Inga hat geschrieben: Sa 26. Apr 2025, 23:55
Hallo, Jaddy,
ich mag das Wort "Angst" nicht. Und zwar weil es häufig gebraucht wird, dabei diffus Gefühl anspricht, sich dem nüchternen Betrachten entzieht, und zugleich eigentlich völlig unterschiedliches meint: Bist du eher besorgt über etwas? Hast du eher Furcht vor etwas? Bist du eher in Panik über etwas?
Ich habe Befürchtungen, dass Menschen, die Dinge ohne faktische Grundlage für wahr halten, auch leicht sehr schlimmen Ideen verfallen können und diesen "in bestem Glauben" folgen, ohne Prämissen und Schlussfolgerungen in Frage zu stellen. Einfach weil sie an mindestens einer Stelle jeglichen realitätsorientierten Zweifel und Hinterfragen abgeschaltet haben.
Vereinfacht: Ich befürchte, dass wer an feinstoffliche Kristallkräfte glaubt, auch leicht an Impfchips und die heimliche Weltherrschaft der Echsenwesen glaubt. Das ist an sich noch nicht schlimm. Einige greifen dann jedoch
Ärztys oder
Impfzentren an oder hetzen gegen wen auch immer wegen
abstruser Ideen bzgl Ritualmorden, "Adenochrome" usw. oder stürmen deshalb mit einem Sturmgewehr in einer
Pizzeria. (Funktioniert genauso gut mit säkularen Fiktionen)
Vor der Pandemie habe ich häufig zu hören bekommen, warum ich mich denn so dagegen engagiere, dass Sachen wie Homöopathie, Wünschelruten und dergleichen als wirksam verbreitet werden. Das sei doch harmlose Spinnerei. Es ist aber der Einstieg in magisches Denken, das gleichberechtigt neben faktenbasiertes, kritisches Denken gestellt wird. Ab da wird theoretisch alles "denkbar".
Soweit der theoretische Background. Ganz praktisch umgesetzt bedeutet es, dass ich Situationen befürchte, in denen ich solchen Überzeugungstätys begegne und sie mich ihren irrationalen Handlungen aussetzen wollen, ich versuche, sie vom Unsinn bzw Unmenschlichkeit ihres Tuns zu überzeugen und die einzigen Reaktionen sind "Nö, glaub ich nicht" und "ich hab die Waffe".
Inga hat geschrieben: Sa 26. Apr 2025, 23:55
In der Tat, Gläubigen pauschal "wolkig-spekulativ" zu unterstellen und zufällig, die Personen hier im Forum herauszunehmen, passt nicht zusammen.
Ich nehme keinein zufällig aus. Die Ausnahmen bezogen sich auf etwas anderes. Ich schrieb: "Nein, ich betrachte keine der hier beteiligten Personen als
so abgedriftet oder unmenschlich." - nämlich derart abgedreht, des eigenen Glaubens wegen gewalttätig gegen andere zu werden, wie in den obigen Beispielen. Den Eindruck habe ich von keiner Person, die hier mitschreibt. Meine Beispiele oben (und viele andere) zeigen aber, dass die Gefahr insgesamt, in der Aussenwelt real ist.
Wolkig spekulativ ist eine ganz andere Sache, von der ich keine Person ausnehme. Dazu hole ich Lana mit rein:
Lana hat geschrieben: Sa 26. Apr 2025, 23:37
Jaddy hat geschrieben: Sa 26. Apr 2025, 17:51
Deshalb habe ich Angst vor Menschen, die rein spekulative Sätze als Wahrheit glauben, als mindestens genauso wahr wie den Satz des Pythagoras.
Manche könnten einwenden, dass die gesamte Mathematik auf ein paar Axiomen beruht, die per Definition nicht beweisbar sind. Axiome sind also auch nur eine Art elementarer Glaubenssätze, von denen sich der große Rest der Mathematik ableiten lässt. Ist Mathematik dann auch nur eine Glaubenslehre? Scheint ja ähnlich zu funktionieren: ein geschlossenes System, das in sich stimmig ist und bestimmte Aspekte der Welt beschreibt.
Lanas Darstellung ist theoretisch richtig, aber die (implizite) Schlussfolgerung ist nicht auf die Glaubensdiskussion übertragbar. Mathematische und (natur)wissenschaftliche Axiomensysteme unterscheiden sich methodisch und kategorisch von zB religiösen.
Formal basiert jedes axiomatische System auf Annahmen und daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen, nach dem Motto "schaunwerma, wohin sich damit denken (und_oder rechnen) lässt". Allerdings gibt es unterschiedliche Kategorien von Axiomen. Die wichtigsten sind die klassischen "unmittelbar evidenten", die direkt an der Wirklichkeit oder durch einfaches logisches Denken überprüft werden können. Die Peano-Axiome und die der euklidischen Geometrie zum Beispiel. Sie können nachgezählt bzw mit Stift und Papier konstruiert werden. Weitere mathematische Konstrukte sind nicht so einfach nachzuvollziehen, sondern nur rein formal. Die Systeme sind in sich schlüssig, haben aber möglicherweise keinen Bezug zu realem Geschehen.
