Kapitel 41: Kaffeebesuch am Samstag
Die ganze Woche über hatte ein grauer Himmel über der Stadt gehangen, aber am Samstagfrüh hatte der der frische Herbstwind die Wolken weggeputzt, und die Sonne zeigte sich wieder mal. Valerie war auf dem Weg zum Cannstatter Markt, sie trug einen Einkaufskorb in der Hand und hatte flache Schuhe an. Ihr Speiseplan für das Wochenende war übersichtlich, bestehend aus Gemüse, Salat und Obst. Beim Metzger wollte sie dann auch noch ein kleines Steak mitnehmen. Ja, sie aß noch Fleisch, hatte die Ernährung noch nicht wie viele ihrer Kolleginnen auf vegetarisch oder gar vegan umgestellt. Nein, von Zeit zu Zeit erlaubte sie sich durchaus noch ein leckeres Steak vom Lamm oder Rind, ohne jetzt deshalb etwa ein schlechtes Gewissen zu haben.
Sie trug eine weiße Jeans und einen pinkfarbenen Pulli, der vom vielen Tragen schon etwas schlabberte, aber das war ihr egal, heute war Samstag und Freizeit und dann erlaubte sie sich, ganz "casual" aufzutreten, wie man heute ja wohl sagt. Über den Pulli hatte sie eine helle Jacke angezogen, denn der morgendliche Wind war frisch.
Ihre Umstellung auf den Frauenmodus hatte kleine, aber merkbare Fortschritte gemacht. Zum Beispiel konnte sie ihre Stimme inzwischen so modulieren, dass kleine Unterhaltungen mit Fremden durchaus möglich waren, ohne dass jemand dumm fragte, beispielsweise mit den Verkäufern an den Marktständen redete sie inzwischen ganz unbefangen. Vielleicht war es auch so, dass sie inzwischen dort bekannt war und möglicherweise hatte sich der eine oder andere Gemüsehändler schon seine Gedanken gemacht, aber niemand sagte jemals irgend ein Wort diesbezüglich, und so fühlte sie sich in dieser Umgebung bald zuhause. Heute früh war sie besonders gut drauf, trug den Kopf hoch, hatte ein kleines Lächeln im Gesicht, trug die Handtasche am langen Riemen quer über den Oberkörper und den Einkaufkorb in der linken Armbeuge.
"Mal sehen, was die Gemüsehändler heute im Angebot haben", dachte sie.
Gestern hatte Karl-Heinz im Büro angerufen. Kein langes Gespräch, die Atmosphäre im Büro ließ Vertraulichkeiten sowieso nicht zu, aber sie hatte auch den Eindruck, er würde um irgendetwas herumreden, was dann leider doch nicht gesagt wurde. Jedenfalls gab er während des gesamten Gesprächs fast nur Allgemeinplätze von sich, ja es gehe ihm gut, ja es wäre wirklich schön, sich irgendwann einmal wieder zu treffen, aber konkret wurde er nicht. Das, was sie von ihm hören wollte, blieb ungesagt, er machte keinen Vorschlag herzukommen, sich in Stuttgart zu treffen, und nach dem Gespräch war sie dann auch ein wenig gefrustet, aber im Büro wollte sie sich nicht von ihrer miesen Laune anmerken lassen, nicht wegen diesem Kerl. Allerdings am Abend war dann ihre Laune echt im Keller.
Nun, heute war Samstag, neuer Tag, neues Glück, einer ihrer Wahlsprüche. Die Sonne schien und Valerie hatte diesen Karl-Heinz schon wieder weggedrückt, sozusagen. Sie würde heute Nachmittag noch Besuch kriegen von Erica und Alice, ein samstäglicher Kaffeeklatsch unter den Marketingmädels, dafür wollte sie später noch Kuchen besorgen drüben im Cafè Kipp (einer der bekanntesten Cannstatter Konditoreien), sie hatte drei Stück Schwarzwälder Kirschtorte bestellt, die musste sie später noch abholen.
Die beiden klingelten pünktlich um vier. Erica war laut wie immer, aber weniger aufgetakelt als normalerweise im Büro, nur in Jeans und Pulli, und auch Alice war ganz casual gekleidet, Hose und Pulli, gegen den Wind hatte sie darüber einen ganz leichten Mantel angezogen, aber auch hier sah man sofort den edlen Schnitt, bestimmt Burberry oder etwas in der Art. Der Kaffeeklatsch verlief ganz harmonisch und nett, die Torte war im Nu verputzt, später kam dann irgendeine auf die Idee, Valeries neu angeschaffte Bürokleidung inspizieren zu wollen:
"Ah ja, Valerie, führ uns das mal vor, was du da Hübsches gefunden hast".
Valerie zierte sich zuerst, verschwand dann aber im angrenzenden kleinen Schlafzimmer um aber kurz darauf noch einmal kurz den Kopf ins Zimmer zu stecken:
"Ihr dürft aber nicht drängeln, ich brauche für's Zurechtmachen ein wenig mehr Zeit dazu als ihr Biofrauen"
Beide Besucherinnen lächelten verständnisvoll und nachsichtig, klar würde sie mehr Zeit brauchen, Frauen verstehen so etwas.
Valerie verschwand wieder im Schlafzimmer, stieg aus der Hose und zog dann den Pulli über den Kopf. Sie würde mit dem blauen Kleid anfangen. Das war etwas ausgeschnitten, also würde sie die größeren Silis einlegen müssen. Sie fand sie nach einigem Suchen in der Schublade und legte sie in ihren BH - wow - das Gewicht war sofort ganz anders zu spüren, merklich zogen die schwereren Brüste (immerhin je 500g) die Körbchen ihres leichten Synthetik-BHs nach unten. Sie arrangierte ihren Busen ein wenig, war dann zufrieden und schlüpfte in ihr neues blaues Kleid, sie hatte es kürzlich in einer Stuttgarter Boutique gefunden und gleich mitgenommen. Es war nachtblau mit einem weißen floralen Muster darin, vorne mit einem recht tiefen Ausschnitt, hinten mit einem Reissverschluß zu verschließen, oben ziemlich körpernah geschnitten aber unten eher weitschwingend, die Länge war so wie sie es mochte, der Saum umspielte das Knie. Valerie mochte solche eher kürzeren Röcke und Kleider, denn sie hatte wirklich gute Beine und wollte diese auch zeigen. Sie drehte sich ein paarmal vor dem Spiegel, schlüpfte dann in ihre hohen Schuhe und betrat wieder das Wohnzimmer.
Soviel für heute erst mal. Wenn ihr wollt, dass die kleine Modenschau weitergeht, dann sagt es bitte.
Lieben Gruß, Valerie
