandlungszimmer wirft.
Die Kinder haben sich inzwischen beruhigt.
"Mama", ruft Ulli.
Die Schwester hat ihnen inzwischen die Beine und Füße mit einer Salbe eingerieben.
"Glück gehabt", sagt sie.
Der Arzt will Ulli die Unterhose ausziehen, um zu sehen, ob in dem Bereich auch Verbrühungen sind. Hedwig sieht das aus dem Augenwinkel und springt auf.
"Nein!" schreit sie.
Die arme Wilhelmine landet unsanft mit ihrem Kopf auf der harten Holzbank, rappelt sich dann aber hoch.
Hedwig steht neben dem Arzt.
"Nein, hier ist nichts", sagt er und schüttelt verständnislos den Kopf.
Re: Ostwind
Verfasst: Mi 16. Aug 2017, 16:20
von Anne-Mette
Sie bekommen ein Rezept mit für die Apotheke. Eine Salbe soll nach Angaben des Arztes angerührt werden und ein paar Tage auf die betroffenen Stellen aufgetragen werden.
Die Kinder haben sich beruhigt; Hedwig auch.
Wilhelmine sitzt noch draußen auf der Bank, hat noch nicht mitbekommen, dass es den Kindern schon wieder ganz gut geht.
"Wir können fahren", meldet sich Hedwig und legt ihr die Hand auf die SChulter.
"Und die Kinder?"
"Die Kinder kommen mit!"
Ein schwaches Lächeln zeigt sich in Wilhelmines Gesicht.
"Aber sag ja nicht wieder Jungchen, das bringt Unglück!"
Hedwig ist fast schon wieder zum Scherzen aufgelegt.
"Herr Jesses", flüstert Wilhelmine, "stimmt das?"
Hedwig geht nicht darauf ein.
"Vielen Dank", ruft sie dem Arzt versöhnlich zu.
Er winkt ihr nur kurz zu.
Als sie im Auto sitzen, muss Hedwig lachen: "Du siehst aus wie ein Dreckspatz - nicht wie eine Prinzessin aus dem Osten!"
Wilhelmine weist weit von sich, eine Prinzessin zu sein, sagt schüchtern: "wenn ich andere Kleidung hätte, dann würde mich niemand für einedreckige Prinzessin halten!"
"Das findet sich", antwortet Hedwig und lässt die Kupplung langsam kommen, "alles findet sich.
Die Kinder sind gesund — und das ist die Hauptsache. Es wäre doch gelacht, wenn wir nicht für Dich etwas zum Anziehen finden!
Ich habe nicht gewusst, dass Du keine andere Kleidung hast."
Sie halten bei der Apotheke, die ebenso alt ist wie der Apotheker selbst.
Er muss sich auf einen Stock stützen, als er aus dem hinteren Raum kommend vor die beiden Frauen tritt.
"Ach, die kleine Hedwig", säuselt er — "und eine Königin aus dem Moor?"
Hedwig geht nicht darauf ein, sagt nur: "wir haben ein Rezept für eine Salbe!"
Der Apotheker schaut eine Weile auf das kleine Blatt Papier, hat wohl Mühe, die Schrift zu entziffern.
"Verbrühungen?" fragt er.
"Ja", antwortet Hedwig kurz.
Sie müssen eine ganze Weile warten, bis er mit einem kleinen Töpfchen kommt, in dem sich die Salbe befindet.
Magda macht einen zerknirschten Eindruck, als Wilhelmine und Hedwig ins Haus kommen.
Die Kinder, die sie in ihren Armen tragen, sind noch in Wolldecken gehüllt.
"Ist es schlimm?", fragt sie.
"Nein, das Schlimmste ist wohl überstanden, aber sie müssen noch ein paar Tage die Salbe bekommen — und wir sollen uns nicht wundern, wenn sich die Haut ein wenig pellt, aber sie sind gut davongekommen und es bleiben keine Schäden!"