Hier ist der Knackpunkt: Mathematik an sich behauptet nicht, die Wirklichkeit zu beschreiben oder damit in Beziehung zu stehen. Streng genommen ist sie sich selbst genug. Allerdings haben die Naturwissenschaften mathematische Konstrukte in der Natur wiedergefunden. Natürliche Zahlen, goldener Schnitt, Exponentialfunktionen uvm., bzw wurde/werden speziell für andere Wissenschaften mathematische Systeme konstruiert, die Natur nachbilden. Dadurch werden Voraussagen möglich, die dann a) empirisch überprüfbar und b) auch formal falsifizierbar sind.
Religiöse Glaubenssysteme sind auch in sich stimmig, behaupten aber in der Regel, mit der physischen Welt zu interagieren. Blöderweise lassen sich ihre Voraussagen aber nicht empirisch beweisen, messen, zählen, denn die Interaktion ist nie unmittelbar, sondern immer über agierende Menschen.
Ich möchte solche Systeme anhand ihres Kontakts mit der physischen Realität in drei Gruppen (ohne Hierarchie) einteilen.
(A) objektive Systeme. Ihre Annahmen (Axiome), Schlussfolgerungen und Voraussagen ("Berechnungen") lassen sich in der Realität durch Messungen, zählen, statistische Signifikanz überprüfen im Sinne von "immer wenn dies und solches gegeben ist, passiert jenes (mit einer Signifikanz von x Sigma)". Da braucht nicht lange diskutiert zu werden, weil einfach real nachprüfbar. Sie sind quasi allgemeingültig im Sinne von "Realität ist das was bleibt, wenn wir aufhören, daran zu glauben". Solche Systeme lassen sich qualitativ und quantitativ diskutieren, was mit ihnen berechenbar und vorhersagbar ist und was nicht. Definitionsbereich, Wertemenge, usw. Sehr praktisch für Brücken, Häuser, Flugzeuge, Impfstoffe und Atomkraftwerke.
(B) subjektive Systeme. Sie funktionieren nur durch Menschen, nur wenn (viele) Menschen daran glauben und in der Regel nur für/mit Menschen, die daran glauben. Perfektes Beispiel: Geld. Sobald Leute aufhören daran zu glauben, dass dieses Stück buntes Papier oder diese Zahl auf dem Bildschirm einen realen Gegenwert hat, hört der auf zu existieren. Auch der Goldbarren wird zum reinen Türstopper, wenn keinein ihm einen höheren Gegenwert beimisst. Voraussagen: Schwierig, weil sie sich aus veränderlichen Regeln plus dem subjektiven Glauben/Vertrauen vieler Menschen ergeben. Kaum zu messen und zeitlich, räumlich und situativ unterschiedlich.
(C) spekulative Systeme. Reine Gedankenspiele. Die Axiome müssen überhaupt keinen Bezug zur Realität haben. "Vor langer Zeit in einer weit entfernen Galaxie" oder "Es war einmal ein kleiner Drache". Sie können aber eine parallele Realität beschreiben ("sie leben unter uns" für magische Parallelwelten usw) oder im Verlauf beliebig verändert werden (Plot device, Plot twist, überraschende Wendungen).
Naturwissenschaften fallen klar unter A, auch wenn einige Ideen in B und C entspringen. Wenn aber Annahmen und Ableitungen nicht unmittelbar (mindestens statistisch signifikant) physisch erfassbar sind, ist es keine (Natur)Wissenschaft an sich und damit auch nicht gleichartig bzw gleichwertig im Sinne von Vorhersage und Verlässlichkeit.
Wissenschaft ist (per def) rigoros und differenziert genau, was tatsächlich gesichertes Wissen ist, was beweisbar ist oder nur statistisch, welche Ursachen / Wirkungen nachgewiesen sind, usw. Es ist nicht schlimm, etwas nicht zu wissen. Es wird nicht behauptet, alles erklären oder jemals herausfinden zu können. "Wissen wir nicht, kriegen wir vielleicht später raus oder vielleicht auch nie" oder "Sind wir uns unsicher (mit folgenden Wahrscheinlichkeiten)" sind gültige Aussagen. Mathematik auch: "Ich kann beweisen, dass im System X folgendes gilt... Zu allem anderen mache ich keine Aussagen (zum Beispiel ob dieses FEM das Klima verlässlich simuliert)".
