Re: Valeries Welt
Verfasst: So 28. Dez 2025, 16:51
Australien 10
John Flynn, ein junger Engländer und Geistlicher der presbyterianischen Kirche, sah zu Beginn des 20. Jahrhunderts anders als viele andere australische Pfarrer seine Hauptaufgabe nicht in der Inneren Mission, also nicht in der Bekehrung von sogenannten Ungläubigen (so hat man die aboriginal people damals genannt), sondern er kümmerte sich hauptsächlich um die weißen Pioniere und Siedler, die außerhalb der Städte draußen im outback wohnten und dort ihre Farmen betrieben. Das Leben dieser ersten Siedler draußen in der Wildnis war oft sehr hart und primitiv, die Menschen lebten in einfachsten Verhältnissen, ohne Licht, ohne Strom, oft auch ohne Recht und Gesetz, und der nächste Arzt war oft meilenweit entfernt.
Hier kommt John Flynn ins Spiel. John war nicht nur ein Pfarrer und Menschenfreund, sondern vor allem auch auch ein enorm praktischer Mensch, ein Macher, der dort eingriff, wo etwas fehlte. Da Ärzte im outback dringend fehlten und man sich diese draußen in der Wildnis auch nicht schnitzen konnte, kam Flynn auf die Idee, Flugzeuge einzusetzen, um die weiten Strecken schnell zu überbrücken und Arzt und Patient zusammenzubringen. Der erste Weltkrieg war gerade vorbei, es gab genügend arbeitssuchende Piloten, und zusammen mit einem Kumpel erwarben sie einige ausgemusterte Doppeldecker aus Armeebeständen und gründeten damit die Flying doctors, später umbenannt in Royal Flying Doctors System, RFDS, mit Zentrale in Alice Springs.
Man kann als Tourist diese erste RFDS Zentrale in Alice besuchen, sie liegt mitten im Wohngebiet und ist heute ein Museum. Valerie war an diesem Morgen der erste und einzige Museumsgast, also bekam sie eine Privatführung, sah die alten Geräte zum Morsen, ein einfacher Tisch mit einer Pedalerie im Fußbereich, wo der Strom erzeugt wurde. Später wurde dann der Sprechfunk erfunden, was die Kommunikation zwischen den Farmen und der Zentrale natürlich vereinfachte. Heute betreuen die doctors von Alice Springs aus ein Gebiet so groß wie England, und man fliegt heute keine Doppeldecker mehr, sondern supermoderne Pilatus-Flugzeuge, ein schweizerisches Fabrikat.
Die Entfernungen in Australien sind aber so unvorstellbar groß, dass die Fliegenden Ärzte im outback oft das einzige funktionierende Glied im staatlichen Gesundheitssystem sind. Im Übrigen, so erklärte man ihr, sei der Begriff Flying doctors heute eigentlich nicht mehr korrekt, denn nur in der Anfangszeit seien die Ärzte selber geflogen, die heutige Flugzeugtechnik lasse das nicht mehr zu. Also besteht so ein Team immer aus mindestens zwei Leuten, einer pilotiert und ein zweiter, der die Diagnose stellt und den Verletzten hilft. Gelandet werde allerdings nicht auf asphaltierten Flughafenpisten, no madam, hier draußen im outback hat fast jede Farm ein eigenes simples Rollfeld, das sind also nichts anderes als staubige rote Sandpisten. Ein wenig Mut oder den alten Pioniergeist braucht man also schon, um hier zu fliegen und zu landen.
Überhaupt scheint hier draußen fast jeder einen Flugschein zu besitzen und einmotorig oder zweimotorig in der Luft herum zu gurken. In den 50er Jahren, so lernte sie, habe der RFDS die sogenannte School of the Air gegründet. Das funktioniert so: Die Schüler kommen nicht zu einer zentralen Schule, sondern bleiben dezentral auf ihren Farmen, sie bekommen alle 14 Tage entsprechendes Lernmaterial per Flugzeug zugestellt, müssen sich aber täglich zu festen Zeiten in der Zentrale melden, erhalten ihren Unterricht also über Sprechfunk. Heute, im Zeitalter des Internets, findet der Unterricht wahrscheinlich primär am Bildschirm statt.
Andere Länder, andere Sitten, wer sich darüber mokiert oder auch nur wundert, der darf keine solchen Reisen machen. Ob John Flynn, der inzwischen ja schon längst verstorben ist, die von ihm gegründete RFDS Organisation heute wiedererkennen würde, käme er je zur Erde zurück? Valerie war ein wenig nachdenklich, als sie vor dem runden Denkstein am Larapinta Drive stand, der an ihn und sein philanthropisches Werk erinnern soll. Wenn guter Wille und gute Technik zusammenkommen, so heißt es dort in etwa, kann auch draußen in der öden Wildnis Gutes entstehen und wachsen.