Magda ist sichtlich beruhigt.
"Kommt erst einmal Essen!"
Schweigend sitzen sie am Tisch.
Die Kinder sind müde und werden nach dem Essen in ihre Betten gelegt.
"Wir müssen uns waschen", sagt Hedwig und setzt den großen Topf mit Wasser auf den Herd.
"Wilhelmine braucht etwas zum Anziehen", fällt ihr noch ein, "sie hat tatsächlich nur das, was sie auf dem Leibe trägt!"
"Ach so — und ich dachte"¦
sie kann erst einmal etwas von mir haben", bietet Magda an, "das müsste von der Größe hinkommen, und später kann sie dann hochgehen zu Annemarie, die hat immer etwas, was sie noch zurechtmachen kann!"
Das Wasser ist heiß genug.
Hedwig will sich ausziehen und sich in der Küche waschen und denkt, Wilhelmine würde es ihr gleichtun, aber die hat Tränen in den Augen und sagt: "ich kann das nicht, ich gehe in das kleine Bad!"
Magda hat inzwischen Unterwäsche, ein Kleid und eine Schürze gebracht.
Wilhelmine gießt das heiße Wasser in das kleine Waschbecken und bringt den Topf zurück.
Hedwig füllt ihn neu und setzt ihn auf den Herd.
Es dauert nicht lange, da kann auch sie sich waschen.
Wilhelmine sieht ganz anders aus in den Anziehsachen, die sie von Magda bekommen hat.
"Wie von hier", kann Magda beruhigt feststellen, "nun bist Du richtig bei uns angekommen!"
"Und das ohne Schuhe?"
Hedwig findet ein Paar Pantoffeln, die sie erst einmal entbehren kann.
Vielleicht wird Wilhelmine ihre eigenen Schuhe noch finden?
Konrad hat den ersten Lohn bekommen.
Stolz bezahlt er etwas an Magda und Hedwig, die ihm ein Teil zurückgeben: "für Deine Arbeit hier im Haus!"
Wilhelmine bekommt Haushaltsgeld und eine Liste mit Sachen, die sie für Konrad einkaufen soll.
"Und Du nimmst Dir, was Du brauchst", fügt er jovial hinzu.
Ein paar Tage später verblassen die Erinnerungen; den beiden Kindern geht es wieder gut. Wilhelmine hat sich das "Jungchen" sogar abgewöhnt. Nun in ganz seltenen Fällen rutscht es ihr heraus.
Kochen ist nicht ihr Ding — aber sie ist flink mit der Nähnadel und hat für die Kinder so manches schöne Stück aus irgendwelchen Stoffresten geschaffen.
Magda ist mit den Kindern im Dorf unterwegs, Konrad und Adelheid gehen ihrer Arbeit nach.
Hedwig ist gerade aus dem Watt zurück, hat endlich die Pfähle so befestigen können, dass sie einen Reusengarten aufbauen kann. Sie verspricht sich viel davon.
Wilhelmine kommt in die Küche, als Hedwig nur in Unterhemd und Unterhose vor der Waschschüssel steht und heißes und kaltes Wasser so zusammenschüttet, dass es genau die richtige Temperatur hat.
Erst will Wilhelmine zurückweichen und hat schon "Entschuldigung" auf den Lippen, aber dann bleibt sie stehen und schaut Hedwig zu.
Wie stark sie aussieht, fast wie ein Mann.
Sie überlegt eine Weile: sie hat doch ein Zimmer mit Adelheid zusammen, leben die beiden etwa als Mann und Frau?
So richtig kann sie sich das nicht vorstellen.
Als Hedwig ihre Füße aus der Waschschüssel nimmt und sich auf das Handtuch stellt, das sie davor ausgelegt hat, fällt ihr Blick auf den Spiegel — und in seinem Bild sieht sie Wilhelmine.