Gesellschaftliche Ideen sind eine Sache von Gruppe B. Demokratie zum Beispiel oder die Idee, dass alle Menschen die gleichen Grundrechte haben, einfach weil sie Menschen sind. Geht mit Feudalsystemem und Autokratien auch. Genauso Rassismus. Oder Gender-Rollen. Die Ideen können auch aus spekulativen Systemen kommen, bspw Gesellschaftsutopien. Lässt sich auch alles diskutieren, zum Beispiel durch Induktion oder Gegenbeispiel, und anhand von Wertekatalogen, die vereinbart werden. Wenn durch Konsens (oder auch Zwang) sehr viele Menschen mitmachen, entsteht durchaus Voraussagbarkeit und Verlässlichkeit im Miteinander, abgekoppelt von der physischen Realität, aber mittelbar einwirkend.
Religionen sind in der Regel Mischsysteme der Gruppen B und C. Subjektiv wirken ihre Menschenbilder und Gesellschaftsvorstellungen durch ihre Gläubigen ins Zwischenmenschliche, in Erziehung, Lebensführung, Beziehungen, berufliches Handeln, möglicherweise Gesetzgebung und Exekutive. Darin sind aber auch viele positive Ansätze, die genauso säkular / humanistisch sind. Zum Beispiel wie schön die Welt wäre, wenn alle Menschen nett und wohlwollend zueinander wären und gemeinsam dafür sorgen, dass es möglichst vielen Menschen gut geht.
Gleichzeitig enthalten Religionen quasi zwingend einen spekulativen bzw imaginären Bereich. Kennzeichen ist ihre Quasi-Unbeweisbarkeit auf physischer Ebene: Die Existenz übernatürlicher Wesen, Jenseits- und Erlösungsversprechen, Unergründlichkeit von Leben und Leiden bzw deren Sinngebung durch göttliche Pläne und teuflisches Wirken o.ä. Das macht sie aus und unterscheidet sie von säkularen Glaubensideologien, die sich auf Gruppe B beschränken.
Leider wird dieser imaginäre Teil in der Regel als Basis benutzt. D.h. die Regeln für Menschenbild, Lebensführung und aus der Religion motiviertem Handeln aus den übernatürlichen Axiomen abgeleitet statt umgekehrt, wie es wissenschaftlich wäre. Vereinfacht gesagt: "Gott (welcher auch immer) sagt dies, deshalb musst/sollst du / darfst du nicht...". Der Wesenskern der spekulativen Axiome selbst ist, dass sie weder physisch nachgewiesen werden können, noch durch Handlungen der Gläubigen - weil sie es eben genauso aus Überzeugung tun und jede Referenz auf göttliche Anweisungen subjektiv ist.
Mein potenzielles(!) Problem mit religiös gläubigen Menschen ist, wenn sie diesen spekulativ imaginären Teil für unbezweifelbare Wahrheit halten, denn damit lässt sich potenziell(!) alles begründen, jedes Thema der realen Welt drastisch um- und wegdeuten. "Wahre Gläubige brauchen keine Masken/Impfungen und wer trotzdem stirbt glaubt halt nicht fest genug / ist sündig / es war Gottes Wille". "Queere Menschen sind Gott ein Gräuel. Sie müssen sterben". "Leben beginnt mit der Zeugung, denn nur Gott kann neues Leben erschaffen und beseelen".
Das sind Extrempositionen, aber die denk ich mir ja nicht aus. Die gibt es zuhauf. Nicht nur mit christlichen Erzählungen, sondern quasi allen Religionen inklusive esoterischen wie Anthroposophie. Die Ursache ist die völlige Fiktionalität des spekulativen Teils.
Deshalb möchte ich zum einen wissenschaftliches Denken und Arbeiten klar von religiösem trennen. Das sind zwei im Kern völlig unterschiedlich funktionierende Systeme, die quasi gegenläufig funktionieren. Es gibt weder religiöse Wissenschaft noch wissenschaftliche Religion. Maximal religiöse Menschen, die Wissenschaft - hoffentlich objektiv - betreiben und wissenschaftliche Analyse religiöser Texte oder Vorstellungen (ohne die spekulativen Elemente als Wahrheit anzunehmen).
Zweitens bei Axiomen/Annahmen und Schlussfolgerungen klar unterscheiden, ob sie in die objektive, subjektive oder spekulative Gruppe gehören.
Drittens bei subjektiven, gesellschaftlichen Regelsystemen und Verhaltensweisen stets fragen, ob und wie die zu rechtfertigen wären, wenn die spekulativen Annahmen nicht gelten würden.
Sprich: Wäre wie ich jetzt denke und handeln (will), auch ohne meinen Glauben gut, menschenfreundlich, usw. oder könnte dagegen argumentiert werden, weil es übergriffig ist, ohne guten Grund in anderer Leute Freiheiten eingreift, usw.