Einen guten Rutsch wünscht
Valerie
John Flynn, ein junger Engländer und Geistlicher der presbyterianischen Kirche, sah zu Beginn des 20. Jahrhunderts anders als viele andere australische Pfarrer seine Hauptaufgabe nicht in der Inneren Mission, also nicht in der Bekehrung von sogenannten Ungläubigen (so hat man die aboriginal people damals genannt), sondern er kümmerte sich hauptsächlich um die weißen Pioniere und Siedler, die außerhalb der Städte draußen im outback wohnten und dort ihre Farmen betrieben. Das Leben dieser ersten Siedler draußen in der Wildnis war oft sehr hart und primitiv, die Menschen lebten in einfachsten Verhältnissen, ohne Licht, ohne Strom, oft auch ohne Recht und Gesetz, und der nächste Arzt war oft meilenweit entfernt.
Hier kommt John Flynn ins Spiel. John war nicht nur ein Pfarrer und Menschenfreund, sondern vor allem auch auch ein enorm praktischer Mensch, ein Macher, der dort eingriff, wo etwas fehlte. Da Ärzte im outback dringend fehlten und man sich diese draußen in der Wildnis auch nicht schnitzen konnte, kam Flynn auf die Idee, Flugzeuge einzusetzen, um die weiten Strecken schnell zu überbrücken und Arzt und Patient zusammenzubringen. Der erste Weltkrieg war gerade vorbei, es gab genügend arbeitssuchende Piloten, und zusammen mit einem Kumpel erwarben sie einige ausgemusterte Doppeldecker aus Armeebeständen und gründeten damit die Flying doctors, später umbenannt in Royal Flying Doctors System, RFDS, mit Zentrale in Alice Springs.
Man kann als Tourist diese erste RFDS Zentrale in Alice besuchen, sie liegt mitten im Wohngebiet und ist heute ein Museum. Valerie war an diesem Morgen der erste und einzige Museumsgast, also bekam sie eine Privatführung, sah die alten Geräte zum Morsen, ein einfacher Tisch mit einer Pedalerie im Fußbereich, wo der Strom erzeugt wurde. Später wurde dann der Sprechfunk erfunden, was die Kommunikation zwischen den Farmen und der Zentrale natürlich vereinfachte. Heute betreuen die doctors von Alice Springs aus ein Gebiet so groß wie England, und man fliegt heute keine Doppeldecker mehr, sondern supermoderne Pilatus-Flugzeuge, ein schweizerisches Fabrikat.
Die Entfernungen in Australien sind aber so unvorstellbar groß, dass die Fliegenden Ärzte im outback oft das einzige funktionierende Glied im staatlichen Gesundheitssystem sind. Im Übrigen, so erklärte man ihr, sei der Begriff Flying doctors heute eigentlich nicht mehr korrekt, denn nur in der Anfangszeit seien die Ärzte selber geflogen, die heutige Flugzeugtechnik lasse das nicht mehr zu. Also besteht so ein Team immer aus mindestens zwei Leuten, einer pilotiert und ein zweiter, der die Diagnose stellt und den Verletzten hilft. Gelandet werde allerdings nicht auf asphaltierten Flughafenpisten, no madam, hier draußen im outback hat fast jede Farm ein eigenes simples Rollfeld, das sind also nichts anderes als staubige rote Sandpisten. Ein wenig Mut oder den alten Pioniergeist braucht man also schon, um hier zu fliegen und zu landen.
Überhaupt scheint hier draußen fast jeder einen Flugschein zu besitzen und einmotorig oder zweimotorig in der Luft herum zu gurken. In den 50er Jahren, so lernte sie, habe der RFDS die sogenannte School of the Air gegründet. Das funktioniert so: Die Schüler kommen nicht zu einer zentralen Schule, sondern bleiben dezentral auf ihren Farmen, sie bekommen alle 14 Tage entsprechendes Lernmaterial per Flugzeug zugestellt, müssen sich aber täglich zu festen Zeiten in der Zentrale melden, erhalten ihren Unterricht also über Sprechfunk. Heute, im Zeitalter des Internets, findet der Unterricht wahrscheinlich primär am Bildschirm statt.
Andere Länder, andere Sitten, wer sich darüber mokiert oder auch nur wundert, der darf keine solchen Reisen machen. Ob John Flynn, der inzwischen ja schon längst verstorben ist, die von ihm gegründete RFDS Organisation heute wiedererkennen würde, käme er je zur Erde zurück? Valerie war ein wenig nachdenklich, als sie vor dem runden Denkstein am Larapinta Drive stand, der an ihn und sein philanthropisches Werk erinnern soll. Wenn guter Wille und gute Technik zusammenkommen, so heißt es dort in etwa, kann auch draußen in der öden Wildnis Gutes entstehen und wachsen.
Einen guten Rutsch wünscht
Valerie