Hallo Céline,
erst mal vielen Dank, dass Du uns so anschaulich wie nachvollziehbar an deinem Leben teilhaben lässt.
Mit deiner Entscheidung, an der betrieblichen Weihnachtsfeier teilzunehmen, hast du m.E. alles richtig gemacht!!
Und mitnichten war dein Outfit zu auffällig, im Gegenteil, ich empfinde es dem Anlass angemessen,
kurz und knapp: Du siehst KLASSE aus!!
Und beileibe auch nicht gewagt, vielleicht Mut zur Farbe, was wiederum deine Einstellung zum eingeschlagenen Weg nur unterstreicht.
Na und die Gedanken deiner Frau dürftest du wohl schon richtig interpretiert haben, sie möchte dich
m.E. eben vor zu viel Aufmerksamkeit nebst möglichen negativen Kommentaren schützen, was aber
bei diesem Outfit und gelungenen Gesamteindruck nicht zu erwarten war.
Ich kenne dies auch von meiner Frau, der bei meiner Kleiderauswahl daran gelegen ist, dass ich z.B. nicht zu viel Bein zeige
oder mich zu auffallend / dem Anlass entsprechend nicht angemessen kleide.
Hier ist zu erwähnen, dass sie mich auch ständig bei meinen Auftritten en femme begleitet,
wir also als Mädels alles gemeinsam unternehmen.
Mittlerweile sind wir da aber - fast - auf einer Wellenlänge und mit der zunehmenden Routine werden einem auch die Blicke
mancher Mitmenschen egal, sprich gehen uns am A... vorbei.
Aber zurück zu dir und der Weihnachtsfeier und hier dem für dich negativ empfundenen Verhalten mancher Kolleg*innen.
Ich denke, der Anlass bildete hier den Rahmen für das ein oder andere "Herdentierverhalten",
sprich es fällt ggf. eine despektierliche Äußerung ob deiner Person/Transidentität, ein_e Zweite_r
nickt dazu und schon fühlt ein_e Dritte_r am Tisch sich dazu berufen, in die gleiche Kerbe zu
schlagen.
Also immer schön den Mainstream bedienen und bloß nicht anecken, womöglich sich dann noch
rechtfertigen zu müssen, warum man/frau deinen Mut und den von dir eingeschlagenen Weg toll
findet.
Also dann eher Beifall heischend sich auf die Seite möglicher Nörgler_innen schlagen, als
gegenüber den Kolleg*innen zugeben, dass man/Frau unser "Anderssein" akzeptiert oder dies gar
unterstützt! Einhergehend mit Befürchtungen: Nachher lästern die noch über mich?!!
Kurzum, keinen A"¦ in der Hose/im Rock haben und
die eigene Meinung auch gegen etwaige Widerstände vertreten.
Dies ist dann natürlich umso bedauerlicher, wenn dies von Kolleg*innen kommt, deren positiver
Grundhaltung man = DU = sich bisher eigentlich (vermeintlich) sicher glaubte!
Aber hier kommt dann oftmals zum Tragen,
das
eine, was im direkten Kontakt/Gespräch geäußert bzw. an Verhalten an den Tag gelegt wird und
das
andere, was hinter deinem/unserem Rücken gegenüber anderen zum besten gegeben wird...!!
ABER: Es gab ja offenkundig genügend positive Beispiele, allen voran der/die Kolleg*innen, die dich mit Umarmung begrüßt
und ob deiner Erscheinung gelobt haben. Du schreibst ja selbst, dass es ein richtig schöner Abend mit viel Spaß für dich war!
Also was machen da die paar Nase rümpfenden Gestrigen, nimm die vielen positiven Erlebnisse/Begegnungen zum Anlass, gestärkt aus
der Veranstaltung hervorzugehen und zieh im kommenden Jahr dein Eisblaues Etuikleid an!!
Und dann wäre es toll, wenn dich deine Frau in einem ebenso schicken Outfit bei ähnlicher Gelegenheit begleiten könnte/würde...!
Wir werden es nie allen Mitmenschen recht machen oder sie gar für unsere Sache überzeugen können, damit müssen wir leben.
Aber gilt das nicht auch für viele andere Situationen und Weltanschauungen, dass unterschiedliche
Meinungen - oft auch wider wissenschaftlichen Erkenntnissen oder fundierten Tatsachen - zu
konträren Auffassungen innerhalb unserer Gesellschaft führen?
Wenn wir einen breiteren Konsens für
"unsere Sache"(Trans*, CD, TV) in der Gesellschaft schaffen
wollen, dann müssen wir selbst auch einen Beitrag leisten, in diesem Fall durch Sichtbarmachung,
dass es
UNS gibt. Dem gehst DU - neben einigen (vielen?) anderen - mit bestem Beispiel voran.
Wir, die Betroffenen, dürfen eben nicht darauf hoffen / warten, dass andere die Kohlen aus dem Feuer
holen. Es hat sich durch die zunehmende mediale Aufmerksamkeit einhergehend mit Diskussionen
und Öffnung der Gesellschaft für unsereins gerade in den letzten Jahren doch einiges zum Positiven
gewendet.
Denn nicht die oftmals immer noch auf Effekthascherei bedachten Medienbeiträge tragen zu einem
besseren Verständnis in den nicht direkt betroffenen Gesellschaftsschichten bei, sondern eben Leute
wie Du (wir) und manch andere_r hier, die ihre Scheu und Bedenken abgelegt haben und
nun zu sich und ihrem empfundenen Geschlecht stehen und danach leben.
Und solche Beiträge wie die deinen hier im Forum tragen dazu bei, dass Ängste / Hemmungen
abgebaut werden (können), man/Frau sich irgendwann aus dem sicheren Refugium heraus traut,
um dann das Licht der Welt im gefühlten Modus erleben zu dürfen.
Dies muss aber ein_e Jede_r für sich selbst entscheiden und ganz sicher ist dies keine leichte Entscheidung,
soll aber hier nicht Thema sein.
Also liebe Cèline und all ihr anderen, lass-t uns weiter an deinen/euren Erlebnissen und Erfahrungen
durch eure Berichte hier teilhaben.
Wünsche nun einen schönen 1.Adventabend,
ganz liebe Grüße
Mel