Beide Frauen sagen eine Weile nichts.
Schließlich, als Hedwig sich vollständig abgetrocknet hat, flüstert Wilhelmine zaghaft:
"magst Du ein wenig mit in unser Zimmer kommen?"
Re: Ostwind
Verfasst: Mi 16. Aug 2017, 23:03
von Diana.65
Hallo Anne-Mette.
3 Fortsetzungen mit spannenden Ereignissen und Wendungen innerhalb weniger Tage!
- Mein Kompliment - und ein herzliches DANKE!
Ich bin schon gespannt auf die nächste Fortsetzung.
Liebe Grüße,
Diana
Re: Ostwind
Verfasst: Do 17. Aug 2017, 17:10
von Anne-Mette
Hedwig zögert, fragt unbeholfen: "was soll ich da?"
Schließlich folgt sie ihr doch in die Kammer.
Wilhelmine setzt sich auf das Bett, sagt: "komm zu mir!"
Hedwig setzt sich allerdings auf die äußerste Bettkannte am Fußende, schafft Abstand. Sie weiß auch nicht, warum.
Das Holz vom Bettrahmen schneidet in ihre Beine.
Wilhelmine breitet einladend die Arme aus: "komm!"
Hedwig fragt sich: "was soll das werden?"
Sie bleibt lieber am Fußende des Bettes. Von dort kann sie Wilhelmine ins Gesicht sehen.
"Du lebst mit Adelheid als Mann und Frau?"
Hedwig muss schlucken.
Ja, wie beschreibt man das?
"Nein, wir leben als zwei Frauen, zwei Freundinnen", kann sie nur stockend antworten, als sie sich ein wenig gefasst hat. Die Frage hat sie "kalt erwischt".
"Und was macht ihr miteinander im Bett?"
"Ganz schön neugierig", denkt Hedwig, sagt erst einmal nichts.
"Nun sag schon!"
Hedwig fällt es schwer, es auszudrücken.
So etwas bespricht man doch nicht mit seinen Mietern?!
Aber nachdem was sie beiden mit den Kindern durchlebt haben, hat sie das Gefühl, sie steht ihr näher.
Sie gibt sich einen Ruck.
"Streicheln und so", sagt sie schließlich.
"Und wie?"
"Das ist ganz verschieden".
"Nun erzähl doch mal genauer!"
Hedwig kommt es wie ein Verrat vor, aber sie erzählt, dass Adelheid an den Ohren kitzlig ist und dort gerne gestreichelt wird, sie erzählt von Ausflügen mit der Hand über den Rücken und von mit Spucke befeuchteten Fingerspitzen, die die Brustwarzen sanft streicheln, sodass sie sich aufrichten und anschwellen - und sie erzählt von den empfindlichen Innenseiten der Oberschenkel.
"Und — zwischen den Beinen?"
Wilhelmine ist neugierig geworden.
Hedwig fühlt langsam Erregung in sich aufsteigen, sie hätte nie gedacht, dass es sie "kribbelig macht", davon zu erzählen.
"Wir spielen mit dem Finger, haben auch eine mit sanft geformten Rundungen versehene kleine Flasche, die wir"¦".
Nein, das kann und will sie doch nicht erzählen!
"Und wir haben unsere Zungen", fügt sie lieber schnell hinzu.
"Du streichelst sie dort unten mit der Zunge?"
Ein Reflex lässt sie zwischen ihre Beine greifen, "ist das nicht eklig?"
Hedwig muss lachen, "nein, das ist nicht eklig, das schmeckt sogar gut!"
Eine Weile überlegt sie, "meistens", fügt sie hinzu.
"Hast Du schon andere Frauen abgeleckt?"
Nein, das hat Hedwig nicht, sie würde es auch nicht als Ablecken beschreiben.
"Es ist — ja es ist ein ganz besonderes Gefühl, wenn die Zunge fast ein Eigenleben entwickelt und sich bei beiden Frauen eine ungeheure Lust aufbaut, die erlöst werden MUSS!"
Hedwig wird warm zwischen den Beinen, will lieber langsam das Thema wechseln, sagt schnell: "aber Du hast ja Deinen Konrad!"
Wilhelmine zieht das Unterhemd hoch und ihre Unterhose ein wenig nach unten.
"Wer das durch Männer erlitten hat, der lässt keinen Mann mehr an sich heran!"
Sie zeigt auf zahlreiche Narben, die schlecht verheilt sind.
Ihre Oberschenkel sind regelrecht verformt.
Die Narben ziehen sich hoch bis zum Oberkörper.
Selbst die winzigen Brüste sehen aus, als hätte jemand ihnen Gewalt angetan.
"Soldaten", sagt Wilhelmine, "ich bin kaputt — innen und außen!"
Sie lacht hysterisch und wiederholt mehrmals hintereinander: "kaputt!"
Hedwig weiß nicht, wie sie mit der Situation umgehen soll.
Was soll sie sagen, was darf sie überhaupt fragen?
Ist es wichtig, WER ihr das angetan hat?
Stattdessen steht sie auf, wendet sich Wilhelmine zu und nimmt sie in den Arm.
Sie spürt, dass ihr Unterhemd nass wird — Tränen wie Regentropfen.
"Du hast doch bestimmt Trost durch Konrad", meint Hedwig hilflos.
Nein, das hat sie nicht.
Konrad ist enttäuscht, dass er keine richtige Frau mehr hat.
"Ich habe ihm gesagt, er kann sich für das, was er braucht, andere Frauen suchen, ich kann es ihm nicht geben, aber er soll wegen Fritzi bei mir bleiben!"
Nun versteht Hedwig, wieso sie schon von Anfang an gespürt hat, dass zwischen den beiden Eheleuten etwas ist, was niemand aussprechen kann und mag.
Wilhelmine gibt sich einen Ruck, wischt ihre Tränen mit dem Unterhemd ab.
"Zeigst Du mit es?"
"Was soll ich Dir zeigen?"
Hedwig schüttelt verständnislos mit dem Kopf sagt noch einmal: "was soll ich Dir zeigen?"
"Naja — wie ihr das macht mit dem Finger zwischen den Beinen!"
Hedwig streichelt sie sanft, führt ihre Hand die Beine entlang, erreicht die Oberschenkel mit der vernarbten und unebenen Haut — und nimmt die Hand wieder zurück.
"Magst Du nicht? Ich kann fast verstehen, wenn Du mich nicht anfassen magst"
Ihre Augen füllen sich wieder mit Tränen.
"Warum nicht?" denkt Hedwig, "ich nehme keinem etwas weg, oder?"
Sie knetet die winzigen Brüste, die noch kleiner sind als ihre eigenen, ganz zu schweigen von den Brüsten von Adelheid, die sie meistens scherzhaft "Mutterbrust" nennt.
Sie streichelt wieder Wilhelmines Beine, aber die zittert — und als sie sich der Innenseite der Oberschenkel nähert, da verkrampft sie sich und flüstert: "nicht, ich bin doch noch nicht so weit!"
Hedwig atmet tief ein.
Ein besonderer Geruch steigt ihr in die Nase.
Getümmel in der Küche.
Magda ist mit den beiden Kindern zurück und Adelheid ist auch schon gekommen, konnte früher Feierabend machen.
Sie hat "Kuchen von gestern" mitgebracht und freut sich auf das Kaffeetrinken, das den Feierabend einläuten soll.
Hedwig kommt aus der Gästekammer und tritt in die Küche, nur mit Unterhemd und Unterhose bekleidet.
"Mama müde?" fragt Ulli.
Adelheid ist sichtlich erschrocken und lässt das Kuchenpaket auf den Tisch fallen.
Gut, dass es kein Sahnekuchen ist.